Ausgabe 
9.1.1907
 
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JoH. Malty. Schupp us aus Kießerr in feiner Bedeutung für die Hess, evang. Kirche.

Nach einem Vortrag im Evang, Bund hier, gehalten von . Pfarrer D. Dr. Diehl in Hirschhorn.

Schuppius ist einer der bekanntesten Theologen aller Zeiten, der eine große Anzahl von Biographen gefunden und besonders in vielen Erzählungen des Volkes weiter- gelebt hat. Dem Redner ist es gelungen, ca. 50 bis 60 Be­richte aus der Marburger Zeit des Gelehrten aufzufinden nebst etwa 30 Briefen, die von der hervorragenden Bedeu­tung von Schuppius für die hessische evangelische Kirche Zeugnis geben. Nach zwei Seiten hin schilderte Redner diese mächtige Persönlichkeit aus hessischer Vergangenheit, als Menschen und als Gelehrten. Schuppius wurde 1610 in Gießen geboren als Sohn eines Ratsherrn, studierte in Marburg Philosophie und Theologie und wurde schon 1632 Repetent am Stiepndiatenhause in Marburg. Somit scheint ihm eine glänzende Laufbahn gesichert. Er erhält den Auftrag, das theologische und juristische Studium zu reformieren und ersteigt 1634 die Höhe seines Ruhmes, rüdem er mit 24 Jahren Professor der Philosophie wird. Mit diesem Augenblick beginnt ein Umschlag in seinen äußeren Lebensverhültnissen. Das seitherige Glückskind wird unaufhörlich von schweren Schicksalsschlägen getroffen, es entrollt sich vor uns ein wirklich tragisches Leben. Ende 1633 hatte er sich mit einer Tochter des berühmten Gießener Pädagogen Christof Helwig verlobt, ging 1634 auf Reisen, kam nach Rostock und Leipzig, ohne in den Zeiten des 30jährigen Krieges dort ankommen z>u können. Nach seiner Rückkehr nach Marburg 1635 ist diese Stadt infolge der Pest eine Wüstenei. Schuppius wird Professor der Ge­schichte und Beredsamkeit, es brechen Jahre bitterster Not über ihn herein. Bald hatte er einen Besoldungsrückstand von 1000 Talern, eine für damalige Verhältnisse unge­heure Summe, zu beklagen. Von dem Landgrafen erhielt er den Auftrag, eine hessische Chronik zu schreiben: gewiß em ehrenvoller Auftrag, aber abgesehen von einem Wild- schweru und einem Reh, die in die Küche der Frau Pro­fessor wanderten, erhielt er keinerlei Honorar, da der Land­graf kaum die alleruotwendigsten Ausgaben bestreiten tonnte. Emen tiefen Eindruck der Not und Entbehrungen geben die aufgesundeuen Briefe von Schuppius. Schon ist das Silber versetzt, da wird die Frau 1642 krank, auch alle Ehrengeschenke müssen zum Juden, der Vater ver- herratet sich noch einmal in hohem Alter, nirgends ist Geld zu haben, nirgends ist Hilfe zu finden. Schuppius klagt, er ser ein rechterKreuzträger" geworden, und dennoch vielleicht gerade deshalb ist er in diesen schlimmen Zeiten geradezu der Sonnenschein der hessischen Universität m Marburg gewesen, trotz allen Mangels stets gastfreundlich und heiter, sich selbst jeden Genuß versagend, um anderen eine Freude inachen zu können. Und welche unermeßlichen Verdienste hat er um die hessische Landes­kirche gehabt! Um das Jahr 1635 sind etwa 80 Proz. oller Pfarrer in der Grafschaft Katzenelnbogen durch die Pest dahmgerafft. In diese Stellen, zu fast verzweifelten Bauern, die durch die Schrecken des 30jährigen Krieges und der Pest unendlich verwildert sind, müssen die jungen Kandidaten. Wenn sich solche fanden und sich in diesen Jahren von ca. 1635 bis 1648 auch wirklich bewährten, so ist das ein Verdienst von Schuppius, der seinen Stu­denten die Wahrheit seines Lieblingsspruches:Mr wiffM- daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen", Nicht mit vielen Worten predigte, wohl aber durch sein ganzes Leben bewies: ein ganzer Mann, eine lautere christ- Uche Persönlichkeit. Seine Schüler haben die hessische Kirche über die Zeiten des 30jährigen Krieges hinausge-

, eu Segen das Beispiel ihres Meisters, der seine Ansichten über Menschenleid und Schicksal und Bewährung "hieb" QTrt H^öusten niedergelegt hat in seinem Buche über ,(a nicht bloß als Persönlichkeit hat Sch. gewirkt, auch als Professor durch seine Ideen. Er war ein Vvlksmann und Prediger von Gottes Gnaden, ein großer Pädagoge und Uuger Politiker, der zum günstigen Ausgang des 30jähr. Krieges m Münster viel beigetragen hat. Seine Haupt- ichristen sind zwischen 1649 und 1661 entstanden, die besten Tluellen sind die Briefe und lateinischen Schriften. Groß­artig ist sein Werk: de opinione, d. h. von derEin­bildung", Won dem Sprichwort ausgehendjede Gans

meint, sie lege die besten Eier, und jeder Schrreider glaubt, er schneide die beste Kappe" lehrt er seine Studenten, die Einbildung ablegen unb allen Dingen auf den Grund gehen, nichts ungeprüft hinnehmen, sondern alles kritisch beobachten. Seine Bilder sind dem Leben abgelauscht; Anekdoten, Weisheit der Gasse gibt er, aber alles wieder voll köstlichen, tiefen Ernstes. Soziale Gedanken finden sich in Menge. So will er aufs Leben wirken. Dazu dient der Vergleich der Vergangenheit mit der Gegen­wart. Finden sich hier Abstände, so können sie nur be­seitigt werden durch Erziehung. Mädchenerziehung sogar wird von ihm gewünscht, ebenso Mission unter den Heiden; Schulgründungen, auch in den Filialgemeinden, und planmäßige Erziehung helfen über die Nöte der Zeit hinaus. Daß diese Gedanken von größter Einwirkung auf seine Schüler sein mußten, liegt auf der Hand. Nicht allein, daß sie wetterhart wurden in seiner Schule und unter den schwierigsten Verhältnissen aushalten und sich, bewähren lernten, sondern auch daß sie nach dem Kriege seine Gedanken auszubreiten suchten. So ist es nicht zu verwundern, daß die drei hessischen Gymnasien gerade Schuppianern ihre Blüte verdankten: Gießen, Darm- stadt (das vorübergehend nur zwei Schüler gehabt hatte), besonders Echzell, wo man sogar Arabisch und Syrisch lernen konnte und ein Jahr Universitäts-Studium sparte. Ebenso groß war der Einfluß von Schuppianern in kleinen Dorfschulen, sie sind überall die Träger der großen Bolks- schulreform in den 60er und 70er Jahren des 17. Jahr­hunderts gewesen. Der geistige Erbe des großen Mannes war der Historiker und Pädagoge Johann Justus Winkel­mann in Gießen.

Ohne Zweifel war Schuppius ein guter Hesse, unb es ist bedauerlich, daß das Hessenland diesen großen, treuen Sohn in die Ferne ziehen ließ. Nachdem er von 1645 bis 1648 Hofprediger in Braubach gewesen war, folgte er einem Rufe nach Hamburg, wo er 1661 starb. Viel Heimweh nach seiner hessischen Heimat hat er in dieser Stadt em­pfunden. Auch unsere Zeit kann von ihm viel lernen. Nicht mit Redensarten lassen sich ihre Schäden heilen, wohl aber nach den Idealen von Schuppius durch wahrhaft religiöse Persönlichkeiten, die ihm darin folgen, das große Werk der Erziehung zu vollbringen.

Fortschritte i« der Behandlung des Magens.

Die bahnbrechenden Versuche des berühmten russischen Physiologen Pawlow, der die Erforschung der Magen­tätigkeit zur Aufgabe hatte, haben nicht nur die Physiologie, sondern auch die Therapie der Verdauungsorgane auf eine neue Stufe gehoben.

Das von Pawlow angewandte Verfahren ist in weiten Kreisen bekannt geworden. Durch einen operativen Eingriff bildete er aus einem Teile der Magenwand des Versuchstieres einen Blindsack, den sogenannten kleinen Magen, und beob­achtete die Sekretionsvorgänge, die sich in ihm abspielten, sobald das Tier Nahrung zu sich nahm. Schon die ersten Versuche Pawlows gaben überraschende Aufschlüsse über das Wesen des Appetits. Es stellte sich nämlich heraus, daß die bei Hunden durch das Vorhalten von Fleisch, Brot oder Milch angeregte Eßlust von einer ergiebigen Magensaft­sekretion im kleinen Magen begleitet war. Pawlow tat infolge­dessen den Ausspruch:Appetit ist Saft" und nannte den Magensaft Appetitsaft oder psychischen Saft. Viel stärker als der bloße Anblick der Speise vermag das Essen selbst, das Kauen, die Magensaftabsonderung anzuregen, auch bann, wenn die Speise garnicht in den Magen gelangt, sondern aus einer künstlichen Oeffnung der Speiseröhre wieder heraus­fällt. In Anbetracht der hohen Bedeutung des Magen­saftes für die Verdauungstätigkeit betonte Pawlow immer aufs Neue, daß man in der Praxis bei der Behandlung von Verdauungsstörungen auf die Hebung des Appetits einen größeren Wert legen müsse, als es gewöhnlich geschehe, denn dieser könne bei Magenkrankheiten geradezu bir Rolle eines Heilfaktors spielen.

Für die Anregung des Appetits kommen sowohl Ge­schmack und Geruch der Speisen als auch das Milien, in dem die Nahrung eingenommen wird, und die ganze psychische Verfassung Überhaupt in Betracht. Zur Hebung des Geruchs