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tu tragen. Erna kannte lange seine Pascha- und Tyrannennatur, «er jetzt war schwerer mit ihm umzugehen denn re. Ihr war selber so sterbenstraurig zu Mut. Sie lrtt imter bett Schmerzensäußer un g en der Mutter, welche L>ylvtas Verlust beklagte, als sei sie das eiuzige Wesen, das fte gelrebt hatte. Sie nahm sich ihrem Gatten gegenüber zusamnren, zu „ der Tochter ließ sie ihren Klagen freien Lauf. Und Erna krankte die Art, wie diese Klagen hervorbrachen. Sie hatte selber Sylvia herzlich lieb gehabt, aber sie fand keine Entschuldigung fiir thre undankbare und gewissenlose Tat. Und doch hingen alle Herzen an ihr und an ihr allein.
AMatte — sie hatte ihn nur einmal gesehen nach Sylvias Flucht Sie meinte die Stunde nie vergessen zii körnten. Er war so starr und steinern gewesen, in Wesen und Ausdruck so völlig verändert, daß sie die Enipfindilng gehabt, als habe sich auch zwischen ihnen eine unüberbrückbare Kluft aufgetan. Zürnte er denn auch ihr? Vermutete er, daß sie um manches gewußt uud itzii hätte Wanten solleir? Unb sie hatte ja in der Tat unt vieles gewußt und ihn, ohne irgeitb einzugreisen, in sein Verderben rennen lassen. Wer hatte sie denn anders gekonnt? Diese Frage quälte sie Tag und Nacht und hatte auch ihre Wangeil schmal und bleich gemacht.
Bis so lang war der Vater sehr weich und gütig gewesen, fein Verhältnis zu der Mutter war ein ungleich besseres geworden. Es rührte Erna oft, wenn sie gewahrte, wie er sich zusammen- nahm, wenn ihn die alte Ungeduld und Heftigkeit überkommen wollte, denn der Mutter Art, die sie nicht mehr ändern konnte, reizte ost zur Ungeduld. Der alte Herr hatte augenscheinlich Mitleid mit ihr und ihrem Schmerz, dem sie fast erlag.
„Mas für Leid hat die Brut mir ins Haus gebracht," sagte er einmal »it Erna, mit der er iroch immer seine vertrauliche Frühstücksstunde innehielt. „Es liegt wirklich etwas Unheimliches in der Wahrnehmung, Ivie einzelne Menschen dem Wsen verfallen scheinen. Wohin sie ihren Fuß setzen, fteit sie Unheil, wer zu ihnen gehört, den verderben sie, und sie vererben den Fluch."
„Sage das nicht, Papa!" rief Erna abwehrend. „An Sylvias Rettung müssen wir noch glauben."
Der alte Herr stand auf und pfiff. Er sagte nichts mehr.
Und jetzt war Roderich da und Erna mühte sich, in des Bruders Seele zu lesen. Mrfangs blieb er auch gegen sie verschlossen, aber bei ihren redlichen, geduldigen Versuchen und seinen wechselnden Stimmungen kamen dosch Stunden, wo es tim drängte, sich auszusprechen. So erfuhr sie nach und nach, wie es in ihm aussah. Vera schilderte er glänzend und sein Verhältnis zu ihr in phantasiereicher Glorie. Den letzten Akt in'Paris, den Verpacht, der aus. ihr ruhte uud ihn uims Haar in verhängnisvolle Lage gebracht, verschwieg er. Für die philisterhaften Anschauungen im Elternhause war das kein zur Mitteilung geeigneter' Stoff.
Aus der .Schilderung seines Besuches bei Sylvia entnahmt! Erna deutlich des Bruders Herzenszustand: an die schöne, stolze Russin fesselte ihn nur seine alberne Eitelkeit, aber Sylvia liebte er. Und er allein konnte sie retten. Sollte sie ihn spornen zu erneutem Vorgehen; Sylvias erheuchelte Kälte hatte jhn verletzt, er bereute schon halb, nicht gewaltsam' den trüge- pischen, Morschen Eispanzer durchbrochen zu haben, er sehnte sich stach ihr, sie fehlte ihm hier überall in seinem Vaterhause, und sie — wäre die Seine beim ersten energischen Werben.
Aber dann stand vor Ernas «gen des Vaters Zorn und Entsetzen, wenn er den einzigen geliebten Sohn sich fesseln sah an die, welche er jetzt fluchbeladen nannte. Und eS überlies sie selbst ein Grausen, wenn sie des unheimlichen Eisti drucks gedachte, den Tante Cölestine ihr stets gemacht. Es war Wahrheit in deut Wort, wohin die ihren Fuß setzte, wuchs Unkraut.
Nein, wenn Sylvia sie auch erbarmte, wenn sie auch ohne Groll ihre Erlösung ans gefährlichen "Banden wünschte, ihr Einziger geliebter Bruder durfte der Retter nicht sein.
So hörte sie seine vertraulichen Ergießungen an und suchte feine Gedanken von Sylvia abznlenken. Vera schien ihr freilich kamst weniger gefährlich, hoffentlich sah er sie nicht wieder, diese gbenteuerndd Russin verlor sich Wohl in der weiten Welt.
Roderich fand Dresden schrecklich langweilig. Frau Klopp- Wengstern, welche ihn mit ^ekstatischer Freude empfing, 'erschien ihM kleinstädtisch, albern und abgeschmackt, Wolfgang Kirschs Organ fiel ihm auf die Nerven und Hermann Welius nannte !«v „läppisch". Die Atmosphäre int Hause war „elegisch" und der Alte „untraitable".
„Was habe ich denn von der Welt gesehen?" meinte er. JÄst paar Monate ist Varis, dietztMst doch sticht! Ich wurde ist mitten aus hem lebendigen Strudel stach Hause gerufen ää zu
welchem' Zweck, ist änir eigentlich unerfindlich —. höchstens um mit jammern zu helfen, weil eine durstige Seele sich befreite, uM auch einmal draußen an einer frischeren Quelle zu trinken., Ein junger Mann in meiner Lebenslage hat berechtigten An-, sprnch auf ein paar Reisejahre. In unserem Zeitalter gehört es zur Bildung, vorerst die Welt in weiter Umschatt kennen zu lernen."
Roderich liebte es, seine Heimkehr als einen dringenden Ruf aus deM Elternhause hinzustellen, obgleich Erna in ihrem Briefe nur an sein Gemüt appellierte und ihm der Boden ist Paris recht heiß geworden war.
Der Kommerzienrat war der Ansicht, daß Roderich seist Mütchen gekühlt haben könne durch diese Pariser Reise und eist längeres Urnherschweifeit ihn zum Bummler mache.
„Was willst du eigentlich draußen?" sagte er ärgerliche „Was an deiner Mustlerchimäre ist, hast bn einsehen müssen, gefördert hast dir nach der Richtung nichts, eine Tatsache, die ich weiter nicht beklage. Jetzt ist es an der Zeit, dich in einest bestimmten Beruf einzuleben, und der deine ist dir durch die! Verhältnisse gegeben und zwar so günstig wie m-öglich."
Tas aber traf Roderich sehr empfindlich. Er fühlte sich trotz allem noch als Genie, und in dieser Luft zu leben, war ihm nicht möglich.
Des Vaters Geringschätzung seiner Talente zeigte ihm, wie sie stets schwer nebeneinander auskomMen würden. Wozu war denn das Geld da, als um die Mittel zu gewähren, daß jeder seine Eigenart ausleben könne!
Wenn er es auch nicht gerade so aussprach, seine Meinung/ sein Widerwille gegen des Vaters Pläne kam deutlich zum Aus-, druck. Und hart stießen die beiden grundverschiedenen Naturen' dann gegeneinander.
„Das Geld — das leidige Geld!" grollte der KomMerzienrast „Wärst du darauf angewiesen, ums Brot arbeiten zu müssen, es würde vielleicht etwas ans dir — so — na, Gott mag geben/ daß ich zu schwarz sehe." _
Roderich war in den tiessten Tiefen seiner eitlen Seele gekränkt. Er war es doch von jeher gewohnt, daß auch der Vater etwas Besonderes in ihm sah, und nun — Bummler —: der Alte hatte gar kein Verständnis mehr für höhere Dinge.,
Erna fand, daß der Vater Roderich nicht richtig behandle., Es war zu viel verdrießliches Grollen, zu wenig von Väter--, kicher Energie in dem Gebaren. Ihre Vorstellungen, ihre Bittest und Verhandlungen in Güte fruchteten gar nichts.
Was sie alle nicht wußten, war der Sporn, den ein Zufall kürzlich Roderichs bis so lang unbestimmten und schwankenden Wünschen zugesellt. Ein gemeinschaftlicher Bekannter erzahlt'A ihm, daß Hendrichs in Rom sei. Roderich hatte keinerlei Briefwechsel mit Paul unterhalten, Anhänglichkeit herrschte nicht zwischen ihnen, viel eher «neigung und Mißtrauen.
So war Paul also Vera nachgereist. Sicher hatte er fort-, dauernd Beziehungen zu ihr unterhalten, der schlaue, verschlossene Intrigant. Er, Roderich, hatte seit dem Frühling nichts wieder von Vera gehört, sie ließ sein letztes Schreiben unbeantwortet, und da sie ihm' vorher mitgeteilt, daß sie jedenfalls auf italienischem Boden bleibe, vermutete er, daß sie während der Sommermonate in die Berge gegangen war.
Ein brennendes Verlangen packte ihn, in den zersprengtest Meis wieder einzutreten, all das Dunkle zu klären und seinen Platz an Veras Seite zu behaupten. Bei ihr war doch LebeM. Aufregung, Genuß.
Nach einigen erneuten, nnerqmckUchen Kämpfen fugte stch der Vater, und als die ersten Schwalben heimwärts zogest, rüstete Roderich sich zu der heißbegehrten Romsahrt.
(Fortsetzung folgt.)
Der Kurierriit, oder die denkwürdigste Weise meines Leöens.
Eine Erinnerung an das Jahr 1806.
Durch Patent vom 13. August 1806 wurde Ludwig X. zum Großherzog von Hessen und Bei Rhein von Napoleon erhobest. Er verpflichtete sich, zum Bundesheere 4000 Mamt von teder, Waffengattung zu stellen. An Landzuwachs erhielt er bte Land-, grafschaft Homburg, das Burggrafentum Friedberg, dte Herrschaft Breuberg, Grafschaft Erbach, die Besetzungen der fürstltck und gräslich-solmsischen Häuier in der Wetterau mtt Ausschluß der Aemter Hohen-Solms und Braunfels, bte Grafschaft «chlttz/ int ganzen einen Zuwachs von 122 000 Etnwohnern.
Betreffs Zuteilung der Grafschaft Schlttz zum Großherzog- tum Hessen seien zum besseren Verstättdnts der nachfolgenden Reisefchilderung noch einige gescbichtltche Angaben gemacht.
Im Sommer des J-chres 1806 erschien von Frtedberg aus in SLlid ein ftanzösischer Offizier mit einigen Reitern, um dst Herr-


