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schast Schlitz für den Großherzog von Hessen in Besitz zu nehmen. Ihm folgte am 30. August eine Abteilung französischer Infanterie. Vorher aber hatte schon eine Kompagnie kurhessischer Jäger unter Hauptmann Wolz die Stadt Schlitz besetzt und suchte das Schützer Land für Hessen-Kassel in Besitz zu nehmen. Da die gräflichen Behörden sich weigerten, ohne Instruktion des Grafen Karl, der sich uni diese Zeit als kurhessischer Gesandter im preußischen Hauptquartier befand, der Besitzergreifung sich zu fügen, so reiste dieser nach 14 Tagen wieder ab. Die beiderseitigen Truppen aber blieben einstweilen in Schlitz. Am 27. September zogen die Franzosen nach Thüringen zur großen Armee ab, und zu Anfang Oktober auch die Kirrhessen. Kurz darauf erschien tut Hessen-Darmstädtischer Kommissär, um die Beamten zu verpflichten und die Herrschaft Schlitz in aller Form in Besitz zu nehmen. Da die Beamten aber den Eid verweigerten, auch mehrmals preußische Husarenabteilungen die Gegend durchstreiften, so reiste auch dieser Kommiffär unverrichteter Sache wieder ab. In dieser steten Bedrängnis verließ der Gräfliche Oberförster Wilhelm Knabe im Auftrage sämtlicher Beamten der Grasschaft die Stadt, um den Grafen in dem stets wechselnden preußischen Hauptquartier aufzusuchen und Berhal- tuugsbefehle einzuziehen.
Lassen wir den Oberförster nach seinen Anfzeichunugen über den Verlauf der Reise selber zu Worte kommen:
„Es war den 13. Oktober 1806, nachmittags 5 Uhr, als ich den Auftrag erhielt, in das Hauptquartier des Königs von Preußen nach Sachsen als Kurier zu reisen. Die Anordnungen zu dieser Reise, so mir einige Stunden Unruhe verursachten, - erlaubten wir nicht vor 2 Uhr morgens von Schlitz ahzureisen. Ich eilte mit meinem Pferde bis Hersfeld und verlangte auf der dortigen Post Kurierpferdc, — da aber der Postmeister keine Pferde mehr hatte, so wurde ein Bürger aufgefordert, die seinigen hierzu herzugeben. Kaum aber hatte selbiger dies vernommen, so schickte er die Pferde zur Arbeit ins Feld. Ich ging daher zum Oberschultheiß und beschlverte mich über den Aufenthalt, und dieser versprach mir baldige Hilfe. Die Pferde aber kamen immer noch nicht, daher ich nochmals zu dem Oberschultheiß schickte, mir ein Attest auszustelleu, daß ich ohne mein Verschulden aufgehalten sei. Ich erhielt nicht nnr dieses, sondern er ließ mir auch sagen, daß er bereits einige Soldaten abgeschickt habe, die Pferde vom Felde zu holen. Unterdessen machte ich die Bekanntschaft eines Reisenden, der mir, da er gehört hatte, daß ich nach Sachsen ins Hauptquartier reise, offerierte, mit ihm in feinem Wagen zu fahren, indem er nach Weimar reise und auch ießenfo geschwind fahren lasse, als ich reiten würde. Ith nahm dies Anerbieten an und unterhielt mich noch einige Zeit mit ihm, wobei er mir erzählte, daß er lange in Frankreich gelebt, nunmehr aber sein Geld in Weimar verzehren wolle und aus dieser Stadt gebürtijj sei. Ich fragte daher nach verschiedenen, mir bekannten Personen. Er geriet aber in Verlegenheit und gestand, er sei eigentlich nicht aus Weimar, sondern aus Apolda. Eine Nichte, die mit ihm reise, und bekannter in Weimar sei als er, würde mir mehr davon sagen können. Darauf trifft er Anstalten.zur Abreife, kommt aber wieder zu mir und bittet mich, doch bis Berka zu reiten, indem sein Wagen gebrechlich sei und er sich nicht getraue, ihn noch mehr bei den schon ohnehin schlechten Wegen zn beschweren. Dort würden wir uns wieder treffen und dann sollte ich mit ihm fahren. Ich bin dies zufrieden und er reist ab. Der Postmeister gesteht mir darauf, daß dies der General von Knobelsdorf gewesen sei. Ich bezweifle es, allein er versichert mir, daß er es ihm selbst gesagt habe. Obgleich ich es immer noch nicht glauben konnte, so war ich doch desto begieriger, wieder bei ihn zu kommen. Unterdessen wurden meine Pferde gebracht, die glücklicherweise sehr gut waren. Um 91/2 Uhr trabte ich zum Tor hinaus. Fort gings in vollem Trab gen Berka. Mein Pferd verlor ein Hnseisen nach dem andern. Dies achte ich aber nicht und erreiche die Station um 1 Uhr. Hier frage ich nach dem Men erwähnten Reisenden, deut vermeintlichen Herrn v. Knobelsdorf. Kein Mensch hat ihn aber gesehen. Das war mir ein Rätsel.
Ich verlange also hier, mir schleunigst Pferde zu schaffen, und indem ich sie bezahle, kommt eine Chaise mit einem preußischen Offizier. Dieser dringt ebenfalls auf schnelle Beförderung. Da aber keine Pferde mehr da waren, so bittet er mich, ihm doch die meinigen zu überlassen, indem er dafür sorgen wolle, daß ich mit seiner Retour-Chaise ebenso geschwind nach Eisenach kommen solle. Ich nehme dies an, und et erzählte mir noch, daß er felbsten aus dem Hauptquartier fomme und dem General von Plötz im Felde Depeschen überbringe. Dasselbe sei bei seiner Abreise zwischen Jena umd Weimar gewesen, sollte aber bald verlegt werden. Wenn es daher rückwärts hinter Erfurt kommen solle, so würde ich in Erfurt keine Pferde bekommen, da der Minister von Hangwitz bestellt habe, feinem Fremden Pferde zu geben. Im übrigen würde ich tn der dortigen Gegend noch vieles zu sehen bekommen. „Ein schöner Trost," dachte ich und fuhr nach Eisenach. Am Tore mürbe ich angehalten. Der Unteroffizier wollte mich zum Major bringen. „O," sagte ein anderer, „laß doch den gehen, der hat ein ehrlich Gesicht." Er brachte mich zum Adjutanten. ,,9tetfen Sie in Gottes Namen weiter, ruft mir dieser zu. Das ließ ich mir gesagt sein, ging auf die Post, erhielt Pferde und ritt um 4 Uhr ab. Unterwegs begeg
neten mir mehrere Reisende, welche aussagten, daß eine Schlacht in der Gegend von Weimar schon mehrere Tage gedauert habe; auch hörte ich selbst das Kanonieren in der Ferne. Einer von diesen Reisenden erzählte mir, daß bereits französische Chasseurs in Naumburg gewesen seien. Sie hätten hier einen preußischen Offizier zusauimengehauen, der sich auf die Flucht begeben, und beim Hinausspringen aus der Siadt aus bte ihn verfolgenben Feinde geschossen, unglücklicherweise aber ein Kind getroffen habe. Sie wären alsdann, nachdem. sie mehrere Greueltaten verübt und eine Summe Geldes erpreßt hätten, wieder davongeritteu. Um 7 Uhr kam ich in Gotha an. Der Postmeister weigerte sich, mir Pferde zn geben; es seien, wie er sagte, die Franzosen schon bis in die Gegend von Erfurt vorgedrungeu, und ich würde daher nicht in die Stadt kommen. Wäre ich vor einer Stunde gekommen, so hätte ich mit einem preußischen Feldjäger, der als Kurier von Kassel kommend, mit diesem ins Hauptquartier kommen können. Ich bat inständig, meinem Gesuch doch zu willfahren; er hörte aber nicht auf mich. In diesem Augenblick kommt abermals ein preußischer Feldjäger, der ins Hauptuqartier will. Auch dieser erhält keine Pferde. Indem beide noch miteinander reden, kommt der oben erwähnte von Kassel gekommene Feldjäger von Erfurt wieder retour und bestätigt, daß selbiges gesperrt sei und niemand eingelassen werde. Auch sagte er, daß nach der Gegend von Weimar und Rudolstadt alles in Brand zu stehen scheine. Wir beratschlagten und entschlossen uns, gegen Morgen noch einen Versuch zu machen. Den 15. Oktober um 31/2 Uhr morgens ritten wir, nachdem sich noch ein Kurier, dessen Bestimmung ich aber nicht ersahren habe, zu uns gesellt hatte, gen Erfurt ab. Kaum tonten wir eine halbe Stunde geritten, so begegneten uns eine Menge Flüchtlinge aus der Gegend von Erfurt, bte sich im Gothaischen sicher glaubten und die aussagten, daß Weimar in Brand stehe. Kurz daraus trafen wir 40 bis 50 Frachtwagen an, die ebenfalls von Erfurt retour kamen und nicht eingelassen waren. Es schien unterdessen, als wenn die ganze Gegend. int Aufruhr sei. Das sich mehreude Getöse, das gegen das Gebirge hiit ausslammende Feuer der Wachen, hatte wirklich etwas Furchtbares. Doch wir kehrten uns nicht daran uub ritten immer Urtiter. Sobald der Tag anbrach, begegneten uns zuerst zwei preußische Fußjäger, welche 15 französische Gesaugene transportierten. Ihnen folgte ein Kornntattdo Jäger, die abermals 20 bis 30 gefangene Franzosen führten. Alle erzählten von der schon erwähnten Schlacht, die den 13. und 14. Oktober bei Jena und Weimar stattgehabt habe. Sie erzählten ferner, daß sie hier in bet Irre herumzögen, schon die ganze Nacht durch Waldungen und Felder geschlichen seien, von ihrem Kommandeur getrennt, nicht wüßten, ob sie dem Feind oder dem Freund etttgcgengittgen. Ich gab ihnen den Rat, sich rechts nach Langensalza zu wenden, wo sich bis jetzt noch keine Franzosen befanden.
Inzwischen füllte sich die Straße von Flüchtlingen atts der Schlacht, besonders Preußen. Alle, die ich sprach, konnten die Schlacht nicht fürchterlich genug schildern. Die Leute, selbst die Verwundeten, sind vont Pulverdampf schwarz gefärbt und sehen dazu vont Hunger gepeinigt, wild aus. Jtt dem Gedränge, das immer größer wurde, verlor ich meine Reisegefährten. Immer näher komme ich nun der Stadt und sehe jenseits derselben ein preußisches Korps stehen. Eilt Vorposten ruft mich an und warnt mich, weiter zu gehen, ich kehre mich aber weiter nicht daran. Bald werde ich abermals gewarnt, indem man mir von einer Schanze zürnst, daß die Stadt gesperrt sei und wenn ich nicht zurückgehe, ich zlvischen beide Armeen gerate. Das war aber ein Irrtum. Nicht Franzosen, sondern retirierende Preußen kamen anmarschiert. Um alles Mögliche zu versuchen, reite ich noch bis vor die Stadt; hier sehe ich aber., daß alles vergebens ist. Aber jetzt fällt mir erst das Bedenkliche meiner Sage auf, jetzt erst sehe ich, in welcher Gefahr ich schwebe. Geschwind wende ich,ulm, verlasse die Straße und schlafe rechts einen Hohlweg nach den Weinbergen ein. Auch hier lief alles voll flüchtender Preußen und Franzosen gegen Langensalza zu. Ich ruhte nun an der Chaussee eine Stunde und wandte mtch dann wieder auf die Straße ttach Gotha. Hier auf einer Anhöhe, wo man Auerstädt liegen sieht, sehe ich ein Korps im Marsch, das lauter Kavallerie zu fein scheint. Ich halte still. Eine Menge Leute versammelt sich um mich, aber niemand weiß, ob jene Truppen Franzosen oder Prenßeit sind. Ich entschließe mich daher, näher zu reiten. Mein Postillon protestiert aber dagegen und sordert mich auf, ihm zuvor das Pferd zu b$* zahlen, und das hält mich zurück. Ein Junge, der sich erbietet, gegen ein Douceur Kundschaft einzuziehen, lauft nach jener Gegend und kommt nach einiger Zeit mit der Nachricht zurück, daß jenes Korps Deutsche seien. _ Unterdessen kommt auch ein Mann ans jener Gegend, der aussagt, daß jenes Korps das des Herzogs von Weimar fei. Noch länger auf diesem Platze zu verweilen, halte ich — da ich der Nachricht immer noch nicht traue — für gefährlich. Ich verlasse also die Straße wieder und schlage einen andern Weg nach Gotha etn. Da die Pferde aber nicht mehr gehen wollen, so kehre ich in einem Dorfe ein und lasse hier füttern. Biele Leute waren in dem Wirtshause versammelt, auch yerlaufene Soldaten gingen ans und ein. Es ' dauerte aber nicht lange, so kam ein Trupp von 30 bis 40 Männern und Weibern mit Kleidungsstücken und Bettzeug beladen in voller Bestürzung herangelaufen. Ihnen folgte eine


