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hier zu hyperkulturlich hielt's nicht aus, wahrhaftig, hielt's nicht aus zwischen diesem Gekrimbsel!"

Welius zuckte die Achseln, er glaubte es dem Wolfgang schon; der paßte auch wirklich nicht hinein, während er o, diese weiche, fybaritische Behaglichkeit dünkte ihn etwas Köstliches!

Außer Paul Hendrichs war nur noch Doktor Villatte geladen, auf des Kommerzienrats besondere Anregung, der erklärte, wenn Roderich mit seinen Literaten seinen Jargon rede, wolle er einen vernünftigen Menschen an seiner Seite haben, mit dem auch er ein Wort sprechen könne.

Frau Cölestine Zernial erschien trotz des Platzregens. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe genommen, ihren Kleider­saum aufzuraffen auf ihrem kurzen Weg über die Straße, und hinterließ, wohin sie sich bewegte im Salon, eine feuchte Spur. Aber die abgetragenen Stellen der schwarzen Sammetjacke ver­hüllte das Lampenlicht, sie verstand es auch äußerst geschickt, eine günstige Stellung einzunehmen, bei der die Beleuchtung ihr vorteilhaft sein mußte. Sie war heute abend in brillanter Stimmung, die Komik ihrer Gesten und Geberden riß ihre Zu­hörer ost zu lautem Lachen hin.

Paul Hendrichs kam ziemlich spät. Roderich hatte schon mehrfach die Stirn gerunzelt und nach der Uhr gesehen. Als er eintrat, machte er wieder den vorteilhaftesten Eindruck, selbst Roderich mußte sich zu seinem Aerger im geheimen gestehen, der Mensch sah immer bedeutend aus.

Er benahm sich sehr ruhig, sehr einfach, begrüßte den Haus­herrn und die Hausfrau mit gewandter Höflichkeit, tauschte ein paar leichte, sehr natürlich herauskommende Scherzworte mit Sylvia, welche reizend in ihrem himmelblauen, mit schwarzen Sammetschleifen ausgepichten Kleid aussah- und der er feine Bewunderung über ihr hübsches Emporwachsen und den reizenden .Eindruck, den sie machte, unverhohlen aussprach.

Aber die freundlichen Komplimente konnten auf keinen Menschen einen tiefem Eindruck machen und keinerlei Eifersucht erregen.

Später unterhielt er sich vorzugsweise mit Doktor Villatte und mit Erna und schien da Themata gefunden zu haben, die ihn und seine Zuhörer fesselten. Daß er sich irgendwie hervorzutun beabsichtige, konnte ihm keiner vorwerfen. Und so spaltete sich die Gesellschaft beinahe in zwei Hälften.. Roderich mit seinen Trabanten, Sylvia, die Tante und Frau Friederike auf der einen, der Kommerzienrat, Villatte, Erna und Hendrichs auf der andern Seite.

Roderich freute es einesteils, daß Hendrichs Sylvia nur gering beachtete, er kehrte dagegen ein an ihm fremdes Be­nehmen der Pflegeschwester gegenüber heraus. Er war voll herzlicher, beflissener Aufmerksamkeit für sie, die oft an Zärtlich­keit streifte, Sylvia war strahlend, erregt, ausgelafssen über ihre Natur hinaus. Taute Cölestine erschien in ihrem Element.

Erna, welche trotz der lebhaften Untergattung, welche sie anregte, nicht umhin konnte, die andere Gruppe zu beobachten, fragte fich zuweilen, woher diese völlig veränderte Tonart zwischen Roderich und Sylvia stamme. Das hatte kaum noch die Fär­bung eines geschwisterlichen Verhältnisses. War der Einfluß der Tante Schuld daran? Hatte sie auch Sylvia die Augen ge­öffnet, daß Roderich nicht ihr Bruder sei? Das Kind hatte bisher sicher noch kaum darüber nachgedacht, und jetzt dieses kokette Abwehren diese blitzenden Augenaufschläge sonderbar ganz sonderbar. Und Tante Cölestine ja, wer hier fremd war, konnte, mußte glauben, sie betrachte die beiden für ein ver­lobtes Paar.

Nach Tische sollte musiziert werden. 6ermann Welius ord­nete geschäftig die Noten auf dem Pult, holte sich Instruktionen von Roderich, auch von Sylvia, der er eine rührend schüchterne Anbetung zu Füßen legte. Sie belohnte ihn dann von Zeit zu Zeit mit einem gnädigen Blick, den erHimmelsstrahl" nannte. Aber ungefährlich war die Sache.

Roderich wollte einige Teile aus seiner Oper vortrageu. Er redete eben sehr eifrig mit Paul Hendrichs darüber, über seine Motive, seine Intentionen, die Instrumentierung und In­szenierung, und ersuchte ihn in einer halb herablassenden, halb bittenden Form um {eilte ungeteilte Aufmerksamkeit.

Ich habe ja das Urteil verschiedener Kenner bereits ein« geholt," sagte er, ,choch das deine, lieber Paul, bleibt mir sehr wertvoll."

Paul verneigte sich nur zustimmend, abwartend.

Sylvia sollte die große Arie fingen aus dem zweiten Akt, für eine hohe Sopranstimme geschrieben, mit viel Koloraturen und großen Anforderungen an ein reiches Material. Roderich hatte in jüngster Zeit Sylvia diese Arie unter endlosen Quälereien emgepaukt, zu bewältigen vermochte sie sie natürlich nicht. Er wisperte eindringlich mit ihr, als sie an den Flügel traten.

und wiederholte ihr seine dringlichen Mahnungen. Sie sah ganz ängstlich und gedrückt aus, voll bewußt der Verantwortung für seinen Erfolg, die er in ihre Hand legte.

Erna sah hinüber und schüttelte den Kopf. Sie sprach aber ihre Ansicht über das Unternehmen nicht aus, denn Paul Hendrichs sollte ja als Kritiker fungieren und frei in seinem! Urteil bleiben.

Sylvia sang mit Aufbietung all ihrer Kräfte, es war wirk­lich auerkenuenZwert, was die Kleine leistete, in Anbetracht ihrer Schule und Mittel und dieser Musik, die vielleicht eine er­fahrene Prima Donna stutzig gemacht hätte. Um Paul Hendrichs Lippen schwebte ein paarmal ein unbeschreibliches Lächeln, sonst war sein Gesicht undurchdringlich. Zuweilen schweiften seine Blicke an den Wänden und Cinrichtungsgegenstäuden umher,- als ob seine Aufmerfamkeit abirre, er verriet aber nichts. Roderichs Stirn war gerötet, er spielte wie im Fieber und war nicht imstande, viel zu beobachten.

Als die Arie beendet, !var es zuerst Tante Cölestincus Stimme/ welche sich erhob und einstweilen die Urteilsäußerungen der anderen noch verzögerte.

Aber himmlisch, entzückend ergreifend bis ins Mark! Weißt du, Roderich, an toen Sylvias Stimme und ihr Vortrag! mich erinnert? An Jenny Lind, als ich sie in meiner Jugendzeit in Hamburg hörte. Genau dieser keusche timbre, dieser unsägliche Wohllaut, diese Nachtigalleukeyle!"

Es blieb einen Moment tiefe Stille rings umher. Die Be­merkung hatte alle verblüfft. Da unterbrach der Kommerzienrat dis feierliche, erwartungsvolle Situation.

Stine, Stine!" erscholl seine Stimme vom anderen Ende herüber,ich rate dir ernstlich, behalte deine Mücken allein iw deinem eigenen Kops, pflanz sie aber der Sylvia nicht in den ihren. Und nun, Sie, Herr Hendrichs, Sie scheinen mir in der Tat ein Urteilsfähiger Mensch zu fein, was ist denn da dran/ an dem Machwerk des Roderich?"

Roderich erbebte in großem Zorn, diese Art des Vaters denk Paul gegenüber ärgerte ihn über die Maßen, er war doch kein! Schuljunge, über den der Vater sich eine Zensur einholte. Und Hendrichs mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete Roderich der» Schulgenossen so in die Enge getrieben, mußte mit einem Urteil heraus. Wie er sich wand, wie vorsichtig und abgemessen das alles klang, was er sagte! Ihm fehle ja natürlich der Zu-, sammeuhang wenn Roderich ihn auch liebenswürdigerweise in großen Zügen mit den Grundlagen der Komposition bekannt gemacht, diese Arie erschiene ihm wirkungsvoll, wenn sie man müsse ihm die ungalante Einschaltung verzeihen von einer geschulten Sängerin mit schönem Material ausgeführt werde< Er sandte einen freundlichen, Verzeihung heischenden Blick zu Sylvia hinüber, welche aber seine Bemerkung nicht gehört halte, da sie in Tante Celestes Armen lag und von ihr mit Zärtlich­keiten und Lobpreisungen überhäuft wurde.

lFortseknug folgt.)

Kus der Iugendzeii<

Erinnerungen eines alten Gießeners.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Gegen Pfingsten brach der badische Aufstand aus mit der Tendenz, nach Hessen getragen zu werden. In Laudenbach an der badischen Grenze wurde eine anftührerische Volksversamm-- lung abgehatten. Kreisrat Prinz von Heppenheim, der und von Gießen her wohlbekannt war, hielt es für seine Pflicht, zur Ordnung zu reden, er wurde aber von dem wütenden Pöbel von der Bühne gerissen und totgeschlagen.

Mein Hauslehrer, Herr S., der jetzt meinen jüngeren Bruder in Bearbeitung hatte, weilte um diese Zeit mit dem letzteren in seiner Heimat Rimbach, um dort die Pfingstferien zu verleben. Eines Wends kamen beide unvermutet heim. Nach Herrn S.'s Erzählung war Tags zuvor nach Rimbach die Kunde gekommen, daß ein großer Haufe Ausrührer von Weinheim ans dem Weschuitz- tal heraufziehe, um unseren bei Heppenheim stehenden Truppen in den Rücken zu fallen. Herr S. beschloß alsbald, mit meinem Bruder nach Hause zu reifen. Beide gingen eilends über die Berge nach Heppenheim und kamen gerade dazu, als unsere Truppen aus zwei Geschützen vom Bahnhof aus auf die Vorhut der ANf- ständrschen feuerten. Er meldete dem nächsten Offizier rasch, daß mehrere Taufend Freischärler in dem Weschnitztal heraufzögen und formte mit meinem Bruder gerade noch den letzten nach Darmstadt gehenden Zug, nach dessen Abgang der Eisenbahnverkehr eingeftettt wurde, benutzen. ', . r ,

Das Gefecht der hessischen Truppen bei Heppenheim ist ebenso in der Geschichte des Aufstands verzeichnet, wie die Tatsache, .Dan es den das Weschnitztal heraufzieh enden Freischärlern nacht gelang, die Pässe aus dem Weschnitztal »ach der Bergstraße zu forcieren,