Ausgabe 
8.4.1907
 
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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Sein Gefährte ihm gegenüber hieß Hermann Welius und bildete den krassesten Gegensatz zu ihm. Er war ein blasser, kränklich aussehender Jüngling mtd hinkte ein wenig. Er lebte bei seiner alten Mutter, welche in ihm ein Wunder der Schöpfung sah und ihn verhätschelte, als sei er noch ein Baby. Die Aerzte hatten ihm seit seiner Kindheit eine kurze Lebens­dauer prophezeit, und er, ein schwärmerisches Gemüt, sich so völlig in den Gedanken eines frühen Todes eingelebt, daß er es für überflüssig erachtet, irgend einen praktischen Lebensberuf zu ergreifen. Er hatte einige Bände Gedichte herausgegeben im Selbstkostenverlag um deswillen sich die Mutter und er allerlei Entbehrungen auferlegt aber es hatte einige gegeben unter ihnen auch Roderich Walldorf welche ein hervorragen­des Talent in diesen Dichtungen erkannten, und Hermann Welius fühlte sich damit einstweilen seiner Verpflichtungen gegen die Nachwelt ledig.

Zu Roderich, dem älteren Freunde, schaute er in vergötternder Verehrung auf. Die Fülle der Gesundheit, welche von dessen kraftvoller Erscheinung ausging, schien sich ihm auf Stunden mitzuteilen, die opulente Behaglichkeit seiner Lebeirsverhältnisse bot dem ärmlich -und karg Gewöhnten manchen Genuß. Jetzt, als Wolfgang Kirsch nach beendeter Partie mit seiner kräftigen Faust die Dominosteine durcheinander schüttelte, daß es einen rasseln­den Klang gab, und auch seine Stimme zu einem lautern Ton erhob, winkte Welius ihm mit drohend vorwurfsvoller Geberde.

Still, pst, pst! Ha, ich wette, du hast da eben unserem Roderich eine» großen Gedanken gestört! Ich sah es auf seinen Mienen, wie es in ihm blitzte und tagte unter dieser Nerven- abspaunung vollzieht sich bei ihm allemal das beste."

Schieße los, Freund Roderich!" brüllte der Hüne aus vollem Brustton, denn das Flüstern ging ihm auf die Länge wider die Natur.Ich will es gleich niederschreiben, aus deinem Riesen­geist springt ja Site Minerva allemal gewappnet und gepaitzert hervor."

Laßt mich iit Ruhe!" brummte Roderich unwirsch, während er sein müdes Haupt ein wenig emporichtetc und mit manierierter Handbewegung das Glas Sodawasser zum Munde führte, welches neben ihm stand.Ihr habt gar keine Ahnung davon, wie eS in mir aussieht. Da, nehmt euch eine frische Zigarre und laßt dieses fatale Klappern mit den Dominosteinen, es bringt mich um."

Dann erhob er sich von seinem Lager, reckte seine Glieder und gähnte.

Eine widerwärtige, eine alberne Welt", murmelte er;was verlohnt sich darin eigentlich der Mühe!"

Roderich, du bist der letzte, der so reden sollte," sagte Hermann Welius sanft und elegisch.

Was weißt du, kleiner Wicht, davon komm, reiche mir da

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Montag den 8- April r\

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von meinem Schreibtisch das Heft linker Hand herüber, es ist ein Gedicht darin, das ich gestern abend niederschrieb, als"

Er hielt inne. Welius reichte ihm das Heft, ein loses Blatt wehte heraus und fiel auf den Boden. Welius hob es aus an Sylvia", stand da mit großen Lettern, über das blasse Gesicht des Kleinen flog ein Lächeln.

Ach, das meinte ich nicht," sagte Roderich und faßte mit einer hastigen Bewegung verdrießlich nach dem Blatt, das er in seine Brusttasche schob.Hier es war während der Fahrt gestern die schwarzen Rauchsäulen, aus dem Schlote der Loko- motive aufsteigend, begeisterten mich."

Die 6eiben Zuhörer, der Blasse urid der Hüne, saheit ein­ander an.

Was ihn nicht alles begeistert!" riefen sie wie aus einem . Munde.

Aber schon winkte Roderichs Hand gebieterisch Schweigen Dem dunklen Schoße der Nacht entwunden. In Feuers Probe zu leicht befundeit"

begann er, und in pathetischen Reimen folgte des schwarzen Rauches Vernichtungskampf.

Große Beifallssalve ertönte, der Hüne tat seinem Organ keinen Zwang mehr an, Hermann Wilius sah verzückt aus und trank ein Glas des vortrefflichen Rheinweins nach dem andern mtf des geliebten Freundes Wohl und Gedeihen. Die Rerven- äbspannung schien verschwunden, Roderich schritt auf und ab, deklamierend, dozierend, während Welius die Flamme int Kamin schürte, daß sie hell und freundlich aufloderte, ein behaglicher Anblick bei dem klatschenden Regelt draußen.

Wie viel Uhr ist es?" fragte Roderich.Ich sagte es euch ja wohl schon, ich habe Paul Hendrichs eingeladen zum Souper im Familienkreis. Eilt ungemütlicher, selbstbewußter Patron na, ihr kennt ihn ja, weiß sich aber überall Verbin­dungen zu machen; int Spekulieren finö die Juden uns über, Kirsch na, man muß eben auch mit solchen Käuzen rechnen."

Hast recht, Roderich, hast recht," rief Wolfgang Kirsch eifrig, halte den Hendrichs warm, er ist schlau, sage ich dir, über­schlau, und gefährlich oder nützlich, je nach den Umständen."

Pah, du mußt nicht glauben, als sei ich der Meinung, ich hätte ihn nötig, ich buhle nicht um Anerkennung und Ehren, wo mein Talent sie mir nicht von selbst zuweist, aber er hat früher hier im Hause verkehrt, ich traf ihn bei der Klopp- Wengstern, er machte Besuch ich mußte ihn doch ein­mal etulade». Langweilig, noch einmal Toilette zu machen. Unterhaltet euch, bis ich wiederkomme apropos, Kirsch, deine Krawatte sieht mir bedenklich aus, und Ivie steht cs mit den Handschuhen? Warte, ich werde in meinem Vorrat nachsehen."

Roderich trat mit der Grandezza eines Fürsten, der mit seinem Hofstaat verkehrt, in sein Schlafzimmer, und ein ro­bustes, halb freudig, halb verlegen klingendes Lachen aus der Hünenkehle folgte ihm.

Ha, ha, ha, kann mir vielleicht passen bin einmal nicht der Mann für Aeußerlichkeiten, und hier, wo alles so super­fein weißt du, Welius, zum ständigen Aufenthalt wär's mit