Ausgabe 
8.2.1907
 
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Areitag den 8, Aeöruar

1907

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Wen scheuleöen, die lügen.

Roman von H. S h r h a r d t, Verfasserin vonNüttellose Mädchen" Nachdruck verboten.

Fortsetzung.)

Hanna hatte das kleine Intermezzo zwischen den beiden heute gar nicht beachtet. Ihr ganzes Denken konzentrierte sich aus das Wiedersehen mit dein Geliebten. Er war gestern abend erst von seinem Manöverurlaub zurückgekehrt. Wochenlang hatte sie nichts von ihm erfahren und die Trennung hatte ihre Liebe vertieft und ins unendliche vergrößert. Sie glaubte jetzt in allem Ernste daran, daß sie gut, rem und edel geworden wäre, wenn Joachim als erster ihren Lebensweg gekreuzt hätte. Mit weicher, zärtlicher, sehnsüchtiger Unruhe wartete sie aus sein Erscheinen.

Aber der Vormittag verstrich und er kam nicht. Den um die Mittagszeit fast leer gewordenen Saal durchzog bereits würziger Kafseeduft, als der Freiherr von Tresscnbcrg ihn betrat.

Leicht war dieses späte Kommen ihm nicht geworden. Sein ganzes, junges, vereinsamtes Her; schrie nach der geliebten Frau.

Möglichst gleichgültig schlenderte er durch den Saal. Bei den Türkinnen ließ er sich eine Zigarette anrauchen und fragte, wo seine Schwester zu finden sei. Man wies ihm den Weg. Er ging nun direkt au? sein Ziel los.

Dann gab's ihm eine» Ruck er sah Hannas weiße, bild­schöne Erscheinung im Rahmen des dunklen Blattgrüns, aber vor ihr, das Gesicht ihm zugewandt, lehnte der Landrat an dem mit Blumen bedeckten Tische. Es war ihm, als müsse er die Flucht ergreifen. Eine gräßliche Feigheit zerrte ihn von der Stelle zurück, an der er seinem ehrlosen Verrat die Krone aufsetzen sollte.

Aber er konnte nicht mehr zurück.

Im Angesicht des ahnungslosen Gatten neigte er sich über die weiße, kühle Hand der Fran, die ihm in sündiger Liebe ange­hörte. Dann begrüßte er seine Schwester.

Marga hatte recht berichtet er war hochmütiger, kälter denn je. Selbst der gutmütige Landrat zwang sich nur aus Rücksicht für das bleiche, ernste Mädchen, ihm freundlich entgegen zu kommen.

Als jetzt ein schlankes, blondes Mädchen im Gretchen- kostüm Kaffee für die beiden Damen brachte, bestellte er noch weitere zwei Tassen.

Sie trinken doch mit uns, Baron?"

Joachim verneigte sich, ein paar Dankesworie murmelnd. Er war rot geworden. Der Landrat bemerkte es nicht. Er fuhr heiter fort:

Wir wollen chauger les dames machen, wir haben an dem Tischchen doch nur zwei Platz. Ich will mit unserer Marga an­fangen und Sie, Baron, leisten später meiner Frau Gesellschaft."

Mit Vergnügen, Herr Landrat!"

Tie Worte würgten ihn förmlich in der Kehle. Erlösend klang ihm Hannas frische, heitere Stimme, die schelmisch sagte:

Diese Intimität! Haben Sie gehört, Baron? Unsere Marga! Ein Wunder, daß er mir doch wenigstens auch noch ein Recht an ihr zugesteht. Er macht ihr schrecklich den Hof."

Ein Anflug des alten, herzlichen Lächelns zuckte. um dcS Mädchens Lippen.

Aber Hanna!"

Nun, kommen Sie nur, Marga!" sagte der Landrat ge­mütlich, in die Laube eintretend,meine Frau kratzt uns sonst die Augen ans, sie ist furchtbar eifersüchtig, sie muß wohl Grund dazu haben."

Er lachte selbst herzlich, so recht wie ein glücklicher Mensch lacht, über seine Bemerkung.

Gutgelaunt ließ er sich mit Marga an einem kleinen Bam- bustisch im Hintergrund der Laube nieder und bemühte sich eifrigst, das ernste Mädchen aufzuheitcrn.

Joachim war ebenfalls in die Laube getreten und hatte sich seitwärts a>n eine Blumentreppe gelehnt. Er hing mit seinen Blicken an der jungen Fran, welche mit liebreizendem Lächeln die Wünsche der vereinzelten Käufer erfüllte. In einem freien Moment wandte sie sich endlich an den regungslos Dastehenden.

Ihre Schwester hat sich sehr verändert, Baron!" sagte sie halblaut,es ist die höchste Zeit, sie aus dieser Lethargie dcS Schmerzes aufzurütteln. Glauben Sie jetzt vielleicht an die Macht der Liebe?"

Seine Antwort war sein Blick. Eine Flamme loderte darin.

Sie lächelte. Ihre roten Lippen öffneten sich halb sehn­süchtig. Sie sah einen Moment in die Ferne, als erblicke sie dort etwas unsagbar Schönes. D as Rothaar fiel ihr in ivuchtigcn Wellen tief in die schneeweiße Stirn und umwogte knisternd ihre lichte Gestalt, als sollten Funken aus dem goldenen Gespinst auf- sprühen.

Joachim war aufs neue geblendet von ihrer sieghaften Schön­heit. Er mußte an sich halten, um ihr nicht in einem Anfall von Wahnsinn zu Füßen zu sinken.

Als sie sich endlich bei ihrem Kaffee allein fanden, war auch seine Kraft zu Ende.

Wie schön du aussiehst, Geliebte, wie wunderbar schön!"

Alle Glut seines Innern bebte in seiner Stimme.

Cre war nicht minder erregt. Heiß flüsterte sie:

Hast du dich nach mir gesehnt, Süßer, Einziger, sag's, du siehst so ernst aus, so traurig? Freust du dich denn nicht, mich wieder zu haben?"

Sie neigte sich über das kleine Tischchen, um ihm Sahne eiuzugießen, eine dichte Strähne ihres Haares fiel ihr dabei über die Schulter und schmeichelte sich weich um seine feingliedrige, gepflegte Hand. Seine Finger krampften sich hinein.

Ich vergehe vor Sehnsucht nach dir, mein Liebling! Ich mutz dich allein sprechen, bald! Du kommst zu mir! Morgen!"

Mitten in ihre leidenschaftliche Erregung hinein tönte die warnende Stimme der Vernunft, und sie sagte hastig:

Tas wäre Torheit, Wahnsinn, ein gefährliches Wagnis!"

Absolut nicht! Du gehst zu Frau von Poseck oder du kommst voll ihr, wenn dich jemand trifft. Du bist so klug, du wirst dir gegebenenfalls schon Rat wissen."

Die junge Frau war zusammengezuckt, als er Frau von Posecks Namen nannte. Das Bild der Greisin stieg vor ihr auf, ihr bescheidenes lauteres Leben, ihre mütterliche Fürsorge für sie.