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setzung der Lehrstühle führte durch die Initiative der Professoren selbst zur Separation und schließlich zur Wiedereröffnung der alten Hochschule zu Gießen im Jahre 1650.
Die an die Universitätsgeschichte sich anschließende ChronikderUniversitätGiehen bietet eine interessante Zusammenstellung der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte unserer Hochschule von 1650—1907. Besondere Sorgfalt wurde gewidmet, wie der Herausgeber einleitend bemerkt, neben den Nachrichten über „Organisation und Methode des akademischen Unterrichts und seiner Anstalten" der „Sammlung von Angaben, die unserer Kenntnis der akademischen Sittengeschichte, der Wandlungen der akademischen Disziplin, der Geschichte des Pennalismus und des studentischen Verbindungswesens zugute kommen". An die Chronik reiht sich an: ein Dozentenverzeichnis in alphabetischer Ordnung von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.
Der 2. Band der Universitätsfestschrift bringt, wie schon eingangs erwähnt wurde, 8 Einzeldarstellungen eines auswärtigen und mehrerer hiesigen Fachgelehrten. Es kann hier nur in Kürze auf den Inhalt dieser Spezialstudien eingegangen werden.
Der 2. Band beginnt mit der äußerst fleißig und sorgfältig bearbeiteten Einzeldarstellung: Geschichte der Gießener Stipendiatenanstalt von 1605—1780 von Dr. theol. Dr. Phil. W. Diehl, Pfarrer in Hirschhorn. Es ist dies die Zeit, in der man nach des Verfassers Vorbemerkung die Stipendiatenanstalt als ein wissenschaftliches Institut betrachtete, das leider später zu einer „Anstalt zur Armenunterstützung" herabsank. Fiir die Gründung und die Entwicklung der Gießener Stipendiatenanstalt hat sich großes Verdienst erworben der Professor Balth. Mentzer. Nach Marburger Muster gehörten der Anstalt an 1. ein Ephorus oder Aufseher der Stipendiaten (ein Professor), 2. ein Propst, der einen „gemeynen Tisch für die Stipendiaten hielt", 3. ein Oekonom für das Rechnungswesen, 4. etliche Stipendiatenmajoren, ältere Theologiestudierende zur Anleitung und wissenschaftlichen Förderung der Stipendiaten, und 5. eine gewisse Anzahl von Stipendiaten. Die Stipendiaten wurden unterstützt durch hochherzige Stiftungen einzelner Gemeinden. Die Stipendiatenanstalt sollte ein „seminarium der Hess. Kirche werden, von deren Segnungen kein Hess. Theologe unberührt bleiben sollte". Während der Verlegung der Gießener Stipendiatenanstalt nach Marburg war die Tätigkeit des. Instituts eine überaus segensreiche. Eingehendere Betrachtungen sind der Entwicklung der Anstalt gewidmet in der Gießener Zeit von 1650—1690, ferner während der Vorherrschaft des Pietismus in Hessen, während des Kampfes zwischen Orthodoxie und Pietismus von 1719—1771 und schließlich den Reformen des Ministers von Moser.
Als zweite ^Abhandlung folgt: Die An sänge des Pietismus in Gießen 1689 —1695 von Prof. Dr. Köhler. Der Verfasser führt uns in anschaulicher Weise in die Zeit der erbitterten Kämpfe der Spenerschen Bewegung mit der Orthodoxie während 1689 — 1695, in denen uns die beiden pietistischen Professoren May und Bielefeld als Persönlichkeiten von „Einsicht, Kraft und Ueber- zeugungsgewißheit" begegnen, in die Zeit eines Kirchenstreites, dessen Wirkungen nicht ohne bedeutsamen Einfluß für die Spätzeit geblieben sind.
Die dritte Abhandlung bringt: Der wissenschaftliche Betrieb der praktischen Theologie in der theologischen Fakultät zu Gießen von D. theol. P. Drews, o. Prof, d. Theol. Die Arbeit darf mit Recht, da man nach des Verfassers Darlegungen über den wissenschaftlichen Betrieb der praktischen Theologie an den evangelischen Hochschulen während der vergangenen drei Jahrhunderte schlecht unterrichtet ist, mehr als ein lokalgeschichtliches Interesse beanspruchen. In der Zeit der Orthodoxie von 1607—1689 ist es um die praktische Ausbildung dec angehenden Geistlichen schlecht bestellt. Mehr Eifer zeigt sich in dieser Richtung in der Zeit des Pietismus von 1689—1730. An
sätze zum Besseren brachte die Vorherrschaft der Orthodoxie von 1730—1770. Die Periode der Aufklärung von 1771 bis 1800 schuf vorübergehend die Einrichtung eines theo- logischen Seminars; aber auch hier hielt der Eifer für Prak-! tische Vorlesungen und Uebungen nicht lange an. Die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts werden als eine vorübergehende Blütezeit der Bestrebungen für die praktische Ausbildung der angehenden Theologen bezeichnet, bis: man wieder zu dem Zustande zurückkehrte, die praktische Theologie als ein Nebenfach unzusehen. So blieb Gießen anderen Hochschulen gegenüber nach dieser Seite hin im! Rückstand; „eine praktische Theolo gie als ge- schlossene Vorlesung" gab es bis zum Wintersemester 1882/83 hier nicht. Jetzt erst wurde dem Ersuchen der Fakultät um Errichtung eines Ordinariats für „praktische Theologie" seitens der Regierung stattgegeben und mit der Erweiterung' des theologischen Seminars um eine „katechetische und homiletische" Abteilung eine Organisation geschaffen, die heute noch fortbesteht.
Als vierte Einzeldarstellung ist zu nennen: C h r i st o p h Helwig als Didaktiker (1605—1617) von Professor D. Dr. Si e b eck. Sie bietet uns eine eingehende und interessante Würdigung des gelehrten und weithin be- kannt gewordenen Gießener Didaktikers und Vertreters der Ratichianischen Schule. Durch die Herausgabe einer Reihe grammatischer und methodischer Werke, darunter die mit Fink verfaßte „Giesser lat. Grammatik" von 1606, hat er sich über Gießen hinaus einen bedeutenden Ruf erworben. Seine Bemühungen um Einführung der Ratichianischen Lehrart, auch am Gießener Pädagogium waren vom schönsten Erfolge begleitet. „Seine Lehrbücher haben als nachhaltige Fermente in der pädagogisch-Äidaktischen Bewegung des 17. Jahrhunderts gewirkt."
Hieran schließt sich als fünfte Abhandlung: Zur Geschichte des neusprachlichen Unterrichts an derUniversitütGießenvon Prof. Dr. D. Behren s. Die Arbeit verbreitet sich in ausführlicher Weise und klarer Darstellung über die Tätigkeit der französischen Sprach-! lehrer oder Sprachmeister an der hiesigen Hochschule wäh- rend des 18. Jahrhunderts, über ihre Lehrmethode, Vorbildung, äußere Verhältnisse, Herkunft und Lebensführung, die Form ihrer Bestallung und Einkommensverhaltnisse. Sie würdigt die Verdienste des 1823 als ersten Professors der neueren Sprachen berufenen Dr. Adrian besonders als Bibliothekar.
„Zur Geschichte der medizinischen Fakultät" von Prof. Dr. med. I. Geppert betitelt sich der sechste Beitrag. Der Verfasser bringt hier zum erstenmal zur Darstellung den Werdegang der medizinischen Wissenschaft an unserer Universität von der alten Schule, die im 17. und 18. Jahrhundert nur auf der Theorie fußte, bis zur Neuzeit, die von Beobachtung und Erfahrung ausgeht.
Es folgt weiter als siebente Arbeit: „Aus Briefe// Justus von Liebigs" von Dr. K. Brand. Die Briefe gewähren einen tieferen Einblick wie seither in Liebigs Wirksamkeit in Gießen und bringen uns seine Persönlichkeit und Charakter näher.
Der 2. Band schließt mit einer kunstwissenschaftlichen Betrachtung über: „Die Pokale und Szepter der UniversitätGießen" von Prof. Dr. B. S a u e r. Der Verfasser verbreitet sich über Herkunft, Gestaltung, Aus-s führung und Bedeutung der fünf Universitätspokale und der drei Szepter, die bei akademischen Festlichkeiten zu erscheinen pflegen. Die Arbeit bietet einen interessanten Beitrag zur Kunstgeschichte.
Hochbedeutsame Beiträge zur Geschichte der politischen Geheimbünde und der Werfassungsentwicklung der alten Burschenschaft in den Jahren 1815—1819 bietet in seiner Follen- Schrift Geheimrat Haupt. Nach einem kurzen Ausblick auf das Verbindungswesen, ivie es sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in dem studentischen Ordenswesen und den Landsmannschaften bis in das 19. Jahrhundert dar-


