266

Du erkanntest eA nicht, sonst hättest tiu mir helfen imb mich aufi- klärm können, ehe ich mir selbst die Fesseln anlegte, die ich später nun zerbrechen mußte. Wer du dachtest nur an dich, warst erfüllt vvn deinen eigenen Interessen, und so tastete ich allein im Dunkeln, ohne zu erraten, waS meine Natur forderte. Jetzt weiß ich es> und halte mich daran. Mein ster­bender Vater wieA mir die Wege, int Angesicht des Todes ward «r hellsehend und wußte, was seinem Kinde not tat."

Unmerklich hatte Sylvia diese hochtönende Phrase der Mutter sich angeeignet und gab sie bei dieser Gelegenheit wieder.

Roderich antwortete mit einem kurzen Lachen.

Ja so du bist jetzt ein vermögendes Mädchen geworden, das war mir entfallen, Ivie fühlst du dich denn als Erbin?"

Das war wieder der frühere spöttische Ton, aber Roderich schlug ihn nicht so natürlich und unbefangen an wie ehemals, er ärgerte sich innerlich über vieles. Sylvia spielte ihm da eine Komödie vor, sie wollte cs ihn nicht merken lassen, daß sie ihn liebte, aber ihr Benehmen war recht unbequem. Er rückte un­ruhig auf seinem Stuhle hin und her und trat dann an den Flügel, auf welchem aufgeschlagene Noten lagen.

Möchtest du mir nicht etwas singen?" sagte er.Ich bin begierig, deine Stimme wieder zu hören, du weißt, iich habe «in Urteil."

Sylvia blieb auf ihrem Platz und sah sich nachlässig nach ihm um.

Jetzt nicht," entgegnete sie frostig;ich nehme Unterricht bei einem erprobten Lehrer, der schon viele Stimmen erfolgreich ausbiidete. Da singe ich zu Anfang keine größeren Sachen, übe jeden einzelnen Ton du wirst mich später öffentlich hören."

Roderich sah sie verdutzt an.

So ialso du bist deines Erfolges ganz sicher," meinte er, >,und an meinem Urteil liegt dir nichts mehr. wie du willst." Er legte die Notenblätter aus der Hand und griff nach seinem Hut. Eine tiefe Falte lagerte sich auf seiner Stirn, an der Sylvia sich erfreute.

Es war eine kleine Weile still im Zimmer; Roderich über­legte, ob er nicht gewaltsam das- künstliche Eis brechen, die kleine, gekränkte Komödiantin in seine Arme reißen und ihr den schmollenden Mund mit Küssen bedecken solle. Aber so keck und sreiherrlich er sich sonst anch gefühlt hatte, heute wagte er cs doch nicht. Sie war nicht mehr das liebliche Schwesterchen, über das er unbedingte Gewalt hatte. Sie saß da fy_ nachlässig und vornehm, als ob sie seine Gegenwart Vergessen Hütte. Es war wirklich eine verlegene Situation für ihn.

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und Frau Zernial rauschte herein, ihm wie eine Erlöserin,

Roderich! Du einziger aus meiner Schwester Hause, den inan noch einen Gleichgesinnten nennen kann!" Sie kam ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; die wehenden Falten ihres Kleides und die langen Flügel ihres Frühlingsumhangs flatterten hmter ihr, und die hohen Federn auf ihrem Hute nickten. Sie war unverändert die Alte. Sie hatte ein leichtes Rot und

Püder aufgelegt und die Ränder ihrer Augen dunkel tzefärbt. Potz Blitz, die Theatermutter wie sie leibte und lebte!

Roderich quoll es herauf. Das ging nicht bei Gott, Ü'ug nicht! Dee feine, reine Sylvia in den Händen dieser Mutter. Es überlief rhu heiß und kalt was war da zu machen? '

Wenn er Sylvia jetzt wirklich einen Heiratsantrag machte, fich für alle Zeiten band um ihretwillen, so war es sehr fraglich, b Ue ihn annahm.Damals ja, damals" es blitzte durch fern Gehirndu, du allein konntest sie retten, und vielleicht »nr das Rechte auch für dich, wenn du cs tatest."

Frau Zernial saß auf den allerhöchsten Rossen. Wie eine Sturmflut ergoß es fich aus ihrem Munde Sylvia erfahr Huldigungen, wohin sie kam, sie Hatte schon zahllose Be- tverber und Verehrer. Aber ihre Aussichten waren überaus glänzend.

, "Sie, wird die erste Sängerin der Welt ihr Lehrer ver­sauert mich, ihre Mittel seien phänomenal; der Hauptagent, der alle Ncuentdcckten sofort mit Beschlag belegt, sagte mir neulich rwch: .püten Sie sie vor den Bewerbern! Nur nicht binden wr steht das Höchste zu Gebot! Natürlich hofft er, der Schlaue, den ersten Kontrakt zu machen, aber wir haben Geld und sind in kernes Menschen Händen. Wir sind auch schlau."

, Roderich saß schweigend, nagte an seiner Unterlippe und fand, da,z die Mutter ihre Tochter durchaus! als Ware betrachte, Mit der der vorteilhafteste Handel getrieben werden sollte. Ob

?aSr s^chlte? Sie faß ba mit einer Miene völliger Geistesabwesenheit, als ob sie gar nicht höre, was vdn ihr gesprochen wurde. Ihre schlanken Finger zerpflückten eine Rose,

die sie am Busen getragen und die nun entblättert aus dem! Teppich lag. Die Neugierde trieb Frau Cölestine jetzt zu allerlei Fragen, ob er nichts zu sagen wisse über die Stimmung zu Hause. Erna strafe sie ja mit schweigender Verachtung, die gute; hausbackene Erna, welche über ihre Wirtschaftsbücher hinauf nichts begreife. Ob er nichts von dem Herrn Professor Villattö erfahren habe, sie wette darauf, der tröste sich noch einmal mit Erna und erobere dann ja mit ihr eine reichere Erbin als Sylvia gewesen.

Sylvia mischte sich jetzt zuerst wieder in das Gespräch.

Professor Billatte hat mich gewählt, als jch keinen Deut hatte, Mama," sagte sie,er ist ein sehr edler, selbstloser Mensch."

Roderich blickte überrascht auf. Wollte sie den Trumpf noch gegen ihn ansf vielen? Das war doch einfach lächerlich.^ Er nahm abermals feinen Hut und schickte sich jetzt wirklich an, zu gehen.

Wir werden dich doch noch sehen, du bleibst doch noch in Berlin?" tief Frau Zernial.

Sylvia sagte kein Wort.

Mich fesselt hier nichts," erwiderte I loder ich kühl.Manch ist krank, und man verlangt nach mir zu Hause."

So willst du dich da jetzt einspinnen unter des Vaters Fuchtel am Kvntorpult?" fragte Frau Zernial derb und rück­sichtslos.

In Roderichs Antlitz stieg eine heiße Blntwelle.

Du bist sehr vorschnell in keinen Annahmen und wenig Wählerisch in deinen SlNsdrücken, Tante,", sagte er hochmütig. Ich werde wohl einige Zeit zu Hanse bleiben, gehe aber imj nächsten Winter jedenfalls nach Rom', wo eine mir sehr teure Freundin mich erwartet."

Eine Freundin?" Frau Zernial lachte in einer unschönen, freien Weise.Und darf man wissen, wer das ist?"

Warum sollte das ein Geheimnis sein? Sie ist eine Russin, Vera Petruschka, mit der ich in Paris täglich verkehrte."

Eine Russin?" pirschte Frau Zernial lveiter.Das sind meistens sehr emanzipierte Frauenzimmer."

In Sylvias Augen blitzte es auf, sie suchte vergebens ihre Bewegung zu VeErgen.

Vielleicht kann man Vera Petruschka auch emanzipiert nennen," sagte Roderich, von einem stachelnden Impuls getrieben; sie ist eine sehr bedeutende, auf der höchsten Geistesstufe stehende junge Dame, sehr schön, sehr reich und aus altem, vornehmem Hause. Man ist gewiß, bei ihr stets Anregung zu finden."

O, das ist ja ein Urbich aller Vollkommenheit," meinte Frau Zernial.Hast du die Absicht, die zu deiner LebenÄ-- gesährtin zu wählen? Sie würde gewiß vortrefflich in dein Elternhaus passen."

Was die Zukunft uns bringt, wissen wir alle noch nicht, liebe Tante."

Er ging.

(Fortsetzung folgt.)

Kimmelfaöriszaubcr.

Von Käte Lubowski.

Nachdruck verboten.

Davon haben Sie noch nie etwas gehört, Fräulein Eva?" wunderte sich der Landwirt Ewald Frank, der den Rittergnts- besttzer Wendenstett auf Liebenau während einer militärischen Uebnng draußen und drinnen würdig zu vertreten suchte,das ist mir aber wirklich unverständlich!"

Eva Wendenstett ficht ein wenig tierlegen zu ihrer Mutter hinüber. Sie möchte dem jungen, kecken Menschen, der fort­während an ihr herummeistert, furchtbar gern die festgedrehte Kügel Schwarzbrot an die ein wenig über bät) Normalmaß hinaus- geratene Nase bombardieren. Aber sie empfindet vor den Hellen, mütterlichen Augen zuviel Respekt. Darum begnügt sie sich, ver­ächtlich die Lippen zu schürzen und zu schweigen. Ewald Frank aber ist durch die Wunder des Wonnemonats iwch streitsüchtiger wie sonst "geworden. Er beachtet die kleine Falte zwischen den Brauen seiner Widersacherin ebensowenig, als ihren mißglückten Versuch, unter dem Dunkel des Tisches die empfindlichste Stelle feiner Menschlichkeit feine Hühneraugen zu treffen. Er redet seelenruhig weiter.

Da Sie also nichts von dem alten Brauch wissen, Fräulein Eva, so halte ich es, mit gütiger Erlaubnis Ihrer Fran Mutter, für meine Pflicht, Ihre Kenntnisse zu erweitern!"

Fran Weridenstett hebt die Augen von der Zeitung und lächelt Zustimmung. Und Ewald Frank beginnt mit jenem überlegenen Lächeln, das Evä so haßt :

,Also... in dem Dorf, wo meine Wiege stand, gab es dreierlei Wunder. Den Dorfteich, in dem niemals ein Tropfen Wasser stand, den Bäcker, der außer seinem Handwerk im Winter Zähne zog, und im .Sommer, nach Bedarf der Dörfler, den