Ausgabe 
9.8.1907
 
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Samstag den 9. August

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MS Maß!| ivs^SW

Künsten unter der MEe.

Roman von M. Proßnitz (M. Nörenberg).

Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt, l^ortsetzung.)

»Angstvoll griff Veltlingen ihr in die Zügel. Umsonst dazu war es zu |W--. In wilden Sätzen stürmten die durch­

gehenden Tiere den Weg entlang, der anfänglich ziemlich glatt und eben, immer holpriger und schlechter wurde, je tiefer sie in den Wald kamen. Der leichte Wagen flog bei jeder Baumwurzel derartig hin und her, daß die Insassen mehr als einmal in Gefahr waren, herausgeschleudert zu werden.

Leichenblaß, mit angstvoll aufgerissenen Augen, saß Fredine neben ihrem ebenso bleichen Begleiter. Sie hatte völlig die Herr­schaft über die aufgeregten Pferde verloren, die in langen Sätzen dahinstürmtcn. Es war eine entsetzliche Fahrt. Eine Fahrt aur Leben und Tod!

Darüber waren sich die beiden Menschen da vorn auf dem Bock ebenso kijar, wie der Kütscher hinter ihnen, der in seiner Herzensangst ein Stoßgebet nach dem andern zum Himmel empor­sandte. ~

Spähend hatte der Mann sich aufgerichtet. So lange der Weg einfach geradeaus ging, nwchte die Sache ja wohl gut auslaufen. Wenn sie nur erst über die Brücke waren; nachher ging es bergauf. Da würde den Gäulen ja wohl die Lust aus­gehen ... .

Da schrie der Kütscher mit einmal angstvoll auf:

Herrgott, die Briicke ist gesperrt. Ein Baumstamm liegt vorn: Uebcrgiang!"

Vergebens siechten Veltlingen und der Kütscher nut ver­einten Kräften die Durchgänger aufzuhaltcn. Näher und näher kamen sie der verhängnisvollen Stelle. In langen Sätzen stürm­ten die schnaubenden Tiere weiter ins Verderben . .'.

Und dann ein Küachen und Splittern, ein hartes Aufschlagen.

Knackend brachen rechts ein paar Tannenzweige unter der weißen Last, die da plötzlich auf sie niedersauste. Ein dumpfer Fall und dann war alles still. , . ..

Mit zerrissenen Strängen, die Leine hinter sich herschleifeno rasten die Pferde weiter--

Still und traurig saß Dagmar während der Zeit in ihrem Zimmer, dessen Einrichtungen Veltlingen damals gar nicht schön und kostbar genug haben konnte. O, wie deutlich sie sich dessen iwch entsann !Sie schlug mit leisem Aufweinen die Hände vor das bleiche Gesicht. Große, klare Tropfen perlten ihr langsam durch die schlanken Finger. '

Mit einer müden, hoffnungslosen Bewegung ließ sie endim; die Hände sinken. O, über düs Grauen, das sie vor der Zukunft empfand! Was sollte werden? So konnte das nicht fortgehen.

Sie fiantt und sann. Wie gelähmt durch einen dumpfen Druck, die Ahnung von irgend etwas Schrecklichem, so saß sic da. Und dabei merkte sie nicht, wie die Zeit verging. Tie Sonne wär längst zur Rüste gegangen und die eigentümlich helle Däm­merung eines klaren Augustabeuds hereingebrochen, als Anna mit erschrecktem Gesicht in das Zimmer trat.

Ein sonderbares Empfinden beschlich Dagmar, als sie daH ängstliche Gesicht des Mädchens sah. . Sie wußte plötzlich mit unumstößlicher Gewißheit es war ein Unglück geschehen! und dabei empfand sie weder Schreck noch Unruhe.

Ich habe es ja gewußt, daß irgend etwas Entsetzliches kommen würde," zog es ihr schemenhaft durch den Sinn, wäh­rend sie sich mit automatenhafter Ruhe erhob. Sie fragte auch nicht, was geschehen sei, sie folgte nur schweigend dem voran­gehenden Mädchen nach dem Wohnzimmer

An der Tür heminte sie den Schritt.

Ist der Herr bewußtlos?"

Jja", antwortete Anna zitternd, und doch heimlich aufatmend, daß sie Dagmar noch etwas vorbereiten konnte.Exzellenz ist mit dem Wagen sehr schwer gestürzt."

Tie Baronin achtete nicht auf den ersten Don, den die Ant­wortende auf das sehr legte.

Das ist gut", sprach sie leise, und dachte, daß Magnus sie sonst vielleicht nicht an seinem Bett geduldet haben würde. Wenn sie ihn treu und unermütlich pflegte, und düs wollte, sie, konnte dann nicht doch noch alles gut werden? Gut werdest um des Kindes willen? .

Ein Strahl von Hoffnung glitt über ihr blasses Gesicht. Sie öffnete mit fester Hand die Tür.

Sonderbar, man hatte die Vorhänge herabgelassen. Kein Strahl des scheidenden Tageslichtes koiinte herein. Statt dessen war die grünverhangene Lampe auf dem Schreibtischee ihres Mannes angezündet worden.

. Dagmar konnte anfänglich nichts in diesem Halbdunkel unter­scheiden. Dann sah sie, daß Franz und ein Fremder sich an der Chaiselongue zrr schaffen machten, auf welche man Veltlingen gelegt hatte. Mit zögernden Schritten trat sie näher.

Jin Zorn geschieden krank zurückgekommen," fuhr es ihr traurig durch den Sinn. Wie traurig das war!

Als die beiden Männer das Oeffnen der Tür hörten, rich- teteir sie sich wie auf Kommando in die Höhe, in schweigendem Einverständnis Dagmar den Anblick Veltlingcns verdeckend. Sie bemerkte das nicht. ,

Mein M!ann ist bewußtlos?" fragte sie leise. _

Ja, Exzellenz," entgegnete der Fremde.Doktor Lmn-, dow," fügte er vorstellend hinzu.

Dagmar neigte leicht das Haupt.

Halteii Sie den Zustaiid für ernst, Herr Doktor?

Für sehr ernst, Exzellenz." Dstbei glitt sein mttletbtgel Blick über sie hin. .

Es ist hier so. dunkel," fuhr sie zaghaft fort,glaubest Sie, daß mein Mann das Licht blenden wird?"

Nein, Exzellenz." , ,

Tas war wieder in dem gleichen, sonderbaren Don gesagt. Doch Dagmar achtete nicht darauf.

Tann machen Sie es hell, Franz."

Und als der fragend zu dem Arzt hinsah, drehte sie un­geduldig selber die große Kron: M; da gewahrte sie die sor­genden Gesichter der beiden.

Keine Angst, Herr Doktor," meinte sie beruhigend. Mu