Ausgabe 
8.2.1907
 
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Tressenberg? Sie verdienen gar nicht als Erster mrf das Wohl meiner Braut anzustoßen."

Der kleine Graf war wirklich etwas aus seinem Glücks- tauincl gerissen. Joachim tat es leib, ihn verstimmt zu haben. Er hatte den blonden Grafen wirklich lieb. Er lenkte daher ein. Na, nun raus mit dem Geheimnis", meinte er herzlich, es drückt Ihnen jaidie Seele ab und ich bin wirklich ahnungs­los wie ein neugeborenes Kind."

Als er Eva von Roessels Namen hörte, nickte er beifällig mit dem Kopse.

Wir vertragen uns zwar nicht, aber es freut mich doch für sie. Ich hab' sie gern. Sie ist keine von den alltäglichen Zier­puppen. Sie hat den Mut, wahr zu sein. Wohl dem, der's kann. Sie wird Ihnen nie eine Enttäuschung bereiten, lieber Graf, und ich gratuliere Ihnen von Herzen, wünsche Ihnen alles Glück der Welt. Sie verdienen's ja auch."

Er nahm dem eben herantretenden Mädchen eins der tauig beschlagenen Glaser ab. Graf Scherrentin folgte seinen! Beispiel. Schweigend Ivie ans Verabredung leerten sie die Gläser mit einem Zuge.

Der schüchterne ruhige Graf bekam dann ordentlich Sprech­wasser vor Seligkeit.

Wenn's nur erst abend wird, Tressenberg, der Trubel hier zu Ende natürlich kann ich noch mit zu Roessels heut, ich muß doch meinen Kuß haben Gott, ich küss' sie halbtot, das süße Mädel. Morgen schreib ich mein Abschiedsgesuch mein Vater wird ja Gott danken, das; ich mich endlich auf die Land- wirtschaft besinne und er wird entzückt sein von Eva. Er liebt das Frische, Natürliche--"

So gings in einer Tour weiter. Joachim hörte höflich zu und dabei irrten seine Gedanken bestärchig zu Hanna. Das große unermeßliche Glück ihres Besitzes kam ihm erst voll zum Bewußtsein, da er den Rausch sah, in den so ein kleines hüb­sches flottes Mädel den Mann neben ihm versetzte. Was waren die Küsse einer Eva Roessel gegen die Wonnen, welche Hannas reife Frauenleidenschaft über ihn ausschüttete? Alles Häßliche in ihrein Verhältnis verblaßte vor der glntroten lodernden Liebes- fackel, welche die Erinnerung an jene Gewitterstunde im Ball- dorfer Försterhaus in ihm entzündete. Und er dachte mit einem Wonneschauer an die Stunde, da, wie er genau fühlte, Hanna zu ihm kommen und sich von neuem in seine Arme werfen würde.

lFortsel-ung folgt.)

görißtne Kekß k.

81t i hr em 9 0. Geburtstage am 9. Februar.

V o n D r. W. Bor ch e r s.

Nicht allzu viele Witwen von Dichtern und Künstlern dürfen es erleben, daß der Ruhm des verstcrbenen Mannes über das Grab hinaus dauert und statt zu erbleichen immer Heller und Heller strahlt. Dieses Glück im Unglück ist wenigen beschießen. Die meisten müssen die Vergänglichkeit alles Irdischen erfahren und trauernd mitansehen, wie einst so leuchtende Sterne ver- btassen oder mit der Zeit ganz und gar erlöschen. Unter den Lebenden deutscher Zunge gibt es heute wohl nur zwei Frauen, die einen Namen tragen, der noch nichts von seinem alten Glanz und Zauber verloren hat: Cosima Wagner und Cyristinc Hebbel. Cosima Wagner, die das Lebenswerk eines einzig Großen mit seltener Fähigkeit und Ausdauer fortsetzt, hat es erfahren, wie die einst so angefeindeten TonschöLosungen des Bayreuther Meisters sich die Welt erobert haben, und Christine Hebbel, die am 9. Febr. ihren 90. Geburtstag begeht, hat in den letzten Jahrzehnten ge­sehen, wie die tiefen und gewaltigen Gcdankendichtungen des norddeutschen Dramatikers immer mehr Herzen und allmählich auch alle großen Bühnen gewinnen.

Wie der arme Wesselburener Maurersohn Christian Friedrich Hebbel hatte «such Christine Enghaus, wie sie sich beim Theater nannte, eine schwere Jugend hinter sich. Als Christine Enge- Hausen am 9. Februar 1817 in Braunschweig geboren, mußte sie schon mit sieben Jahren zum Unterhalt der Familie beisteuern, denn nach dem Tode des Vaters war die Mutter allein und mittellos nut den Kindern zurückgeblieben. Es gelang, das hübsche und gewandte Kind beim Theater unterzubringcn und so tanzte die kleine Christine int Kinderballett und trat später in Neben­rollen c.uf. Dafür bekam sie monatlich anderthalb Taler. Da stc offenbar Bühueubegabung und schauspielerisches Können ver­riet, verwandte sich der Braunschweiger Theaterdichter und Sekretär Dr. K. Köchy für sie und nahm mit ihr größere Rollen durch. Seiner Vermittlung verdankte sie es auch, daß sie bereits mit sechzehn Jahren in Bremen als Jungfrau von Orleans austreten konnte. Sie muß außerordentlich gesallcit haben, denn sie wurde gleich «an die norddeutsche Bühne verpflichtet. Aber lange war thres Bleibens nicht in der alten Hansastadt, denn sie siedelte bald nach Hamburg über. Die berühmte Schauspielerin Amalie Haizinger hatte sie gesehen, und fie dem Hamburger Direktor

Schmidt warm' empfohlen. Auch muß die Demoiselle Enghaus sich die Gunst des Publikums errungen haben, denn man ließ sie nur ungern gehen, als die Wiener Hofburg ihr einen Antrag machte. Doch das Anerbieten des damals größten und ange­sehensten Theaters, zu deren Künstlerschaft zu gehören, der still: Traum und die geheime Sehnsucht aller Schauspieler und Schau­spielerinnen, hatte zu viel verlockendes, als daß eine streb­same, ehrbegierige Künstlerin es ausgeschlagen hätte. So verließ denn Christine die nordische Handelsstadt unb wurde mit dreiund­zwanzig Jahren Mitglied des Burgtheaters.Jung, schön, feurig mit einem vollen, mächtig dröhnenden Organ ausgestattet, von vollendetem Ebenmaß und klassischer Plastik in ihren Stellungen und Bewegungen, dazu die dichterischen .Gestalten mit eigenem! Herzblut tränkend, war sie die echte Heroine." Aber trotz dieser großen Vorzüge konnte sie nicht zur rechten Geltung kommen, die gefeierte Julie Rettig behielt sie ersten Rollen inne und die Neu­angekommene mußte in unwichtigen hiollen ihre Kratt vergeuden.

Hier in Wien traf sie mit Hebbel zusammen, dessenJudith" einen gewaltigen Eindruck aus sie gemacht hatte. Der vom Un­glück verfolgte Dichter, der bisher nur spärliche Anerkennung gefunden batte, wollte sich in Wien nur kurze Zeit aufhalten und über Berlin nach Hantburg zurückkehren, doch fatfl» er in der schönen Donaustadt junge begeisterte Anhänger seiner Kunst und ein so menschlich freundliches Entgegenkommen, daß er fast ohne eigenen Willen immer tiefer Wurzel faßte. Gewiß hat auch der Reiz von Christine Enghaus das seine getan. Es standen sich zwei Künstlernaturen gegenüber, die wie vom Schicksal für einander bestimmt waren. Hier der blonde Germane mit seiner hohen kräftigen Gestalt und feinem blonden Haar, und dort das schöne, blühende Mädchen mit dem stolzen Wuchs und dem dunklen Feuerauge. Beide halten viel gemeinsames in ihrer Natur, wir in ihren Schicksalen. Beide hatten ein schweres Leben hinter sich, beide hatten sich ans kleinen und dürftigen Verhältnissen empcr- gerungen, beide erglühten in heiligem Eifer für dieselbe Sache, beide waren ftatft und selbstbewußte Persönlichkeiten, die sich gern durchsetzen wollten und an der harten Wirklichkeit Schranken fanden. So war es kein Wunder, daß sie einander näher und näher kamen den Bund fürs Leben schlossen. Sie fühlten, daß sie zusammen gehörten.

Von mancher Seite ist Hebbel dieser Schritt übel ausgelegl worden, denn er zerriß damit ein Band, das ihn Fahre und Jahre gefesselt hatte. Lebte doch in Hamburg ein weibliches Wesen, das in edler Selbstaufopferung nur für ihn gesorgt hatte. Als Hebbel in jungen Jahren aus seinem dithmarschischen Heimats- ort nach Hamburg gekommen war, wurde Else Lensmg schließlich die einzige, bei der er immer wieder Trost und Zuflucht fand. Sie war die Tochter eines Chirurgen, der im Wahnsinn gestorben war, und bei ihren Pflegeeltern hatte Hebbel ilnterkünft gefunden. Sie unterstützte ihn mit Rat und Tat, sie wachste wochenlang am Bette des Kranken, sie richtete den Beende stellen auf, wenn er allen Gmuben an sich »edieren wollte. Aus der Freundschaft wurde mit der Zeit ein Liebesverhältnis, das der Dichter selbst alsGewissensehe" bezeichnete. Aber ein wirkliches Herzens- und Seelenbündnis war es nicht und konnte es nicht werden. Zuviel Trennendes stand zwischen den beiden. Schon der Unterschied an Jahren. Elise war neun Jahre älter als Hebbel; es fehlten ihr die körperlichen lvie die geistigen Vorzüge, nach denen der schönheitdurstige Dichter sich sehnte, es fehlte auch jede materielle Grundlage für eine bürgerliche Ehe. Solchen Ueberlegungen hat sich Hebbel gewiß nicht verschlossen. Er war ja nicht mehr so jung, um seine ganze Zukunft auf Saud aufzubauen. Nach einem Leben voll Not, Entbehrung, Demütigung, wie er es durchgekostet hatte, verlangte er nach Ruhe, nach einem bescheidenen Heim, in dem er endlich seiner Kunst leben konnte. Und er hatte sich nicht ge­täuscht. An der Seite Christinens sand er das stille Glück, das sein Herz begehrte. Die beiden Menschen verband eine tiefe Gemeinschaft. Auch die verlassene Hamburger Freundin wußte die edle, hoch­herzige Christine zu versöhnen, so daß Elise neidlos auf das Glück des Paares blicken konnte. Sie besuchte die einstige Neben­buhlerin in Wien, blieb über ein Jahr als Gast im Heübelschen Hause und schloß eine herzliche Freundschaft mit der Frau des geliebten Mannes, deren Stellung sie wohl selbst erträumt hatte.

Die Ehe Hebbels aber wurde ein Segen für den Mann wie für die Fran, für den Künstler, wie für die Künstlerin. Hebbels Stern ging auf, eine Bühne nach der andern öffnete ihm die Tore. Endlich tat sich ihm auch das Burgtheater auf: un­verändert und unverkürzt wurde seineMaria Magdalena" mit großem Erfolg ausgeführt und seine Christine spielte die Clara. Bald folgte dieJudith" und wieder gab die Frau des Dichters die Hauptrolle. Ihrem Spiel ist es nicht zum wenigsten zu ver­danken, daß die herbe und spröde Kunst Hebbels sich allmählich Geltung verschaffte und immer mehr begeisterte Anhänger fand. Auch auf Gastspielreisen verkündete Christine den Ruhm ihres Mannes. So spielte sie im Berliner Schauspielhause die Judith und in Weimar in denNibelungen" am ersten Abend die Brunhild und am zweiten die Kriemhild.

Vorzeitig hat der Tod dieses schöne Band zerrissen. In seinem fünfzigsten Jahre starb der Schöpfer derNibelungen", den Kopf noch voll von dichterischen Plänen, und seine treue Lebensge­fährtin und Streiterin im Kampfe hat längst der Bühne entsagt. Aber wem» Christine Hebbel beute auf ihr langes, reiches Leben