— 203 —
hftt, habe ich stets das Gefühl, als verständen Sie alles, was ich auch nicht ausspreche."
lieber Ernas Antlitz flog es wie Glückesschein.
„Sie ver'stehe ich, das glaube ich selbst", entgegnete sie, „Str sind klar nnd wahr, aber es gibt manche Menschen, die mich verwirren."
Cie traten in die Tür, welche in den Korridor führte; dieser war leer. Frau Zernial und ihre Kavaliere waren gegangen, da tauchten Sylvia und Roderich auf aus einer dunklen Ecke, wo sie, wie es den Anschein hatte, noch miteinander geflüstert. Roderichs Gesicht war gerötet und fremdartig belebt — Erna meinte nie solchen Ausdruck beim Bruder gesehen zu haben — nnd Sylvia eilte, sichtlich verlegen, pnf sie zu. Auch sie war mit Purpyr übergossen.
„Wir haben so sehr gelacht", erklärte sie, „Tante Eölestuie war so unendlich komisch."
Erna blickte verstohlen an? ihren Begleiter. Sein Antlitz war plötzlich leichenblass nnd sehr ernst.
Sylvia bemerkte es ebenfalls und erschrak davor. Sie erwiderte des Doktors formellen Gutenachtgruß scheu nnd verwirrt. Aber sie sprach nicht darüber mit der Schwester, als sie oben miteinander zur Ruhe gingen, iinb Erna fand e§ nach einiger lleberlegung auch nicht klug, etwas von dem Beobachteten zu erwähnen. Früher hatte unbedingte Ofsenheit zwischen ihnen geherrscht.
Erna lag noch lange wach in ihrem Bette. Wenn Billatte wirklich eine Neigung für Sylvia gefaßt hatte, mußte er jetzt geheilt werden — und flüchtiger Natur konnte diese Neigung bei dem gediegenen Manne doch nur sein — dieser Schmetterling paßte nie zu ihm. Aber Roderich — kleine Sylvia, war sie gut daran, wenn sie dem vertraute?
4. Kapitel.
Billatte schritt, den Mantelkragen in die Höhe geschlagen, Mein in die stürmische Herbstnacht hinaus. Er wohnte in der Altstadt und "hatte einen weiten Weg. Es regnete nicht mehr, aber her Wind pfiff heulend nm die Ecken, und die schwarzen Wolken jagtcn über die silberne Mondscheibe, die ihrer vollen Rundung nahe war.
Es war spät geworden, die Pferdebahnen fuhren nicht mehr, auf den Straßen der Neustadt ivar es still. Nur einzelne Nachtschwärmer, deren hallende Tritte schon von weitem hörbar wurden, zeigten sich von Zeit zu Zeit. Aus einzelnen Lokalen tönte noch Musik und lautes Stimmengewirr. Der rohe Lärm der späten Zecher widerte den jungen Gelehrten an und unterbrach seine sorgenden Gedanken. Ein Haufe wilder Gesellen tobte um das Denkmal Augusts des Starken, die Reckengestalt auf dem bäumenden Roß sah drohend herab im gespenstischen Mondlicht auf die wüsten Ruhestörer, und Billatte wich ihnen in 'großem Bogen aus.
Auf der Augustusbrücke faßte der Sturmwind seinen flatternden Mantel, er brauchte seine Kraft, nm der Gewalt zu widerstehen. Er trat in eine der Nischen über den Pfeilern, Um Atem zu schöpfen, und faßte an seinen wirbelnden Kopf.
Was war ihm denir geschehen? Er hatte sich selbst bisher für einen ruhigen, besonnenen Menschen gehalten. Sein Leben war nicht leicht gewesen und hatte ihn früh ernst gemacht.
So wie er heute abend gegen den Sturm ankämpfte, so hatte kr geistig gegen manchen Sturm ankämpfeu müssen.
Wie schwarz war das Wasser da unten, es brandete gegen die hoch aufgemauerten Ufer. Das flackernde Licht der Gas- laternen huschte hin und her, kaum ein Stern funkelte am Himmel. Er zog den Mantel fester nur sich und erschauerte.
Eine ähnliche Sturnrnacht vor langen Jahren tauchte vor ihm auf, als er, ein Knabe, ausgegangen war, den Baier zu suchen. Daheim saß die blasse Mutter in Todesangst und harrte des Gatten. Er zählte damals erst zwölf Jahre, aber er hatte es schon begriffen, daß schwere Not die Eltern drückte.
Vier kleine Geschwister außer ihm forderten Brot, Kleidung und Erziehung. Die Mutter arbeitete Tag und Nacht, ihre Kräfte schwanden mehr und mehr, und alle Jahre ward des Balers Erwerb geringer. Er ivar ein Franzose und gab Nnter- richt in seiner Muttersprache, aber der Schüler wurden immer Weniger, Monsieur Billatte eine veraltete Erscheinung. Da ivar er in letzter Zeit sehr melancholisch geworden, häufig des Abends husgegangen und spät, gst sehr spät heimgekehrt.
Air jenem Abend, dessen er sich jetzt erinnerte, hatte auch ihn, ben Knaben, die Sorge nicht schlafen lassen, er sah von feinem Bette aus das Licht in der einzigen Wohnstube, nnd der Mutter angstvolles Gesicht, wie sie bei jedem Geräusch Wsammensuhr und auf des Heimkehrenden Schritt horchte. Da War er aufgesprungen von seinem Lager und hatte, selbst von
einer unerklärlichen Angst gepackt, erklärt, er wolle den Vater suchen.
Sie Ivohnten damals in der Klostergasse und er lief zunächst hierher aus die Brücke. In einem Bierhause da nuten au der Elbe pflegte der Vater mitunter eiuznkehreN, vielleicht faß er dort noch. Aber — richtig, an jener Stelle da drüben war es — Doktor Billatte schauderte, er hatte lange nicht mehr an die Stunde gedacht — da fand er den Vater, düster hinabstarreud in das schwarze Wasser, und es war eine Nacht, Wie diese.
Der kleine, welke, gebrochene Mann schreckte zusammen, als die warme Kinderhand ihn berührte, er sah ganz entsetzt in seines eigenen Knaben Antlitz, und erst da, als dieser rief:
„Vater, was wolltest dir tun! Vater, komm da fort, es ist so kalt, und Mutter wartet zu Hanse schon lange" — erst dann kam er zur Besinnung und umfaßte schluchzend seinen Sohn.
In jener Stunde erwachte ein Strom barmherziger Liebe in Armand Villattes Kinderherzen, und Gedanken, die ihn früh reif machten. Er brachte den Vater nach Hanse, er meinte noch die todkalten Hände nnd Glieder zu fühlen, die er mit seinem warmen Hauch zu beleben versuchte, noch die murmelnde Stimme zu hören: „Mon petet! Mon Petit! vH! mon Dien, c’cft fa misörieorde." In jenem Moment höchsten Seelenefsekts redete der Vater wieder seine Muttersprache.
Jetzt waren die Eltern beide tot, aber sie hatten noch ein Ausdämmern besserer Zeiten erlebt. Am Tage nach jener schrecklichen Nacht war eine unerwartete Hilfe gekommen in Gestalt einer Geldsumme als Erlös einer französisch-deutschen Grammatik, welche der Vater geschrieben, die lange nicht anerkannt worden. Nun wurde sie plötzlich in den Schulen eingeführt. Es wurde besser, lichter, von Tag zu Tag.
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Jugendzeit-
Enmierungcn eines alten Gießeners.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
V.
Die Kämpfe in Deutschland weckten natürlich die Streitlust der Gießener Schuljugend. Auf den Gänsäckern, d. h. den Wiesen zwischen dem Walltor refp. dem sich daranschiießenden Teile der Ost-Anlage und deut Philosophenwald, wurde manch schwerer Kampf ausgesochten.
Rach der Aberntung war dort der Tuminelplatz der Schul- jilgend, das herrlichste Terrain für die Spiele, aber auch für die sieh entwickelnde Kämpfe zwischen den Gymnasiasten einerseits nnd den Stadt- nnd Realschülern andererseits. Die Wiesen waren durch breitere und schmalere Wassergräben durchzogen., Die Wurfhölzer boten eine gefährliche Waffe. Das waren gespitzte Hölzer, mit denen in der Weise nach dem Ziele geworfen wurde, daß sie in dem fruchtbaren Boden der Wiese stecken blieben. Es gehörte eine eigentümliche Fertigkeit zur zweckgemäßeu Berwendung. Seit vielen Jahren habe ich diese Art des Spiels nicht mehr gesehen.
Im Herbst 1849 nnd Frühjahr 1850 gab es dort regelrechte Kämpfe, bei denen die Wurfhölzer eine Rolle spielten und es manchmal nicht ohne blutige Köpfe abging. Ich war früh entwickelt nnd infolge Blason damals einer der Stärksten unter den Unter- fekundanern, ein Umstand, der mir öfters die Führerrolle eintrug. Auch der Braud bot manchmal ein geeignetes Schlachtfeld. Man erschien dort zielbewusst. Dem Kampfe gingen, ganz tvie bet den Homerischen Helden, große Worte und Ausforderuiigen voraus.
So wurde eines Tages zwischen uns und den Realschülern, die wir uns! Muf dem Brand bei der großen Aula kampfbereit in ziemlich gleicher Zahl gegenüberstanden, verabredet, daß der Sieg durch einen Zweikampf der Führer entschieden werden solle. Aus unserer Seite war ich der Erwählte, auf Seiten der Gegner der Sohn eines Bäckers, ich meine Kämmerer. Unsere Massen Waren die bloßen Fäuste, die Stöckse mußten abgelegt werdein So stießen und schlugen wir lustig aufeinander los. Dann packten wir uns und nach längerem Ringen brachte ich schließlich, unter dein Triumphgeheul der Klasse meinen Gegner zu Boden, so daß er sich nicht mehr rühren konnte. Es wurde loyaler Weise Wit dem anderen Teile anerkannt, daß wir Sieger seien, nnd ich zvg mit meinen Selterswegern heim. „ '
Es sollte aber so glatt nicht abgehen. Als wir an der Kaplans- gasse vvrübergingen, erhielt ich plötzlich von hinten einen schweren Schlag über den Kops, so daß ich bewußtlos zusammen stürzte. Es war schon dämmerig nnd der Täter entkam unerkannt. Meme Kameraden brachten mich, nachdem ich das Bewußtsein einigermaßen wiedererlangt hatte, nach Hause, und da ich i'wich dort, über meinen Zustand nicht genügend answeisen könnte, wurde mir öt? Teilnahme an den „Spielen" untersagt.
Kindisch war ich noch zur Genüge, was ichoit ole eben u?


