Ausgabe 
8.7.1907
 
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Montag den 8. Juli

1807

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Jun Ken rrnter der Asche. \

Roman von M. Proßnitz (M. Nörenberg).

Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

(Fortsetzung.)

Bitte, Magnus, laß das. Tu kannst doch wohl nicht im Ernst erwarten, daß ich mir in dein einen Augenblick die schmach­vollsten Verdächtigungen von dir hinnehme und mich int nächsten Moment geduldig von dir Assen und umarmen lasse! Ich glaube nicht, daß ein Bräutigam seiner Braut schlimmere Tinge sagen kann, alS du es eben tatest. Und daß du es tun konntest . . i beweist mir nur zu deutlich, daß du mich nicht so achtest, wie es nach meiner Ansicht unumgänglich nötig ist bei einer har­monischen Ehe . . . Und darum bitte ich dich, gib mich frei! . . . Laß uns in Frieden scheiden . . . Habe Dank für alles Gute, daß du mir während unserer Veriobungszeit erwiesen hast und be­wahre mir ein gutes Andenken, denn wenn du erst ruhiger ge- worden bist, hoffe ich, wirst du auch einsehen, wie bitter unrecht du mir mit deinem Verdacht tatest !"

Langsam hatte die Baroneß bei den letzten Worten mit zitternder Hand den schmalen Goldreif vvm Finger gezogen. Er klirrte leise, als sie ihn »auf die blankgebohnte Schrcibtiich^- platte legte. Schweigend neigte Dagmar noch einmal das blasse Antlitz, dann wandte sie sich aus dem Zimmer.

Mit weit geöffneten Augen hatte Veltlingen ihrem Beginnen zugesehen. Wachte oder träumte er? War das wirklich Dagmar, seine Tagmar, die sich da soeben für alle Zeiten von ihm wandte, die da langsam, ohne auch nur noch einen Blick auf ihn zu tverfen, zur Tür schritt. Und weiin diese Tür ins Schloß siel, dann sollte der schöne Gedanke, Tagmar bald ganz sein eigen zu nennen, nur ein Traum gewesen sein?

Geradezu lächerlich kam ihm sein Verdacht vor, seit er nt ihren klaren Augen eine so Helle Empörung darüber gelesen hatte. Und lieben diesem deurlichcit Gefühl der Verlegenheit über feilt Vorgehen, beschlich ihn plötzlich ein anderes Empfinden. Tas wuchs und breitete sich mit rasender Geschwindigkeit die Angst. . .

Heiße, herzbeklemmende Angst war es, die ihm auf einmal den Atem versetzte, seinen Puls unruhig und schwer klopfen ließ. Wenn er Tagmär nun wirtlich verloren hatte, unwiederbringlich verloren hatte, was dann?

Seine KOle war ihm wie zugeschnürt. Er wollte sprechen pich konnte es nicht. Zweimal öffnete er vergeblich die Lippen ~ kein Ton drang daraus hervor!...

Tie Baroneß wär grade int Begriff, die nach ihrem Schlaf- ziminer führende Tür zu öffnen, als Veltlingen endlich seine Stimme gehorchte.

Dagmar!"

Nur dieses ein« kurz« Wort. Aber es war ein Klang darin, der die Gernfene veranlaßte, zögernd ihren Schritt zu hemmen.

>,Tagmar!" tönte es von neuem durch die unheimliche Stille, Stilb wieder lag der eigene Klang in dem Wort.

Schweigend wandte die Gerufene sich zurück. Erstaunt und

fragend sahen ihre großen, jetzt von verhaltenen Tränen schimmerns den Augen ihn au.Was willst du noch?" stand klar und deutlich darin. .

Mit zwei Schritten war Beltliiigen neben ihr. Sem Atem ging hart und schwer, als er, sichtlich unter dem Zwang einer tiefen Bewegung, leidenschaftlich sagte:

Bleib', Tagmar, ich bitte dich darum."

Schweigend willfahrtet« sie, unwillkürlich von dem Ton seiner Worte ergriffen. Mit einer müden, hoffnungslosen Bewegung ließ sie sich auf das Sofa -nieder. Die Augen ,est zu Loden gerichtet, die schmalen Hände ineinander gefaltet, so saß sie da.

Wenige Schritte von ihr, am Schreibtisch, stand Veltlingen. Nervös faßten seine Hände bald diesen, bald jenen Gegenstand, ohne daß er sich dessen bewußt ward. War seine Seele doch völlig bei dem, wovon er jetzt zu Dagmar sprach, bei der Sorge, sie, seine trotz aller Eifersucht heißgeliebte Braut, zu verlieren.

Wohl hatte anfänglich bei seinen Worten ein bitteres Lächeln Tagmars Züge überflogen, di« dunkle Röte der Scham ihre eben noch so blassen Wangeii wieder purpurn gefärbt, aber sie hob doch lauschend den Kopf bei den warmen, echten Herzens^ tönen, die er anzuschlagen wußte, als er von den bitteren Er­fahrungen sprach, die ihm das Leben stets grade da gebracht, wo. er es am wenigsten erwartet habe.

Als Tagmiar verletzt emporsah, blickt« er sie freimütig an.

Denke nicht, id! ich dich auch nur sekundenlang mit tief unter dir Stehenden zu vergleichen wagte. Ich wollte das nur als eine gewisse Entschuldigung für das Mißtrauen anführen, das sich mir seitdem unauslöschlich eingeprägt hat. Und dann kommt in diesem Fall noch eins hinzu, was mich schon vorher schwere Bedenken geltet hatte. Tu bist jung und lebensfrisch und ich bin alt. Ich hatte dir nur mein heißes Herz meinen Reichtum zu bieten. . . Tas; du damals nicht gleich willig meinen Bewerbungen Gehör gabst, ich dankte es dir mncr- lich. Schien es mir doch ein Beweis zu sein, daß du mich um meiner selbstwillen nahmst."

Ter Kammerherr schwieg. Erschöpft tupfte er sich mit dem Batisttuch die hohe Stirn, auf welcher feine, kleine -Schweiß­perlen standen. ,, , ... e

Dagmar sah ernst zu ihm hin. Und als sie den Ausdruck schmerzlicher Erregung in seinem Gesicht gewahrte, durapuhr sie der Gedanke:Sieh, so leidet er um deinetwillen, Em^tiefes Mitleid quoll in ihr empor, während vor ihrem unbestechlichen Gewissen urplötzlich riesengroß die Frage auftauchte:Hast du denn auch eilt Recht, ihm, nur weil er dich beleidigte, dein Wort zurückzugeben? Bist du nicht zu schnell mit einer Tat gewesen, bereit Folgen ihn vielleicht feilt Leben lang unglücklich machen? Und kannst und willst du die Verantwortung dafür tragen?

Blitzschnell durchzuckten solche Gedanken sie. Tann hob sitz mit einer entschlossenen Bewegung das Haupt.

Und weshalb glaubtest du auf einmal annehmen zu müssen, daß sich meine Gefühle für dich geändert hätten? Nur weil ich auf Bitten des Herzogs mit Uchdorf lief? Denkst du, ich wäre mit dem Rittmeister gelaufen, wenn ich das nicht gekonnt hätte? Magnus, glaubtest du wirklich, ich würde dich so betrügen? Sq