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fühl von Fatalismus erfüllt. Ms typisches Beispiel hierfür darf eines seiner letzten Gedichte bezeichnet werden, dessen Inhalt man etiva folgendermaßen verdeutschen könnte:
„Mein Glück warv bei Nacht geboren und in Dunkelheit gesäugt: meines Freuveu sind, durch mein Geschick ins Herz getroffen, flüchtig zerstoben. Blind strebt meine Seele nach Erlösung, durchkältet wie bei einem Schneetreiben, vv» Zweifeln, die des Glaubens spotten, daß hienieden Frieden zu finden sei."
Aehnlichc, saft verzweiflnngsvolle Stimmungen hat der Zar -n einigen Versen ausgedrückt, die er vor drei Jahren unter dem Pseudonym „Olaf" veröffentlicht hat. Sein Schwager, der Groß- Herzog von Hessen, hat diese Verse in Musik gesetzt, und Worte rind Weise bildert zusammen einen seltsam schwermütigen Gesang. In arideren Versen herrscht die religiöse Note vor. Sie singen den Ruhm der orthodoxen Kirche und ihrer Heiligen und Preisen die Tugend christlichen Opfermutes und den Verzicht auf die Güter und das Glück dieser Erde. Nikolaus II. hat sogar manche seiner Verse selbst in Töne gesetzt, da er auchüber musikalisches Talent verfügt. As ihm vor einiger Zeit aus seinenr. Galaste eilte, von ihm sehr geliebte Stradivarigeige gestohlen wurde, war er ganz außer sich und setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um das ihm so teure Instrument wiederzuerlaugen. Einen guten Teil seiner erzwungenen Muße hat er in den letzten Jahren dazu beuutzt, sich int Spiel der Balalaika, der alten russischen Gitarre, zu vervollkommnen. Seine Stimme ist ein nicht starker, aber angenehmer und klarer Tenor. In einer kleinen Hofgesellschaft trug er vor einiger Zeit Masfenets „Mignvnne, voici l'aril" mit recht sorgfältiger Technik vor — unnötig zu berichten, daß er damit stürmischen Beifall erntete.
Ueberhaupt macht mlan sich doch von der Persönlichkeit des Zaren eine recht irrige Vorstellung. Man halt ihn meist für einen körperlich gebrochenen Menschen; aber alle seine Aerzte sagen übereinstimmend, daß er von jedem organischen Fehler frei und viel 'kräftiger sei, als man ihm äusieht. Dafür spricht auckp daß er auf vielen Gebieten ein recht tüchtiger Sportsmann ist. Er ist ein guter Reiter und Schwimmer und weiß das Ruder geschickt zu führen. Im Tennisspiel hat er einen hohen Grad von Fertigkeit erreicht, währenv er im Kricknet wenig Erfolg erzielt hat. Was seine Kenntnisse anbetrifft, so beherrscht er Deutsch, Englisch und Französisch ungewöhnlich gut, und in der Geographie ist er ebenso belesen. Wenn Nikolaus II. nun auch sein Land und Volk aus der Wirrnis, zur Klarheit, aus dem dlssatentum zur Freiheit führen könnte..." r
Wohlfahrtspflege auf dem Lande.
In Saarburg hielt jüngst der Kreisdirektor Frhr. v. Kap- Herr einen beachtenswerten Vortrag über „Wohlfahrtspflege auf dem Lande". Der Redner ging vorerst auf den Begriff der Wohlfahrtspflege ein. Wohlfahrtspflege ist nicht Wohltätigkeit. Sie will vorbeugend wirken, während letztere eingetretene Schäden lindern oder heilen will. Die Woblfahrtspflege will auch eine Vermittlerin tzwis chen S t ad t un d L an d sein, sie zielt auf die Förderung des Wohlbehagens auf dem Lande hin und wird dadurch zur Heimatspflege. Die Wohlfahrtseinrichtungen sind wirtschaftlicher, geistiger und sittlicher Natur. Zu den ersteren gehört das Genossenschaftswesen, welches in den Kredit- und Einkaufsgenossenschaften festen Fuß fast. Much Betriebs- und Produktivgenossenschaften, vor allem Molkereigenossenschaften wirken äußerst segensreich und ebenso haben M a s ch i n e u g e n o s s c n s ch a f t e n, welche an ihre Mitglieder leihweise gegen eine ganz geringe Benutzungsgebühr solche Maschinen abgeben, deren Anschaf- fungspreis für kleine Landwirte pt ho ch i st, sich ausgebreitet. Ferner gehören hierher die verschiedensten Bersicher- ungsgenossenschaften. Andere Wohlfahrtseinrichtungen wirtschastl. Art greifen schon stärker auf das ethische Gebiet hinüber, so die Bekämpfung des Wuchers. Sehr einschneidend wirken die Spar- und Darlehnskassen. Durch ihre Tätigkeit wird dem Geld- und G rundstückwuch er Vvrgebeugt. „Der Verein gegen wucherische Ausbeutung des Volkes im Großherzogtnm Baden" edfÜllt die Aufgabe durch Ermittelung wucherischer Uebervorteilungen und Anzeige der vom Strafrecht bedrohten Fälle, durch Aufklärung der Bevölkerung durch Vorträge und Einführung einer geordneten Buchführung. Das Gebiet der Hygiene stellt der Wohlfahrtspflege ganz besondere Aufgaben, insbesondere ist es die Bekämpfung der Trunksucht, auf welche das Augenmerk gerichtet werden muß. Polizeiliche Maßnahmen wie die Säuferliste versagen in der Praxis fast ganz. Dem häuslichen Leben, der Familie muß geholfen werden durch die Ausbildung der jungen Fabrikmädchen im Haus- haltnugswesen. Tritt ohne häusliche Kenntnisse aus dem Gebiet der Wche, der Wäsche usw. eine Fabrikarbeiterin in die Ehe, so. wird der Mann in der Regel ins Wirtshaus getrieben. Die Einrichtung von Wanderhaushaltungsschulen hat außerordentlich günstig gewirkt. Die Krankenpflege sollte gefordert werden durch Anlage von 1 bis 2 Krankenzimmern in jedem, anch dem kleinsten Ort, damit Patienten aus der eigenen engen, häufig mangelhaft gelüfteten und unruhigen Behausung dort ein Unterkommen finden. Auch ein Krankenschrank, der die nötigen Krankenpflegegerätschasden
Redaknon:
enthält. Und eilte Krankenpflegerin sollte in jedem Dorfe sein. Der Reinlichkeit hat die Wohlfahrtspflege sich zuzuwenden und die Badestuben sollten in jedent Torfe wieder eingeführt werden. Tie Bauart der Dörfer, vielfach bedingt durch welliges Gelände und rauhe Winde, gestattet nicht die Tungstätten abseit der Dorfstraße 'zu legen. Es muß auch für die Verschönerung der Dörfer gesorgt werden durch Anpflanzen von Linden und anderen schönen Bäumen, Blumenanlagen usw., hierdurch ivird ganz besonders der Sinn für die Heimat geweckt und erhalten. Die Bolksbibliv- theken und Gemeindeabende sollten in den Dörfern den geistigen Mittelpunkt bilden. Was die Bildungsstätten aller Art dem Städter, das ist der Gemeindeabeud dem Landvolk. Als Veranstalter solcher Abende, f,welche die Schätze der Kultur und die nwderneit Bildungsstoffe im Torf bieten" wie Sohnrey sagt, gelten Lehrer, Pfarrer, größere Besitzer, Aerzte. Auf einen Vortrag ernsten Inhalts sollen dann Deklamationen, Gesäuge, Theateranssührungeu solgeu if nd alle Kreise müssen mitwivken.
Ku lt ur g es ch ich tc des d e u tschen B a ue r nh a uses. Von Ehr. Ranck. Mit zahlreichen Abbildnngen int Toxt. („Aus Natur und Geisteswelt." Samiulung wisseuschaftlich-gemeinver- ständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens.. 121. Bündchen.) Verlag von B. G. Tenbner in Leipzig.— Es ist eine erfreuliche Erscheinung unserer Zeit, daß der Deutsche nach den trüben Zeiten eines verschwontmeuen, fremde Vorbilder uach- ahmendcit Stiles sich endlich wieder ans seine Eigenart besinnt nnd im Anschluß an die lange Zeit unterbrochene Ueberlteferiuig wieder mehr und mehr zur heimischen Kunst und Bauweise zurückkehrt, Heimatschutz und Volkskunst pflegt, sich dem guten Alteni nicht nur in der Stadt, sondern auch im Dors« wieder zuwendet. So dürfte das vorliegende Bändchen, das tu anschaulicher Weise die Entwicklung des deutschen Bauernhauses in seiner reichen Formfülle schildert, jetzt von den vielen willkommen geheißen werden, die diesen Fragen ernsthaftes Interesse entgegenbriiigeit. Nach einem Ueberblick über den Urtypus des Hauses führt der Verfasser den Leser in das Heaus des germanischen Landwirts,- wie es die Römer sahen, zeigt dann die unter dem! Einfluß römischer Baukuitst vor sich gehende Entwicklung während der Völkerwanderung, wobei als Bild einer germanischen Hofstatt der Königshof des Attila eingehender beschrieben wird. Sodann wird das in den Zeiten nach der Völkerwanderung eintreteiche Bestreben nach Neu- erttitgeit im Bau und Ausstattung geschildert und dabei die für das Bauwesen dieser Zeit wichtigste Urkunde, der Plan des Klosters St. Gallen, als ideales Bild einer großen germanischen Wirtschaftsanlage genauer behandelt. Zur Vergleichung dient das Hans des germanischen Bauern in den skandinavischen Ländern, wo das nationale Haus ein so einheitliches urwüchsiges Gepräge zeigt, daß man hieraus das altgermanische Haus mit Sicherheit feststelleü kann. Dann werden wir in das Mittelalter geführt. Wir lernen verstehen, welchen Umständen die überraschende Fülle der demselben Keime entsprossenen nnd doch so weit von einander abweichenden Formen der verschiedenen deutschen Bauernhäuser ihre Entstehung verdankt. So werden dann die den einzelnen Stämmen eigentümlichen Gehöftformen behandelt: Das Alpenhaus, die Einbaiiten der Alemannen und Bayern, der fränkische Hof, das niederdeutsche uud friesische Haus. Zum Schluß wird noch das deutsche Dorf betrachtet und dabei die Vielgestaltigkeit seiner Anlage und fein Verhältnis zur umgebenden Landschaft geschildert. Siebzig Abbildungen dienen zur Veranschaulichung und ermöglichen so ein vollkommenes Verstehen des behandelten Stoffes. Möge es dem Bändchen gelingen, den Zweck zu erfüllen, den es verfolgt: in weitesten Kreisen Ächtung vor den Werken einer Baukunst zu erwecken, in der eilte neue volkstümliche Kunst Wurzel zu schlagen beginnt.
Homonym,
Hörst du mich? — Mit hellem Ton Künd' ich, daß die Nacht entfloh'n, Mutig zieh' ich auch zum Kampf; Ohne" mich kein Pulverdampf.
Ganzen Stadien bin ich feind, Wenn mein Wamms dir rot erscheint. Für die GaS- und Wasferleituiig
Bin ich gleichfalls von Bedeutung. W.
(Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer:
Crnft Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'Ichen Universitäts-Buch- und Stetndruckeret. R, Lange- Virtzr»


