Ausgabe 
7.8.1907
 
Einzelbild herunterladen

463

sraß Gläser, -er Andere Treck, der dritte trän? aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davon übel ward Einer gab dem andern die Hand, fragten sich untereinander nach ihren Namen und versprachen, sich ewige Freunde und Brüder zu sein, mit angehängter dieser gewöhnlichen Klausel: Ich tue, was dir lieb ist, ich meide, was dir zuwider ist, band je einer dem andern einen Nestel von seinen Lodderhosen in des anderen zerfetztes Wams. Die aber, denen ein anderer nicht Bescheid tun wollte, stellten sich teils als Unsinnige nnd als Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe nnd rauften aus Begier, solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen einander die Gläser ins Genast, mit dem Degen heraus auf die Haut, bis hier und da eurer niederfiel «und liegen blieb: und diesen Streit sah ich selbst unter den Besten nnd Blutsfrennden selbst mit teuflischem Wüten und Toben geschehen. Andere waren da, die mußten aufwarten, eiN- schenken, Stirnknupfen, Haartupfen aushalten, neben vielen anderen Zeremonien, da die anderen aus diesen als auf Pferden oder Eseln saßen und eine Schüssel mit Wein auf ihnen aussoffen, etliche Bacchusliedlein dazu sangen, Bacchusmesse lesen: 0 vinum gio- riosum! Resp. mihi gratissimum! oder sie sangen:

Prächtig kommen alle Pennäl hergezogen. Die da neulich sind ausgeflogen Und haben lange zu Hause gesogen Von der Mutter usw."

Das Ende war:

So tut man die Pennäl agieren, Wenn sie sich viel imaginieren Und die Studenten despektieren," wobei sie endlich zur Beschließung felber unter Zeremonien und Gesängen jenen das Haar abgeschoren als den Nonnen, so Pro-- fefj trri u

Woscherosch übertreibt und andererseits ist zu bedenken, daß der 30jährige Strieg zur Verrohung der Sitten unter den Studenten sein Teil beigetragen, es bleibt aber immer noch genug übrig, um einen Gradmesser für den tiefen Stand der Sittlichkeit der Studentenschaft jener Zeit daraus zu mache». Die Protokolle aller Universitäten des 16. Jahrhunderts bereits sind reich an Notizen über blutige Händel, Schwängerungsfälle, Diebstähle, wie Ro­heiten aller Art. Die Marburger Annalen von 1619 erwähnen es lobend, daß dieses Jahr ohne Totschlag vorübergegangen sei, und die Deposition feierte ihre Orgien bereits lange vor dem AstährigeN Krieg. Allzu strenge dürfen wir über dieses derbe, oft unsittliche Verhalten der Studenten nicht zu Gericht sitzen. Es boten sich den Studenten außer der Musik und den Komödien keine Freuden der Geselligkeit. Und vielleicht sind die sinnlichen Ausschreitungen des 16. und 17. Jahrhunderts noch eher zu verzeihen als der Zynismus des überfeinen 18. Jahrhunderts.

Doch kehren wir nach Gießen zurück, um das Studentenleben an der Universität kurz zu skizzieren. ,

War der Student immatrikuliert, so hatte er damit das Jagd­recht erworben und die Freiheit, in der ganzen Gießener Gemarkung in Wald und Feld, nach Hohem oder niederem Wild, wilden Enten und anderen Waldvögeln und nichts ausgenommen zu pürschen nnd zu Hetzen. Nur mußte er sich hüten, jagend im Steinberger Forst betroffen zu werden, denn dann wurde ihm nicht nur die Flinte ab­genommen und der Hund erschossen, sondern er hatte auch noch andere Strafe zu gewärtigen. Bücher, Mehl und Getränke, soweit er sie zu seiner Notdurft brauchte, durste er zollfrei ins Land ein­führen. Da 1650 die Stuben vor die Herren Studiosos taxiert worden waren, so konnte er sich nach Maßgabe seines Wechsels und derLosamententax" eine geeignte Wohnung aussuchen. Im übrigen erhielt die Universität Gießen, ebenso wie die ältere Scbwesteranstalt Marburg vom Landgrafen alle Privilegien, Rechte, Gerechtigkeiten, Immunitäten und Freiheiten bestätigt. die vom röm. Kaiser Rudolf II. bei der Gründung gewährt worden waren, und der Landgraf Ludwig V., der Stifter der Akademie, der die neue Anstalt a>ls ein besonderes Kleinod seines Fürstentums be­trachtete Und sie emporzubringen eifrig bestrebt war, hielt strenge darauf, daß Angestellte und Studenten unmolestiert gelassen und von niemanden in den Privilegien tnrbiert oder beschwert wurden. Andererseits waren Rektor nnd Senat angewiesen, Ausschreitungen der Studenten streng zu Begegnen. Als Grundlage ihres Ver- haltens sollten die Statuten der Universität dienen, die zu ver­schiedenen Zeiten vom Landgrafen und der Regierung geändert wurden. Sonst war die Rechtspflege ein wohlerworbenes Recht der Hochschule, worauf die einzelnen Glieder der Akademie streng hielten.

Der Pennalismns, dieser erschreckende Auswuchs großer, ia Unerhörter Roheit, wie wir ihn in der Schilderung von Moscherosch kennen gelernt Huben, blühte auch in Gießen. Bereits tut Jahre 1629 hatte sich die Universität Marburg mit den sächsischen und anderen deutschen Universitäten verbunden, den Pennalismns, die Absolvier- und Aeeeß-Schmäuße unter den Studierenden mit allem Ernste auszurotten. Jedoch konnte der Unfug nicht völlig beseitigt werden. Erst im Jahre 1654 gelang es den vereinten Bemühungen der Universitäten Marburg, Gießen und Rmteln nach geschehenem Vortrag auf der Reichsversammluug zu Regensburg, dem heillosen Pennalwesen und anderen eingerissenen UnoronungeU unter den Studierenden ein Ende zu machen. Verboten war auch das Balgen" auf den Gassen d. h. die wilden und lebensgefähr­lichen Raufereien mit dem Stoßdegen und anderen gefährlichen

Waffen, die gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts so überhand genommen hatten, daß die Regierungen durch Verordnungen da­gegen cmkämpsten, allerdings meist vergeblich. Gegen das in Gießen stark eingeriffeneHäuserstürmen" wurde nach Steiften; geeifert: Es sei besser wenig studiosos, welche Ehr und Tugend sich besteißigen und in ihrem Beruf sich etnfia verhalten, als viele, die in Schänd und Laster leben." Das Schießen in der Nacht mit Büchsen, Rohren und Pistolen und das Raketenwerfen in der Stadt war mit besonderer Schärfe ver­boten. Streng untersagt war auch das Benutzen von Pechfackeln in der Stadt, dagegen hatte jeder Student von Michaelis bis Ostern nach; 9 Uhr eine Laterne oder ein Licht bei sich zu führen; versäumte er es, so wurde er von der Wache in Arrest genommen. Auch Fast- nachtsspiele, Mummereien, Maienstecken, Nachtmusiken und andere Exzesse waren besonders verboten. In den ursprünglichen Statuten der Hochschule waren für Gesetzübertretungen zahlreiche Steige­rungen von Strafen vorgesehen. In der verwilderten Zeit des. 17. Jahrhunderts war auch der Student verwildert, und trotz der Strafen nahm der roheste Unfug fein Ende.

Wohl schlimmer noch war es im 18. Jahrhundert. Wie das Leben eines Studenten zu Gießen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts beschaffen war, dafür haben wir in den Schilderungen Laukhards eilt klassisches Zeugnis.

Dieser berühmte oder berüchtigte Magister, der außer seiner dick­leibigen Selbstbiographie, diesem Kuriosum der deutschen Literatur­geschichte, noch ein halbes Dutzend derbrealistischer Erzählungen Romane können sie nicht gut genannt werden verfaßte, war ein; unverfälschtes, höchst interessantes Original des 18. Jahrhunderts. Die ernste Wissenschaft hat nicht viel von ihm hören wollen. Die Theologie, der er angehörte, hat den Rationalisten abgeschüttelt, auf dessen Lebenswandel die Rechtgläubigkeit mit Fingern zeigen konnte. War es doch so leicht, diesem Manne gegenüber den Pharisäer zu spielen. Aber auch Schriftstellern von freierer- Richtung und Gesinnung, wie Robert Prutz und Wal­demar Kawerau haben ihn strenge verurteilt, ihn, der allerdings bei den Anlagen und der genossenen Bildung ganz anderes hätte leisten und werden sollen als ein heimat­loser Vagant nnd ein literarischerStromer". Vom studen­tischen Standpunkt aus betrachtet, erscheinen seine Verfehlungen im milderen Lichte, seine Schilderungen aber sind kulturhistorisch von höchstem Werte. Wenn er seine Lebensschicksale erzählt, hat er dabei am wenigsten sich selbst geschont und, abgesehen von der trefflichen Stilisierung seiner Erzählungen, erkennt man aus jeder Seite den gebildeten, sogar den gelehrten Mann. Hier nur einige kurze Bemerkungen über seinen Bildungsgang.

Friedrich Christian Laukhardt 1758 zu Wendelsheim in der Unterpsalz (Rheinhessen) als Sohn des dortigen lutherischen Pfarrers geboren, hatte in seiner Knabenzeit das Unglück, von einer int Hause wohnenden Tante, Vater Laukhardts leiblicher Schwester, zum Trnnke verführt zu werden, ein Laster, das unter den Pfälzer Geistlichen und Beamten in erschreckendem Maße herrscht. Laukhardts Vater, persönlich ein kreuzbraver und dabei grund­gelehrter Mann, hatte von den Pflichten der Kindererziehung ebenso Iveuig wie seine Fran, eine Enkelin beä berühmten Ge­lehrten Johannes Schilfer in Straßburg, die richtigen Vorstel- lungen und überließ den Knaben dem verderblichen Einfluß der Tante und des Hausgesindes. So wollte der Junge trotz seiner nicht gewöhnlichen Begabung nicht gedeihen. Ein vorübergehender Ausenthalt in dem Pensionat des Inspektors Kratz in Dolges­heim, der nach der rohen Weise der Zeit seinen, unglücklichen Scholaren mehr Schimpfwörter und Hiebe als Kenntnisse beibrachte, war gleichfalls wenig geeignet, auf den jungen Laukhardt veredelnd einzuwirken, und so konnte es nur die schlimmsten Befürchtungen erwecken, als der kaum Sechzehnjährige eines» Tages seinen Ranzen schnürte, um, es war im Jahre 17/5, nach Gießen auf die hohe Schule zu ziehen,

(Schluß folgt.)

VEVMsdcHies«

* Sehkraft und Alter. Die Mängel des menschlichen Auges sind schon mehrfach betont worden., Bekannt ist der Ausspruch eines Naturforschers, daß jeder Optiker die Ser Teilung eines Apparates ablehnen würde, der seinen Aufgaben so schlecht gerecht würde wie das Auge. Die Sehkraft gilt allgemein als die Kraft, in bereit Abnahme sich zu allererst das nahende Alter anzukündigen pflegt. Die Biographen haben eine Reihe von Fullen zu verzeichnen, in denen im Altertum tote auch in neueren Beiten hervorragende Männer ein hohes After, erreicht haben, ohne oaß, außer dem Ange, irgendeine ihre Fähigkeiten eme bebeuietwe Abnahme gezeigt hätte. Aber auch abgesehen von dem letzten ouch Mosis, da es heißt:Und Mose war hundert und zwanzig ^ahre alt da er starb, feine Augen waren incyt dunkel geworden und seine Kraft ungebrochen", hat die Forschung auch Beispiele ge­sunden, in denen Menschen selbst im höchsten Alter noch ihre volle Sehkraft bewahrt hatten. Merkwürdigerweise sind diese Falle vornehmlich bei primitiven Menschenrassen zu verzeichnen, wie überhaupt ein außerordentlich hohes Aller bei manchen Natur­völkern ungleich häufiger vorkommt, als bei den Kulturmenschen. DiePopulär Science Monthlv" z. B. berichtet den Fall vo«