Ausgabe 
9.1.1907
 
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macht haben." ,

Er wußte selbst nicht, was das für eine gehässige Regung war, die bei dem Gedanken an den jungen Offizier ihn . seines sonstigen vorsichtigen Urteils beraubte. Er sagte kein Wort mehr/ als der andere meinte:

Mir hat das frühreife Kerlchen auch nrcht gefallen, aber im übrigen, was kümmert uns das schließlich?

Und gleichmütig begann er neben dem schweigenden Freunde herschreitend, die Melodie eines Gassenhauers zu pfeifen.

An der nächsten Straßenecke trennten sich ihre Wege.

IV.

Wochen waren seit jenem Abend vergangen. In Milliar­den von weichen, weißen Flocken war der Winter ins Land hineingewirbelt und hatte seine fleckenlose Decke ntttieibtg Über der: häßlichen Todeskampf der Natur gebreitet Die schien erstarrt in seinen eisigen Armen.

Es war ein auffallend früher Winter. Schon sausten die leichten Schlitten schellenklingelnd durch die Straßen der Stadt nnd auf dem großen Teiche inmitten der Prome­nadenanlagen vergnügte sich die fchlittschuhfahrende Ge­sellschaft von St. Wie überall herrschte auch hier das militärische Element vor. Die Offiziere zum Teil mit ihren Damen waren die eifrigsten Besucher der sehr bequem ge­legenen gepflegten Eisbahn. In die Reihe der meist recht gewandten Läufer war dieses Jahr noch der Freiherr von Tressenberg getreten und manch bewundernder Blick aus Frauenaugen folgte seiner geschmeidigen, sicher dahingler- tenden Gestalt. Er war nebenbei ein passionierter Läufer. In seiner Leidenschaft für den Eissport fand er sich bald mit einer jungen Dame, die ihm als würdige Partnerin zur Seite gestellt werden konnte. Isabel, genannt Isa Bauer, war die verwaiste, leider ganz mittellose Nichte eines kin­derlosen Infanterie-Hauptmanns, dessen Frau sie bereit­willig in ihr Haus und ihr Herz ausgenommen hatte, obgleich das Ehepaar selber nicht mit Glücksgütern ge­segnet war.

Sie liebten die junge Nichte abgöttisch und verwöhnten sie mehr, als für ihre Verhältnisse gut war. Sie war aber auch eine entzückende Erscheinung, groß und schlank, mit einem Gesicht, das nicht schön genannt werden konnte und doch bezaubernd wirkte durch den Gesamteindruck, den das tiefschwarze krause Haar, die dunklen feurigen Augen im Verein mit der warmen bräunlichen Hautfärbung und dem tiefen Rot der vollen Lippen bot. Auch kleidete sic sich stets tadellos. Das dunkelblaue Eislaufkostüm nut kurzem, knappem Jäckchen verriet die Hand einer erstklassi­gen Schneiderin und der reich mit Weißen Straußfedern garnierte Hut war zwar sehr auffallend, kleidete ihr jedoch vorzüglich. Sie war jedenfalls eine Erscheinung, an der man nicht achtlos vorüber gehen konnte. Tressenberg hatte sich ihr, schon der Sicherheit und Grazie ihres Schlrttschuh- laufens wegen sofort vorstellen lassen und sie fuhren nun täglich zusammen. Der Ansicht sämtlicher Mütter nach, die am Rande des Teiches auf und ab promenierten, machte

Freiherrn besiegelt, er Wichte, daß er ihn nie würde achten können Seine durch und durch reine Natur lehnte sich förmlich auf gegen den Gifthauch des Leichtsinns, der auf­reizend, verführerisch durch die gedämpfte Unterhaltung schwebte, lieber den erhitzten Gesichtern schien er zu liegen, in dem glasigen Blick der Augen. Er kroch aus dem schweren, süßlichen Duft der türkischen Zigaretten, deren ab­gebrannte Stummel bereits massenhaft den länglichen Por­zellanteller vor dem Platze Tressenbergs bedeckten, füllte die schwüle, stickige Luft des grell erleuchteten Raumes mit seiner aufdringlichen Talmieleganz und der ungemütlichen, schablonenhaften Ausstattung, zeichnete seine Verheerung m das übernächtige Blaßgesicht des an der Tür lehnenden

Leutnant von Poseck tauschte mit dem Waffenkameraden einen bezeichnenden Blick. Gleich darauf erhoben sich die beiden Artilleristen.

Trotz des lebhaften Protestes der anderen zahlten sie ihre Zeche nnd verließen das Lokal. Als sie auf die Straße traten, schlug es vom Rathausturme vor ihnen zwölf Uhr.

,'s war höchste Zeit!" bemerkte Schmieder aufatmend, das" wird noch eine wüste Sache heute, wenn die Bier nicht bald auseinander gehen."

Sein Begleiter nickte.

Tas ist der Krebsschaden der großen Garnison, die doch keine Großstadt ist. Weil der Tag zu öde verläuft, des­halb werden die Abende so wüst."

Tas mag wohl sein. Es gibt ja Menschen genug, die sich außerhalb der ihnen vom Beruf vorgeschriebenen Tätig­keit nicht anders zu beschäftigen wissen", meinte der schone blonde Artillerist geringschätzig.

Tann leise auflachend, setzte er hinzu:

Dieser dicke Eppen ist doch eigentlich em toller Kerl Was der sich so im Laufe eines Abends leistet, ist selbst für unsereinen manchmal etwas stark. Wenn der übrigens den jüngsten Offizier in die Hände bekommt, kann aus dem auch eilt ekliger Weiberfreund werden. Das Zeug dazu hat er schon in sich. Meinst du nicht auch, Poseck?

Ter Gefragte versteckte das Kinn leicht zusammenschau­ernd tiefer in den Mantelkragen.

Ich meine", sagte er dann und feine Stimme klang seltsam hart,daß die x. Husaren an diesem Freiherrn von Trefsenberg eine recht zweifelhafte Errungenschaft ge-

er ihr toll den Hof. n

Daß er sich gern mit ihr unterhielt, war zweifellos. Wenn sie erschien, schlank, graziös, schick, dann schwand der Hochmut aus seinem Gesicht und seine kalten, braunen Augen bekamen Glanz.

Die Anmut ihres Wesens, gepaart mit echtem Stolze eines teilten Herzens, hatte etwas ungemein gewinnendes und die naive, unschuldige Art, in der sie ihn sichtlich bevor­zugte, nötigte ihm ein inniges Darikbarkeitsgesuhl für sie ab, das aber weit von Liebe entfernt war. Zu einem solchen Gefühl wäre er jetzt überhaupt nicht fähig gewesen. Unter der Last seines eintönigen Berufes waren schnell alle warm emporqnellenden Gefühle in ihm erstickt.

Er war nichts weiter als ein Automat, der gleichgültig Tag für Tag sein Pensum herunter arbeitete, je nachdem das Parolebuch es gebot.

Mit seinen Kameraden stand er noch immer aus dem­selben höslich^formellen Fuß, wie am ersten Tage er fand keinen Freund, er blieb innerlich völlig enttarn. «elbst die erquickenden Stunden des Beisammenseins mit ^sa Bauer wurden ihm bald durch die Sticheleien der Kame­raden und durch die stete Kontrolle der Regimentsdamen, die schon eine Verlobung witterten, vergällt. Er kam nur noch selten auf die Eisbahn und wich dem fragenden Blick der schönen Mädchenaugen aus. Die Abende ver­brachte er meist im Theater. Er amüsierte sich zwqr nicht besonders an diesen Theaterabenden, aber er ging eben, weil die Kameraden gingen und er sich nicht noch aus­geschlossener fühlen wollte. , , . . ,

Aus demselben Grunde fehlte er auch fast nie bei den kleinen, intimen Soupers, die nach! Schluß der Vorstellung in einem Extrazimmer des Lokals die elegante männliche Lebewelt und die wenigen Schönen des Theatervolkchens vereinte. Meist saß er gelangweilt abseits und beobachtete das lustige, sorglose Treiben der anderen oder bespöttelte die offenkundige Leidenschaft, welche ihm aus den braunen Augen der kleinen Naiven entgegen funkelte.

Sie zu seinem Vorteil auszunutzen, daran hatte er noch nicht gedacht. So leichtfertig seine Reden klangen so wenig stimmte sein inneres Fühlen damit überein. Das »leine verliebte Mädchen hatte ihn ganz kuhi gela,sen bis zu dem Abend, da er verbittert durch einen dienstlichen Aerger, innerlich empört durch die neugierigen Blicke, welche wah­rend der Vorstellung zwischen Isa Bauer und ferner Person hin und her geflogen waren, in gewisser trotziger Stimmung das behaglich erwärmte, hell erleuchtete Zimmer betrat. Er hatte bereits im Kasino mehr als sonst getrunken und begann nun mit seiner Anbeterin sofort ein verliebtes Ge­tändel, auf welches diese fteudestrahlend einging.

Das Souper mit dem reichlich fließenden Sekt erhitzte sein jugendliches Blut. In seinen braunen Augen glimmte es wie Funken unter der Asche. Nach Tisch hatte fick) die Ord­nung völlig gelöst, es ging sehr zwanglos §11. Trefsenberg rauchte, in einer Sofaecke lehnend, eine Zigarette nach der anderen und das kleine brünette Ting schmiegte sich I dicht an seine Seite und flüsterte leidenschaftliche Worte. Schwer, raucherfüllt, erstickend heiß schwebte die Luft über der weißgedeckten Tafel mit den zerknüllten Servietten, den | halbgeleerten Sektgläsern, aus denen noch manchmal zögernd eine Perle aufstieg.

(Fortsetzung folgt.)