Ausgabe 
8.5.1907
 
Einzelbild herunterladen

re ffs

äTJlW

n W

M-'viSrR«

SSM®« 1

iauuuiiz

Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

So war also die Brücke hinter ihr abgebrochen, ihre fröh­liche Kindheit versunken, und das Leben, das vor ihr lag, blickte sie an wie ein Medusenhaupt. Das, was als Schuld erschien und sie als solche drückte, mußte durch strenge Arbeit gesühnt werden, der Erfolg mußte sie rein waschen.

Frau Zernial war in diesem Pensionsleben sehr in ihrem Element. Sie spielte ihre verschiedenen Rollen mit jugendlicher Verve und hatte dafür ein wechselndes Publikum. Sie wurde vielfach angestaunt und wirkte unter den mancherlei Müßig- gängern und Müßiggängerinnen ungemein erheiternd. Die schöne Tochter mit dem gehaltenern Wesen und dem oft überraschend ernsten Zug in ihrem jungen Gesicht fand Bewunderer und Verehrer in Menge. Die Zerstreuungen der Kaiserstadt, das ganz veränderte, ungebundene Leben übte allmählich seinen Reiz auch auf sie; der Lehrer, welcher ihre Stimme prüfte, eröffnete glänzende Aussichten. Sylvias ursprüngliches Temperament drang schon zuweilen siegreich durch.

Aber sie behielt dabei eine gewisse kühle, stolze Art, welche sie nach den jüngsten Katastrophen angenommen hatte, und diese kleidete sie reichlich so gut als ihr früheres kindisches, naives Wesen.

Sie sprach mit der Mutter nie von Dresden und den Pflegeeltern, es war ihr nicht möglich. Und oft überkam sie der Gedanke, daß alle Brücken zwischen ihr und jenen, and) zwischen ihr und Roderich abgebrochen bleiben würden für alle Zeit, als eine entsetzliche Erkenntnis. Sie schreckte zuweilen des Nachts auf ihrem Lager auf unter diesem Gedanken, und es war ihr daun, als ob die Oede des Todes sie umfinge.

Nein, nein, so durfte, so konnte es nicht sein! Sie mußte berühmt werden, daß ihr Name durch die ganze Welt erklang, das zwang bann Roderich zu ihr, zu ihren Füßen. So erfaßte sie beim mit Eifer ihre Aufgabe, übte nach Vorschrift des Lehrers ihre einzelnen Töne, ihre Triller bis zur Erschöpfung. Unter eisernem Fleiß wollte sie das Höchste erzielen.

Die Mutter war ausgegangen, Sylvia saß allein in ihrem Salon. Da wurde ihr ein Herr gemeldet, ein Verwandter, der seinen Namen nicht nennen wolle. Sylvias Herz zitterte sollte es möglich sein!. Sie gab den Wink, eintreten zu lassen, und sah bleich und atemlos nach der Tür.

Da stand wirklich die hohe, männliche Gestalt vor ihr, Roderich __vVyc rßcttev id),

Sie faßte sich gewaltsam, sie fühlte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht gewichen war, aber sie zwang sich zu einer unbefangenen Miene.

Ei, Roderich! Ich ahnte schon, daß du _ es seiest, als tnan einen Verwandten meldete. Erlaubt man dir denn, zu der Berfehmten zu kommen?" Sie sagte es leicht, lächelnd, mit er­heuchelter Gleichgültigkeit, und streckte deut Vetter die Hand entgegen.

Er erfaßte sie und preßte sie an seine Lippen mit einer heißest Inbrunst, die sie wohl erkannte. Aber sie entzog sie ihm rasch und wies ihm stumm einen Sitz an.

Sylvia!" sagte er in einem unterdrückt leidenschaftlichen. Ton.Sylvia, du hast dich frd gemacht!" Ihn übermannte dieses Wiedersehen, wie schön, wie reizend war sie, sie hatte sich gewaltig entwickelt, feit er sie nicht gesehen hatte. Sie er­schien ihm größer, voller in den Formen geworden und ihr Gesicht hatte einen ganz neuen Ausdruck. An die Stelle der kindlich weichen Mienen war ein durchgeistigter Zug getreten, der von innerem Erleben und Erleiden sprach. Sie war eine viel bedeutendere Erscheinung geworden, und wie fremd mutete ihn dieses formelle gehaltene Wesen an, diese Manieren einer großen Dame.

Sylvia hatte i hre Beherrschung wiedererlangt. Cd war ihr lieb, daß die Mutter nicht zu Hanse war und sie dieses Wieder­sehen allein überstehen durfte. Ihre erste Frage war nach feiltet Mutter und Erna.

Er aber kam direkt von Paris und hatte sie noch nicht gesehen.

So viel ich ans Ernas Brief herauslas," sagte er,sind sie zu Hause sehr zornig auf dich und wollen von deinen Plänen, eine Künstlerlausbahn anzutreten, nichts wissen. Nun, sie hatten ja nie viel Verständnis für dergleichen, indes5 ehrlich gestanden ich halte das auch für eine Chimäre, di« ivohl Tante Cölestine dir in den Kopf gesetzt hat. Der Ge­danke, dich auf den Brettern zu sehen, ist ja haarsträubeitd."

Sylvia warf den Kopf in den Nacken und meinte:

So sind dir schon die Flügel gestutzt? Ich sind« das recht früh. Ehemals hattest du andere Ansichten."

Ach, Sylvia" er schaute sie immer verwunderter an, sie war ja verändert bis zur Unkenntlichkeitdu hast früher vieles falsch verstanden, für eine Frau fand ich von jeher jeden Beruf, der eine öffentliche Schaustellung erfordert, un­passend, das heißt für eine Frau, die ich liebe."

So nun dann wähle dir ja ein recht solides, ehrbares Mädchen zur Gattin, Roderich," entgegnete sie lachend,ich bin recht froh, daß mich deine Geschmacksrichtung nichts angeht."

Sylvia wie schroff bist bat geworden; fühlst du dich von uns allen lvsßcrisseu? Was müssen sie da an dir gesündigt haben, daß bu so bitter wurdest!" Er faßte wieder nach ihrer Hand und sah ihr warm in die Augen. Er hatte sie in feine Arme nehmen und ihr sagen mögen:Was hat man dir, du armes Kind, getan?"

Mer sie stand hoch aufgerichtet vor ihm, mit einer kalten, unnahbaren Miene, und ein scharfer Blitz aus ihren Augen traf ihn, daß er erbebte. Was war das? Da loderte Glut unter dieser kühlen Maske.

Die deinen haben nicht an mir gesündigt," sagte sie, sie haben mir nur Gutes getan. Sie haben Ursache, mich undankbar zu nennen, und Viüatte brach ich die Treue, aber ich konnte nicht anders. In jener Stunde, als ich zu dir flüchtete, Roderich, bei dir Rat und Verständnis suchte, regte sich, zuerst unverstanden, in mir das Bewußtsein meiner Bestinimnng.