— 464
einer Negerin, Ke im Jahre 1906 in Philadelphia starb unb die sich noch genau erinnerte, in Valley Forge Washington gesehen zu haben. Ihre Verwandten beanspruchten für sie das Alter von 135 Jahren. So sollten auch im Jahre 1885 noch eine Anzahl Kaffern am Leben fein, die als Krieger an einer Schlacht von 1818 teilgenommen hatten. Burton machte die Bekanntschaft eines Häuptlings, den er 1857 als einen außerordentlich alten Greis beschrieb. Achtzehn Jahre später traf Cameron denselben Alten an; nach wie vor führte er die Herrschaft seines Stammes und hatte sich äußerlich kaum verändert. Humboldt berichtet aus Südamerika ähnliches. Während seines Aufenthalts in Lima war er Zeuge von dem Tode eines Indianers, der 143 Jahre zählte. Im Akter von 130 Jahren war er erblindet, „bis zu diesem Unglück pflegte er täglich drei oder vier Meilen zu gehen." Humboldt erzählt auch, daß er während seines fünfjährigen Aufenthaltes in Mexico und Südamerika niemals jemand gesehen habe, der mit körperlichen Gebrechen behaftet gewesen wäre, ja nicht einmal einen Schieläugigen. Tschudi berichtet, daß ein Alter von 130 Jahren bei unverminderter Rüstigkeit durchaus nichts Ungewöhnliches bedeute. Diese Beobachtungen beziehen sich natürlich auf die einheimischen Rassen; bei den Mischvölkern liegen die Verhältnisse ungleich ungünstiger, von den in den Tropen sich ansiedelnden Europäern gar nicht zu reden. Ein beglaubigter Fall von Greisenrüstigkeit betrifft den Amerikaner David Work, der 1905 im Alter von 102 Jahren in Fredericton starb. Er spielte in seiner Gemeinde eine hervorragende Rolle und war bis zu den letzten Tagen rüstig und auch im Vollbesitz seiner Sehkraft. Aber die Fälle, wo ein hohes Alter mit unverminderter Sehkraft Hand in Hand geht, sind sehr selten bei den Kulturvölkern; bei ihnen scheint die Widerstandskraft des Auges gegen die Macht der Zeit von der aller anderen Sinnesorgane übertroffen zu werden.
* Die keim zerstör end e u Eigenschaften des Tgbakranches. Bei der Sucht unserer Zeit, alle die Ge- üußmittel, bei deren Gebrauch unsere Vorfahren alt geworden sind, als gesundheitsschädlich anznsehen, muß es den Raucher mit Freude erfüllen, vom Tabak auch einmal etwas gutes zu hören. Tas Nikotin ist 'schon ein kräftig desinfizierendes Mittel, kommt aber int Rjauche selbst nur in sehr geringen Mengen vor, denn die ölige Substanz als Rückstand in einer Tabakpfeife enthält das Pyri- dinöl, welches außerordentlich giftig ist. In der Hauptsache besteht der Tabaksranch aus Kohlenoxyd, das keimtötende Eigenschaften haben muß, weil es als Mittel dient, leicht verderbliche Sachen vor Fäulnis bewahren zu können. Im „Lancet" wird darauf hiugewiefen, daß es auch noch einen anderen Körper gibt, der dem Tabakrauch seine desinfizierenden Eigenschaften verleiht, unb das ist das kräftig antiseptisch wirkende Formaldehyd, dessen Menge im Rauche durch ein geeignetes Verfahren leicht festzu- stelleu ist. Sie hängt tioit der Beschaffenheit und Güte des gerauchten Tabakes ab. So scheint die Zigarre mehr Formaldehyd hervorznbringen als die Pfeife und die Pfeife mehr als die Zigarette. Möglicherweise ist die besonders reizende Eigenschaft des Rauches, her von dem glühenden Ende einer Zigarette ober von der Glut einer Pfeife ausgeht, ebenfalls dem Formaldehyd zuzuschreiben. Man will mehr als einmal feffgestellt haben, daß Tabakraucher vor gewissen Krankheiten bewahrt bleiben und die häufige Anwesenheit eines mächtigen Antiseptikums im Munde, den Nasengängen und zuweilen auch in den Lungen würde bis zu einer gewissen Grenze die gemachte Wahrnehmung bestätigen. Wenn man in Rücksicht zieht, daß sich in der Nase häufig eine große Menge von Lebewesen befindet, so ist es selbstverständlich, wenn diese schon dadurch gestört werden, daß der Tabakrauch durch die Nafeuösfnungeu hinbnrchgeht. Ebenso würden auch die vielen kleinsten Bewohner der Mundhöhle dem Tabakrauche unterliegen müssen. — Wir wissen ja, daß Formaldehyd eines der kräftigsten Desinfektionsmittel ist, welches wir besitzen, und schon eine Lösung von 1:10 000 genügt, um alle Bakterien abzutöten, während eine solche verdünnte Lösung für den menschlichen Körper noch keine giftige Wirkung hat. — Mit diesen Feststellungen soll aber, nicht, wie der „Lancet" ausdrücklich hervorhebt, einem übermäßigen Gebrauch des Tabaks das Wort geredet werden, denn seine Giftigkeit verliert er nicht, wenn auch die angeführte gute Eigenschaft nicht verkannt werden foll.
* Eine unbekannte Geliebte Friedrich Nietzsches. Unter diesem Titel erzählt der italienische Nietzsche-Biograph Guidi im „Giornale d'Jtalia" von einem demnächst erscheinenden deutschen Buche über Nietzsche, das eben jene Dame zur Verfasserin hat, aber jetzt erst, nach ihrem Tode, von ihrer Tochter herausgegeben wird. Das Buch wird den Titel führen: „Friedrich Nietzsche als Mensch, nicht als Uebermensch." Diese Frau PH., die von heißer Liebe zu Nietzsche beseelt war, war ihrem Idol nach Sorrent gefolgt; sie war ihm unbekannt, obgleich sie eine seiner eifrigsten Hörerinnen im Kolleg gewesen war. Damals war Nietzsche viel in Gesellschaft Malwida von Meyesen- bugs, des Doktor Rse und des Studenten Brenner. Die Unbekannte begegnete ihm ost, er war aber nie allein, bis sie ihn .einmal gegen Abend am Strande traf; er saß auf einem Felsen
und blickte aufs Meer. Sie begannen zu plaudern, wobei er sich mit der Linken fortwährend den Schnurrbart strich. Später traf sie ihn im öffentlichen Garten und erzählte ihm von einem neuen Triumph, den Wagner in jenen Tagen in Deutschland gehabt habe. Zuerst verstand er nicht recht, ob es sich um einen Erfolg oder Mißerfolg seines „Feindes" handelte. Dann aber, als sie ihm mit einigem Enthusiasmus davon sprach, lächelte er und schien durchaus einverstanden. Zuletzt brachte sie ihm einen Strauß zum Abschied; sie sahen sich nicht wieder, aber als, sie von einer spateren italienischen Reise zurückkehrte, besuchte sie sein Grab.
* Die jetzige erste Königin von Siam, die Gemahlin Tschulalongkorns,- verdankt ihre Stellung einer tragischen Wirkung des siamesischen Etikettenzwanges. Es gibt, wie Emst v. Hesse-Wartegg im 20. Heft der Zeitschrift „Ueber Land und Meer", (Stuttgart, Deutfche Verlangs-Anstalt), in einem reich illustrierten Aufsatz über den König von Siam und seinen Hof berichtet, zwei offizielle Frauen des Königs, erste und zweite Königin genannt, Halbschwestern des Königs, Töchter seines Vaters, doch von verschiedenen Müttern. Tie gegenwärtige erste Königin rückte ans der zweiten Stelle vor, als in den achtziger Jahren die erste Königin bei einer Bootfahrt im Meuaamstrom ertrank. Die hohe Frau war des Schwimmens unkundig, ihr königlicher Gatte war nicht zur Stelle, und kein anderer Mann durfte es wagen, ihre Person zu berühren, selbst nicht, um fie ans dem Wasser zu ziehen. Ihr Denkmal steht heute in denn herrlichen königl. Tropengärten von Bangkok, wo sich auch zahlreiche Denksteine, Pavillons, Kioske, Tempelchen erheben, die zum Audeuken lan andere verstorbene Mitglieder der Königsfamilie errichtet worden sind. Bei festlichen Gelegenheiten erscheint von all den Tausenden weiblicher Wesen, die in der königlichen Frauenstadt weilen, nur die erste Königin. Sie allein ist dem Hose sichtbar, und 'fremde Gesandte werden ihr nach der Audienz beim König ebenso vorgestellt, wie cs an europäischen Höfen üblich ist. toie ist eine stattliche Frau in den fünfziger Jahren, von ähnlich einnehmendem hoheitsvollem Auftreten wie der König selbst. Nach Art der siamesischen Frauen- mode trägt fie, wenn fie in der Welt erscheint, gewöhnlich eine Taille von europäischem Schnitt mit weiten, bauschigen Aermeln aus reichstem Seiden- ober Goldbrokat, mit Spitzenbesatz und vielem Bänderschmuck. Bei festlichen Anlässen werden auf die Schultern noch Straußenfedern geheftet. Statt der Röcke tragen die Siamesinnen den Panuug, ein langes Stück Stoff von großer Feinheit und in verschiedenen Farben, das die Hüften stramm umschließt unb bis |ait die Knie reicht. Feine Seidenstrümpfe in zarten Farben unb elegante europäische Stöckelschuhe vervollständigen die sehr hübsche, pikante Kleidung. Bei der Königin schlingen sich dazu über der Brust die Bänder der mit den köstlichen Edelsteinen besetzten siamesischen Orden, von denen jener des Weißen Elefanten der angesehenste ist. Auch das ganze Gewand ist dann mit Juwelen von seltener Pracht und hohem Wert besät.
* Die Macht der Einbildung — auch beim Pferde. Man teilte uns darüber einen interessanten Fall mit: Ein Pferd, das aus dem ebenen Flachland in hügeliges Terrain verkauft ivorden war, ließ sich trotz gütlichen Zuredens und scharfen Anlreibens nicht dazu bringen, seinen Wagen eine kleine Anhöhe hinauf zu ziehen; es blieb eigenfinnig stehen, wahrscheinlich weil ihm, dem Pferd der Ebene, diese Leistung unmöglich schien. Da sagte ein Knecht: „Ich werde den Gaul schon darankriegen." Spruchs und stemmte sich unter Hü-Rufen scheinbar mit aller Kraft gegen den Wagen, und siehe, das Pferd zog an, ließ aber gleich wieder nach, sobald der Knecht zu schieben aufhörte, so daß dieser zum Ergötzen der Zuschauer feine List fortfetzen mußte, bis die Höhe erreicht war. — Die Kutscher sollten also nicht immer gleich prügeln, sondern bei störrigen Pferden es erst mit Güte ober Schlauheit versuchen.
Bilderrätsel.
'Nachdruck verboten
.Auflösung in nächster Nummer.-
RIM ff Z
A?puan\
_ e?
Auflösung der Scherz-Charade in voriger Nummer: „Staue Reisende" (Arme, Reis, Ende).
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.


