Ausgabe 
8.7.1907
 
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erhalten. Kurz, die Natur ist unerschöpflich in den Mitteln, um! ihre Zwecke zu erreichen. Denn daß cs sich hier um eine Lebens­notwendigkeit und nicht um zufällige Ucbereinstimmuug handelt,- geht schon daraus hervor, das; sich die gleichen Anpassungen bei Wesen von allerverschiedcuster Herkunft finden. Dieselben Kunst­griffe wie bei den Planktoualgen sind aufgebotcn bei Infusorien, bci Krebschen, bei Rädertiercn und Milben, die frcischwcbend leben. Oeltropscn, Vergrößerung der Oberfläche, .Haare, Borsten, Stacheln, sie alle find bei ihnen zum Zweck des Dableibcns ver­wendet.

Diese Planktonvegetation ist am üppigsten dicht unter der Ober­fläche, wo sie sich manchmal in solchen Massen zusaiumendrängt, daß man es auch mit unbewaffnetem Auge bemerkt. Hier und da, namentlich im Sommer, steigt ans einmal ein grüner Schaum an die Oberfläche der Seen, das Wasser wird streckenweise rahm­artig dick, der Seeblüht". So tritt int Plöncr See (Holstein) gewöhnlich etwa im Juni plötzlich eine Alge (Gloeotrichia cchinu- lata) in ungezählten Millionen an die Oberfläche; dieWasser­blüte" nimmt bis August immer mehr zu, verschwindet daun aber ebenso plötzlich, wie sie gekommen. Manchmal aber geht dieses geheimnisvolle Auftaucheu und Wiederverschwindcn so schnell, daß innerhalb eines Tages die Blüte auch wieder vorbei ist. Die gleiche Erscheinung kommt auch im Miere vor. In der Ostsee färbt Nodularia spumigena das Wasser ost weithin grünlich-grau, das Rote Meer verdankt der Trichodesmiunr-Alge sogar bett Namen, int tropischen Atlantischen Ozcan, in den Polarmeeren färben manchmal die Diatomeen und Ceratien das Wasser bräunlich; die letzteren sind dann, namentlich in der Ostsee und im Kattegat, im Herbst auch an dem Meerleuchten beteiligt, da sic aus einer noch unbekannten Ursache phosphoreszieren.

In größere Tiefen gehen nur noch die Diatomeen und nut ganz ausnahmsweise die auch zu dem Plankton gehörige marine Kugelalge, die man bis zu 2400 Meter Tiefe gesunden hat. Aber für gewöhnlich ist 100 bis 200 Meter unter bem Wasserspiegel sowohl im Meere als in 'bien Binnenseen das Leben erloschen. Wo das belebende Licht erstickt ist, scheint auch das Leben zu endigen.

Aber welche Ucbcrraschung! Das Leben triumphiert auch über die Finsternis und den ungeheuren, sich nach Hunderten von Atmosphären berechnenden Druck, der in solchen eisigkalten Tiefen herrscht. Als die Forschungsapparatc hinabbringen konnten auf den Meeresgrund und in die von Sagen umrankten Fabel- tiefen der Alpenseen, lernte man erst den vollkommensten >,>rneg des Lebens" verstehen. Dort unten, wo es fürchterlich sein soll> ist es ganz gemütlich, wenigstens für eine große Anzahl von Lebe­wesen, die in jenen Abgründen ein von keiner Sonne beschienenes Dasein führen. Darunter sind auch Pflanzen.

Das klingt fabelhaft, ist aber wahr. Der Tiesseegrund (nament­lich weiß man es von dem in dieser Hinsicht am besten unter­suchten Bodensee durch die Untersnchmtgen von Kirchner und Forel) ist mit einer schleimigen Decke, einemorganischen bedeckt, bei- sich aus tausend und abertausend winzigen Kieselalgen und Schwingsädcn lOszillaricu) zusammensetzt, zwischen denen ebenso massenhaft Spaltpilze, namentlich Schwefelbakterien, wuchern.

Diese unscheinbaren Schweselbakterien sind int Verein mit anderen sehr wichtige Verbindungsglieder in dem Kreislauf der Stoffe, toie können nämlich den bei allen Fäulnisprozefsen enk- stehenden Schweselwnsserstosf unschädlich machen, indem sie ihn zu Schwefel und Wasser oxubiercn. Der Schwefel bleibt dann tit ihrem Körper in Form winziger Kügelchen aufgespeichert. In seichten Meeresbuchten, besonders in brackigen Lagunen, wo viele Tange und Pflanzen modern, sieht man diese Schwefclpflanzchen oft in unzählbarer Menge als weißliche oder rosarote Flocken; ebenso massenhaft sind sic aber auch in den Abgründen der Ge­wässer zu finden, die ja stets mangelhaft ventiliert tmb. daher infolge der vielen Tier- und Pflanzenleicheii, die jahraus-iahrein zu Boden finken, reich an Schwefelwasserstoff sem nnissen.

Ist also das Dasein dieser Pflanzen an so unwirtlichen Orten' wohl erklärbar, so ist cs nm so unverständlicher, wie sich dort auch Kieselalgen so massenhaft erhalten können. Als Pflanzen, die von Assimilaten leben, find sie doch allen sonstigen Anschauungen gemäß auf das Licht angewiesen. Und das legt uvS die Annahme nahe, daß ein für ihre Lebensbedürfnisse genügender Rest von Licht auch in die Totenstille der Seegründe dringt, wenn auch unsere Lichtmeßapparate schon in verhältnismäßig geringer Tiefe ver­sagen. Könnten die tieflebenden Dtatomccu ihre Farbstofsscheil chen nicht verwenden, so wären diese schon laugst verkunnnert und verschwunden unter dem Zwang des für alle Lebettdigen gul- tigen Gesetzes, daß ntchtgcbrauchte Organe zugrunde gehen Das. kann man sehr lehrreich an den Lebensgenossen dieser Pflanzen, den zahlreichen Wasserasseln, Strudelwürmertt und' Krebschen kennen, die dort unten zumeist blind sind Das spricht doch deutlich genug dafür, daß die letzten Lichtstrahlen der Tmste, die den Diatomeen genügen mögen, schott nicht mehr "«srmchen, um Gegenstäiide unterscheiden zu lassen, daß dort also iui Augen keine Verwendung mehr ist. Man kann zedoch die Bewetsfuhrung auch entgegengesetzt antreten. In dm großen Meeresticfen lcuchtt ein beträchtlicher Teil der tierischen Pewohiicr ist den verschiß

Kus den Tiefen der Kswässer. *)

Bon R. H. Francs.

Wenn man in einem Kahn über einen See fährt, so scheint das oft bis in große Tiefen durchsichtige Wasser vollkommen unbelebt zu sein. Aber versuchen wir nur einmal cm fein­maschiges Taschentuch zu einem kleinen Retz znsamtnengebunden ein Weilchen durch dieses klare Wasser zu ziehen. Alsbald blerbt nach Abtropfen des Wassers ein ferner, fchlemngcr .Bodensatz darin, und wenn man mit vollkommeneren Netzen arbeitet, kann man dem durchsichtigsten Scewasser binnen kurzem, em ganz gehöriges Quantum solchen Schleims entnehmen. Diese rätsel­hafte Masse ist lauter lebendige Substanz und entpuppt sich unter einem Vergrößerungsglas als eine Unmenge zartester, glas- heller Tierchen und Pflanzen von ganz .außcrorbentlicher rf)önl)cit. ,, . «

Man bezeichnet die Summe der lebendigen We,cn, ine ut ben Gewässern uinherschwimmen, mit dem Sammelnamen Plankton. Dieses Plankton findet sich auch im Meere und ist dort noch sormcn- schöner und reichhaltiger. Ucbcrall, im See und in der See, ist das Plankton der Erhalter des ganzen übrigen Lebens: das ideale Fischfutter, das unerschöpfliche Reservoir an Nahrung. Die Fifch- züchter wissen das seit einiger Zeit; die unermüdlichen Be­strebungen eines deutschen Gelehrten, des Dr. Zacharias, bnbett ihnen die Augen dafür geöffnet, daß sich die Kleinwelt ihrer Deiche -unmittelbar in Geld umsetzt, wenn man sic hegt und aufiommeit läßt In dem holsteinischen Städtchen Plön wurde daher mit staatlicher Unterstützung ein ansehnliches wissenschaftliches Institut gegründet, das sich nur ben Planktonstiidicn widmet und in vielen schönen Arbeiten unsere Kenntnisse dieser für den stclchtwiffcnben unsichtbaren Welt gewaltig förderte.

Das Plankton enthält zahllose Pflanzen: vor allem Kiesel­algen, dann Geißclalgen, Braun- und Grünalgen. Eme so viel­gestaltige Menge, daß man trotz jahrelangen Bemühens doch bet weitem nicht alle kentit. Aber alle, die man keuncii lernte, haben etwas Geiuciusames. Sie sind an die ganz eigenartige Lebens­weise, die sic führen, angepaßt. Das will etwas heißen, tagaus- tngein immer zu schwimmen, sich allen Zufälligkeiten der Wellen anszusetzeit, wie cs diese armen Gcschöpfchen tun MiMcn, da sic nicht dem Druck dcr Wasscrticse gcivachseii sind, und wenigstens ein Teil der Pflanzen sich nur int Sonnenlicht am Leben erhalten kann. Besonders bewundernswert ist übrigens diese Kraflaustren- gung bei den zahlreichen Tieren (kleinen Krebschen, Räbertieren, Milben und Infusorien), die mit den Planktonpslänzchen zu­sammen zeitlebens schwimmen. Aber auch die letzteren könnten nicht auf die Dauer an der Oberfläche bleiben, wenn sie sich nicht vollkommen an ihre Lebensweise hiiigcgeben hätten. Alles ist bei ihnen Anpassung. Der Körperbau verzichtet auf alle Solidität, er kennt nur noch ein Baugesetz: dünn, graziös fein, bei geringstem Gewicht die größte Oberfläche erreichen! Darum streckt er sich in die Länge, cr wird zunt allcrbümistcii «stabchcii oder Scheibchen, oder er sendet eine Unzahl feiner Haare, Borsten, Stacheln, Hörner aus, verzerrt sich zu einem grotesken, ganz uu- wahrscheinlichett Wesen. Das sehen wir an dem Pediastrum, an ben drolligen, kleinen Pelzmonaden, noch schöner anchm bizarren Ceratien dcr deutschen Meere, die mit der Kieselalge die kenn- zeichncndsten und häufigsten Schwebeweseti bet Nord- und Ostsee sind. Oder cs bilden sich Fallschirme, Schwimmhäute und die aller-sonderbarsten Trichter, wodurch wahre Fabelwesen zustanbe kommen, so bie Ornithocercen dcr südlicheren Meere, (besonders des Mittelmeeres), oder die Dinohrhen, die zu den wichtigsten Planktonpslanzen vieler deutscher Biimenseeit gehören Em wich­tiges Hilfsmittel zur Erreichung größtmöglicher Schwebcfahig- keit ist das Prinzip des Gesellschnftslebeus. Es ist unglaublich, welche Ideen sich da in der Natur verwirklichen. Da stecken bic gehörnten Ceratien des Atlantischen Ozeans eines ihrer Horner dem Bordermanit in den Rücken und bilden so eine Kette, oder bie Kieselalgeit steckcii ihre Köpfchen zusammeti und werden zu einem reizenden Stern; die Dinobryen leisten sich auf noch un­begreifliche Weise bas Kunststück, sich stets auf den Bechcrrand ihrer Eltern in einer so geschickten Anordnung zu setzeit, daß da­durch ungemein zierliche Bäumchen entstehen, die majestätisch oahut- schweben, da ihre Insassen mit ihren feilten Geißeln taktmäßtg schlagen, wie eine wohleingeübte Schar Ruderer. Die Fragilarien hängen an den Seiteit zusammeit und bilden lange, gerollte Platten wie. gewälztes Blech,' eine sehr häufige Kieselalge der nord­deutschen Seen sendet ihre Schleimfäden von Zelle zu Zelle und verspinnt sich so in großer Anzahl zu einem Trupp, dcr prächtig schwimmt, während bie einzelne unbedingt zu Boden sinken müßte. Andere reihen sich zu Fäden aneinander, wieder andere bilden Gasblasen, Fettropfen in ihrem Körper, die sie an der Oberfläche

Eine reiche Quelle geistigen Genusses bietet allen Lesern ohne Unterschied daS in so mancher Hinsicht ganz neue Bahnen cinschlagcnde und selbständige Forschungen in sich schließende, großangelegte Seitenstück zu Brehms Tierleben, welches seit einiger Zeit unter dem TitelDas Leben der Pflanze" von R. H. Francs int Verlag desKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde", Stuttgart, in Lieferungen ä 1 Mk. erscheint. Unser heutiger Artikel ist diesem hochinteressanten Werke entnommen, dessen 1. Band nunmehr komplett vorliegt.