Ausgabe 
8.2.1907
 
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die der Sohn einst geliebt, etwas Unnennbares überkam sie wie rin leises Grauen vor dem Gewebe von Lug und Trug, in das sie die ahnungslose alte Frau verstricken sollte. Ein Abglanz von deren reinem Wesen flackerte durch ihre leichtsinnige verderbte Seele.

Unmöglich!" flüsterte sie, an ihm vorbeisehend. Er sagte kein Wort mehr darüber. Er war jäh verwandelt. Mit seinem alten kühl-höflichen Gesicht trank er seinen Kaffee aus und erhob sich.

Ich werde mich jetzt etwas weiter im Saale Umsehen."

Dann war er fort.

Sie sah ihn später bei Isa und der kleinen Roessel stehen, die als Rokokodamen mit weißgepudertem Haar ganz verändert, aber eigenartig hübsch aussahen.

Er hatte sich ein Stück Kuchen geben lassen und führte eine oberflächliche durch andere oft unterbrochene Unterhaltung mit dein Mädchen, in dem er einst sein Glück gesucht hatte. Sie behandelte ihn sehr kühl, von oben herab, obgleich ihr stolzes Herz an d'er Wunde, die sie sich selbst geschlagen, noch immer krankte.

Anders geartet als Marga von Tressenberg hatte die bittere Enttäuschung sie nicht niedergeschmettert, sondern sie hatte an dem Stolz und der Charakterfestigkeit, welche die Erfahrungen des Weltlebens in ihr gestählt, starke Stützen gefunden, sodaß sie den Kopf nun wieder hoch trug wie stets imb ihre schönen Augen und tiefroten Lippen freudig den sie umgebenden Herren entgegen lächelten.

Schon aus Freundschaft für Eva von Roessel, neben welcher der kleine Gras Scherrentin bereits seit einer Stunde Posto gefaßt hatte, suchte sie die Aufmerksamkeit der Herren möglichst auf sich zu lenken. Eva hatte ihr nämlich heute vor Eröffnung des Basars unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitge- teilt, daß sie sich wieder einmal, aber diesrual ganz ernstlich, verliebt habe und daß ihr Lebensglück davon nbhinge, daß sie Gräfin Scherrentin werde.

Jlsa hatte sich ein wenig gewundert. Dieser schüchterne, un­bedeutende, gar nicht hübsche Mensch und dazu der reizende sprü­hende Tollkopf Eva es wollte ihr nicht in den Kaps. Aber die Liebe geht eben ihre eigenen, geheimnisvollen Wege und spottet der Menschen Satzungen und Ansichten. So ebnete sie lächelnd der Freundin die Wege.

Eben trat der Rittmeister von Eppen an diesüße Bude" heran, breit, gewichtig, die Mütze tief in der Stirn, wie cs so seine Gewohnheit war, strahlend über das ganze rote Gesicht, denn er hatte sich eben den Witz geleistet, dem Landrat ein Psesser- kuchcnbaby, dem et ein bei Frau von Klast, die als Thüringer Bäuerin zu ihrem eigenen großen Amüsement Kinderwäsche ver­kaufte, erstandenes weißes Spitzenhäubchen umgebunden hatte, zu verehren und damit der schönen Frau die Röte einer wirklichen Verlegenheit in das weiße Gesicht getrieben.

Darüber freute er sich nun königlich. Seine unverschämten zwinkernden Augen musterten wohlgefällig die beiden Rokoko­damen.

Famos!" schnarrte er grinsend,nur lange nicht leichtsinnig genug für Ihre Maske."

Eva von Roessel hob heraussordernd das kecke Näschen.

Wir sind leichtsinnig genug, loir verkaufen ja unsere Baisers für schnödes Geld. Vielleicht eins gefällig?" meinte sie schlag­fertig.

»Her damit!" Der Rittmeister legte ein Markstück auf den Tisch.Ans Ihren Händen, schöne Eva, ist es des silbernen Lohnes wert, von Jhr.en Lippen gereicht, lvürd' ich's mit Gold aufwiegen."

Eva wurde keinen Augenblick verlegen.

Tas würden viele tun!" sagte sie schnippisch,nicht wahr, Graf Scherrentin?"

Der kleine Offizier stimmte mit rotem Gesicht sehr lebhaft bei. Gott, für einen Kuß von ihr würde er ja ein Vermögen opfern. Er wollte ja schon lange alles, was er besaß, diesem süßen, bildhübschen Enfant terrible zu Füßen legen, war nur immer iu schüchtern gewesen, sich ihr zu nähern. Aber heute war sie so lieb zu ihm und er war rein vernarrt in das eigensinnige, traufe Jungenköpfchen, die funkelnden Beerenaugen, die vollen Lippen mit den blitzenden Mausezähnchen dahinter.

Heute würde er alles wagen können.

Run, gnädiges Fräulein, wieder in kriegerischer Stirn- muitfl r klang jetzt Hauptmann von Posecks fröhlich neckende Stimme, darauf anspielend, daß sie ihm einmal erzählt hatte, sie könne das Militär nicht leiden und würde nie einen Leutnant heiraten.

Sie schürzte trotzig die frischen Lippen.

Sie wissens ja, immer, wenn ich von Militär umgeben bin"

Ich sage iwchrnals: der arme Leutnantsehemann!"

Er duckte sich lachend uttb flüchtete weiter, denn Eva schien nicht übel Lust zu haben, ihm einen Lössel Schlagsahne an den Kopf zu werfen.

Gras Scherrentin neigte den Kopf mit dem ganz kurzen, bürstenartig stehenden Blondhaar näher zu ihr.

Versetzt das Militär Sie wirklich in so schlechte Stiinmung, Fräulein Eva?"

Ja!" trotzte diese, immer verlegener werdend,ich möchte feinen Leutnant, ich passe auch nicht zur Offiziersfrau."

Dem verliebten kleinen Grafen schoß nun auch das Blut ins Gesicht.

_Ich kann ja ben Abschied nehmen, Eva!" stotterte er halb besinnungslos hervor,mein Vater will mir schon lange gern eins unserer Güter übergeben nnd wenn Sie lieber Schloßsrau"

Eva. unterbrach ihn. Sie war zum ersten Mal im Leben völlig aus der Fassung gekommen.

Um Gottes willen, Herr Graf, still nicht hier jeder kann Sie Horen!"

Aber der Blick ihrer Angen, der entgegen dem sonstigen Trotz in Weichheit zerschmolz, sagte ihm so Beseligendes, daß er es nicht länger in der Nähe des lieben Mädchens anshielt, sondern überglücklich davoustürzte. Im Vestibül draußen, das zu einer Art Restaurationsraum umgewandelt war, sah er sich ganz unerwartet der Mutter Evas gegenüber. In die Liebens­würdigkeit der Präsidentin klang nur von ihr empfunden ein leiser Seufzer, daß dieser steinreiche, jugendliche Majoratserbe für sie als Schwiegersohn, nicht in Betracht kommen konnte. Bei der mißratenen Tochter würden sie sroh sein müssen, wenn ein simpler Leutnant oder irgend ein bürgerlicher Assessor an- biß. Viel mitgeben konnten sie ihr auch nicht.

Wie viele Beamte mit großem Gehalt, aber geringem Ver-- mögen, lebten auch sie über ihre Verhältnisse.

Tie sonst so formvollendete, beherrschte Weltdame hatte bei­nahe einen Ohnmachtsansall, als der kleine, blonde Ofsizter mit seiner Werbung plötzlich in ihre bedauernden Erwägungen hin­einplatzte.

Sie ist keine Fran für Sie," stöhnte sieich muß ehr­lich sein, sie ist schrecklich, so dreist nnd vorlaut, sie erregt überall Anstoß."

Aber ber glückliche junge Mann lachte nur dazu.

Was! Als Schloßfrau von Renkwitz mag sie sagen, was sie will, itiemnnb wirb's ihr übel nehmen."

Tiefer Ansicht konnte sich anch Frau von Roessel, welche die Welt ja längst beurteilen gelernt, nicht verschließen und so wagte sie es denn, den kleinen Grafen als Schwiegersohn willkommen zu heißen.

Lange, hielt sies nicht ans ihrem Platz. Sie brannte na­türlich darauf, die große Neuigkeit unter dem Siegel ber Ver­schwiegenheit an ihre besten Frennbinnen weiter zu berichten.

Ihre Tochter eher verlobt, als bie gefeierte Isa! llnb so glänzenb dazu! Wer hätte das gedacht. Warum hatte die Isa sich auch mit dem hochnäsigen Freiherrn von Tressenberg ein­gelassen? Der Mensch hatte ja keine Spur von Herz, auf zehn Schritte sah man ihm das an.

Eben kam er heran geschlendert. Wie unheimlich blaß und steinern sein edel geschnittenes Gesicht wieder aussah!

Ihr Besiuden, gnädige Fran?" Er küßte der sich Er­hebenden slüchtig die Hand,ich verscheuche Sie doch nicht et­wa

Sie wehrte ab.

Durchaus nicht, ich beabsichtige bereits, nach meinem Manne zu sehen."

Herrn Präsidenten glaube ich soeben bei Fran Gerhardt gesehen zu haben."

Tie stattliche, brünette Frau dankte verbindlich, warf dem kleinen Grasen, der ihre Hand sehr ausdrucksvoll au die Lippen führte, einen verständnisinnigen Blick zu und, rauschte davon.

Tressenberg setzte sich aus ihren Platz. Der Gras bestellte bei einer der hübschen Schenkinnen zwei große Gläser Bowle.

Sekt gibts wohl nicht mehr?"

Tas junge Mädchen verneinte lachend und lies davon.

Nanu, Graf, so leichtsinnig?"

Der Freiherr musterte erst jetzt ausmerksam den Kameraden.

Horen Sie, so strahlend wie Sie kann nur ein Bräutigam oder ein geschiedener Ehemann anssehen da das letztere aus­geschlossen ist"

Sie können einem wirklich die Stimmung verderben,