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S5., C. und D. bleiben nachher einmal hier." Mich hielt er für „ausnahmsweise" unschuldig, weil ich gerade „dran war"; die anderen vier wurden zur Straftz gezogen, ohne daß sie mich verraten hätten und ohne daß ich Gewissensbisse zu fühlen brauchte. Unsere Kameradschaft war jederzeit die denkbar beste.
Unfug in größerem Maße wurde nur bei dem nun längst verstorbenen Dr. Sch. verübt, bei dem es oft unbeschreiblich toll herging. Er führte den Spitznamen „Heddert ch", und weil er so unklug war, sich fortwährend den Aerger darüber anmerken zu lassen, mußte er das verhaßte H, denn schon der harmlose Buchstabe brachte ihn in Harnisch, überall sehen, an der Tafel, den Wänden, den Fenstern, einmal auch an einer kahlen Wand in der Braugasse, durch die ihn täglich sein Weg führte; wir hatten es dort mit zahlreichen, geschickt geworfenen Schneebällen en relief in Riesengröße hin gezaubert. . Daß ihn seine Schwäche und unsere Unarten vorzeitig in den Ruhestand brachten, ist um so bedauerlicher, als er ein schönes Wissen besaß und namentlich Geschichte so vorzüglich vortrug wie kein zweiter.
Vielen Staub wirbelte einst die Vermessenheit eines Obersekundaners auf, der, weil er sich von einem Lehrer ungerecht behandelt glaubte, ein Pamphlet gegen diesen in klassischem Latein auf einen großen blauen Bogen an das Schulhaus heftete. Die Praxis des „Niedrigerhängens" scheint nicht nach dem Sinn des damaligen Kollegiums gewesen zu sein; vielmehr eine mit größtem Eifer geführte peinliche Untersuchung, und schwerlich hat jemals in einem Mordprozeß ein Schreibsachverständiger mit so viel Scharfsinn Schriften verglichen, wie es hier geschah. Allein die Buchstaben, in Lapidarstil mit dem Pinsel gemalt, boten kaum einen Anhalt. Bei den Nachforschungen nach der Herkunft des Bogens förderte eine Haussuchung in einer Druckerei in der Schloßgasse einen Pack ganz ähnlichen blauen Plakatpapiers zutage; ganz wollte die Farbe jedoch nicht stimmen. Erst viel später stellte sich heraus, daß das Papier in der Tat daher stammte, allein das corpus delicti war als oberster Bogen stark verschossen. So sehr sich auch der Verdacht auf den wahren Urheber konzentrierte, so konnte man ihn damals doch nicht fassen; später hat er die Tat freiwillig bekannt.
Die Umgebung des obenerwähnten „Mo r d kellers" habe ich nur einmal nächtlicherweile betreten, als wir im Schweiße unseres Angesichtes einen Pfahl mit der Tafel „Schuttabladestelle" aus der damals ziemlich wüsten Gegend der heutigen Ostanlage nach dem „Pennal" brachten und es an dessen Tor aufpflanzten. Doch die Rache folgte dem Frevel auf dem Fuße. Der Pedell, der alte Voh- winkel, kam gerade aus seiner Stammkneipe in der nahen Brandgasse und sah eben noch zwei verdächtige Gestalten in der Braugasse verschwinden. Mit strategischem Geschick entwarf er seinen Plan. Er kehrte rasch um, schickte einen Zechgenofsan durch die Walltorstraße uns entgegen uii£>; folgte selber unserer Spur. So wurden wir entdeckt und verfielen der rächenden Nemesis.
Auf dem Schießplatz neben dem Trieb, an derselben Stelle, wo heute der Schützenverein sein Heim hat, ragten damals zwei hoch aufgemauerte, aber verfallende Kugelfänae empor, deren verwahrloster Zustand unser ästhetisches Gefühl beleidigte. Wir verfielen auf die geniale Idee — es war ein künftiger Ingenieur-Offizier unter uns — sie kunstgerecht mit Pulver zu sprengen. Gedacht, getan. Eine Mine wurde gelegt, die Zündschnur angesteckt, und im nahen Gehölz verborgen sahen wir dem Ausbruch der Katastrophe zu. Einmal näherte sich, als gerade die Schnur angezündet war, ein harmloser Spaziergänger der sonst so einsamen Stätte und kam der Mine bedenklich nah. Da war uns doch nicht wohl zu Mute. Sollten wir hervorspringen und ihn warnen? Damit hätten wir uns zugleich verraten müssen. Sollten wir ihn ahnungslos der Gefahr entgegengehen lassen? Näher und Eherkam er der Mine. Da stieß einer von uns einen gellenden Pfiff aus. Der Herr stutzte und sah sich nach unserem Versteck um. In demselben Augenblick erfolgte Die Explosion, und jener trat verdutzt, aber doch unverletzt den Rückzug an.
Gewiß hat keiner dieser Heldentaten ein tieferer Witz zugrunde gelegen, und die Streiche in dpr Schule wird
mancher pietätlos finden. Allein man muß die Jugend nehmen wie sie ist. Sie betrachtet nun einmal das Verhältnis zu den Lehrern weit mehr als einen Kampfzustand. Das Gefühl der Pietät und Dankbarkeit gegenüber den Männern,, denen wir so viel verdanken, kommt meist viel später. Lernt man doch oftmals erst in reiferen Jahren die Verdienste manches Mannes würdigen und seine größeren oder kleineren Schwächen — und wer hätte deren nicht? — richtig zu beurteilen. So habe ich immer gefunden, daß das umfassende Wissen, die Tiefe und Gediegenheit, vor allem aber die charaktervolle Persönlichkeit des Herrn Prof. Stamm von der Schuljugend lange nicht nach Gebühr gewürdigt wird. Man frage dagegen seine ehemaligen Schüler in reiferen Jahren, mib man wird nur Worte 'be- wundernder Anerkennung und Hochachtung finden. Da sind in ihrem Urteil alle einig!
* W i e man Vögeln das Singen lehrt, erzählt eine englische Wochenschrift. Es dürfte vielleicht wenig bekannt fein, daß cs Menschen gibt, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Lerchen das Singen zu lehren, denn die zahmen Lerchen, die man als Singvögel in den Zimmern halt, müssen erst gründlich „ausgebildet" werden, ehe sie so weit kommen. Früh ausstehen ist bei diesen! Geschäft die Öauptsachc. Vvr dem ersten Morgengrauen muß der Mann mit seinen Zöglingen hinaus auf die Felder, die jungen Lerchen werden in Käfigen mitgenommen, damit sie erst einmal die wilden singen hören, und da bekanntlich die wilden Lerchen immer am frühen Morgen am besten singen, weit besser als später am Tage, so muß man iminer sehen, möglichst früh mit ihnen hinaus zu gehen. Die Geduld, die man dabei haben muß, darf natürlich nicht unterschätzt werden, obwohl es manche Lerchen gibt, die ein außerordentlich, gutes Gehör haben und sich die Art des Singens der wilden Vögel sofort merken, während andere wieder und immer wieder hinausgebracht iverden müssen/ bis sie sich endlich die Melodie merken können.
Musik.
— Beethoven. Von Professor Tr. Freiherr von der Pfordt en. 151 Seiten. Mit einem Porträt des Künstlers von Franz Stuck. (Wissenschaft und Bildung Band 17.) Gebunden in Originalleincnband 1.25 Mk. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. 1907. — Einen Wegweiser zu Beethovens künstlerischer und menschlicher Größe, möchten wir dieses kleine Werk bezeichnen. Es ist von einem geschrieben, dem cs ernst ist mit der Kunst und der es verstanden, Beethovens titanische Größe zu ahnen. Die Sonaten und die Kammermusik, die Symphonien, insbesondere die neunte, der Fidelio, die Missa Solemnis sowie die letzten Werke des Meisters finden eine eingehende Würdigung und Erklärung. Ueberall werden uns die Wege gewiesen, um in die Tiese Beethovcnscher Musik einzudringen und den Menschen und Künstler in seinem innersten Wesen zu erfassen. ,
Goldene Worte.
Wer endlos wählt und sich besinnt, Gewöhnlich das schlechteste Teil geivinnt; Wer vorschnell zugreüt, dcsf' Verstand Sitzt, statt im Kopie, in der Hand, Nur ruhig Besinnen und rasch Erwählen Läßt viel gewinnen und ivcnig verfehlen.
O. Bank.
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Die Dummheit drängt sich vor, um gesehen zu werden; dis Klugheit steht zurück, um zu sehen. Carmen Sylva.
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Wer schweigt, hat wenig zu sorgen;
Ter Mensch bleibt unter der Zunge verborgen.
Goethe.
Berstcck-Rritföl.
m Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „au" in „Wanderer".
Gartenhaus — Beiteleisen — Samstag —Eitelkeit — Kriegslist — Diedenhofen — Gabelfrühstück ----- Wüstegicrsdori — Schlot- hciin — Butterblume — Riescnfaultier.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Ergünzungsrätfels in voriger Nuininerr
Wenn dich eine Sorge drückt, Nimm um fremdes Leid dich an, Und du fühlst cs bald getan, Daß das deine ferner rückt.
MgMnW i ttro. — RLtajjonsdruA.Md Verlag.der-Brüh.lMe« Universitäts-BulL. undEteiadruckerei. R. Lange. G/eßen.^


