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zählte Karzergeschichte öeimcS'. Dies hinderte «her 'nicht, baß ich mich im Sommer 1869 sterblich verliebte.
Das Mädchen war 11 Jabre alt, hellblond mit blauen Angen, von ganz besonderem Reiz. Die Liebe war waschecht, aber leider »inseitig, wie ich zu spät, nadjbcm ich wie Jakob um Rahel 7 Jahre um sie gedient, erkennen musste. Doch hat sie mich vor Manchem bewahrt, worüber ich vielleicht hätte Rene em- psiiidcn müssen. — Vorerst war ich Untersekundaner.
Der Klassenführer der beiden Sekunda's, die nur durch dis Schulbänke getrennt waren, Herr Professor Dr. Soldan, war von uns Men hochverehrt. Er Ivar ein sehr tüchtiger Lehrer. Er hatte Latein und Geschichte. Wir lasen bei ihm Sallust und Virgil. Sein Hauptfach war Geschichte, in welcher er auch schriftstellerisch itätig gewesen ist. Seine „Hexenprozesse" haben viele Beachtung gefunden und die zweite Auflage erlebt. Allein wir find niemals bis zu den Hexenprozessen gekommen. Der dreißig- stihrige Krieg war die letzte Episode der deutschen Geschichte, vis zu welcher wir cS brachten, wahrend die griechische und römische Geschichte zweimal durchgepeitscht worden ist.
Auch in der Mathematik erreichten wir das Pensnul absolut Nicht. Unser Lehrer war Herr Dr. K., feines Zeichens Theologe, bei welchem wir in Sekunda' außer Religion noch Mathematik, Naturkunde und Deutsch hatten. In der Religious- und Konfirmandenstunde konnte er uns nicht erwärmen und von den anderen Dingen verstand er zu wenig, um uns in denselben vorwärts zu bringen. Mechanische Rechnung mit Dezimalen, die damals nlS besondere Abteilung des Rechnens galt und der äußerliche Gebrauch der Logarithmen war das schließlich Erreichte. Das war aber auch die Grenze seines Wissens. In Prima konnte er uns weder den Begriff der Buchstabenrechnung, noch den der einfachsten Gleichung beibrmgen, uns mithin auch in der Geometrie, die mir sonst sehr sympathisch tu ar, nicht über die ersten Grundbegriffe hinaushelfen. Er konnte keine Disziplin halten und kam vst aus dem Schimpfen nicht heraus. Wir waren in Oberprima glücklich bis zu den Gleichungen gelangt. Da er aber selbst nichts davon verstand, konnten wir auch nichts davon verstehen. Seine Methode bestand darin, daß er eine Gleichung von einem Zettel, fern er auf dem Rande des Katheders liegen hatte, auf die Tafel Mit Kreide übertrug. Ich konnte nicht umhin, da ich auf der vbersteir Bank gerade unter dem' Katheder faß, einmal beit Zettel vom Katheder herunterfallen zu lassen, so daß er zwischen Schulbank und Katheder zu liegen kam. Der Mann war vollständig hilflos. Aber statt daß er einfach gesagt hätte: „Meine Aufzeichnungen müssen heruntergefallen sein, bitte heben Sie sie einmal tont", sing er an zu räsonieren, über alle möglichen Dinge und räsonierte, bis die Stunde aus iuar. Es war nicht Bosheit von mir, sondern nur die Neugierde, zu sehen, inwieweit $r ohne das Blättchen fertig werden konnte.
Diese Geschichte, die doch nicht verschwiegen bleiben konnte, brach dem Faß den Boden miS. Kurz nachdem sie passiert nxir, «erschien eines Tages mitten in der Stunde Professor Dr. Kulp, Direktor der Gewerbeschule in Darmstadt, ein bekannter Mathematiker. Der arme Doktor war ganz vertattert. Prof. Külp sah und hörte einige Minuten dem Unterricht zu. Darin begann -er selbst 'zu prüfen und fand natürlich sehr bald heraus, daß Seiner von uns etwas von der Sache verstand. Selbst unser Primus, llmpfenba ch (ein Sohn des Universitäts-Mathematik- Profcssors Umpfenbach und ein Bruder des hier im Ruhestande 'lebenden Kameralisten Geh. Regierungsrats Prof. Umpfenbach), der verhältnismäßig noch am meisten wußte, versagte. Professor Külp war als Mathematiker bedeutend, bei feinen Schülern vielleicht Mehr noch durch seine ungemeine Körperkraft. Er beschäftigte sich bei der Prüfung zunächst mit Umpfenbach, der ein ausgewachsener, stattlicher Bursche und größer war, wie Professor Külp selbst. Im Eifer, um diesem etwas klar zu machen, ergriff er mit der linken Hand den jungen Mann mit rechten Oberarm, hob ihn so in die Höhe und stellte ihn ganz sacht wieder Hin. Dieses Kmststück flößte mir mehr Respekt vor dem Manne ein, als sein ganzes Wissen. Die Folge dieser außerordentlichen Prüfung unseres Unterrichts war, daß nach ganz kurzer -Zeit die Mathematikstunde einem jungen Schulamtsakzessisten, Herrn Dr. D., übertragen wurde. Da sollten wir nun in dreiviertel Jahren nachholen, was an uns in mehreren Jahren versäumt worden war. Das ging bei aller Tüchtigkeit des jungen Mannes Natürlich nicht. Er verlangte zu viel und witrbe ungeduldig, wenn man ihm nicht folgen konnte.
Das sagte ich ihm eines Tages geradezu heraus. Darob wurde er grob. Ich antwortete dementsprechend. Er zog zu -einer Ohrfeige aus. Ich faßte ihn fest ins Ange und stellte mich in Positur, fest entschlossen, die beabsichtigte Tätlichkeit sofort zu erwidern. Allein es kam nicht so weit. Dr. D. hat wahrscheinlich eingesehen, daß auf diese Weise keine Ehre zu holen fei und ixtfe ich eigentlich nicht unrecht hatte, denn er trat nicht Nur den Rückzug an, sondern hat mich von da an immer sehr anständig behandelt, und in Anbetracht meines guten Willens bei der Maturitätsprüfung in bet Mathematik „genügend" gegeben. ।
Gn t unterrichtet waren wir ini Griechischen, wir lasen in Sekunda die Odyssee, Dr. Rumpf, der in der Quinta mein Klasscnsührer gewesen war, hatte den griechischen Unterricht. Leider sand er seine Ausgabe vielmehr darin, uns nach Mehlhom und
Krüger die Finessen der Griechischen Grammatik beizubringen und sie uns in der Lektüre nachzuweisen, als uns in die Schönheit der Dichtung und Sprache einzuführen. Dr. Rumpf war fein' mißtrauisch. Seine größte Besorgnis war, daß ein Schüler einmal bei der Ueberhörung aus Krüger ins Buch schauen und dadurch seine Note verbessern könnte, etwa von 2 b bis 3 auf 2 b bis 2 oder gar nuf 2 a bis 2. Sein übergroßes Mißtrauen führte ihn eines Tages zu einer nicht ganz unverdienten Niederlage.
Auf der obersten Bank in Untersekunda saß als Sechster ganz in der Ecke ein Mitschüler, Ehr. Eckstein. Dr. Rumpf glaubte bemerkt zu haben, daß -dieser nach Beendigung der Zwischenstunde noch weitere Studien im Krüger machte. Er sandte über den in seiner Hand befindlichen Krüger verschiedentlich unheimliche Blicke nach dem Platze des ahnungslosen Jungen. Plötzlich schoß er mit erstaunlicher Geschwindigkeit hinter unserer Bank her und griff in das vor Eckstein befindliche Gefach. Ebenso rasch zog er aber die Hand zurück und rief, mit dieser schlenkernd: „Pfui, ein so alter Junge, noch Butterbrot zu essen". Aller Respekt, beit Dr. Rumpf an uns gewöhnt war, konnte die stürmische Heiterkeit der ganzen Klasse nicht verhindern.
Zur Charakteristik dieses sonst wegen seiner Pflichttreue und Kenntnisse sehr angesehenen und wegen seiner Gerechtigkeit und seines Wohlwollens auch beliebten Lehrers, muß ich leider noch eine Ungezogenheit meiner Wenigkeit vermelden, die schon beinahe an Frechheit grenzte. Wenn Dr. Rumpf die erste Stunde hatte, mußte der Oberste dos Gebet verlesen. Meist war ich an der Reihe. Ich glaubte bemerkt zu haben, daß Herr Dr. Rumpf während des Gebets nicht auf dieses achtete, sondern bereits an seinen Mehlhvrn und Krüger dachte. Er stand während des Gebets mit gesenktem Haupte d-a, die Hände über die Brust gefaltet, aber das geliebte Buch schon Mischen den Daumen haltend und auf dieses waren seine Blicke gerichtet. Er überließ dem betreffenden Schüler die Auswahl des Gebets aus einem nicht unansehnlichen schwarzen Bande mit gelbem Rand. Wir nahmen natürlich immer eines der längeren Gebete. Eines Tages kam mir der Gedanke: Du mußt doch einmal sehen, ob er ans das Gebet acht gibt. Ich verband zwei der längsten Gebete, die nebeneinander standen, zu einem, im ganzen beinahe tirei Druckseiten. Ich ließ beim Uebergang auf das zweite Gebet nur den Eingang weg. Geduldig und ahnnungslos nahm Dr.Rumpf, immer gesenkten Hauptes, den langen Sermon entgegen, atmete aber sichtlich erleichtert auf, als er zu Ende war. Ich fürchte, daß von uns Beiden die übelste Rolle ich gespielt habe. Ich durfte aber aus dem Geschehenen bett Schluß ziehen: Wenn der Lehrer nicht auf das Gebet achtet, kann man es auch den Schülern nicht! Übelnehmen, wenn sie während desselben tot andere Dinge denken. Dann ist aber bie&' Schnl- gebet eine leere Form, die man so rasch als möglich ab- schaffen sollte. ?hi fettem durfte der Lehrer dem Jungen nicht die Auswahl des Gebets überlassen, wenn er nicht gewissermaßen eine derartige Frivolität herausfvrdern wollte. Zn meiner Entschuldigung will ich noch beifügen, daß auch andere Lehrer das Morgengebet als eine gleichgültige Formsache nnsahen, und daß die felbstv-erfaßten Gebete von Dr. K. schanderhaft waren. Nur Dr. H. betete aus tremf Stegreif. Da er aber ein orthodoxer Heißsporn und uns wegen seines Hohns und Spotts und seiner Voreingenommenheit gegen anders Denkende gründlich unangenehm war, glaubten wir nicht an seine wahre Frömmigkeit, und so verfehlten seine Stegreifgebete ebenfalls den Eindruck, den sie sonst vielleicht hätten machen können. So sah cs mit den Klassen-^ gebeten übel giiis.
Ich wurde zn Pfingsten 1850 konfirmiert. Mein Bartwuchs machte sich bereits so lebhaft geltend, daß ich mich aus (vielleicht falscher) Scham rasierte. Mädchen und Jungen wurden damals noch zusammen ldnsirmiert. Die Kränze zur Ausschmückung ter Kirche hatten, wir auch zusammen angefertigt. Der Koufirmaudenunter-- richt war dagegen getrennt.
Die *75 Jungen -empfingen den Unterricht in dem alten. Schnlhaus am Neustädter Tor. Kirchenrat Engel und Pfarrer- Bon Hardt wechselten ab. Kirchenrat Engel kam erst um einviertel. Bis zu seinem Erscheinest lärmten die Jungen sehr un- kdnfirmandenuiästig. Kirchenrat Engel hörte während der Dreiviertelstunden Gesangbnchsverse und den Katechismus ab. Er hatte öfter Zahnweh. Dann hielt er den Backen und jammerte: „An, -au mei Backe, was hab ich für' Zahnschmerze, int geht cmal beim." Auch rauchte manchmal der Ofen. Dann hieß es: „Aw er was is das! denn für eit Rauch, da kann in er 5 ;a n et aushalte, geht em al hin!" Herr Pfarrer ^Bon Hardt gao sich schon Mehr Mühe, aber was konnte er bei den 75 Jungen aus allen Ständen machen. Auch er beschränkte sich tut Wesentlichen mit bett Katechismus, Erklärung von biblischen Sprüchen. Em persönlicher Kontakt zwischen ihm und den Konfirmanden war ganz ausgeschlossen. Kurz, der Konfirmandenunterrtcht war ganz nn- fruchtbnr. Ebenso war es aber mit dem speziell für die Gymnasiasten von Dr. K. erteilten, wenn auch aus anderen Gründen.
Das ist ja alles nun ganz anders geworden. Ich für meine Person erhielt den eigentlichen Konfirmanbeitnnterricht int elterlichen Hause. Ich fürchte aber, daß die größere Zahl der heutigen! Herren Geistlichen ihn nicht als das Rechte anerkennen würden. Bon der Predigt des Herrn Superintendenten Simon und von dem Empfang des Abendmahls erhielt ich den tiefsten Eindruck.
Daß ach trotz Klmsirmation noch ei» kindischer Mensch war.


