Ausgabe 
9.10.1907
 
Einzelbild herunterladen

Wor dreißig Jahren.

Erinnerungen eines ehemaligen Giessener GyMNasiasten.

Wer etwa gelegentlich der Jubelfeier unserer Hochschule nach langjähriger Abwesenheit zum erstenmal wieder den ehemaligenBrand" besuchte, der wird nicht wenig ge­staunt haben über die großen Veränderungen, die der Platz mittlerweile erfahren hat. Freilich sind nicht alle Ver­änderungen erfreulicher Art: in dem geschmacklosen Neu­bau links vom Eingang zur Kaserne hat sich ein uns un­bekannter Garnison-Baumeister kein Denkmal gesetzt, und die alte Schanze, derMordkeller" auf der Nordseite gab dem Platz immer noch einen harmonischeren Abschluß als die Wolkenkratzer, die heute dort stehen und den altehrwürdigen Bau der Zeughaus-Kaserne störend beeinträchtigen. Sehr glücklich dagegen ist die Aufgabe gelöst worden, den nüch­ternen Bau des alten Gymnasiums erweiternd um­zugestalten. In der neuen Gestalt gereicht die Provinzial­direktion dem Platz in der Tat zur Zierde.

Ein einfaches, ansprechendes Gebäude," so ist in irgend einer älteren Beschreibung Gießens euphemistisch das Schulhaus genannt, in dessen Räumen wir bis zum Umzug in den Neubau an der Südanlage (Ostern 1879) unterrichtet wurden. Man war damals noch nicht so anspruchsvoll wie heute; an Zentralheizung dachte noch niemand, und eine eigene für jede Anstalt wäre damals jedermann, und vielleicht nicht mit Unrecht, als der größte Luxus erschienen. Die Lage gerade gegenüber der Kaserne, die damals noch zwei volle Bataillone herbergte, gab auch zu mancherlei Störungen Anlaß. Uns Schülern freilich war es stets eine willkommene Unterbrechung, wenn mitten in der Stunde plötzlich mit Pauken und Trompeten die Regimentsmusik aufzog, die damals schon von Krauße dirigiert ward.

Daseinfache, ansprechende Gebäude" war der alten Aula, die ganz in seiner Nahe steht und äußerlich kaum verändert ist, sehr ähnlich, nur daß letztere durch ihre größeren Maße noch eintöniger und ermüdender wirkt. Heute würde man das eine wie das andere als kahle, ge­schmacklose Kasten bezeichnen. Und doch knüpfen sich für mich wie für viele Hunderte an den braun verputzten Bau die schönsten und lebhaftesten Erinnerungen aus der Schulzeit. Neben den Direktoren Weidner und Schiller (seit 1873) waren damals hier eine Anzahl ungewöhnlich tüchtiger Pädagogen tätig; ich nenne nur die Namen Hainebach, Witt­man«, Stamm, Rausch, Curschmann und Schulteß. Dr. C u r s ch m a n n ist im besten Mannesalter als Direktor jin Friedberg gestorben, Dr. Wittmann, langjähriger Direktor in Büdingen, lebt als Geh. Schulrat i. P. in Heidelberg, Dr. Schulteß hat als Direktor des Johan- neums zu Hainburg eine der angesehensten und bestdotierten Stellen in Deutschland inne; Dr. Rausch ist nach mehr­jähriger Tätigkeit in Worms nach Gießen zurückgekehrt; D. Stamm ist der einzige, der heute noch an derselben Anstalt erfolgreich wirkt. Professor Hainebach da­mals war der Professortitel noch eine seltene Auszeichnung habe ich nicht mehr lange als Lehrer genossen. Er paßte nicht zu Schillers Eigenart und zog sich bald freiwillig' in den Ruhestand zurück. Neber Schillers Persönlichkeit, die ja den meisten Gießenern noch in frischer Erinnerung ist, will ich mich hier nicht verbreiten. Wo viel Licht ist, da ist auch starker Schatten. Sein herrisches Wesen sührte von Anfang an zu häufigen Konflikten mit den älteren Kollegen, die auch uns Schülern nicht verborgen blieben. Später schuf er sich aus jüngeren Lehrern ein Kollegium, in dem er kaum noch auf Opposition stieß. Von vielen Schülern hoch verehrt, von ebenso vielen bitter gehaßt mau wird selten einen Lehrer finden, der so verschieden beurteilt worden ist.

Weidner war bereits nach Darmstadt übergesiedelt, als ich in die Oberklassen aufrückte. Er war bekanntlich ein Philolog von europäischem Ruf und hatte in Gießen die scharfe Tonart begonnen, die später von Schiller in ver­stärktem Maße fortgesetzt wurde. Damals hatte der Geh. Staatsrat v. Knorr dieUeberbürdun gs-Konfe­i'enz" noch nicht in Szene gesetzt, und Schiller wünschte es, daß jeder Lehrer gleich ihm die Schüler tüchtig einspann, wie er selber auch die eigene Kraft und die seiner Lehrer aufs äußerste in Anspruch nahm. Ein Philolog, der Schüler ünd dann Lehrer unter Schiller war, sagte mir einmal: Schillers Pädagogik gipfelt in der Kunst, mit möglichstem Kraftaufwand von Lehrern und Schülern möglichst wenig

599

zu erreichen;" ein hartes Urteil, das aber bei aller Ueber- treibüng viel Wahres enthält. Ein mir befreundeter Arzt versichert, er führe die dauernde Schädigung seines Nerven­systems ausschließlich auf Schillers Unterrichtsvetrieb zurück. Andererseits darf nicht verschwiegen werden, daß Schiller als Lehrer auch wieder in hohem Grade anregend war. Seine Plato- und Horazstunden sind mir in besonders guter Erinnerung.

Das Gießener Gymnasium stand damals im Ruf großer Strenge, und zahlreich wanderten die Schüler der Ober­klassen nach benachbarten Anstalten aus.Man sieht keinen Gymnasiasten mehr auf der Straße," so hörte ich einen Stu­denten sagen, ehe ich aus der Provinz nach Gießen kam, und ich fand seinen Ausspruch bestätigt. Ein Gütes hat die starke Anspannung unserer Kräfte übrigens gehabt: Geheimer Wirtshausbesuch und Schülerverbindungen, wozu gerade in einer Universitätsstadt bk Versuchung so groß ist, waren in meiner Klasse wenigstens durchaus unbekannt.

Von dem Stabe älterer Lehrer, die den Direktor um­gaben, steht mir jeder einzelne noch in lebhafter Erinne­rung. Da war zunächst der alte Hainebach, der sich umso­mehr geehrt fühlte, je geräuschvoller einem seiner gelegent­lichen Witze von den Schülern applaudiert wurde. Wie oft haben wir aus seinem Munde das Verschon vernommen, das er zur Abwehr unrichtiger Formen gebildet hatte: Kief ist schief, und gehießen sagen die Leute in Gießen." Natürlich wurde durch absichtlichen Gebrauch der unrichtigen Form die Anwendung des Verses immer wieder geflissent­lich provoziert. Dr. Wittmanns ruhige, bestimmte Festig­keit kontrastierte stark mit der nervösen Lebhaftigkeit seines Kollegen Dr. Curschmann, der den deutschen Text für das griechische Extemporale schon an.f dem Korridor oder gar auf der Treppe zu diktieren anfing und dann ins Zimmer stürzte mit den Worten:Na, 's könnte schon fertig geschrie­ben sein." Von Dr. Gaquoin hieß es, er stamme von einem Neger ab, der Hofkoch in Darmstadt gewesen sei; sein Name und seine gelbliche Gesichtsfarbe wiesen wenigstens auf exotische Abkunft hin. Unbeliebt war eigentlich kein einziger unserer Lehrer, wenn auch der jugendliche Neber- mut sich gelegentlich in mutwilligen Streichen Luft machte; denn Kopfhänger und Duckmäuser sind wir bei aller Ueber» bürdung nicht geworden. Gerade der Druck, der auf uns lastete, ließ manchen gelegentlich erst recht über die Stränge schlagen. Einst erschien in unserer Klasse ein neuer Lehrer und verlas, wie üblich, vor Beginn des Unterrichts die Namen, um seine Schüler kennen zu lernen. Nun hatten zwei lustige Vögel ich will sie Müller i.;;b Schulze nennen, weil beide in Gießen bekannte Persönlichkeiten sind für diesen Fall den Tausch ihrer Namen verabredet. Ward fortan Müller aufgerufen, so erhob sich zu unserem großen Gaudium Schulze, und umgekehrt. Das ging lange Zeit so fort, bis die Sache herauskam und jedem eine Kürzer- strafe einbrachte.

Ein neu erfundener Trick wurde öfters in dem Fest­saal in Szene gesetzt, in dem wir wegen Raummangels zeitweilig Unterricht hatten. Er konnte mit dem an­stoßenden Klassenzimmer durch eine Flügeltür verbünden werden. An diese Tür wurde nun eine unbenutzte Wandtafel fast senkrecht angelehnt. Wenn dann im verabredeten Augenblick im Nebenzimmer ein Schüler von seinem Sitz aus ganz leise mit Fuß oder Ellenbogen an die Tür drückte, so schlug die Tafel um, langsam und fast geräuschlos infolge des Luftwiderstandes, aber eine ungeheure Staubwolke quoll darunter hervor. Daß wir darunter ebenso zu leiden hatten wie der Lehrer, genierte uns nicht. Ein anderer Scherz war dasT i s ch r ü ck e n". Der lange Tisch wurde von den dahinter Sitzenden durch einen leichten Druck der Schenkel etwas gelüftet tutb dann langsam nach links oder rechts oft meterweit fortbewegt. In einer Homerstunde bei einem jüngeren Herrn, Dr. Z., war unser Tisch wieder einmal lebhaft in Bewegung. Ich merkte nun, wie Z., scheinbar unabsichtlich, einen iiach dem andern von unserer Bank aufrief, um den Schuldigeii zu ermitteln. Er fetzte namuch einen Täter voraus, während natürlich stets mehrere be­teiligt waren. Drei, vier hatte er schon aufgerufen, ohne daß der Tisch zum Stillstand kam. Da kam die Reihe an mich, als lOten, und siehe da, er stand mauerfest. Mir ward unbehaglich, und zugleich verdroß es mich, daß die Kameraden mich im Stiche ließen. Rasch entschlossen, schob ich den Tisch während des Lsssens mit einem kräftigen! Ruck, aber unbemerkt zur Seite.Halt!" rief Dr. Z.,der A.,