Ausgabe 
10.4.1907
 
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Nr. 5I

MiLlwoH den 10. April

1807

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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Roderich stand mit sich selbst im Zwiespalt, ob dieser Aus­spruch if}it freuen könne; Sylvias «ngenttgenden Vortrag er­kannte er gern an nun, jedenfalls war Hendrichs zu einem gewissen Interesse und nicht ungünstigen Urteil verpflichtet euch des weitern mußte man harren.

Der alte Kommerzienrat redete jetzt eindringlich mit Hendrichs. Ihn schienen dessen Auslassungen befriedigt zu haben. Er lasse seinem Roderich jetzt freies Spiel für seine Lieb­habereien, äußerte er, er sei so begabt in jeglicher Richtung, daß man sich überall des Besten von ihm versehen könne. Es klang der volle väterliche Stolz auf seinen Einzigen aus der Rede des alten Herrn, wenn er auch diesen Stolz häufig unter Spöttereien über die genialen Allotrias des Sohnes verbarg.

Hendrichs fixierte jetzt mit dem Kneifer dieses wunderliche Frauenzimmer in der schäbigcir Sammetjacke, welches Sylvia vorhin mit Jenny Lind verglichen. Das war ja eine ganz er­götzliche Spezies. Er fragte leise Doktor Billatte des nähern nach ihr und erhielt von diesem die nötige Auskunft, soweit sie ihm bekannt war.

Doktor Billatte hatte das ausfallende Spiel zwischen Roderich und Sylvia ebenfalls beobachtet, Erna sah cs ihm au, wie es ihn beunruhigte. Er hatte sich nicht einmal in da-s fröhliche Treiben, das Witzeln und Lachen, das da betrieben wurde, ge­mischt, obgleich er sonst gern lebhaft und heiter mittat, iuo cs der Anlaß bot. Sylvia, welche ein paarmal in ihrer ausge­lassenen Laune das Wort au ihn gerichtet hatte und das ge­wohnte Eingehen vermißte, schmollte, mit ihm.

So saß er denn jetzt wieder neben Erna, sie hatte nur flüchtig ausgeblickt, als er sich ihr genähert, und sie verharrten eine ganze Weile stumm nebeneinander. Sic hatten cs einmal ge­rühmt als eine köstliche Besonderheit ihres Beisammenseins, daß sic sich unterhielten, ohne ein Wort zu sagen. Erna gedachte daran heute abend, und tvie dem nicht mehr so sei. Der friedevolle Zauber jener Tage war gewichen, ihr Herz wogte wild, seine stumme Gegenwart war ihr peinlich.

Er aber sah auf ihre schlanken weißen Finger, welche ein feines Spitzengewebe förderten, und fühlte, wie die unruhigen Wellen in seinem Innern sich sänftigten in ihrer Nähe. Bon diesem Mädchen ging ein Hauch dcS Friedens aus.

Wie störte ihn heut die laute, bewegte Szene da drüben. Diese abenteuerliche, gestikulierende Dame, die da so nachlässig im Sessel lehnte, mit dem vielen Falschen und Unsaubern an ihrem äußern Menschen, Huberte ihn an, sie sah aus Ivie eine Karikatur, und verzerrt, aus dem Natürlichen ins Künstliche verschoben war alles, was sie redete. Wahr war au dieser Frau nichts, als vielleicht ihr verstecktes, übertünchtes Elend, das ihr zwischen den Lappen und Falten überall hervorguckte, das aus dem grellen Lachen und den forcierten, Scherzen herausklang und auf den

ruhigen Beobachter peinlich und abstoßend wirkte. Und nebelt dieser Frau lehnte Sylvia in vertraulichster Nähe, ihre reine Stint ward von dem Atem der Unsanbern gestreift, die welken, ringge- schmückten Finger derselben streichelten Sylvias Lockenhaar. Wie ihm das weh tat!

Wissen Sie etwas Näheres über Fräulein Sylvias Eltern?" fragte er Erna ganz unvermittelt.

Diese schrak zusammen. Also darauf zielte sein Gedanken? gang nein, ihre Seelen dachten nicht mehr dasselbe.

Sylvias Eltern?" wieder,)oltc sie,die sind lange tot. Syl­vias Mutter hat meiner Mama nahe gestanden und darum die Eltern sprechen nicht 'darüber, cs muß sich Schmerzliches daran knüpfen, daher fragte auch ich nie nach Näherem." Erna sprach langsam, zaudernd, sichtlich widerstrebend.Wie kom­men Sie heute darauf?" fetzte sie hinzu.

Ich weiß es nicht ich fand plötzlich eine Achulichkeit, aber cs ist Unsinn eiiD wunderliche Täuschung gleich einer Vision."

Er sprach hastig, stotternd, sic blickten aber einander an, und jetzt gingen ihre Seelenstimmungen wieder zusammen.

Es war spät, der Kommerzienrat zog sich zurück; er tat sich in dieser Hinsicht keinen Zwang an, die Gesellschaft in seinem Hause blieb häufig noch zusammen, ivenn er auch schon gegangen war. Heute abend hatte er viel gelacht.

Sic ist ein tolles Frauenzimmer", sagte er zu seiner Tochter Erna, welche ihm sein Licht einhäudigte, und wies über die Schulter nach der Schwägerin,aber die Kunst zu nuter- halten versteht sic. Damit zwingt sie einen zu einer Duldung,- die man selber unbegreiflich findet."

Erna lächelte in ihrer eigenen Art. Sie für ihre Person fühlte sich durch die Unterhaltungsgabc nicht entschädigt und fand des Vaters Duldung oft unbegreiflich.

Drinnen erfolgte jetzt aber auch allgemeiner Aufbruch. Frau Friederikens Mienen verrieten Müdigkeit; Paul Hendrichs erhob sich zuerst, Roderichs Freunde folgten. Wolfgang Kirsch schüttelte der Kommerzicnrätin unter wiederholten Danksagungen so kräftig die Hände, daß ihre Finger schmerzten, Hermann Wclius ver­sicherte, daß cs einmal wieder himmlisch gewesen sei, und Paul Hendrichs nahm sehr warmen Abschied von Roderich.

Auf Wiedersehen in Paris!" sagte er.

llnd:St, st! die Damen wissen noch nichts von meinen Absichten", raunte Roderich dagegen,aber so Gott will, bald, auf Wiedersehen in Paris!"

Frau Cölestine sollte von den beiden Herren Kirsch und Welins nach Hause geleitet werden und lachte noch mit ihnen draußen auf dem Flur. Doktor Billatte blieb als der letzte zurück. Hoffte er noch einen Blick von Sylvia zu erhaschen oder wollte er von Erna allein Abschied nehmen? Es schien, als sei das letztere der Fall, denn Sylvia eilte an Roderichs Seite mit hinaus auf den Korridor, um der Tante bei ihrer? Umhüllungen zu helfen.

Billatte hatte Ernas Hand ergriffen.

Sie besitzen einen Talisman, der Sie befähigt, de» Menschen ins Herz zu sehen", sagte er;wenn ich bei Ihne»