Ausgabe 
7.8.1907
 
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Na war es denn doch nm Dagmars Selbstbeherrschung ge­schehen. Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht.

Wenn du es denn nicht um meinetwillen tun willst, Magnus, ich flehe dich >an denke au unser Kind."

Tas tue ich eben", behauptete er kecklich.Und wenn du ein Nein toenig mehr Lebensklugheit hättest, würdest du dieser! albernen Klatsch niederzuschlagen suchen."

Sie sah ihn erstaunt, verständnislos aut

Ich?"

Isa, du", war die mit abgewandtem Gesicht gegebene Ant­wort,aber dnf so einfache Sachen kormnstj du natürlich gar nicht irr deiner angeblichtiefgekränkten Frauenwürde".

Und als Dagmar noch immer verwundert schwieg, fuhr er hastig fort:

.Tu solltest doch allein so klug sein, dir zu sagen, daß von deinem Benehmen jetzt alles abhüngt. Kommst du der Lindstrom freundlich entgegen, so ist das doch Wohl der beste Gegenbeweis für die Klatschbasen. Nach Meiner Auffassung wäre es das richtigste, du kämst heute nachmittag, wenn die Gräfin mich zu der Spazier­fahrt mit ihrem neuen Gespann abholt ach so, ich vergast bisher dir davon zu sagen, wenn du dann einen Augenblick an den Wagen kämst, um die frühere Kvllegin zu begrüßen."

Magnus", schrie Dagmar auf,das wagst du mir zu bieten?"

Sein flackernder Blick glitt scheu an ihr vorbei. Er schwieg. Langsam, ohne noch ein einziges Wort hinzuzufügen, erhob sich die Baronin und itmttbte sich zur Tür.

Du willst «also diese einfache Höflichkeitspflicht nicht erfüllen?" tönte Beltlingeus Stimme zu ihr hin, heiser und brüchig vor Aufregung.

'Nein"! klang es hart zurück,denn das, was du für eine Höflichkeit gegen Me Gräfin hältst, ist eiste Beleidigung deiner Gattin."

Lächerliches Nusbiaufchen einer harmlosen Sache", murmelte Veltlingen zornig.Tsas ist also dein letztes Wort in dieser An- gelegneheit?"

Spähend glitt sein unsteter Blick zu ihr herüber. Ob sie nicht doch noch andern Sinnes wurde?

Dagmar hatte sich bei seiner unerwarteten Frage noch ein­mal zurück gewandt .Ihre Augen ruhten mit ernstem Vorwurf stuf seinem gelblichen, in nervöser Erregung zuckenden Antlitz.

Daß du mir das antun konntest", stand deutlich in ihrem stillen Gesicht. Ihm wlar ihr Schweigen unerträglich. Es reizte r ihn, grstde weil er den berechtigten Vorwurf daraus entnahm, f grenzenlos. - is

Du wirst 'also nicht au den Wagen kommen?"

Nein."

Ist düs dein letztes Wort?" schrie er sie plötzlich an, jeglicher Selbstbeherrschung bar.

Ist", antwortete Dstgniar fest.

Es lag eine grenzenlose Verachtung in dem einen Wort. Veltlingen empfand das auch nur zu gut, aber ehe er irgend etwas zu entgegenen vermochte, fiel die Tür hinter Dagmar ins Schloß.

Im ersten Augenblick trollte er ihr zornentbrannt nacheilen. Sie sollte mußte seinen Wünschen Nachkommen. Aber dann ließ er cs achselzuckend. Pah, mochte sie inunerhin ein Weilchen grollen. Aus die Dauer wiirde sie es nicht wagen!---

Sehr ungnädig nsthnr die Lindstrom seine Mitteilung von Tstgmars angeblich schlechten Befinde» entgegen; sie zweifelte' keinen Augenblick au dem absichtlichen Nichtkommen der Baronin.

Zornig kniff Fredine die vollen Lippen zusammen. Schänd­lich, büß ihr fd sein ersonnener Plan so mißglückte.

Steifbeinig war der Baron unterdessen zu ihr auf den Bock geklettert, .wobei sein wohlgefälliger Blick mit augenscheinlichem Behagen ihre zierliche Erscheinung streifte.

Weck saß der leichte Strohhut auf ihrem rotblonden Haar, dsts im Nacken zu einem festen Knoten gedreht war. Ihre kleinen, nervigen Hände, die so sicher die gelbe Leine hielten, steckten in langen Wildlederhandschuhen, die fast bis an den Ellenbogen des schlohweißen Leinenkleides reichten.

Immer noch die nämliche Zornesfalte auf der Stirn, sah Fredine den Baron an.

Fertig?"

Er nickte. Eilig ging es von dünnen.

Am 'Ende der Jägerallee bog Fredine in den Wald. Lautlos rollte der leichte Wjagen auf dein weichen Boden dahin. Die! Gräfin redete noch immer kein Wort. Verstohlen sah Veltlingen von Zeit zu Zeit nach ihr hin. Ihre Brust hob und senkte sich in immer schnelleren Atemzügen, während ihre funkelnden Augen starr auf die Pferde blickten, die unruhig die Köpfe hvchwarfen

und vergeblich mit den scharf gestützten Schwänzen' die zahl-, reichen Bremsen abzuwehren suchten.

Es Hag trotz des Spätnachmittags noch eine drückende Schwüle unter den Bäumen. Kein Luftzug, der dst durch die reglosen! Zweige gefahren wäre. Ein unheimliches, lastendes Schveigen, das weit entfernt war von dem tiefen, heiligen Waldfriedem der sonst unter den schattenden Bäumen weilt. Ein sonderbar« beklemmendes Gefühl bemächtigte sich immer mehr der beiden. Veltlingen brstch endlich diese unheimliche Stille.

Ich glaube, wir bekammen ein Gewitter."

Tjas glaube ich auch", stieß Fredine mit unverhohlenem Spott hervor. Ungeduldig riß sie die Pferde zusammen, die unruhig vorwärts drängten.Oder", ivfmtbte sie sich schroff mt ihren Begleiter,soll ich vielleicht das dankend einsbecken?" Se­kundenlang blitzten ihre Augen ihn zornig an. Veltlingen schwieg ratlos.

Zeit lassen," murmelte er endlich leise.

scheute plötzlich das Handpferd vor einem Baumstump,..

Sjatan, willst du wohl parrieren!" rief J-redine zornig, dem ohnehin aufgeregten Tier einen heftigen Schlag mit der Peitsche versetzend.

,/Vorsicht, Gräfin", stieß Veltlingen erschrocken hervor.Tie Pferde sind sehr empfindlich."

Ach was, empfindlich! Ich bin auch empfindlich, imb nicht gewohnt mir" ihre blitzenden Augen streiften sekundenlang sein erregtes Gesichtmir so etwas bieten zu lassen."

Mit ialler Kraft lehnte sie sich zurück, schonungslos die auf­geregten Tiere riegelnd, die dadurch nur noch unruhiger wurden und immer hastiger vorwärts drängten.

Ter Baron schwieg. Das empörte Fredine nur noch mehr.: Und jals das_ Handpferd abermals vor einem Baumstumpf scheute, schlug sie in sinuungsloser Heftigkeit auf die Tiere ein, (Fortsetzung folgt.)

Gießener StudertterrleSen im 17. und 18. Jahrhundert.

Von Tr. Adolf Langguth.

Das Lied von . deralten Burschenherrlichkeit", die langst verschwunden, hat jeder. einmal gehört, mitgesungen, vielleicht auch nntempfunden, ohne sich eine rechte Vorstellung von dem, was emst gewesen und nicht mehr ist, zu machen. Schon wer das heutige Maturitätsexamen als den Höhepunkt des Schul- marthriums anzusehen liebt, muß sich eine kleine Korrektur seiner Begriffe gefallen lassen. Das' Abiturium ist eine Erfindung unserer Zeit, d. h. oes 19 Jahrhunderts. Ob eine schöne und gute, darum wollen wir hier nicht rechten. Irrig aber wäre die Annahme, daß in derguten alten Zeit" sich jeder kurzerhand als Sttident hätte eiuschreiben lassen können. In Gießen ging z. B. der Aufnahme als akademischer Bürger nach dem Verlassen der Gymnasien in Darmstadt und Gießen, wenn der Mulus nicht gerade von Adel war und von den Privilegien des Standes Gebrauch machte, eine kurze Prüfung durch den Rektor eines Gymnasiums, den Rektor und den Dekan der Universität voraus/ und, dann erst wurde der junge Mann immatrikuliert. Na­türlich kostete das Geld, das nur im Falle besonderer Armut erlassen Nmrde. Leider existiert nirgends eine Angabe darüber, wie hoch wohl der Etat (Wechsel) eines Studiosen damaliger Zeit gewesen ist. Aus dem 15. Jahrhundert ist ans dem Rech-: uungsbericht eures M. Nikolaus Rode tio» Lindenfels, der als Informator des Stud. Peter Jung aus Frankfurt im Jahre 1451 nach Erfurt ging, zu ersehen, daß sämtliche Ausgaben von Ostern 1451 bis zum gleichen Termin 1452 inkl. Immatriku­lation und Kvllegiengeld 26 Gulden betrugen. Für das 17. und 18. Jahrhundert läßt sich aber aus dieser Angabe kein Schluß ziehen. Einen Hauptposten auf dem Budget bildete unzweifelhaft die Ausgabe für Getränke. Nicht bloß in der Studentenschaft, auch unter denPhilistern" !var das Zechen zu Hause, wie denn der Schwäbische Bund bereits 1492 Be­stimmungen gegen das Zutrinkcn traf. Unter den Humanisten vor allen erwachte die Freude an Wein, Weib und Gesang. In dieser Zeit dichtete Fischart sein:Der li.bse B hle. den ich Han", zechte der um Reuchliu versammelte Gelehrtenkreis oder die Genossen Mutians in Erfurt oder Gotha so gewaltig, daß sie am anderen Morgen die Kleider nicht unterscheiden konnten, präsidierte Eobanus Hessus einem Bierkönigreiche und trank alle unter den Tisch. Daß die Freude am geselligen Zusammensein in der leicht erregten Jugend bei Bier und Gesang zu Exzessen sührte, ist ohne weiteres verständlich. Moscherosch, der aller­dings auf die Studenten. schlecht zu sprechen ist, sagt zu seiner Beschreibung eines Kneipabends (mn 1640):Indessen ersah ich ein großes Zimmer, ein contubernium, Bierstube, Wein- schenke, H . . . Haus. In Wahrheit kann ich nicht eigentlich sagen, was es gewesen ist, denn alle diese Dinge sah ich drinnen. Die Vornehmsten saßen an einer Tafel und soffen einander zu, daß sie die Augen verkehrten als gestochene Kälber. Eines brachte dem anderen eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh. Der eine