Ausgabe 
7.1.1907
 
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Menschenleben, die Lügen.

Roman von H. Ehrhardt, Versasserin vonMittellose Mädchen".

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Hier ist Ruhe, Mutter, Frieden!" sagte er, tief aus­atmend.

Sie küßte ihn auf die Stirn, die leuchtend weiß gegen die Manöverfarbe seines Antlitzes abstach und sie strich dann leicht mit den kühlen Fingern über die Stelle oberhalb seiner Augenbrauen.

Was sind das für Falten, Junge?" fragte sie zwischen Scherz und Ernst,die hattest du vor fünf Tagen noch nicht. Und Frieden hast du auch," sie wollte sagennoch nie", besann sich aber und fuhr fort:schon lange nicht bei Mir gesucht."

Seine Antwort blieb aus. Er hatte den Mantel auf einen Stuhl geworfen, den Säbel abgeschnallt, nun trug er sich einen Stuhl an die Seite der Mutter, so, daß er zu ihr aufsehen mußte.

Ihre Blicke kreuzten sich. In dem ernsten Frauenantlitz unter dem. schneeweißen Haar erwachte eine bange Sorge.

Was ist dir, Walter? Ist dir ein Unglück begegnet?" fragte sie erschreckt.

Nein, Mutter, das gerade nicht. Und doch", er faßte nach ihrer Hand,eigentlich lohnt es sich gar nicht ich meine, so tragisch zu beginnen ich batte schon damals Unrecht, dich mit dieser Sache erst aufzuregcn aber ich hab's nun einmal getan und da gehört das heutige dazu. Hanna hat sich verlobt."

Er hatte es möglichst ruhig sagen wollen, aber gerade deshalb klang seine Bewegung hindurch.

Die alte Frau drückte in stummer Teilnahme des Sohnes Rechte, aber es war doch ein erleichtertes Aufatmen, das ihre Brust hob.

Wer ist denn der glückliche Bräutigam?" fragte sie interessiert, seine Erregung absichtlich übersehend.

Walter nahm als Antwort das gelbliche Blatt aus seiner Uniform und reichte es der Mutter hin. Die Greisin setzte bedächtig ihre Brille auf und las die Worte der Anzeige halblaut vor sich hin.

Dann flog ein Ausdruck des Staunens über ihr schmales Gesicht.

Oskar Gerhardt?" sie schien in ihrer Erinnerung zu suchen,i|t das nicht der arme, reiche Junge, der keine Heimat und keine Eltern hatte und der so rührend dankbar zu sein pflegte für die geringste Freundlichkeit, die er bei uns genoß?"

Ja, er ist's. Er kann Hanna mehr bieten als ich armer Schlucker".

Die alte Frau zuckte zusammen.

Walter!"

Er hörte die Mahnung in ihrer Stimme.

Verzeih' mir, Mutter!" sagte er beschämt,ich 6in in schlechter Stimmung, wirf mich hinaus!"

Sie sah ihm jetzt mit liebevoller Teilnahme ins Gesicht.

Wie könnte ich dich wohl hinaus weisen, wenn ich sehe, wie bedrückt du bist, wie nötig du es hast, dich aus- zusprechcn."

Sic zögerte.

Du hast sie nicht vergessen, Walter?" setzte sie leise hinzu, fragend.

Er bedeckte die Augen mit der Hand.

Nein!" sprach er langsam,heut weiß ich, daß ich es nie gekonnt. Ich habe mich selbst belogen, das ganze Jahr hindurch, ich habe gemeint, alles überwunden jii haben, aber cs ist nicht wahr. Es steht einem Manne vielleicht schlecht an, sentimental zu sein und an einer Liebe zu hängen, die nur eine Manöverliebe war und eine solche hätte bleiben müssen, wie tausende ihrer Art, die mit dem letzten Biwak­feuer zugleich erlöschen."

Er atmete auf und fuhr dann, immer erregter werdend, fort:Kann ich denn dafür, daß es bei mir tiefer saß, daß ich nicht so schnell darüber hinweg kam? Gott, Blutter, wenn ich so daran dachte, welches Glück mir winkte im Besitz dieses Mädchens, rasen hätte ich können und blind und toll wär ich über alle Hindernisse hinweg gestürmt, hätte ich die Gewißheit gehabt, daß sie mich wieder liebt. Aber ihrer Unbefangenheit gegenüber, da hatte ich nicht den Mut, ihren Kinderfrieden zu stören".

Und es war gut so!"

Die Greisin richtete sich im Lehnstuhl auf, einen ernsten Ausdruck um den gütigen Mund,

Walter, Walter!" mahnte sie eindringlich,ich kenne dich nicht wieder. Du, der sonst so besonnene Mensch, der du in treuer Pflichterfüllung stets die größte Befriedigung gefunden hast, der du dich scheinbar vernünftig gefunden hattest in das Unabänderliche. Hast du denn nie daran ge­dacht, daß eine Ehe mit jenem Mädchen dir leicht auch hätte eine schwere Enttäuschung bereiten können? Was hattest du für eine Gewähr für dein Glück? Was hast du von ihr gewußt? Nicht viel mehr als den Namen. Was hat dich an sie gefesselt? Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit. Letztere kann anerzogen fein, ist noch.lange kein Beweis für einen lauteren, gediegenen Charakter, den du bei deiner künftigen Frau verlangst".

Der junge Offizier hatte sich erhoben und war an das andere Fenster getreten. Er ffnnb. dort, ohne sich zu rühren.