Rattenfänger spielte, und die alte Borcharten, die mit dem Leibhaftigen im Bunde war!"
„Und Sie, Herr Frank", warf Eva Wendenstett vergnügt dazwischen.
„Es freut mich von Herzen, daß Sie mich, als über dem Durch- fchnitt, anerkennen, Fräulein Eva. Nun hören Sie aber weiter. Tie alte Borcharten war besonders zu Festzeiten auf dem Posten. Aber heute will ich Ihnen nur von bem alten Himmelsahrtswunder, das Sie noch nicht kennen, erzählen. Die Borcharten verriet gegen Geld, Hering oder euren Doppelschnaps, wie jeder in der Nacht vor Himmelfahrt, seine Bedrängnisse, Krankheiten und Feinde los zu werden vcruröchte, wenn er gläübigen Herzens! den Namen des Menschen, den er am liebsten auf der Welt hat, auf einen Bogen Papier schriebe. . . eine Rolle daraus formte ... sie an einen Stecken bände und um Mitternacht an einen stillen Ort brachte."
„Ach. ." sagte Eva Wendenstett. . . „das ist ja heller Unsinn!" Mer sie konnte es doch nicht hinderst, daß in ihre Augtzn ein Schein aufmerksamen Lauschens kam.
„Durchaus nicht, Fräulein Eva. Zuverlässige Leute haben mehr als einmal die Wirkung erprobt. Am Morgen ist jene Rolle regelmäßig verschwunden. Durch die Ehrlichkeit der Menschen und den festen Glauben an ihre Hilfe gerührt, tragen die Engel sie gen Himmel und . . . bringen es im Laufe der Zeit zustande, daß auch die Schreiberin für den Träger jenes Mannes das Teuerste wird!" _
Eva lachte spöttisch, weil sie hoffte, ihre Aufregung dadurch zu verbergen.
„Und die alte Borcharten sieht sich mit den Engeln per Telephon in Verbindung und verrät ihnen jedesmal die Adresse der unbe- kannten Schreiberin! ?"
Ewald Frank sieht sie nach diesem mit seinem strengsten Gesicht an. „O, Fräulein Eva, wie wenig Kinderglauben ist doch in Ihnen. Die Engel brauchen keine Borcharten. . die sehen sogar, wenn gewisse Leute in gewisse Rockärmel Maikäfer stecken und gewissen Reitschimmeln Knallfrösche unter den Schweif binden."
Frau Wendenstett läßt die Zeitung wiederum sinken und sieht ihre Einzige zornig an.
„Schämst du dich gar nicht, Eva, daß du Manieren wie ein Junge in seinen ärgsten Flegeljahren hast? Was wird dein Vater wohl sagen, wenn er von diesen beiden Sachen erfährt?"
„Gnädige Frau," antwortete Ewald Frank an Stelle der dunkel Erglühenden. „Diesmal ist Fräulein Eva wahrhaftig unschuldig. Das wären ja mehr wie Straßenjungen-Gewohnheiten. Der Fritz Gaul, der gottlose Bengel, der schon lange für die Zwangserziehung reif war, ist's gewesen."
Eva Wendenstett hätte ihn prügeln können/ Daß er es wagt, sie durch das Borschieben dieses notorischen Bösewichts vor dem väterlichen Strafgericht zu schützen, machte das Blaß ihres Zornes voll. Sie möchte am liebsten weinen und lacht doch, um ihn die Größe ihrer innerlichen Scham nicht merken zu lassen.
Ein paar Augenblicke besinnt sie sich vergebens auf etwas, das ihn kränken könnte. Dann setzt sich endlich der größte aller Teufel in ihr rosiges Ohr und gibt ihr einen Rat. —
„Gestern haben Sie mich übrigens etwas gefragt, Herb Frank," sagt sie forciert lustig: „Ob ich zufällig nicht wüßte, warum der liebe Gott .allen jungen Tamm zwischen 16 und 17 Lenzen ein besonders gutes Mundwerk verliehen habe. Ich vergaß. Ihnen das zu beantworten. Weil Sie mir nun aber doch die wunderschöne Engelgeschichte erzählt haben, will ich auch nicht so sein. Tas große Mundwerk muß sein, damit sie feste Radau schlagen können, wenn in Vaters Wwesenheit statt der gekauften 30, Zentner Sommerroggen mit SSicia Bilosa nur 22 auf den Speicher geschafft werden... die andern aber in einen dunkeln Winkel wandern, von wo!Äus sie dann nachts beiseite gebracht worden wären, wenn es keine junge DaMd zwischen 16 und 17 gäbe."
Ewald Frank wird ordentlich blaß vor Schreck. Er versucht sich Frau Wendenstett gegenüber zu- verantworten.
„Ich mußte gestern den ganzen Tag auf dem Felde sein, gnädige Fran", sagte er gedrückt „und ich !var ganz ruhig, weil ich den alten Hofmeister für eine ehrliche Haut hielt."
. -/-Sie hat er auch weitertriumphierte Eva. „Sie widersteht allen Lockungen, die ihm eine Bereicherung an seines Herrn Gut verheißen. Nur keinen Schweinegrieben. Und die gab es gestern vormittag bei seiner Ehehälfte. Der alte Gaul hat ihn vertreten müssest. Sie kennen ihn doch, Herr Frank? Es ist der Vater von dem Bengel, der mit Maikäfern und Knallfröschen arbeitet!"
Ewald Frank zeigte zum erstenmal keine Lust zur Fortsetzung semes Gespräches mit Eva. Er steht hastig auf und nimmt seine abseits liegende Mütze zur Hand.
„Ich glaube, die Vesperstunde ist vorüber", sagt er zu Frau Wendenstett und geht intt leichter Verbeugung zur Tür hinaus.
Kaum ist fein Schritt verhallt, als Eva ihre Predigt bekommt. Sie ist sehr reichlich und wenig auf den Ton milder Verzeihung gestimmt.
„Du bist ein unausstehliches Mädchen, Eva, und ich hätte lieber sieben Jungen, als dich."
„Ach! Mutti."
„schweig Mr Du weißt ganz gut, welches großes Opfer Herr Frank beuiem Vater mit dieser Vertretung bringt, weißt, daß er extra um ihretwillen sich noch nicht selbst angeiauft hat, kurz, daß er keineswegs der erste beste bezahlte Mensch ist, sondern ein tüchtiger, ja genialer Landwirt, dessen Anwesenheit deinen Vater mehr wie beruhigt. Ich bin wirklich außer mir. Ja, wenn es nicht m 5 Tagen Nimmelfahrt ioäre und das neue Schulviertettahr ruckst.fchrm zu toeit vorgeschritten, ich schickte dich iioch heute zu Rickers nach Schlehendorf tn Pension!"
„Mattel, gutes, goldenes Mattel, unb das alles wegen Herrn Frank?"
„Nein, überhaupt, Eva. Dein Benehmen gegen ihn sestigt nur unfein Entschluß. Es ist zu deinem Besten. Denkst da vielleicht, daß dich jemals ein Mann lieb haben kann, weine du so bleibst? Sag mir, was Hirt dir Herr Frank getan? Warum machst da ihn zum Spielball deiner tollen Einfälle?"
„Weil ich ihn so unaussprechlich hasse. Matter. Ich könnte ihre totschlagen, ich kann ihn nicht mehr sehen, ich. . ."
Und sie wirft sich mit lautem Aufschluchzen an das Herz ihrer Matter. Frau Wendenstett lächelt and fährt lauft über den braunen Zopf ihres zitternden Kindes.
„Sei ruhig, mein Kleines," sagt sie weich. „Er haßt dich ebenso tief and leidenschaftlich wie dn ihn, und er kommt dir ja bald aas den Augen."
IW Eva sich endlich aas den Armen ihrer Matter aufrichtet, hat Frau Wendenstett feuchte Augen. Eva aber einen Ausdruck hülflosen Jammers im Gesicht and ein ganz durch-, näßteS Taschentuch in den Händen.
Draußen aber will sich die goldene Maiensonae Über das Versteckspielen der jungen Herzen halb tot lachen.
*
Eva Wendenstett und Herr Frank sind „böse" miteinander. Es hat nicht etwa eine neue Explosion in ihnen stattgefundcn. Sie hätten sich einfach seit ihrem letzten Gespräch, in dem die Knallfrösche und der Sommerroggen die alte Borcharten schließlich in den Schatten stellten, voneinander fern.
Eva Wendenstett fühlte sich dabei totanglücklich. Benn c3 mcht gerade Maienzeit wäre und die ersten Kreikcn begannen, sich gelblich zu färben, möchte sie am liebsten sterben.
Ob Ewald Frank and) sterben möchte, weiß sie nicht.
Schließlich ist der Mai mit einförmigen Schritten zur Ruhe gegangen unb die Nacht, die beit Himmelsfahrtstag im Schoß hält, zieht herauf.
„ ^a kann nicht schlafen. Sie bildet sich ein, daß, seitdem ihr die Mutter von Ewald Franks Gegenhaß gesprochen hat, sie überhaupt noch nicht schlief.
, Die dumme Geschichte vvn der Borcharten spukt ihr ewig im Kopf herum. Wenn sie es vielleicht doch mit dem Anfschrciben einest Namens versuchte und den Stecken an einen Ort trüge, an den niemand käme. . . .
Nein, das geht nicht. Herr Frank komnit jetzt in alle Ecken und sieht nach, ob nicht irgendwo Sommerroggen mit Bicia Bilosa versteckt ist. Wenn die Rolle dabei in seine Hände siel, wenn das Wunder und die Engel ein Scherz gewesen.
Aber wenn doch etwas dran wäre. . .
Warum soll es das nicht geben? Glauben benit nicht viel verständigere Leute als sie, an das Dellergreifen des Silvesters and das Heilende Wasser der Osternacht?
t Ist «licht feige, den einzigen Weg, der vielleicht aus
der duiiklen Trauer in das Licht führen kann, unversucht zu lassen.
Aber sie kann doch nicht ihr Geheimnis Preisgeben. Den Namen dessen dein Papier ausliefern, beit sie lieb hat.
, Sie denkt voller Andacht und kindlicher Hoffnung über einen Einfall mach, der sie, selbst wenn sich ein Unberufener ihrer Rolle bemächtigen sollte, vor Scham schützt.
, Und endlich fomint ihr eine Erleuchtung. Sie springt auf, greift zur Feder und schreibt auf einen Bogen ganz dick einen Namen. Dann preßt sie ein weißes Löschblatt auf die nasse Schrift, berbreunt das Original, und tut mit bem Abdruck nach Ewald Franks Erzählung.
Eiligen Schrittes huscht sie über den Rasenplatz zur Laube hinüber, deren blauer Flieder schwul in die Nacht duftet. Ms sie gerade am (Singtoiig steht, sieht sie kaum zehn Schritt vvn sich entfernt einen Mann, auf dessen Nase ein Strahl bläu-, lichen Mvndenlichts liegt. In demselben Augenblick weiß sie auch, iucr der andere tzdachtwandler ist. Solche Nase hat nur Ewald Frank. Auch er trägt eilte Rolle in der Hand und hat die Augen geschlossen, als ob er schliefe.
Eilig wendet sie sich, um Reißaus zu nehmen . . . Aber Herr Frank ist schneller als sie. Er hat sie augenscheinlich nicht gesehen, denn er prallt unsanft mit ihr zusammen, weil der Mond hinter eine Wolke geschlüpft ist. Die Rollen gleiten ihnen aus den Händen. Friedlich liegen sie nebeneinander im Kies, und Frank tut, als sei er tödlich erschrocken. Schließlich murmelt er etwas Unverständliches . . . neigt sich herunter und drückt Eva die eine der Rollen in die Hand.
Wie der Wind läuft sie ins Haus zurück und hört nicht, was sich die. Nachtigallen am Teich zujanchzen.
Erst oben im Schutz ihres Stübchens sieht sie sich die Rolle, di« nun doch ihren Zweck Verfehlte, an. Da merkt fie, daß list


