Ausgabe 
7.12.1907
 
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Auf der eigenen Spur.

Kriminalroman von Otto Ho ecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

In ernster Stimmung verlieben der Rat und Witte den Raum, um sich nach dem andern Flügel des weitläufigen Kranken« Hauses zu begeben, wo Walden nntcrgebracht worden war. Auf dein Wege dahin war der Rat gegen seine Gewohnheit schweig­sam; er schritt mit gesenktem Haupte und gab sich gar trüben Gedanken hin. Der Hochstimmung in der verflossenen Nacht, welche ihn bedingungslos an Waldens Unschuld hatte glauben lassen, waren von neuem quälende Zweifel gefolgt; er mußte sich gestehen, daß die Schuldbeweise wider den seinem Herzen so Teuren sich immer überzeugungsboller. häuften. Da war auf einmal die schwache Hoffnung erloschen, ihre Nachforschungen möchten ganz in die Irre gegangen und in Wahrheit Kundt es gewesen sein, der mit seinem Helfershelfer den unglücklichen Schuhmacher beraubt und ermordet hatte. Er hatte die Empfin­dung, als war cs wirklich die lautere Wahrheit gewesen, die der vor ihren Augen Verschiedene mit seinem letzten Atem­hauch verkündet . . . und dann mußte er au das andere nunmehr voll und mitleidlos gegen Walden zeugende Indizium denken: das winzige Zigarettenende mit dem Wittcschen Monogramm da­rauf ... ein verbrauchtes wertloses Ding, kaum von einem Tritten mehr ohne Widerwillen in die Hand genommen . . . und doch ein furchtbarer Ankläger, der vertrauende Herzen tief unglücklich machen mochte . . . denn war Andreas Witte nicht in jener Droschke gewesen und hatte auch nicht in der' kritischen Nacht geraucht und beides schien dein erfahrenen Kriminalisten bereits sonnenklar erwiesen dann hatte August Walden eine verruchte Jndizienfälschnng begangen und cs versucht, den Ver­dacht von der eigenen Spur auf einen völlig Schuldlosen zu lenken. Ihm graute vor der nächsten Minute, die eine Kon­frontierung der beiden Männer bringen mußte. Wie würde sich Walden den heutigen Anklagen des Malers gegenüber rechtfer­tigen können? Was würde er zu sagen haben? Es wollte Hausemann scheinen, als ob diesmal auch der Vielgenannte ver­stummen müßte.

Ordentlich aufatmend nahm Rat Hansemann im anderen Krankeuflngcl die Mitteilung der Wärterin entgegen, wonach sich der zuerst so hoffnungsvolle Zustand des jungen Detektivs mittler­weile bedenklich verschlimmert hatte. Es war hochgradiges Fieber eingetreten und die Aerzte zeigten sich umso mehr besorgt, zumal es beit Anschein gewann, als sei die an sich völlig ungefährliche Wunde durch in den Schußkanal eingedrungcne und bisher von der Sonde noch nicht ermittelte Kleidungspartikelchen verun­reinigt.

Ter Herr Professor kann jeden Augenblick eintreffen, er will hiie Wunde selbst behandeln, darum darf ich jetzt keinen Besucher zulassen."

Ordentlich dankbar Nickte Hansemann der Wärterin zu. Er kam sich feige und verächtlich vor, weil er zum ersten Mal in seinem Leben davor zurückschreckte, die halb erkannte Wahr­

heit schonungslos aufzudcckcn, damit sie ganz und voll sicht« bar würde; nur zu gern willigte er in eine Verschiebung der Konfrontierung und innerlich wünschte er, eine solche möchte über­haupt gegenstandslos werden so oder so. Er wurde die Vorstellung nicht wieder los, daß beim endlichen Halaliblasen ein Stück seines eigenen Herzens mit auf der Strecke liegen würde.

Die nach der Rückkehr in den Polizeipalast immittelbar er­folgende Einvernahme des Hausmeisters Buhlinger ergänzte den von Leonie Selkeubach zugunsten des MalcrS bereits angetretenen Alibibeweis derartig, daß zur sofortigen Haftentlassung des nach- gcwicseu Unschuldigen geschritten werden mußte. Freilich ver­sprach indessen Witte, sich bis zur völligen Klärung des Falles dem Polizeirat jederzeit zur Verfügung halten zu wollen.

Kaum hatte sich die Tür hinter dem Ueberglücklichcn ge­schlossen, da erhob sich Thommen auch schon von dem Schreib­tisch, den bis dahin August Walden iunegehabt und trat mit dem grimmigsten Tienstgeficht an seinen Vorgesetzten heran. Na, wer ist's denn nun eigentlich, Herr Rat? Einer muß es doch alleweil gewesen sein?" fragte-er trocken. Als dann der Rat an ihm wie abgemattet vorüberschaute, spitzte er den Mund wie zum Pfeifen.Ich glaube, wir haben den Nokohl doch Un­recht getan. Der Mann sah schärfer, wie wie' verschiedene andere", brummte er, durch einen plötzlichen Streifblick des Rats in Verlegenheit gebracht.

Tie alte Geschichte vom blinden Huhn, das auch mal ein Körnlein findet", meinte Hanscmann spitz, sich erhebend.Das braucht sich übrigens nicht nur Rokohl hinter die Ohren zu schreiben; es sind in meiner-Abteilung noch andere Gackercr."

Unter dem spöttischen Blicke seines Vorgesetzten erstarrte der brave Thommen förmlich zu einem Nußknacker, wurde kirschbraun im Gesicht und sein borstiges Stachelhaar sträubte sich förmlich. Doch er kam zu keiner Einwendung, denn sein Vorgesetzter bedeutete ihm kurz, sich ihm mit einigen Mann Begleitung sowie einem Schlosser auf der Fahrt nach der Thomasiusstraße an> znschließen, Ivo in der Schuhmachcrschcn Wohnung Haussuchung abgehalten werden sollte.

Bereits eine halbe Stunde später waren die Beamten au Ort und Stelle und der mitgekommene Schlosser machte gerade die ersten Oefsnungsversuche an der Korridortür, als diese von innen geöffnet wurde und vor den Blicken der Erstaunten die schlanke Figur einer hübschen, jedoch verhärmt ausschauenden jungen Frau auftauchtc.

Tas ist doch die Schuhmachersche Wohnung?" erkundigte sich Hansemann, der an einen begangenen Irrtum glaubte. Dann, als die Frau nickte, platzte er los:Ja, wer sind denn Sie?"

Ich bin Fran Schnhmachcr", entgegnete die schwarz Ge­kleidete, deren Augen von vielem Weinen rotgcrändert waren; eben tauchten auch zwei Kinder auf, die sich an die Mutter schmiegten und neugierig die Beamten musterten.

Nanu?" erstaunte sich der Rat.Ich dachte, Sie seien auf dem Wege nach Amerika?" Er war inzwischen mit seiner Begleitung in die Wohnung getreten und hatte sich von der