Ausgabe 
8.7.1907
 
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wenig Achtung trautest du mir vor dem Namen zu, den ich Immen kurzem auch tragen wollte?"

Tagmar!" schrie Veltlingen da auf,willst du das denn jetzt wirklich nicht mehr? Soll ich einsam und allein den Rest meines Ledens verbringen, immer mit dem peinigenden Bor- wurs:das hast du selber verschuldet durch deine unsinnige und Wie ich jetzt gern eingestehe unbegründete Eifersucht." Willst du mich wirklich gehen lassen, allein und hoffnungslos gehen lassen in die öde, traurige Zukunft?"

Flehend streckte der Kammerherr die Hände aus.

>,Tagmar, ich liebe dich!"

Es war ein ehrlicher, warmer Klang, der in den Worten lag, ünd fast noch mehr als die Worte wirkten die bittenden Äugen, die gar eindringlich zu sprechen wußten. Und wieder durchrann Dagmar das seltsame Gefühl, welches sie gestern bei Veltlingen si Zärtlichkeiten empfunden hatte. Ein weiches, verzeihendes Lächeln lag um ihren Mund, als sie dem Kammerherrn zagend die Hand hinhiclt, die er mit heißem Truck ergriff.

So willst du es doch noch mit mir wagen, Tjagmar, trotz 'alledem?"

Sie nickte wortlos.

Ta schlang er bewegt den Arm mit sie, Hand in Hand traten sie zu dem Schreibtisch, auf.welchem der Ring noch immer lag. Ein vorwitziger Sonnenstrahl huschte grade durch die Tüllgardine, hell auflenchtete der goldene Reif.

Tas Symbol der Liebe und Treue. Nimm cs jetzt zum zweitenmal aus meiner Hand, Geliebte, und glaube mir, daß ich dir voll und ganz vertraue."

Still lehnte Tagmar ihren Köpf an seine Brust. Sie konnte rs nicht hindern, daß ihr große, klare Tränen über die LLangen rannen. Erschrocken und selber tief erschüttert, sah Veltlingen ihre Bewegung.

Sie saßen dann noch lange in ernstem Gespräch zusammen. Jmmermchr fühlte Tagmsar das Vertrauen zurückkehren, welches sie Veltlingen bisher so bedingungslos entgegengebracht hatte, in dessen ruhigem, achtunggebietendem Auftreten sic eine so feste Gewähr für eine harmonische Ehe zu erblicken glaubte.

Wieviele von all den guten Eigenschaften sie ihrem Verlobten andichtete, ahnte die Baroneß nicht, die jetzt halb unbewußt den Zauber auf sich wirken ließ, den Vcltlingens sichtliche Freude über sie ausübte. Jia, allmählich kam sie zu der Ueberzcugung, daß diese ernste Aussprache ihren gegenseitigen Gefühlen feiltet wegs zum Schaden gereicht habe. Im Gegenteil! Es herrschte jetzt eine wohltuende Klarheit zwischen ihnen.

Mit heimlicher Genugtuung bemerkte Tagmar immer ivieder, wie sehr ein leichter Händedruck, ein scheuer Küß von ihr Velt­lingen beglückte. Und in düste heimlichen Freude wuchs und erstarkte etwas in ihr, was sie bisher noch nie in dem Maße ^empfunden hatte.

Es lockte und drängte sie förmlich, diese Herrschaft, der sie sich jetzt über ihren Verlobten bewußt ward, durch harmlose, kleine Zärtlichkeiten zu vergrößern und zu festigen. Und daß ihr dies belang, merkte sie mehr und mehr mit heimlichem Frohgcfühl.

Veltlingen war so vertieft in das kosende Plaudern, daß er Erschrocken zusammcnfuhr, als die Uhr plötzlich mit leisen, feinen Schlägen zu klingen anhub. Dagmar lachte hell auf über sein perblüsstes Gesicht.

Ja, lieber Miagnus, zum Besuche Machen ist es für heute wohl zu spät. Aber weißt du, ich habe einen herrlichen Plan. Wir wollen gemeinsam -bei Ponz zu Miittag speisen. Und da wir das als ehrsame Brautleute nicht gut allein können, so schlage ich vor, wir holen uns Borgwardts dazu. So ein kleines Diner .a quatrc denke ich mir reizend! Bist du einverstanden?"

Ter Kammerherr beugte sich zärtlich näher.

,Gewiß, mein Herz. Wenn gleich ich mich schon mehr aus pas Tiner,,ä quntre yeux" freue!"

Scheu blickte Tagmar vor sich nieder.

>Mjagnus," begann sie nach -einer Weile in ernstem Ton,ist .üun auch wirklich alles Mißtrauen geschwunden?"

Unbehaglich sah Veltlingen sie an. Es währte einige Sekunden, bis er mit gezwungenem Scherz antwortete::

»Gewiß, mein Herz, wenn du etwa eine Probe machen willst?

Bitte, ich habe nichts dagegen."

Rasch tisat Tagmar an den Schreibtisch.

.. s"Nun gut, Magnus, was sagst du hierzu?" Mit kurzem' Eriss E ste den silbernen Briefbeschwerer, den Ehrenpreis des gestrigen Wettlaufens, ans der P-apierhülle. BerständniÄos blickte der Kammerherr Tagmar an. Ta drehte die Baroneß den Block um, sodaß die Unterseite zu sehen wgr. Mit großen, deutlichen Puchstaben stand ein Name darauf, der Name, den Veltlingen vor Men anderen in der Welt haßte,. ,

Toch jetzt kam dem Baron die Gewohnheit des jahrelangen' Hoflebens zu gute. Mit tadelloser Selbstbeherrschung zivang er ein erstauntes Lächeln ans seine Lippen.

Nun," wiederholte Tagmar ein ivcnig ungeduldig,was sagst du dazu?"

Daß ich neugierig auf die Lösung des Rätsels bin," antwor­tete Veltlingen mit anscheinender Ruhe.

Hätte' Tagmar geahnt, welche namenlose Anstrengung ihn diese Heiterkeit kostete, sie hätte vielleicht doch gezögert, die Arme so herzlich um seinen Hals zu schlingen.

Hab' Tstnk, Magnus, für dieses gute Wort! Uud nun sieh hier die harmlose Lösung. Kathi hat gestern, während wir spa­zieren fuhren, ihren Block abgegeben, sie wollte, wie sie auf diesem Zettel schreibt, eiligst einen Besuch machen. Ich möchte den Silberschatz" solange in Verwahrung nehmen. Entweder haben nun die Partner absichtlich oder versehentlich ihre Preise ge­tauscht, so wenigstens erkläre ich mir die Sache."

Wenig später lehnte Veltlingen stolz und zufrieden neben! Dagmar in dem Schlitten. Wohlgefällig glitt sein Auge iibev die elegante Gestalt seiner Braut. Wie prächtig ihr das neue Tuchklcid stand, auf dessen zartem Silbcrgrau das Veilchen,-, stränßchcn sich so gut ausnahm.

Neber die große Promenade fahren," befahl der Kümmer- Herr, als der Kutscher den nächsten Weg nach der Wohnung! des Adjutanten eiuschkagen wollte.Ich hoffe, du gönnst mir die harmlose Freude, dich den Leuten zu zeigen, wenn du zum erstenmal in deinem neuen Schlitten fährst," wandte er sich eM klärend an Dagmar.

In meinem?" wiederholte sie staunend, um dann in plötz­lichem Verstehen beinah beschämt hinzuzusetzen:Magnus, du verwöhnst mich rasend. Hab' tausend Tank dafür."

Wenn Veltlingen sich in verzeihlicher Eitelkeit mit seiner schönen Braut bewundern lassen wollte, so hatte er grade die rechte Zeit und den richtigen Ort gewählt. Tie große Promenade wimmelte von Menschen und das Brautpaar hatte genug zu tun, um alle Grüße zu erwidern.

Sieh doch, Magnus," rief Tägntar plötzlich halblaut,dort geht ja Küthi mit ihrem Mann."

Sie winkte lebhaft zu Borgwardts hin, die, als sie sahen, daß der Schlitten hielt, zu ihnen hin kamen.

Tas ist ein günstiges Zusammentreffen," meinte Veltlingest heiter.Wenn wir nun keinen Korb auf unsere Bitte bekommen, ist -alles in schönster Ordnung."

Nein, einen Kdrb erhielten sie nicht. Ihre Einladung wurde! im Gegenteil von der guecksilberigen Kathi mit Heller Freud« begrüßt. Freilich meinte das gewissenhafte Frauchen, als pflicht- getreue Mutter und Hausfrau daheim erst noch Bescheid sagen zu müssen. Ihr Gatte lachte.

Ich wette, Kathi will sich nur noch schöner machen," sagt« er mit neckischem Seitenblick auf die leise Errötende.

T-as wäre doch schlechterdings unmöglich," entgegnete Velt-. lingen mit all der Verbindlichkeit, die ihm, wenn er wollte, in reichem Maße zu Gebote stiand. Er war augenscheinlich,in glänzen­der Laune. Auf seinen Vorschlag fuhren die beiden Damen dann! schnell zu Borgwardts, während er mit dem Hauptmann zu Ponz vorausging.

Behaglich lehnte Fstau Köthi sich in die weichen Atlaspolst-crt zurück.

Eigentlich bist du doch ein Glückspilz, Tagmar," meinte! sie bewundernd, während das elegante Gesährt durch die Straßen, glitt.

Ja," antwortete die .Ängeredcte einsilbig, aber es klang eher wie eine Frage.

Mit demSchönermachen" hatte Borgwardt übrigens recht gehabt. In aller Eile zog die niedliche kleine Frau eine tauben­graue Seidenblns-e an, die sie allerdings zums Entzücken kleidete. Tagmar koste unterdessen mit Harro und Klein-Elslein. Lachend sah Kathi ans das liebliche Bild.

T-agmür, du paßt wirklich prächtig zurKiudermutter", wie Harro das immer nennt." Sie blinzelte neckend zu der Baroneß hin. Doch die ging «merkwürdig wenig auf den Scherz ein. Klang ihr plötzlich Veltlingens Wort in den Ohren:Tn bist jung und lebcnsfrisch und ich bin alt?"

Tas Diner verlief glänzend. Nicht zum wenigsten Hatte Belb- lingens hervorragende Unterhaltungsgabe dazu beigetragen. Vor­zügliche Speisen, treffliche Weine und die weichen, einschmeicheln­den Klänge einer Zigeunerkapelle taten gleichfalls das Ihre zur Erhöhung des Genusses, ganz abgesehen von den beiden reiz­vollen Fmuengestalten, die dem ganzen erstdie höhere Wdihe" gaben, wie Veltlingen in seiner humorvollen Begrüßungsrede sagte. (KMetzunA folgt.)