Ausgabe 
7.9.1907
 
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setzung der Lehrstühle führte durch die Initiative der Pro­fessoren selbst zur Separation und schließlich zur Wieder­eröffnung der alten Hochschule zu Gießen im Jahre 1650.

Die an die Universitätsgeschichte sich anschließende ChronikderUniversitätGiehen bietet eine inter­essante Zusammenstellung der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte unserer Hochschule von 16501907. Besondere Sorgfalt wurde gewidmet, wie der Herausgeber einleitend bemerkt, neben den Nachrichten überOrganisation und Methode des akademischen Unterrichts und seiner Anstalten" derSammlung von Angaben, die unserer Kenntnis der akademischen Sittengeschichte, der Wandlungen der aka­demischen Disziplin, der Geschichte des Pennalismus und des studentischen Verbindungswesens zugute kommen". An die Chronik reiht sich an: ein Dozentenverzeichnis in alphabetischer Ordnung von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.

Der 2. Band der Universitätsfestschrift bringt, wie schon eingangs erwähnt wurde, 8 Einzeldarstellungen eines aus­wärtigen und mehrerer hiesigen Fachgelehrten. Es kann hier nur in Kürze auf den Inhalt dieser Spezialstudien eingegangen werden.

Der 2. Band beginnt mit der äußerst fleißig und sorgfältig bearbeiteten Einzeldarstellung: Geschichte der Gießener Stipendiatenanstalt von 16051780 von Dr. theol. Dr. Phil. W. Diehl, Pfarrer in Hirschhorn. Es ist dies die Zeit, in der man nach des Verfassers Vor­bemerkung die Stipendiatenanstalt als ein wissenschaftliches Institut betrachtete, das leider später zu einerAnstalt zur Armenunterstützung" herabsank. Fiir die Gründung und die Entwicklung der Gießener Stipendiatenanstalt hat sich großes Verdienst erworben der Professor Balth. Mentzer. Nach Marburger Muster gehörten der Anstalt an 1. ein Ephorus oder Aufseher der Stipendiaten (ein Professor), 2. ein Propst, der einengemeynen Tisch für die Stipen­diaten hielt", 3. ein Oekonom für das Rechnungswesen, 4. etliche Stipendiatenmajoren, ältere Theologiestudierende zur Anleitung und wissenschaftlichen Förderung der Stipen­diaten, und 5. eine gewisse Anzahl von Stipendiaten. Die Stipendiaten wurden unterstützt durch hochherzige Stif­tungen einzelner Gemeinden. Die Stipendiatenanstalt sollte einseminarium der Hess. Kirche werden, von deren Seg­nungen kein Hess. Theologe unberührt bleiben sollte". Wäh­rend der Verlegung der Gießener Stipendiatenanstalt nach Marburg war die Tätigkeit des. Instituts eine überaus segensreiche. Eingehendere Betrachtungen sind der Ent­wicklung der Anstalt gewidmet in der Gießener Zeit von 16501690, ferner während der Vorherrschaft des Pietis­mus in Hessen, während des Kampfes zwischen Orthodoxie und Pietismus von 17191771 und schließlich den Re­formen des Ministers von Moser.

Als zweite ^Abhandlung folgt: Die An sänge des Pietismus in Gießen 16891695 von Prof. Dr. Köhler. Der Verfasser führt uns in anschaulicher Weise in die Zeit der erbitterten Kämpfe der Spenerschen Be­wegung mit der Orthodoxie während 1689 1695, in denen uns die beiden pietistischen Professoren May und Biele­feld als Persönlichkeiten vonEinsicht, Kraft und Ueber- zeugungsgewißheit" begegnen, in die Zeit eines Kirchen­streites, dessen Wirkungen nicht ohne bedeutsamen Einfluß für die Spätzeit geblieben sind.

Die dritte Abhandlung bringt: Der wissenschaftliche Betrieb der praktischen Theologie in der theologischen Fakultät zu Gießen von D. theol. P. Drews, o. Prof, d. Theol. Die Arbeit darf mit Recht, da man nach des Verfassers Darlegungen über den wissenschaftlichen Betrieb der praktischen Theologie an den evangelischen Hochschulen während der vergangenen drei Jahrhunderte schlecht unter­richtet ist, mehr als ein lokalgeschichtliches Interesse bean­spruchen. In der Zeit der Orthodoxie von 16071689 ist es um die praktische Ausbildung dec angehenden Geist­lichen schlecht bestellt. Mehr Eifer zeigt sich in dieser Richtung in der Zeit des Pietismus von 16891730. An­

sätze zum Besseren brachte die Vorherrschaft der Orthodoxie von 17301770. Die Periode der Aufklärung von 1771 bis 1800 schuf vorübergehend die Einrichtung eines theo- logischen Seminars; aber auch hier hielt der Eifer für Prak-! tische Vorlesungen und Uebungen nicht lange an. Die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts werden als eine vorübergehende Blütezeit der Bestrebungen für die prak­tische Ausbildung der angehenden Theologen bezeichnet, bis: man wieder zu dem Zustande zurückkehrte, die praktische Theologie als ein Nebenfach unzusehen. So blieb Gießen anderen Hochschulen gegenüber nach dieser Seite hin im! Rückstand;eine praktische Theolo gie als ge- schlossene Vorlesung" gab es bis zum Wintersemester 1882/83 hier nicht. Jetzt erst wurde dem Ersuchen der Fakultät um Errichtung eines Ordinariats fürpraktische Theologie" seitens der Regierung stattgegeben und mit der Erweiterung' des theologischen Seminars um einekatechetische und homi­letische" Abteilung eine Organisation geschaffen, die heute noch fortbesteht.

Als vierte Einzeldarstellung ist zu nennen: C h r i st o p h Helwig als Didaktiker (16051617) von Professor D. Dr. Si e b eck. Sie bietet uns eine eingehende und interessante Würdigung des gelehrten und weithin be- kannt gewordenen Gießener Didaktikers und Vertreters der Ratichianischen Schule. Durch die Herausgabe einer Reihe grammatischer und methodischer Werke, darunter die mit Fink verfaßteGiesser lat. Grammatik" von 1606, hat er sich über Gießen hinaus einen bedeutenden Ruf erworben. Seine Bemühungen um Einführung der Rati­chianischen Lehrart, auch am Gießener Pädagogium waren vom schönsten Erfolge begleitet.Seine Lehrbücher haben als nachhaltige Fermente in der pädagogisch-Äidaktischen Bewegung des 17. Jahrhunderts gewirkt."

Hieran schließt sich als fünfte Abhandlung: Zur Geschichte des neusprachlichen Unterrichts an derUniversitütGießenvon Prof. Dr. D. Behren s. Die Arbeit verbreitet sich in ausführlicher Weise und klarer Darstellung über die Tätigkeit der französischen Sprach-! lehrer oder Sprachmeister an der hiesigen Hochschule wäh- rend des 18. Jahrhunderts, über ihre Lehrmethode, Vor­bildung, äußere Verhältnisse, Herkunft und Lebensführung, die Form ihrer Bestallung und Einkommensverhaltnisse. Sie würdigt die Verdienste des 1823 als ersten Professors der neueren Sprachen berufenen Dr. Adrian besonders als Bibliothekar.

Zur Geschichte der medizinischen Fakultät" von Prof. Dr. med. I. Geppert betitelt sich der sechste Beitrag. Der Verfasser bringt hier zum erstenmal zur Darstellung den Werdegang der medizinischen Wissenschaft an unserer Uni­versität von der alten Schule, die im 17. und 18. Jahrhundert nur auf der Theorie fußte, bis zur Neuzeit, die von Be­obachtung und Erfahrung ausgeht.

Es folgt weiter als siebente Arbeit:Aus Briefe// Justus von Liebigs" von Dr. K. Brand. Die Briefe gewähren einen tieferen Einblick wie seither in Liebigs Wirksamkeit in Gießen und bringen uns seine Persönlichkeit und Charakter näher.

Der 2. Band schließt mit einer kunstwissenschaftlichen Betrachtung über:Die Pokale und Szepter der UniversitätGießen" von Prof. Dr. B. S a u e r. Der Verfasser verbreitet sich über Herkunft, Gestaltung, Aus-s führung und Bedeutung der fünf Universitätspokale und der drei Szepter, die bei akademischen Festlichkeiten zu erscheinen pflegen. Die Arbeit bietet einen interessanten Beitrag zur Kunstgeschichte.

Hochbedeutsame Beiträge zur Geschichte der politischen Geheimbünde und der Werfassungsentwicklung der alten Burschenschaft in den Jahren 18151819 bietet in seiner Follen- Schrift Geheimrat Haupt. Nach einem kurzen Ausblick auf das Verbindungswesen, ivie es sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in dem studentischen Ordenswesen und den Landsmannschaften bis in das 19. Jahrhundert dar-