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Killen nannte, ohne Ahnung', wieviel Anteil der geschickte Franz -n den vortrefflichen Aussehen seines Herrn hatte.
Sinnend blickte der Fürst auf die feingeschliffene Kristallschale, in welcher das edle Getränk der Champagne perlte.
„Frappierter Sekt," schoß es ihm durch den Sin». Nach- dcnklich sah er von neuem auf das junge, bräutliche Weib an seiner Seite. Tie Bezeichnung paßte wirklich gar zu gut. Uebte doch ihre ruhig kühle Art, sich zu geben, einen eignen, prickelnden Reiz aus, den der Kammerherr, dieser gewiegte Frauenkenner, augenscheinlich voll zu würdigen verstand, dem: «seine matten Augen leuchteten jetzt in heimlichem Feuer. Aber ob die Ehe nicht trotzdem stets in den Grenzen einer gewissen, höflich kühlen Gemessenheit bleiben würde?--—
„Gott sei Dank, daß der Trubel vorüber ist," machte Beltlingen wmige Stunden später, als sich der Süd-Expreß pustend und schnaubend in Bewegung setzte.
Lächelnd sah Dagmar ihren Gatten an, der sich höchst zufrieden in dem Abteil umsah, wo Anna und Franz geschickt das Handgepäck verstaut hatten.
„Wann sind wir eigentlich in München, Magnus?"
„Gegen neun Uhr, mein Herz. Ich habe uns in den „Bier Jahreszeiten" Wohnung bestellt. Hoffentlich ist dir das recht?"
Mit zärtlicher Frage ruhten seine Augen auf dem Antlitz seines jungen Weibes. Ruhig erwiderte Tagmer seinen Blick.
„Gewiß, Magnus." Sie richtete sich plötzlich zu ihrer ganzen .schlanken Höhe empor und legte leicht die Hand auf die Schulter des vor ihr Stehenden. „Ach, wenn du wüßtest, wie gut das tut, sich so sicher beschützt und beschirmt zu wissen!"
Er zog sic zärtlich an sich.
„Weißt du auch, Tftgmar, daß mich diese Aeußerung sehr beglückt, beglückt durch das Vertrauen, was sich darin ausspricht?"
Sie schüttelte sinnend den Kopf.
„Tas begreife ich nicht, Magnus. Wie kann man nur auf etwas so Selbstverständliches so viel Wert legen! Glaubst du denn, ich hatte eingewilligt, deine Gattin zu werden, wenn ich dir nicht alle die guten, vornehmen Eigenschaften zutraute, die mein Mann unbedingt haben muß?"
Es klang viel Stolz und viel eigne Wertschätzung aus diesen Worten, aber auch die Bereitwilligkeit eines kraftvollen Herzens, sich der Führung, einer stärkeren Hand anzuvertrauen. Vclt-- lingen empfand das wohl. Lächelnd ließ er sich auf die weichen Polster nieder, dann zog er seine Gattin neben sich.
„lind wenn ich nun gar nicht müde würde, wieder und immer wieder von deinen holden Lippen zu hören, daß dn mir voll und ganz vertraust, daß du mich liebst?"
Mit leidenschaftlicher Glut ruhten seine Augen auf ihrem lieblichen Antlitz, in welchem bei seinen Worten langsam eine zarte Röte emporstieg.
„Hätte ich denn sonst eingewilligt, die deine zu werden?" wiederholte sie leise.
Ter Baron antwortete nicht. Da lehnte Dagmar still ihr Haupt an Beltliugens Schulter. Ein leiser Schauer durchbebtc sie, als sie seine heftigen Atemzüge gewahrte, die nur zu deutlich seine mühsam -beherrschte Erregung verrieten. So breitete sich ein eignes, beklemmendes Schweigen über sie beide.
Mit unheimlicher Eile sauste und Polterte der Schnellzug durch die dunkle, sternenhelle Winternacht. Ticke Schneewolken klebten draußen a» den großen Glasscheiben der Fenster, die allmählich von der Wärme, die in dem Wagenteil herrschte, völlig beschlugen, dem Auge jeden Ausblick nehmend. Dicht und undurchdringlich wie der Schleier der Zukunft. Und hier drinnen noch immer diese tiefe, atemraubende Stilld. . .
Tagmar sand endlich das rechte Wort. Verstohlen nach Velt- lingens Hand tastend, meinte sie leise, mit einem kleinen Seufzer:
„Ich wünschte, wir wären erst in München. Dn glaubst gar nicht, Ivie abgespannt ich augenblicklich bin, Magnus. Ich wollte, ich könnte jetzt ein wenig ruhen."
Wie ein Ruck ging 'es durch die Gestalt des Kammerherrn- Dagmar fühlte es wohl, doch seine Stimme klang ruhig und -beherrscht, als er besorgt erwiderte:
„Tu hast recht, mein Lieb, ruhe dich nach den vielerlei An- strengungen und Aufregungen des Tages."
Eigenhändig zog er die Sitzbank heraus, damit Tagmar es bequem hatte. Mit dankbarem Lächeln legte sie sich auf das breite Polster. Ihre seidenen Unterkleider raschelten und knisterten, als sie sich Niederlegte. Verstohlen zog sie die schmalen Füße unter die Gewänder. Beltlingen sah es wohl. Ein wahnsinniges Verklangen überkam ihn plötzlich, dieses holde Geschöpf in seine Arme zu nehmen und es zu küssen, heiß und toll--und doch
beherrschte er sich meisterlich. Nur als er die kostbare Blaufuchs-:
decke über Tagmar ausbreitete, strich er mit verhaltener Zärtlichkeit über ihre schlanken Hände.
„Nun ruhe dich, mein Glück."
Sie sah dankbar zu ihm auf.
„Wecke mich auch beizeiten."
Er nickte ihr beruhigend zu.
„Bis München dauert es noch ein Weilchen," aber seine Augen redeten dabei die Sprache heißer, ungeduldiger Leidenschaft.
Ein mädchenhaftes Erröten glitt über Dagmars Gesicht. Sie schloß die Augen, als wolle sie sogleich einschlafen.
Schweigend zog Beltlingen den blauen Schleier vor die Gasflamme, sodaß ein trauliches Halbdunkel den Raum erfüllte. Dann setzte er sich Dagmar gegenüber in die Ecke, aber ess war ihm unmöglich, jetzt zu schlafen. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die bläuliche Dämmerung. Deutlich unterschied er die feinen Züge seiner jungen Gatti».
Wie lieblich sic war, wie sie da losgelöst von aller Wirklichkeit, die Glieder in der süßen Schlaffheit des Schlafes besangen, vor ihm ruhte. Ob sie träumte? Ein weiches, beinah frauenhaftes Lächeln ging plötzlich über ihr Gesicht. Entzückt sah Beltlingen sie an. Doch während seine Augen noch an dem lieblichen Bild der holden Schläferin hafteten, eilten seine sehnenden Wünsche der Wirklichkeit voraus . . .
Zwei Wochen waren bereits seit dem Hochzeitstag vergangen und noch immer weilten die Neuvermählten in der schönen bayrischen Hauptstadt.
Es war ein herrlicher, klarer Wintermorgen. Hell und glänzend lag der Sonnenschein auf der breiten Maximilianstraße, deren buntes Leben und Treiben immer von neuem entzückte, fand hier doch, an so sonnigen Tagen wie dem heutigen, zur Mittagszeit förmlich ein Kvrso statt von allen denen, die sehen oder gesehen werden wollten.
Lächelnd blickte die Baronin auf ihre Uhr. Eine Stunde halte fie noch Zeit bis zu der mittäglichen Spazierfahrt in diesem amüsanten Gewimmel von Wagen, Reitern und Fußgängern, in welchem Beltlingen mit seiner „schönen" Gattin nicht fehlen wollte.
„Schöne Gattin," wiederholte Tagmar sich seine Worte, und dabei schweiften ihre Gedanken mit Blitzesschnelle durch die vergangenen Tsage. Ein stolzes, glückliches Lächeln flog über ihre ebenmäßigen Züge. Ah, es war ein herrliches Gefühl, geliebt zu werden!
Was Beltlingen ihr nur an den Angen absay, suchte er iHv zu gewähren. Mit wahrhaft fürstlichem Reichtum umgeben, von liebenden Händen geleitet — wieder lächelte Dagmar. Ja, sie hatte ein großes, großes Glück durch diese Heirat gemacht. Wenn der Altersunterschied auch ein beträchtlicher war — das schadete nicht. Sie liebte Beltlingen trotzdem. Nicht mit so heißer Leidenschaft, mit solcher — errötend gestand sic es sich ein — sinnlichen Glut, wie er sie, aber doch warm und herzlich, mit einer Liebe, die hauptsächlich in der Achtung vor feinen guten uud großen Eigenschaften, seiner vornehmen Gesinnung entstammte. Zufrieden hob Dagmar das Haupt.
Daun ging sie mit raschen Schritten an den zierlichen Diplomaten, der unter einer Palmciigruppe schräg vor dem Mittelfenster stand.
Eilig flog bald darauf ihre Feder über das nagelneue Beliu- papier.
„Ich weiß, ja, Liebste, daß Tn unendlich neugierig bist, etwas von mir zu hören. Nun, als erstes kann ich Dich meines! ausgezeichneten Wohlbefindens versichern, und wie einer glücklichen' Gattin auf der Hochzeitsreise zu Mute ist, dessen wirst Tu Dich ja wohl noch entsinnen.
Mir scheint das Ganze zuweilen iwch wie ein Traum. Doch weiß Magnus mich oft in recht deutlicher Weise von der Wirklichkeit zu überzeugen. Gestern überraschte er mich mit einer wundervollen Brillantrivisre, die ich wenige Stunden vorher' so unvorsichtig war zu bewundern.
Augenblicklich ist er auch fort. Wohin, weiß ich nicht. Nach seinem geheimnisvollen Lächeln zu schließen, hat est schon wieder irgend etwas Hübsches ersonnen.
Ich harte nicht geglaubt, daß es so reizend ist, verheiratet zu sein und — daß Magnus ein derartiges Talent hat, seins Frau zu verwöhnen. Mein Zimmer duftet von Veilchen. Ich habe Nun einmal für Veilchen rmd Rosen eine wahre Leidenschaft. Seit Magnus das weiß, vergeht kein Tag ohne „Blumenopfer".
In den nächsten Tagen geheir wir nach Lugano, wo wir wohl wieder Hütten bauen werden. Ich freue mich recht auf die Zeit dort. Lerne ich doch auch gleichzeitig ein schönes Fleckchen! Erde kennen. Wer so wenig gereist ist wie ich, genießt dann doppelt dieses sorglose Tahinleben.


