Ausgabe 
9.8.1907
 
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zwei Schritten itictr sie neben der Chaiselongue. Ms sie sah, daß. das Antlitz ihres Mannes verhüllt war, stutzte sie einen Augenblick, laber dann ergriff sie doch, .ehe der Arzt es hindern konnte, mit einer riaschen Bewegung Veltlingens Rechte, die unter der Decke hervorsah.

Entsetzt und an allen Gliedern zitternd, ließ Dagmar sie fallen. Unnennbarer Schrecken lag auf ihrem leichenblassen Gesicht.

Er ist doch Nicht. . Ihre bebenden Lippen wagten das Wort nicht ausznsprechen.

Der Doktor nickte schweigend. Ihm tat die BedauernA- werte grenzenlos leid.

Ihm ist es" wohl," sprach er gedampft.Sein Ende war leicht und schmerzlos. Ter heftige Stoß hat ihn sicherlich so­fort betäubt."

Dagmar hörte gar nicht mehr, was er sagte. Tot, tot, klang es ihr in den Ohren. Tot, tot. Regelmäßig wie Pendelschljag glaubte sie dieses eine bittere Wort zu vernehmen. Tot, tot. . .

Ein heftiges Zittern überrann sie von Zeit zu Zeit. Sie fühlte es wohl aber ihre Gedanken kamen nicht lvs von dem einen schrecklichen Wort.

Da schlug die Stimme des Arztes mahnend an ihr Ohr:

Zusammen nehmen, Exzellenz, zusammen nehmen. Nicht dem Gefühl der Drlauer so uachgeben. Das geht nicht."

Geht nicht," wiederholte sie mechanisch, und sah ifnt an mit Lin em Blick, der in himmelweiten Fernen zu sein schien. Sie hob plötzlich die Hsned, um das Tuch von Veltlingens Gesicht zu nehmen.-

Ich will ihn sehen."

Auf keinen Fall!" entgegnete der Arzt. Das klang so feß und bestimmt, daß Dagmar ihn ganz verwundert ansah.

»Tas darf nicht sein, Exzellenz. Es ist wirklich unmöglich. Ter Anblick ist nichts für Damennerven das Gesicht ist zer­schmettert," setzte er hastig hinzu, als Tagmar ihn verständnis­los lansah.Es geht nicht, Exzellenz!"

Geht nicht," wiederholte sie von neuem, immer in dem gleichen, sonderbar klanglosen Tonfall.Geht nicht." Sie schritt langsam mit nachdenklich gesenktem Haupt in das Neben­zimmer. Mechanisch ließ sie sich dort in einen Sessel sinken.

Tot! Wie ihr das Wort immer wieder in den Ohren klang! Es dröhnte ihr ordentlich der Kopf davon. Aber das eine war sonderbar das Grauen, welches sie vorhin dabei empfunden hatte, das war fort. Sie schloß einen Augenblick die Lider. Wie das noch immer sumuite und brummte!

Tot, tot, immer in dem gleichen, tiefen Ton. Sie hob lauschend den Kvpf.

Richtig, so wars- wie Sterbeglocken! Sterbeglocken =- glocken . . . bum bum bum. .

Ein glückliches Lächeln flog über ihr Gesicht. Ihre Ge­danken verwirrten sich,

Sterben Merden. Das' war Ruhe. Ruhe ja sie war so müde so mii- de siei starb so L gern =3 ~ _ _ __

Mit fall dem'Mmp und all der Feierlichkeit, die der hohen Stellung des Verstorbenen angemessen war, wurde Veltlingen in dem ftften, düster» Erbbegräbnis üeigesetzt. Zahlreiche Reden .priesen dabei die vielen Verdienste desallzufrüh" Entschlafenen.

Ter Herzog war in höchsteigner Person bei der Trauer- seier zugegen, von den zahlreichen Leidtragenden ganz zu schweigen, denen nach dem Bekanntwerden von der beabsichtigten Anwesenheit Seiner Hoheit, ihre Teilnahme an der Beisetzung setzt ebenso unerläßlich, wie vordem überflüssig erschienen war.

Ter Verstorbene konnte zufrieden sein mit den Ehrungen, die Man ihNl auch jetzt hoch erwies.

Doch während draußen in Veltlingen die sterblichen Reste des Hofmärschalls beiges-etzt wurden, rang drinnen in der Stadt sein junges Weib in schwerem Kampf.

Sorgend stand Fran von Borgwardt, die seit Veltlingens Tod bei der schwer erkrankten Dagmar weilte, an deren Bett. Zu katloser Angst sah sie von einem Arzt zum andern. Wch ernst die Gesichter der Herren waren! Sie blieben auch ernst, hls sie endlich das kümmerliche Menscheirpflänzlein sahen, das vwl zu früh das Licht der Welt erblickt hatte.

"Ein Sohn!" Mit Windeseile ging die Nachricht durch

D"Ns. Aber die Freude der Leute warb gar sehr durch den Nachsatz gedämpft:Exzellenz ist in großer Gefahr."

Besorgniserregend matt und schwach lag Tagmar ans ihrem Schmerzenslager, teilnahmlos vor sich hinstarrend, oder milde dre Auge» geschlossen haftend.

Anfänglich sah sie das Kind mit keinem Blick an. Ihr war alles so gleichgültig, so unsagbar gleichgültig! Aber als das jämmerliche, kleine Wesen urplötzlich nach vier Tagen die Nottaufe bekommen umßte, erklärte sie erregt, daß es den Namen Christian, nicht Magnus, erhalten solle. Und dann ließ sie es sich reichen . . .

»Das erstemal, daß Mntterhände dich berühren," sprach Fvan von Borgwardt leise, als sie Tagmar das Kind gab, deren scharfe Ohren sehr wohl die Worte gehört hatten. Heiße Tränen stürzten ihr mit einmal aus den Augen.

Mein Herzblatt," murmelten ihre blutlosen Lippen.

Seit jenem Tage ging eine sichtbare Aenderung mit Dagmar vor. Sie wollte sich nicht mehr so sehr den trüben Gedanke» geben, wollte leben um ihres Kindes willen.

Tjas ist recht, Exzellenz!" lobte der Professor.Nur nicht den Lebenswillen verlieren. Geben Sie acht, jetzt geht die Genesung noch mäl so schnell."

Aber Fräu von Borgwardt verhehlte er keineswegs seine Sorge u m Tiagmars erschütterte Gesundheit. Um des Hirnrnels!- willen keine Erregungen!

teilte Erregungen! Wie mochte der Schwergeprüften zu Mut sein (als sie, huftrt acht Tage später das flackernde Le­benslicht des lleinen Christian sanft erlöschen sah?---

Ungefähr um die gleiche Zeit wjard Fredine zum erstenmal der Berbänd von den gebrochenen Armen genommen. Aber sie War viel zu schwach, um die solange bandagierten Glieder heben zu können. Angstvoll sdh sie den Hofrat an.

Tjas kommt alles wieder, Gräfin," tröstete der alte Herr, laber er entfernte sich doch eiliger als sonst. Es war ihm schon lieber, er erlebte es nicht, wenn sie sich zum erstenmlal in de» Spiegel sah. Und das, so kalkulierte der Erfahrene richtig. War doch das erste, was ihre Hände ergriffen.

Hätte der Spötter den Ausdruck namenlosen Entsetzens ge­sehen, Mit dem Fredine ihr verunstaltetes Gesicht betrachtete, er würde Mitleid Mit der Aermsten gehabt haben, die mit der Schönheit auch ihr letztes Gut verlor.

KvMmt Falles wieder," bitter sprachen ihre Lippen die Worte des Hosrats nach, während ihr Blick von neuem in den Keinen Handspiegel glitt, der so unheimlich deutlich die tiefe,; breite Njarbe zurückwarf, die der Tannenzweig ihr in die ehe­mals so glatte Haut gerissen hatte.

Große, rote Flecke brannten plötzlich in ihrem Gesicht. Was ivürde Radach sagen, wenn er sie sah? Sie zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. Ob er noch immer nicht von seiner Reise zurück war? Vielleicht hat er längst geschrieben, schoß es, ihr durch den Sinn, und man gab dir nur nicht den Brief, weil du bisher zu schwach und angegriffen warst.

Sie schellte hastig ihrer Jungfer, die sie so treulich seit jenem Augenblick gepflegt hatte, da die Waldarbeiter sie nach Hause brachten, denen die durchgeheirden Pferde das Unglück verrieten.

Ja," meinte das Mädchen,ein Brief sei schon an dem Tag gekommen, wo der Unfall geschehen wäre."

Hole ihn," befahl Fredine hastig. Aber als sie das Schreiben dann Hatte, zögerte sie doch einen Augenblick, ehe sie es zu lesen begann.

Tu hältst dein Schicksal in der Hand," fuhr es ihr durch derr Kopf. War sie doch nur zu genau bewußt, daß Radach der letzte Rettungsanker sei.

Mit bebenden Fingern öffnete sie endlich das Küvert. Verehrte Gräfin!

Um mündlich meinen Tank für Ihre gütige Unterstützung bei der Verwirklichung meines ehrgeizigen Wunsches auszusprechen, kam ich zu Ihnen zu einer Zeit, die Sie mir selbst bestimmt hatten.

Geschah das, um mich mit Ihren Gedanken über eine Poriemonnaieheirat" bekannt zu machen?

Dann ist Ihnen das glänzend gelungen! So glänzend, daß ich nicht umhin kann, Ihnen hiermit meinen ehrlichen Tank für die Benachrichtigung auszuspvecheu.

'Wie ich denn auch mit ganz besonderer Hochachtung bin Ihr Ihnen alle Zeit ergebener

M. von Radach.

Mit ' einem unterdrückten Wutschrei zerriß Fredine das Papier. Ter Schurke! Sie so zu betrügen mit seinen Zärt­lichkeiten ! (Sie vergaß in diesem Augenblick völlig, wie gern diese von ihr geduldet waren.)

, Mit haßverzerrtem Antlitz lag sie da, unfähig einstweilen! einen Karen Gedanken zu fassen, nur das eine empfand sie mit unheimlicher Deutlichkeit:Sie hatte verspieft verspielt für alle Zeit!"