Ausgabe 
7.9.1907
 
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schloß feine Behausung mit einer festen Tür, die im Winter das Toben der Bora aushielt, und als Schutz vor der Sonne spannte er die Ranken der nächsten Weinstöcke und befestigte sie über der Tür. Ein gar schöner schattiger Platz war unter diesem Dache. Da lebten sie nun jahrelang. Ihre Kinder sprangen mit strammen, braunen Gliedern fröhlich in der Gegend umher, und waren nicht selten unter meinen Obstbäumen zu finden. So hatte Stipe gewartet.

Ich blieb noch bis zum Spätherbst, um dann die Winter­monate in Italien zu verbringen und im Frühling langsam nach Norden zu reisen. Erst in feiner besten Jahreszeit wollte ich Deutschland Wiedersehen. Mein Pianino und manches andere, wofür der neue Besitzer keine Verwendung hatte, ließ ich durch einen Händler aus Cattaro abholen. Dann rief ich eines Nachmittags Stipe herein:Ihr habt Wohl gemerkt, daß ich jetzt ziehe. Da könnt Ihr nun mein Haus kaufen. Gebt mir also alles Geld, das Ihr habt, Ihr kauft dann noch immer billig," sagte ich lächelnd,und morgen früh könnt Ihr einziehen." Stipe war glücklich, nun war er mit einem Schlage ein reicher Mann. Aber feine dalmatinische Würde verließ ihn nicht. Mit einer gewissen Wichtigkeit nahm er den Ledergurt' ab, trennte mit dem Dolchmesser die gesammelten Goldstücke.heraus und zählte sie auf den Tisch. Dann bedankte er sich treuherzig und einfach, und wir nahmen freundlichen Abschied. Ich wünschte ihm alles Gute, und er empfahl mich der heiligen Mutter Gottes und dem heiligen Nicolo, den: Schutzpatron der Seefahrer. Dann schritt er über den Hof, der nun ihm gehörte. Seine stattliche, imponierende Gestalt schien noch gewachsen aus meinem Höhlenbewohner war int Handumdrehen ein vornehmer Besitzer geworden.

Ich hatte ihn gebeten, seine Familie herüber zu schicken zum Abschied, da kamen denn die Kinder angefprnngen. Aufgeregt durch das große Ereignis, schwatzten und fragten sie alle durcheinander.Das Haus soll jetzt uns ge­hören? O, wie schön! Aber du bleib stdoch bei uns, Groß­mutter?"Weshalb willst du denn mit dem Schiff in ein anderes Land? Dort ist's gar nicht schön."Wenn du dort deine Arbeit getan hast, kommst du doch wieder zu uns?" Die Kleine fragte:Fährst du mit deinem eigenen Schiff, mit den Obstkörben?" Ich mußte versprechen, wieder- znkommen wie oft bin ich auch bei ihnen, wenn auch nur in Gedanken und so liefen sie jubelnd davon, wie sie gekommen waren:Die Großmutter kommt wieder, sie hat es gesagt!" Dann verabschiedete sich noch ihre Mutter in ihrer stillen, bescheidenen Weise.

Von meinem Nachbar Pietro Ubaldo und feiner guten Frau war die Trennung nicht so leicht, alle Freude und alles Leid hatten wir in treuer Freundschaft miteinander geteilt. Sie gaben mir ein Heiligenbild mit für ihren Sohn Paolo, den Gespielen meiner Kinder, den ich in Rom besuchen wollte; und Pero bat, ob er mich nach Cattaro begleiten dürfe. So grüßte mich denn zum Abschied ein freundliches treues Gesicht, als ich, an Bord des Schisses stehend, das unvergleichlich schöne Land verließ, das mir so vieles gegeben, aber ach! auch so vieles genommen hat.

Noch nicht ganz habe ich mich nun in der alten Heimat daran gewöhnt, daß es hier so trübe und farblos ist, und daß fast während des ganzen Jahres der Ofen der wichtigste Gegenstand im Hause feilt muß.

Wenn ich aus den Balkon trete und mich vom Sonnen­licht umsluten lasse, dann möchte ich sagen:Was ist ans dir geworden, du liebe Sonne? Bist du alt und schwach und kannst nicht mehr wärmen?" Dann blinzelt sie mich an, freundlich lächelnd:Warum bist du weg­gezogen aus meinem Bereich? Dort unten wärme ich stoch die Menschen wie früher. Aber auch hier sehe ich ja manchmal nach dir und grüße dich aus der Ferne." Sie ist meine Sonne nicht mehr. 'Ihre Glut und ihr Glanz liegen weit hinter mir in der Vergangenheit.

Auch alle Ereignisse meines Lebens sind mir hier in der völlig anderen .Umgebung ferngerückt, fast als sei es

eine Fremde und nicht ich, die alle die Freude und all das Leid erlebte, von welchen ich erzählen will.

(ForUetzung folgt.)

Literarische A stgaöen zur 300Mrigcn Iuöek- ferer der Lrudesuniversttät.

i.

Die 300 jährige Jubelfeier der Landesuniversität be­scherte uns einige wertvolle literarische Festgaben: vor­nehmlich die zweibändige Festschrift, herausgegeben von der Universität, und die nun auch in besonderer Buch­ausgabe herausgekommene Monographie:K. Folien und die Gießener Schwarzen", zuerst erschienen in den Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins, dargeboten vom Universitätsbibliothek-Direktor Geh. Hofrat Prof. Dr. Herm. Haupt. Eine Besprechung dieser lite­rarischen Festgaben an dieser Stelle kann sich nur auf das altern otwendigste beschränken in der Absicht, auch weitere Kreise auf diese verdienstvollen wissenschaftlichen Dar­bietungen von lokaler Bedeutung aufmerksam zu machen.

Der erste Band der Universitäts-Festgabe bietet eine ausführliche, äußerst wertvolle Darstellung der zum ersten­mal eingehender behandelten Universitätsgeschichte bis zum Jahre 1650 auf Grund des in den Archiven zerstreut Vorgefundenen und mühsam gesammelten Ur­kundenmaterials, welcher überaus schwierigen Aufgabe sich in dankenswerter Weise Oberlehrer Dr. M. Becker in Darm­stadt unterzog. Der Band schließt mit einer Chronik der Universität von 16501907; in Gemeinschaft mit Dr. Lehnert bearbeitet und herausgegeben vorn Universitäts­bibliothek-Direktor Prof. Dr. .Haupt. Im zweiten Band sind Einzeldarstellungen eines auswärtigen und mehrerer hiesigen Fachgelehrten vereinigt.

Zunächst zur Universitätsgeschichte! Der erste Abschnitt belehrt uns über die Entsteh u n g der Universität Gießen, wobei betont wird, daß in der Marburger Erb- schaftsangelegenheit die Frage um den Besitz der Universi­tätsstadt und Hochschule Marburg die Hauptrolle spielte, deren Lösung zum Nachteile Darmstadts neben der Um­gestaltung der Marburger Hochschule im kalvinistischen Geiste mit zur Gründung unserer Universität führte. Wir lernen die außerordentlichen Schwierigkeiten und Be­mühungen kennen, die die Erlangung der kaiserlichen Privilegien für die neu gegründete Anstalt bedingten.

Abschnitt II führt uns ein in die Zeit der ersten Entwicklung unserer Universität bis zum Jahre 1624. Gießen wird eineStätte geistiger Bewegung und scharfer Arbeit". Wir erfahren Näheres über die äußere Gestaltung der Verhältnisse, über landgräfliche Dotationen, UniversitätLgehälter, den Lehrbetrieb, die ersten Anfänge der Universitätsbibliothek, die Entwicklung der einzelnen Institute, Finanzverwaltung und Beamtenapparat.

In Abschnitt III wird die Aufhebung der Universität Gießen und ihre Ueberleitnng nach Marburg eingehend behandelt.

Abschnitt IV ist der Verwaltung der Universität Mar­burg durch die Darmstädter Linie während der Jahre 16241649 gewidmet. Hier fei besonders hervorgehoben die 160 jährige Feier der Universität Marburg im Jahre 1627, das Verweilen der Hochschule in Gießen während der Pestjahre 1633 und 1634, die störende Einwirkung der Kriegswirren, die Zusammensetzung des akademischen Lehr­körpers, die Gestaltung des Lehrbetriebs, der Prüfungen und Promotionen.

Im fünften Abschnitt werden wir mit den Leiden und Schicksalen der Universität Marburg während des Hessen- kriegs von 16451648 bekannt gemacht, mit den Ver­handlungen und Abmachungen, die zum Frieden vom 14. April 1648 führten, die Gemeinsamkeit der Universität statuierten und die Angelegenheit über die Regelung der Einkünfteverhältnisse bei einer etwaigen Trennung des Universitätswesens ordneten. Die Frage über die Be-