Paul Friedlich- blieb am Leben; auch riß ihm der Tod seine erst 46 Jahre alte Gattin von seiner Seite. Seine'stete Beschützerin, die Kursürstin Luise Henriette, Dichterin des Liedes „Jesus meine Zuversicht" starb ebenfalls plötzlich. Da suhlte sich der Dichter vereinsamt, er sehnte sich von Berlm hinweg nach neuer Tätigkeit. Willkonnueu war ihm daher ein Ruf des Herzogs von Merseburg als Diakon nach Lübben a. d. Spree. Hier hat er noch 7 Jahre das Wort Gottes verkündet und seine Mußestunden der Ausbildung seines einzigen ihm noch gebliebenen Sohnes gewidmet. Am 7. Juni 1676 wurde er in der Kirche zu Lübben beigesetzt. Zur 300jährigen Wiederkehr seines Geburtstages errichtet ihm die Stadt ein herrliches Denkmal.
Das herrlichste und unvergänglichste Denkmal sind aber seine Lieder. Als geistlicher Dichter steht er ans einer Höhe, die nicht mehr erreicht worden ist. Die Wahrheit seiner Empsin- dung, das Volksmäßige, die schöne Sprache haben seinen Liedern alle Herzen geöffnet. Bon etwa 120 poetischen Schöpfungen haben 30 im hessischen Gesangbuchs Platz gefunden. Nur ein kleiner Teil von ihnen hat seine Veranlassung in speziellen Lebenserfahrungen, z. B. das Trostlied:
„Warum sollt' ich mich denn grämen?
Vab ich doch Christum noch, Wer >vill den mir nehmen?" sowie die Lieder, die aus der Not des 30jährigen Krieges veranlaßt sind, vor allem das bekannte
„Befiehl du deine Wege", das gereifteste, was dem Dichtermund entgnoll. Den Friedens-: schluß 1648 begrüßt er mit den Worten:
„Wohl auf und nimm nur wieder dein Saitenspiet hervor, O Deutschland und sing Lieder in hohem! dollem Chor!"
Die meisten Lieder stehen mit seinem äußeren Leben in keinem Zusammenhang. Es drängt ihn, Fälle des allgenreinen Lebens in einem fronrmen Liede zu verklären, und das Vergängliche mit dem Ewigen in eine tröstliche Verbindung zu setzen. Meist geschieht dies auch im Anschluß an eine Bibelstelle, an Psalmen usw., z. B. nach dem Psalm 37 dichtete er: „Gib dich zufrieden und sei stille". Hohes leistete der Dichter in seinen Krenzes- liedern. Wer denkt da nicht cm das tiefempfundene: „O Haupt boll Blut und Wunden", dessen 2 letzte Strophen: „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir" usw. schon manchem Sterbenden — man schaue auf unfern alten Kaiser Wilhelm i. — den letzten Trost Boten. Welche Zartheit zeigt der Sänger im bethlchemitischen Wiegenlied«:
„Nehmt weg das Stroh, nehmt iveg das Heu,
Ich will mir Blumerr holen, Daß meines Heilands Lager Auf Kränzen und Violen", welche Freiheit der Lebensbeobachtung, welch warmer Natursinn, wenn er dem ersten Sonnenstrahl entgegenjauchzt: „Wach auf mein Herz und singe dem SWpfer aller Dinge", oder wenn er am Abend die Harfe rührt: „Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder". Der beste Beweis seiner Dichter- Weihe ist, daß er in seinen Liedern die trennende Konfession ganz vergißt, er ist nicht mehr Lutheraner, sondern Unionist, viele seiner Lieder "haben daher auch Aufnahme im Gesangbuch der Reformierten gefunden.
Wie oft sind seine Lieder bei den mannigfachsten Ereignissen! zum Segen geworden; hierzu sei ein Beispiel aus Oberhessen mitgeteilt:
Am 17. Sept. 1790 plünderten 500 französische Soldaten Lißberg a. !d. Nidder und steckten den Ort in Brand, wobei Se auch den greisen Pfarrer ermordeten. Ein Soldat dieser orde kam dabei in ein entlegenes Häuschen am Bergabhang, eine Witwe lag betend vor ihrem kranken Kinde auf "den Knieen. Als der Krieger mit Kolbenstößen die Tür einschlug und mit gefälltem Bajonett in die Stube-drang, breitete die Mutter ihrs Arme Mer das Kind und betete laut das Gerhardt'sche Lied:
„Breit' ans di« Flügel beide O Jesu meine Freude, Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen Dies Kind soll unverletzet sein."
Bestürzt stand der Soldat an der Schwelle still, ließ die Waffe sinken, ging gleich wieder zur Stube hinaus und hielt Wachse vor dem Haus, um seine Insassen gegen die Raubgier seiner Kameraden zu schützen.
Möge der Leser der kirchlichen Erbauungslieder das Gott- vertraueu, das den Dichter beseelte, ebenfalls finden!
Wie Cesare Lombroso Spiritist wurde.
In dem März-Heft der von Rudolf Presber geleiteten illustrierte Monatsschrift „Arena" findet sich ein Beitrag Lombrosos: „Wie ich Spiritist wurde", den Karlernst Knatz aus dem Manuskript übersetzt hat, und dem wir folgende Abschnitte entnehmen:
„Ich war bis zum Jahre 1890 der wütendste, hartnäckigste Gegner des Spiritismus. Allen, die mich aufforderten, die Phänomene dieser Richtung einmal zu untersuchen, antwortete ich: Von einem Geist, der Tische und Sessel belebt, auch nur zu sprechen, ist einfach lächerlich, eine Offenbarung von Kräften ohne Materie ist ebenso undenkbar wie Funktionen ohne Organe,
Da, eS war im Jahre 1891, geschah es, daß ich mich in meiner ärztlichen Praxis vergeblich mit einer der seltsamsten Erscheinungen herumschlug, die mir je vorgekommen ist.
Ich hatte die Tochter eines hohen Beamten in meiner Heimatstadt zu pflegen; das Mädchen verfiel in der Zeit der Pubertät plötzlich in starke Hysterie unter Begleiterscheinungen, die sich weder physiologisch noch pathologisch erklären ließen. Ihre Augen verloren zeitweilig völlig die Fähigkeit zu sehen, dafür aber sah die Kranke mit dem Ohr. Sie vermochte bei mit Tüchern verbundenen Augen einige Zeilen einer Druckseite zu lesen, die man ihr vor das Ohr hielt. Brachte m!an ein Brenuglas zwischen ihr Ohr und das Sonnenlicht, so war es, als ob man ihre Augen blende; sie schrie daun laut, man wolle sie blind machen.
Sie prophezeite besonders mit mathematischer Genauigkeit das, .was ihr selbst zustoßen sollte. Einmal hatte sie gesagt, sie werde in einem Monat nnB drei Tagen das unwiderstehliche Verlangen empfinden, zu beißen. Ich überwachte sie, suchte sie zu zerstreuen; ich hielt alle Uhren Im Hause an, nm sie über die Zeit hinivegzutäuschen — und trotzdem, genau an dem Tage, zur bezeichneten Stunde packte sie der Trieb zu beißen, und sie wurde erst ruhiger, als sie mehrere Kilogramm Papier mit den Zähnen zerfetzt hatte.
Obgleich diefe Tatsachen nicht neu waren, so waren sie doch höchst sonderbar. Ich gestehe, daß sie mir wenigstens mit Hülfe aller bis jetzt aufgestellten Theorien der Physiologie und der Pathologie unerklärlich dünkten. Nur eins glaubte ich klar zu sehen: daß die Hysterie in diesem vorher ganz normalen Weibe neue, seltsame Kräfte v'uslöste, die auf dem Vorhandensein unbekannter Teilsinne beruhten. So kam ich zu der Vermutung, daß mich vielleicht der Spiritismus der Wahrheit näher bringen könne.
Ein Jahr später, 1892, kam ich in Netapel, wohin mich eine berufliche Inspektionsreise flihrte, in Berührung mit mehreren Bewunderern der Eusapia Palladino, die mich baten, einmal ein Experiment mit diesem berühmten Medium zu wagen. Bei Hellem Tageslicht, in meinem eigenen Hotelzimmer habe ich bann, allein mit der Eusapia, den Tisch sich heben und eine Heine Trompete vom Tisch auf das Bett und toieber zurückfliegen sehen. Ich war vollkommen erschüttert und erklärte mich bereit, neue, mehr ins einzelne gehende Experimente in demselben Hotel zusammen, mit dreien meiner Kollegen zu machen. In dieser neuen Sitzung sah ich wieder die Gegenstände ihren Ort verändern, hörte Schläge ohne Ursache usw. Was mich aber am meisten frappierte, !var folgendes: .Der Vorhang des Neben- gelasses hob sich plötzlich von selbst empor und auf mich zu, er umhüllte mich mit ungeahnter Festigkeil, mehrere Sekunden lang gelang es mir nicht, mich von ihm zu befteien. Es war, ass ob der Vorhang ein metallenes Brett sei. Einen ebenso stprken Eindruck machte es auf mich, diaß ein Teller mit trockenem Mehl umgekehrt vorgefunden wurde, ohne daß das Mehl heraus- fiel. Es schien, nJS habe es die Eigenschaften der Gelatine angenommen. Das dauerte über eine Viertelstunde.
In einer anderen Sitzung in Mailand sah ich aus den Aermeln meinet Rockes langsam einen Zweig mit sehr frischen Rosen, als ob man sie eben erst geschnitten habe, hervorbrechen. Ich könnte darauf verzichten, die Möglichkeit einer Täuschung oder eines Be- ttuges zu erörtern; denn wir hielten die Füße und Hände des Mediums stets fest, banden sogar einige Male ihre Füße. Trotzdem wird der Leser mich pathetisch unterbrechen und fragen: „Habt ihr euch nicht etwa von ganz gewöhnlichen Gaunern beschwindeln lassen?"
Wer das bleibt Tatsache, daß bei der Eusapia absolut sichere Vorsichtsmaßregeln gegen jeden Betrug getroffen wurden, indem man ihr die Füße und Hände band, oder sic mit einem elektrischen Draht umwand, der bei der leisesten Bewegung eine Klingel zum Leuten brachte. Das Medium Politi wurde in der Gesellschaft für Psychologie in Mailand ichckt in einen Sack gesteckt und Fräulein »'Esperance ward wie ein Fisch in ein Netz eingeschlossen und trotzdem traten diese Phänomene auf.
Aks ich nuu noch nach alledem Sitzung«! beiwohnte, in deueir Eusapia Palladino im Trans zutreffende und geistvolle Antworten in Sprachen gab, die sie nicht kannte, wie z. B. das Englische, ols ich schließlich die Experimente Crovkes mit Home und Katie King und anderer (ein deutsches Medium verfertigte in der Dunkelheit höchstseltsame Gemälde) sah, bla ergab ich mich der Ueberzeuguug, daß die spiritistischen Phänomene zum großen Teil zwar wirklich auf den Einfluß des Mediums, zu einem gewissen aber auch auf die Existenz überirdischer Wesen zurückgeführt werden müssen, die im Besitze von Kräften sind, für die etwa die Eigenschaften des Radiums eine Analogie bieten.
Tie Lösung dieses Problems wird eines der gewaltigsten Ereignisse unseres neuen Jahrhunderts sein.
Der Zar als Dichter und Musiker.
Aus Petersburg wird geschrieben:
Nikolaus II. ist eine so zurückhaltende 9öatur, daß man von ihm mit dem Sprichiwvrt sagen kann: er stellt sein Licht unter den Scheffel. So hat er z. B. eine hübsche poetische Gabe. Seine Gedichte haben in der Musik der Verse stets einen zarten, melancholischen Tonfall und sind von einem überwältigenden Gr-.


