Ausgabe 
9.11.1907
 
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Samstag den 9. Hlovsmöer

1907 - Wr. 166

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Auf der eigenen Spur.

Kriminalroman von Otto H o e ck e r-

(Nachdruck verboten.)

iFortietmiig. >

Auf das Gesicht meiner Tochter bin ich neugierig, teile ich ihr die neueste Entwickelung mit. Doch das nur nebenbei. Ich weis; durch meine Tochter, die es wieder von dem von ihr ver­götterten Malermeister erfahren hat, das; zwischen Leonore Scl- kenbach und Witte zärtliche Beziehungen herrschen. Aus dem kurzen Rededuell zwischen Vater und Tochter scheint hervorzu­gehen, das; diese einen abenteuerlichen Plan ausgeheckt hat, ihren Vater zur Einwilligung zu zwingen. Sclkenbach mag sich zuhause gehen gelassen haben; er hat Fran und Tochter gegen­über vielleicht auch auf den starken Wachtfaktor gepocht, der sich in Gestalt seiner sogenannten Gcschüftspapierc in seinem Privat-- kassenschrank bcsanv . . . nun hat er seine Tochter ja selbst ver­schroben und überspannt genannt. Wer weist, ob sic da nicht auf den abenteuerlichen Plan verfallen ist, einen Einbruch zu fingieren, nm dann den Geliebten als rettenden Helden auftretcn lassen zu Tonnen, mit der erfreulichen Perspektive auf Ver­lobung."

Eine etwas geivagte Vermutung, Kollege", gab Rat Kneift zu bedenken.

Ich komme nur noch darauf, iveil Witte sich heute in meinem Bureau einfand und unsere, bekannte Droschkenleiche mit voller Bestimmtheit als seinen früheren Zimmerwirt Gustav .Schuhmacher rekognosziert hat."

Ich denke, Walden hat auf Grund einiger Photographien aus dem Verbrecheralbum den Toten als gefährlichen inter­nationalen Verbrecher entlarvt."

Hat er auch. Dem Pariser Bilde liegen die genauen Körper- maste nach dem Bertillonschen System bei sie stimmen haar­scharf."

Das genügt zur Feststellung. Diese Maße sind untrüglich. Es gibt keine zwei Menschen auf Erden, welche ausnahmslos ein und dieselben Maste aufzuweisen haben."

Weiß", meinte Hausemann griesgrämig.Run steht die Wittesche Aussage aber nicht allein, da ist ein Schuhmann Ro- kohl, der in dem Toten gleichfalls und mit voller Bestimmtheit den Schauspieler Gustav Schuhmacher agnosziert. Eine große, merkwürdige Stirnnarbe spielt hierbei eine große Rolle".

Einerlei,. das Bertillonsche System gibt den Ausschlag."

Ganz recht, wenn nur Walden nicht mit diesem Schuh­macher gleichfalls eng befreundet wäre ... ist die Aehnlichkeit zwischen ihm und dem Toten eine solch frappante, Ivie kommt es, daß er sie übersehen konnte."

Sie hegen doch nicht etwa Mißtrauen gegen Walden?" unterbrach ihn Kneift lachend.Für den guten Jungen bürge ich, der ist über jeden Verdacht erhaben."

Wem sagen Sie das! Ich könnte einen Sohn nicht lieber haben. Doch, ich habe meine Beamtenpflicht zu erfüllen."

Ich will Ihnen was sagen", meinte Kneift schließlich.. Die Sache mit Walden ift natürlich Quatsch, wenn schon

zugebe, das; sein Verhalten der Aufklärung bedarf. Wir von« Bau sollten uns indessen, gar einem jungen und verdienten Kollegen gegenüber, davor hüten, vagen, unbewiesenen Indizien größeres 'Geivicht einzuräumen. Dagegen will mir die Sache mit Ihrem Maler einleuchten. Schuhmacher oder Baker so viel scheint festzustehen. Er und Witte waren zumindest gut _ mit­ein mtber bekannt. Witte kannte ihn wohl auch als verzweifelten Charakter, wußte wohl auch, das; sein bisheriger Zimmerwirt Feinmechaniker oder Kunstschlosser eigentlich von Beruf war . . . Ra, sollte es da nicht wirklich zu einem Verständnis zwischen dem schönen Fräulein Leonore und ihm gekommen sein? Es wird ihm nicht übertrieben schwer geworden fein, den Kumpan heimlich in das festliche Haus einzuschmuggeln. Die Tochter des Hauses mag für die richtigen Schlüssel gesorgt haben und das übrige wissen wir."

Hm ja, unsere Vermutungen decken sich. Man führt sich aber doch nicht bei einem Schwiegervater in spe ein, indem man ihm die. Familienjuwelen stiehlt. . . selbst die Geschichte mit denGcschäftspapieven", die nur entwendet werden sollten, um für die Hand der Tochter wieder zurückgegeben zu werden, kommt mir äußerst gewagt vor, mag man dem romanhaft überspannten Phantasieflug einer höheren Tochter auch noch so viel zu gute halten. Jedenfalls sind dann die Papiere an die falsche Adresse gekommen . . . doch da sind wir!" unterbrach er sich.

Die Droschke hielt vor der Selkenbachsche Villa und die beiden Beamten stiegen aus.

Der Untersuchungsrichter ivar noch nicht eingetroffen. Auch Kommissar Thomnicn war nicht zugegen, sondern er hatte aus eigener Machtvollkommenheit eine Anzahl Schuhleute in Zivil von; nächsten Revier durch den Fernsprecher herbeigeordert, hatte sie zur Aufsicht im Hause verteilt, und war dann selbst sort- gegangen, für seinen Vorgesetzten einige flüchtig hingeworfene Zeilen des Inhalts hinterlassend, daß er in Verfolgung einer neuen, wichtigen Spur Begriffen sei und baldmöglichst zurück- kehren werde.

Die Geheimrätin halte unmittelbar nach der Absuhrnng Selkenbachs ihre Anfälle bekommen; sie hütete nun das Bett. Auch die Tochter des Hauses hatte sich unsichtbar gemacht; wie die Dienerschaft berichtete, war fie_ in sehr verstörtem Zustande von einem Ausgang, den sie ungesäumt nach der Fortfahrt der Beamten angetreten, vor etwa Stundenfrist wieder zuruckgekelM und hatte sich in ihrem Zimmer eingeriegelt.

Die Dienerschaft huschte wie ein verscheuchtes Huhnervvlk tut Hause herum; die Mädchen weinten unb dachten bereits ans Packen, ' die männlichen Diener dagegen standen zumeist nase­rümpfend und hatten von ihrer devoten Haltung viel emgebnßt.

Hansemaun beschied beit Hausmeister und zeigte ihm die Balder des Toten.Kennen Sic dieseii Mann?" ...

Von Kennen kann da nicht groß die Rede sein, indem ev nur ein Aushilfskellner war," platzte der Hausmeister ärgerlich heraus. .., ,

Hansemann hatte die Empfindung, als ob er sich wenigstens moralisch, ohrfeigen sollte; wie konnte ihm das passieren, nicht gleich darauf zu kommen! Natürlich mußte man den Verbrecher