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Ern Teil des preußischen Armeekorps, welches den bedrängten hessischen und anderen Truppen $u Hilfe eilte, zog Wer Gieß-n. Boran ein Regiment Kürassiere, dann Infanterie und Artillerie. Sie tonen von der Grünberger Straße her und zogen um die südliche Schoor (gesprochen Schur). Die Tete hielt am Selterstor, in dessen Nähe unser Haus stand. Die Kürassiere waren in glänzenden Brustharnischen und Helmen. Ich erinnere mich ganz besonders eines dicken Majors, der in seinem Harnisch wie in einem Fasse saß und bei uns Jungen Heiterkeit erregte. Wir Seltersberger Jungen sprangen um die Reiter, die nebenbei bemerkt, die Karabiner schußbereit aus der rechten Hüfte hielten, herum und riefen: „Ihr schießt doch nicht aus unsere deutschen Brüder!"
Man sieht, die Aufständischen hatten unsere Sympathien, die sich auch geltend machten, als einige Schivadronen Mecklenburger durch Gießen gen Süden zogen.
War es ein Wunder, wenn wir Jungen uns bei Vorgängen wie Blums Erschießung mehr von den Dunkelmännern abwandten?
Es ging nun aber bald mit der badischen Herrlichkeit zu .Ende. Einen tiefen Eindruck machte aus mich die Erschießung der Anführer nach Uebergabe der Festung Rastatt. Insbesondere -erinnere ich mich an den Tod des Adolf von Trütschler, dessen Namen ich von damals behalten habe, wohl hauptsächlich, weil er ein Schwager unseres Anatomieprofessors' Dr. Bischofs war. Diesen aber kannten wir Jungen alle, einmal weil er der größte Mann in Gießen mit der größten (Haken)Nase war, sodann weil er immer eine Portion Hunde mit silbernen Stöpseln Tin Leib herumlansen hatte, ferner weil er oben gegenüber der Anatomie sich ein großes Haus gebaut hatte, und endlich, weil er der Schwager des großen Liebig war.
Nach der Bewältigung des badischen Aüsstandes ging es mit der Herrlichkeit des tollen Jahres rasch zu Ende. Der König von Preußen sollte deutscher Kaiser werden, wollte aber Nicht. Das war merkwürdig. Von den Grundrechten wurde viel gesprochen (sie sind bei uns in Hessen fauch im RegieruugÄ- blatt publiziert worden und gewannen damit Gesetzeskraft), sie wurden aber bald in die Rumpelkammer geworfen. Der Reichs- verweser Erzherzog Johann wurde zum Gespött. Heinrich von Gageru, der Held, verschwand von der Bühne. Er leuchtete auf .wie ein glänzendes Meteor und sank in die Dunkelheit zurück. .Er verteidigte später in der hessischen Kammer die Jesuiten und ließ feine Kinder katholisch werden.
Unsere Bürgergarde paradierte noch einmal eines Sonntags in vollem Glanz auf dem Brand vor Gymnasium und Zeughaus. Ich sah mir mit einem Kameraden Namens Adrian die Sache vom. Dach des Gymnasiums an. Wir angehenden Gymnasial- Kvnfirnranden hatten unseren protestantischen Standpunkt damit wahren zu müssen geglaubt, daß wir eines Tages von dem Gaubloch des Zeughauses, das dantals noch zum' allgemeinen Fechtbvden diente, dem unten vorübergehenden katholischen Pfarrer Fluck »Pfaff, Pfaff" zuriefen. Zu unserer Schande leugneten wir die Tat und behaupteten, wir hätten unserem Kämeraden Adrian ,,Asf, Aff" zugerufen. Man glaubte uns nicht. Vielmehr bekamen ich als „Rädelsführer" (ich war es wirklich nicht) und Wriani wegen frechen Lügens je einen Tag Karzer zudiktiert, dm wir am nächsten Sonntag nach erlassenem Urteil, gegen das es keine Berufung gab, verbüßen mußten. Die Karzerzellen waren unter dem Dach des Gymnasiums angebracht, die Dachluken befanden sich hoch oben in der schiefen Decke und waren mit eisernen Gittern abgesperrt. Mer wir stellten den Stuhl auf den Tisch und aus den Stuhl legten wir die lateinischen Lexika, die wir zur Fertigung der Strafarbeiten bei uns hatten. So tonten wir gerade an das Gitter reichen. Das schraubten wir mit dem Messer los und turnten dann mit anerkennenswerter Gewandtheit durch die Luke auf das Dach. Als die Bürgcrgarde mit der Musik nufzog, saßen wir längst auf dem Dache und bewunderten ans der Vogelperspektive das militärische Schauspiel.
Ich glaube, wenn der Sergeant Kraft in seinem grünen Kittel und der Muskete aus der Schulter seinen hoffnungsvollen Kprüßling dort oben, hätte sitzen sehen, dann würde die Kckrzer- buße noch ein seh-v schmerzhaftes häusliches Nachspiel gehabt haben. Denn obwohl ich 14 Jahre alt war, hat mein Vater mir noch mn- und , das anderemal die Ueberzeuguug von der Richtigkeit seiner Ansichten mit schlagenden Gründen beizubringeu g-e- föto. Zum Glück wurde damals, bei -der letzten Pirade, die :Etchs)snamkett meines Erzeugers zu sehr von seinen Pflichten
Burg ergardrsten und den Befehlen des Barbiers Rolosf in Anspruch genommen.,
-achdem die Blirgergardc, ebenso wie sie gekommen, mit tun.-..-rem Spiele wieder abgezogen war, zogen auch wir uns
^urch dte Dachluken in unser freudloses Gefängnis zurück. Das Beste war, daß mein Leidensgenosse in der Zelle nebenan saß, sodaß wir uns wenigstens gut unterhalten konnten. Ich furchte, daß der Gegenstand dieser Kpnversation nicht die Reue -über unsere Missetaten war.
Jene Parade sand an einem sonnigen Herbsttage des Jahres 1849 statt. Sie war die letzte, deren ich mich entsinne, und jedenfalls die letzte, die mein Vater mitmachte. Er hätte ohne Verlust für die Bürgergarde und für ihn schon eher ausscheiden rönnen. Denn das Ganze w-ar nur eine Spielerei, ohne die es nun einmal nicht ging. Sie -entschlief sanft, ohne erst ausgeM w erden zn müssen.
Mit ihr endigt auch das Kapitel des tollen Jahres. Demi nach Bewältigung des badischen Ausstandes begann das Leben wieder seinen ruhigen Gang auszunehmeu.
Der einzige Truppenteil, welcher bei der Heimkehr aus der Badenscheu Kampagne Gießen wieder berührte, waren die Mecklenburger Dragoner. Ich würde mich wahrscheinlich dessen gar nicht erinnern, wenn sich mit deren Durchzug nicht eine kleine Episode verknüpft hätte, die in Gießen allgemeine Schadenfreude hervorries.
Gegenüber der Lötzschen Wirtschaft befand sich das Gasthaus zum Hirsch. Der Wirt hieß B., mit dem Beinamen der Grobe, so benannt wegen seiner sprichwörtlichen Grobheit. Seine Gattin stand ihm treu zur Seite, sie war eine geborene Schwan, und ihre Devise war: „Bell bei Bell (Bettel), die Schwane schwimme obe".
Im Hirsch war eine größere Anzahl Dragoner einquartiert. Die Leute glaubten Ursache zu haben, Mt der Bewirtung unzufrieden zu sein, und als das Regiment andern Tags weiterzog, blieben einige der Dragoner zurück, legten ihren Wirt über den Tisch und prügelten ihn mit den flachen Pallaschen windelweich.
Außer dem Gemaßregelten selbst soll sich niemand in Gießen über diese Eigenmächtigkeit entrüstet haben. Wir Jungen wenigstens haben keine Stimme des Bedauerns vernommen.
(Fortsetzung folgt.)
Krankheitstt der Nebergarrgszerterr.
Von Dr. me-d. W. Kühn, Leipzig.
Nachdruck verboten.
Motto: Liebe, Husten, Rauch und Geld, mit aller Macht man nicht behelt. (Schottel.)
In dm Uebergangszeiten des Jahres, im Frühling und Herbst, mit ihren plötzlichen Temperaturschwankuugeu in Verbindung mit kalten Niederschlägen und Bodeiifeuchtigkeit, pflegen Erkrankungen aufzutreten, die wir mit Recht als solche der Uebergangszeiten bezeichnen können. Man ist geneigt, eine ganze Reihe von ErschÄnungen hierher zu rechnen, und es wird keinen unter unseren Lesern geben, der nicht an sich oder Bekannten die Erfahrung gemacht hat, wie leicht in der jetzigen Zeit Halsentzündungen, Katarrhe des Kehlkopfes, der Luftröhre und der Lunge, Lungenentzündungen und Influenza, Rhcumatis- mus und Neuralgien (Reißen) entstehen.
Alle diese Erscheinungen sind meist vom Husten begleitet, und auf sie trifft zu, was Hans Sachs in seinen Fastnachtsspielen als Zeichen der rauhen Jahreszeit sagt:
„von huosten, rützm und speiben mäht wir in der kirchen nit pleiben."
Es ist sonderbar, daß die meiste» Menschen nicht wissen, wie der Husten entsteht. Er ist nichts weiter als eine Veränderung in der Atembewegung und kommt dadurch zustande, daß der Verschluß der vorher krampfhaft verengerten Stimmritze plötzlich gesprengt wird-, was umso leichter möglich ist, weil meist eine tiefere und kräftigere Einatmung vorhergegangen ist. Dabei findet ein ganz komplizierter Mechanismus statt. An einer Stelle der Unterseite der Stimmbänder befindet sich nämlich ein von dem Nervus Vagus abstammender Empfinduugsnerv. Wenn dieser gereizt wird, was durch Eindringen von Fremdkörpern irgendwelcher Art, wohin auch der Schleim gehört, aber auch bei Entzündungen der Luftwege stattfinden kann, so teilt sich diese Reizung dem Reflexzentrum im oberen Rückenmark mit und ergreift von da die Bewegungsnerven der Atmungsmuskeln des Brustkastens und der Bauchwände, wodurch dann das plötzliche Ausstößen der Luft mit der oben geschilderten Erscheinung erfolgt. Der Husten ist danach keine selbständige Krankheit, sondern nur das Anzeichen eines regelwidrigen Zustandes, der manchmal, aber nicht immer, nach Hinwegnahme der Ursache schwindet.
Weshalb treten denn nun aber jene Erscheinungen, die den Husten und meistenteils auch in Verbindung mit ihm den Schnupfen, die Absondermng bet entzündeten Nasenschleimhäute, verursachen, gerade in den Uebergangszeiten des Jahres aus? Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß dabei vor allem „die Erkältung" eine große Rolle spielt, und zwar dadurch, daß sich der menschliche Körper im Zimmer in einer verhältnismäßig hohen Temperatur befindet, aber beim Hinausgehen in eine niedrigere, eine starke Abkühlung erfährt, die ein Sinken der Eigenwärme unter die Norm im Gefolge hat. An und für sich stellt indes eine solche noch keine Erkältung dar, denn sonst müßte ein bloßer Aufenthalt in kalter Lust oder im kalten Bade, welcher den Körper ebenfalls unter die Norm abzukühlen vermag, ebenso wirken, was doch nicht der Fall zu sein scheint. Es muß noch ein Punkt hinzukommen, um die Schädigung zu bewirken und das ist die Plötzlichkeit des Ueberganges. Wenn nämlich der erhitzte Körper mit seinen außerordentlich erweiterten Gesäßen plötzlich an der Oberfläche der Kälte ausgesetzt wird, so wird ihm nicht nur sofort eine beträchtliche Wärme entzogen, sondern das so plötzlich abgekühlte Blut der Oberfläche kommt auch ganz kurze Zeit darauf in die inneren Organe und kühlt diese viel schneller und plötzlicher ab, als das beider bloßen Einwirkung der Kälte ohne vorhergegangene hohe Wärm« der


