Ausgabe 
6.9.1907
 
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Tas Wichtigste in dieser langatmigen Erklärung ist für uns jedenfalls die Tatsache, daß das Zeughaus damals als Theaterstätte diente.

Die nächste große Ankündigung lautete folgendermaßen: Sonntag abend den Ilten Julii wird aufgesührt:

D e r W a l d bei) Her m a n n sta d t, oder die Räuberin Siebenbürgen.

Großes romantisches Schauspiel in vier Aufzügen, von Johanna von Weissenthurm?)

Richt gewohnt, durch markschreyerische Künste meinen Verehrten Freunden die getroffene Wahl der Vorstellungen anzupreisen, habe ich nur die Ehre zu bemerken, daß der vielen linkosten wegen dieses Stück nicht wiederholt werden wird.

Die neue Einrichtung in Betreff der Stühle im Schau­spiel h a u s e, hat wie ich mit Bedauern erfahren habe zu mehreren Mißverständnissen Veranlassung gegeben. Ich erkläre demnach: daß es nie meine Absicht war, diesen ober jenen respect. Individuen einen Platz anzuweisen, indem ich das wie sich von selbst versteht der Will führ eines jeden überlasse, sich den zu wählen, sondern nur, der Unannehmlichkeit überhoben zu seyn wünschte, alte ausgelehnte morsche Stühle, wenn sie zerbrochen werden, für neue bezahlen zu müssen, wie es bisher einigermaßen der Fall war, uns den Unterschleif zu vermeiden, den viele Leute als vorgebliche Domeftiguen mit Stühlentrieben, durch ihr Dableibcn den Platz beschränkten und meine Einnahmen schmälerten.

Giesen den 28 Juni 1810. Dr. Rittler,

Schauspiel-Director.

Bald darauf machte HerrRittler d. j. Schauspieler, wohnhaft im Gasthaus zum Ritter einem respect. Publicum bekannt, daß er ... . bereyt sei, Unterricht sowohl in Bley- Feder als auch PinselZeichnungen zu geben."

Was die Riitler'srhe Truppe bot, das waren meist Stücke von Kotzebue, deren es fünf verschiedene an den ersten Theater­abenden gab. Zum 19. August aber wurdeMaria Stuart" angekündigt unter der Hinzufügung, daßder vielen Unkosten wegen diese Vorstellung nicht wiederholt werden" könne. Arn 3. September gab esZum Besten des Schauspielers Carl Krull"Hamlet" mit folgender besonderen Empfehlung:

Wenn mein rastloses Streben, mich zur Zufriedenheit aller verehrten Gönner und Theaterfreunde würdig zu machen, nicht ganz ohne Eriolg blieb, so darf ich wohl die Bitte wagen, mir heute durch recht zahlreichen Besuch einen Beweis Ihres Wohlwollens zu geben. Dankbar werde ich stets in piinktlicher Erfüllung meiner Pflichten mich dieser Ehre würdig zu machen suchen.

Carl Krull, Regisseur der hiesigen Bühne.

Am 9. X. wurde zum Vortheil des Schauspielers I. A. Ströbel aufgeführt:Tas Räuschgen. Ein Lustspiel in 4 Akten von C. F. Bretzner", ein Stückchen, das noch heute zuweilen von Dilettanten-Theatern zur Aufführung ge­bracht wird.

Herr Dr. Rittler", so heißt es in der Ankündigung,überläßt Unterzeichnetem diese Einnahme zum Theil seiner geringen Ver­dienste wegen, mehr aber noch seiner seit langer Zeit anhaltenden äusserst mißlichen und traurigen Lage. Unterzeichneter macht daher pflichtschuldigst zu der angezeigten Vorstellung an einen hohen Adel und sämmtliche Hohe Gnädige und Verehrungswürdige, die ge­ziemende Einladung: bittend ihn zahlreich zu besuchen. Unter» thänigster I. A. Ströbel, Schauspieler."

Bald daraus machte der Schauspieler W. Melchior offenkundig bekannt, daß er sein hiesiges Engagement ver­läßt und den 15. von hier abgeht, damit alle die, welche etwa, ohne sein Wissen, noch etwas an ihn zu fordern haben sollten, ihr Guthaben noch bei ihm abholen können. Er sagt zugleich allen seinen Gönnern und Freunden Lebewohl."

Am 1. November las man folgende Anzeige:

Künftig werden nur drey Vorstellungen wöchentlich gegeben. Der erste Platz ist auf 36 tr., der zweyte auf 18 tr. heruntergesetzt, her dritte mutzte wegen der neuen Einrichtung des Theaters auf­gehoben werden. Sonntags wird allemal mit dem Schlag ö Uhr tmgefanqeit, an Wochentagen aber um 6 Uhr, wo man sich be­mühen wird, die Vorstellung bis 8 Uhr zu enden. Allen denjenigen Freunden und Gönnern, welche mich durch Nachsicht und Güte in Betreff meiner an Sie zu leistenden Zahlungen so großmüthig be- handelten, sage ich hiermit öffentlich den wärmsten Dank, nut der Versicherung, daß ich derselben stets mit inniger Rührung eingedenk seyn, und nie aushören werde, mich als rechtschaffener ehrliebender Mann zu zeigen. Dr. Rittler, Schauspiel-Direktor.

*) So liest man. Die Dame hieß indes Weisenthurn und war als Bühnenschriftstellerin nahezu so fruchtbar wie die brave Char­lotte Birch-Pfeiffer.

Für den 2. Dezember wurde angekündigt:

Der Graf v. Burgund, romantisches Gemälde der Vorzeit m 4 Akten von Kotzebue. Der Graf von Burgund wird in dieser Vorstellung von der Jugend der Stadt Ärkes mit einem ge­schmückten L a m m beschenkt, auf welches jeder das Theater be­suchende Zuschauer ein Loos au der Lasse gratis erhält. Die am Ende zuerst gezogene Nummer, erhalt das Lamm.

Am 8. Januar 1811 gab es:

Zum Besten der Emilie Matthias:

Der Zauberstein oder

Die Verschwörung im Walde.

Ein Lustspiel in einem Akt, von Koller.

Hierauf folgt: Der Spuck, oder - Alles zum Teufel.

Ein Lustspiel in einem Akt, von Koller.

Nach Endigung dieser beiden Lustspiele wird Madame Gutt- mann eine grose Arie aus der Zauberflöte fingen. Es wird der illuminirte Tempel der Nacht aiis der Zauberflöte aufgestellt, und Madame Guttmann in dem Costume als Königin der Nacht er­scheinen.

Den Beschlus macht:

Der Tempel Thaliens, worin ein Chor abgesungen wird. Alsdann wird von Emilie Matthias ein Epilog gehalten, das von Herrn Dr. Algeier ver­fertigt worben, und an der Caste zu haben ist.

Und nun nahte sich, nach mehr denn halbjährigem Auf­enthalte in Gießen, für Dr. Rittler und seine getreue Künstler- schar das Ende mit Schrecken. In der Nummer vom 12. Januar 1811 las man:

Theater-Anzeige.

Da die seit einiger Zeit sich ereigneten für uns höchst traurigen Zufälle, wovon ein Hohes, Gnädiges Publikum sattsam unterrichtet ist, uns das Unvermögen auferlegen, unsere Gläubiger zu be­friedigen, so hat Hr. Tr. Stitler, um dieses Unvermögen zu heben, sämtlichen Mitgliedern 6 Einnahmen zugesichert, damit wir in den Stand gesetzt werden, Giesen als ehrliche Männer zu verlassen. Die meisten hiesigen Honoratioren haben bereits die hohe Gnade für uns gehabt, sich auf diese 6. Vorstellungen zu abonuiren; allein da unsere Schuldenmasse zu gros ist, so sehen wir uns genöthigt, das hiesige Erosherzogl. Militair, die Herren Akademiker, und die anerkannten biedern Bürger Giesens, dazu anzuflehen. Ter Abonnements-Preis ist 3 Gulden auf den ersten und 1 fL 30 fr. aus den zweiten Platz, für die 6 Vorstellungen, wozu die Billets zu jeder Strmde, bis zum nächsten Sonntag Nachmittag um 3 Uhr, bei dem Regisseur Krull zu haben sind.

Die Quälgeister, ein ganz neues Lustspiel in 5 Akten, von Beck, Verfasser der Schachmajchine, wird Sonntag den Sten Januar das Abonnement er einen, und die 5 folgenden dessen Werth noch übertreffen, damit unsere Hohe, Gnädige und Ver- ehrungswürbige Gönner jedesmal das Schauspielhaus mit Ver­gnügen verlassen. Fest überzeugt, keine Fehlbitte gethan zu haben, sehen ihrer Wünsche Erfüllung mit gerührten Dankgefühlen ent- $e$elt Sämtliche Mitglieder der Dr.

Rittlerschen Gesellschaft.

Es ist sehr schade, daß man nichts Näheres zu ermitteln vermag über die Art dersich ereigneten traurigen Zufälle". Vielleicht ist der Direktor Dr. Rittler mitsamt der Kaffe durch­gebrannt und hat die bedauernswerten Mimen rat- und hülflos in Stich gelassen. Jedenfalls war es eine, vielleicht unbewußte, Selbstironie, daß just in diesem Moment die wackeren Kräfte Rittlers alsQuälgeister" vor das Gießener Publikum traten, die sie wohl int vollsten Sinne des Wortes hier für viele Geschäftsleute gewesen sein mögen, trotz der großspurigen ersten Ankündigung ihres Direktors.

(Fortsetzung folgt.)

* Alleinstehende Damen, die allein öffentliche Kon­zerte, Gartenlokale, Erholmtgsorte ustv- besuchen, erregen mancher­orts im lieben Deutschland noch Anstoß- Eine Mitarbeiterin vonFürs Haus" beklagt in diesem Hausfrauenblatt, daß durch ein solches Vorurteil und seine gesellschaftlichen Folgen viele alleinstehende Damen, besonders in kleinen und Mittelstädten, gedrungen würden, sich von jeder Zerstreuung und Erholung fernzuhalten- Tie böse Welt sage in diesem Falle:Warum geht sie denn allein? Tas schickt sich nicht- Sie könnte sich doch eine Freundin suchen-" Man bedenke aber nicht, daß es ein seltener Glücrsfall sei, eine wirkliche Freundin zu finden- Tie Verfasserin vertritt die Ansicht, daß eine derartige beschränkende Gesellschaststegel im Lande der Denker nicht mehr aufrecht er­halten werden sollte, nachdem inan im jungen Amerika längst damit aufgeräumt habe.

Redakt'on: P. Wi.ttto..-- RotationsdrnLmnd.-Ber!ag^devMvüch'l?schen ,UniversttätZ.-Buch-- nnd.Stcindruckerei, R. Lange, Gr'etzem-