trägt das nicht." Und mit diesem Gedanken kam ihm gleichzeitig die Furcht, sie ganz zu verlieren. Eine unerträgliche Idee! Und doch war die Eifersucht stärker, die ihm zuraunte, dann verschaffe dir wenigstens Gewißheit über ihre Gefühle. Ja, das wollte er! Aber die Angst vor einer unliebsamen Entdeckung lag ihm bleischwer in den Gliedern.
War es diese Angst, die ihn veranlaßte, den neuen Schlitten für die heutige Fahrt zu -befehlen? Franz, der genau wußte, daß der eine Ueberraschung für die Frau Baronin sein sollte, wenn die Herrschaften von der Hochzeitsreise kamen, sah seinen Herrn erstaunt an.
„Ja, den neuen, blauen Schlitten und die neue Pelzdecke," wiederholte der Kammerherr noch einnial und dabei sah er ungeduldig nach der Uhr. Me langsam der Zeiger vorrückte! Tie Zeit verging auch während des Frühstücks nicht schneller, wie oft Veltlingen auch seinen Chronometer zu Rat zog.
Endlich meldete Franz, daß der Kutscher vorgefahren sei.
Erleichtert sprang Veltlingen auf, hastig in den bereit gehaltenen Pelz schlüpfend. Vorsichtig nahm er den Veilchenstrauß, welchen er Tagmiar zum Anstecken mitbringen wollte. Und während er ihn zum Schutz gegen die strenge Kälte wieder in das Seidenpapier wickelte, fuhr es ihm durch den Sinn, „ein Veilchenstrauß und ein Schlitten, darin liegt doch schon die Verzeihung. Und doch willst du noch Gewißheit haben? Wenn sie dir nun so wird wie du gar nicht ausdenken magst? Wenn Dagmar den andere,: wirklich liebt, was dann?"
„Zufahren!"
Viel zu langsam für seine jagenden Gedanken glitt das schöne Gefährt durch die stillen, verschneiten Straßen. Endlich! Ungeduldig folgte er dem anmeldenden Diener auf dem Fuß. Jetzt —
Tvgmar stand vor ihrem Schreibtisch. Die Bisitenkarterr- tasche und ihre Handschuhe lagen achtlos auf einen: Stuhl. Sie war offenbar im Begriff eilig einen Gegenstand einzupacken. Ein wenig verwundert blickte sie auf, als Veltlingen so rasch hereiw- trat. Doch kaum gewahrte sie sein bleiches, erregtes Aussehen, als sw das Paket hinlegend, ängstlich auf ihn zutrat. Knisternd öffnete sich das Pftpier. Sie achtete nicht darauf. Besorgt sah sie Veltlingen an.
„Um des Dimmelswillen, Magnus, was ist dir? Tu siehst so entsetzlich elend und blaß aus. Bist du krank?"
Dagmar ahnte offenbar gar nicht, wie lieblich sie in diesem Augenblick aussah, mit dein leisen Zug von Sorge, der ihren: sonst so herben Gesicht einen eigentümlichen, fast frauenhaften Reiz verlieh.
Unwillkürlich biß Veltlingen die Zähne zusammen. Nur nicht weich werden gegen so viel Schönheit und Anmut! Schweigend reichte er ihr den Strauß, welchen sie mit sichtlicher Freude entgegennahm, führte er gemessen ihre Hand an seine Lippen, ehe er Mit seltsamer Betonung erwiderte:
„Krank an Körper -bin ich nicht."
Tie Baroneß atmete wie erlöst auf.
, „Ich habe nur sehr schlecht geschlafen," fuhr er ernst fort, allerlei Gedanken ließen mich nicht zur Ruhe kommen.
E, ich nur namlrch dein Schlittschuhlaufen mit Uchdorf reckst überlebe, er sah sre durchdringend an, und Dagmar fühlte zu ihrer Pern, daß sie tief errötete, „kam ich immer mehr zu der! Ueberzeugung, daß da nicht alles so war, Ivie es sein sollte!"
Unwillkürlich war Tlagmar bei diesen Worten zurückgewichen. Langsam trat sie an den Schreibtisch und während ihre Linke Mechanisch nut der Piapierhüll-e spielte, stützte ihre Rechte sich schwer auf die Schreibtischplatte. Es wogte und wallte alles vor ihren Blicken. Brausend schoß ihr das Blut zum Herzen und wahrend sw mtt einem erstickeichen Angstgefühl kämpfte, tönte es nnablassig, ww Glockenklang vor ihrem geistigen Ohr: „Er rraut d:r Nicht. Er traut dir nicht mehr!"
Sie kam sich plötzlich unsagbar erniedrigt vor. Da schlug hon neuem Beltlingens Sttmme stn ihr Ohr. Dliesesmal klang ein Ton lecher Besorgnis, er könne zu weit gegangen sein, mit hindurch, als er ba t:
„Tagm-ar, es bedarf selbstverständlich nur! eines einzigen Wortes! von dir, um meine qualvolle Sorge, meine bittere Eifersucht zu Zerstreuen. Kannst du mir das eine Wort nicht sagen?"
Tagner schwieg. Kein Laut kam von ihren blutlosen Lippen. K^ue bittere Falte um den kleinen Mund, so stand sie da. Schweb K®,,fte aus dem Fenster, gerade hinein in den köstlichen,
Winterhimmel. Ohne eigentlich zu sehen, still und M:s, säst bewegungslos stand sie da, nur das heftige Heben und AsEu chres Busens verriet den Sturm, der in ihr tobte. Ihre Lippen blreben stumm.
Und wiederum erM Veltlingen seine Stimme:
>,Wia.rum, Dchgmar, warum willst du mir die Versicherung
sucht geben, die, darauf darfst du dich verlassen, mit einem Schlage jall meiner Sorge, meiner Pein ein Ende machen würde? Ich -will ja weiter nichts hören, als das eine, daß du weder früher noch jetzt etwas für ihn empfandest, was mehr war als gleichgültige Höflichkeit. Warum willst du das einfache „nein" nicht darauf sagen?"
Eine bange, schwere Pause folgte seinen Worten.
Leise tickte die Uhr auf dem Kjamin, sonst war nichts zu hören in diesem lastenden Schweigen, als ab und an das hastige laute Atemholen Beltlingens. Tie Stille vor dem Sturm. Das fühlten die beiden Menschen, die sich da gegenüberstanden, auch nur zu deutlich.
In wenigen Tagen hatten sie den Bund fürs Leben schließen! wollen. Ter Termin schien ihnen beiden plötzlich in schemenhafte Ferne gerückt zu sein, denn jetzt beherrschte sie nur eins — die Gegenwart. . .
„Warum willst du mir denn nicht antworten, Dagmar?" brach Veltlingen endlich diese lähmende Stille.
Da richtete sich die Angeredete mit festem Ruck empor. Geister- bleich war ihr Antlitz, aus dem ihm ihre zornsprühenden Augen unnatürlich groß und dunkel entgegenleuchteten. Hart und kalt klang ihre Stimme, als sie mit eisiger Ruhe und Entschlossenheit in seltsam gedämpftem Ton zu sprechen anhub:
„Ich will und werde dir nicht darauf antworten, Magnus. Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte, sondern weil ich mich nie und nimmer so erniedrigen werde, mich von solchem Verdacht auch nur mit einer einzigen Silbe zu reinigen. Ich habe freilich in schweigender Achtung vor dir, dem ich mein Leben zu eigen geben wollte, nie gewagt, auch nur mit einem Blick m: deiner Vergangenheit ziu rühren. Tu wirst dich wohl erinnern^ wie gut sich mir dazu die Gelegenheit bot. Aber ebenso sicher wie ich annahm, daß ich jetzt und für alle Zeit meine Hand unbesorgt in die deine legen köicnte, in dem Gefühl der Sicherheit, das deine Hochachtung mir zu bieten schien, ebenso fest glaubte und hoffte ich, würdest du mir auch vertrauen. Das gestehe ich dir offen ein, ich hatte meine Gründe, weshalb ich nicht mit Uchdorf Schlittschuh laufen wollte. Warum? Das gehört nicht hierher. Mein Herz war frei, als ich mich dir zu eigen gab. Du hättest mich soweit kennen müssen, nm zu wissen, daß ich niemals ein gegebenes Wort brechen könnte. Daß du mir nicht soweit vertrautest, daß du sogar denken konntest, ich hätte dich in irgend einer Weise bettogen —. " Veltlingen machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand — „ja, betrogen," wiederholte Dagmar nachdrücklich, „das verletzt mich mehr als ich dir sagen kann. Wofür," fuhr sie plötzlich mit fliegendem Atem fort, die jähe Röte der Scham! iouf den Wangen, „wofür hast du denn eigentlich gesteri: auf der Spazierfahrt meine Liebfosungen gea halten? Etwa für Judasküsse?"
Cs lag eine solche schneidende Bitterkeit, eine so tiefe Seelen-! Pein in den letzten Worten, daß Veltlingen unwillkürlich einen Schritt vortretend, Miene machte, Dagmar wie schützend in seins Arme zu nehmen. Mit sprühenden Blicken sah sie ihn au.
(Fortsetzung folgt.)
WÄßlSachial, Kascnöachtal und Jammertal.
Eingeklemmt zwischen zwei verkehrsreichen Tälern, dem des Rheins und dem der Lahn, liegen drei Tälchen, die von der Flut des Lebens kaum berührt sich ihre Eigenheiten noch völlig bewahrt haben. Ich meine das Mühlbachtal, das Hasenbachtal und das Jammertal. Touristen verlaufen sich hin und wieder in eines von ihnen und ein jeder wird lange an diese Wanderung zurück-^ denken. Ein Völkchen wohnt dort, angesiedelt wie vormals die alten Germanen, einsam auf Mühlen und kleinen Gehöften. -Selten sehen die Leute einen Fremden und den wenigen, denen sie be- Kn, kommen sie freundlich und traulich entgegen. Tie Laud- , in der sie wohnen, ist so herrlich, daß ich verzweifeln möchte, sie zu schildern.
Im Frühling bin ich ein paar Tage in diesen Tälern umhev- gewandert und will euch nun, verehrte Leser, sagen, wie ihr es anfaNgen müßt, wenn ihr auch eine Wanderung dorthin unternehmen wollt.
Vom burggekrönten Nassau aus geht der Weg über Berg- nassau unmittelbar in das Mühlbachtal. Das Tal ist vorerst noch brett, grüne, saftige Wiesen füllen den Raum zwischen den Berg- hangen aus. In den Mesen läuft der Mühlbach. Wer immer enger wrrd's, die Hänge Aller, felsiger, nur niedriges Gestrüpp wachst an ihnen. Schon sind wir an einigen Mühlei: vorbei- gekommen. De« Himmel ist 'rings begrenzt von Höhen, nirgends rst em Ausgang aus dem Kessel, den der Bach, durchkost, zu nnden. Aber immer wieder schlingt sich der Bach hindurch und der Weg mit ihm. Nach drei Stunden ist die Schulmühle erreicht. Hier kommen Sonntags die Bewohner des Tals zusammen zu Tanz und Gesangs Auf der Schulmühle Bin ich damals im Frühling einige Stunden im Freien gesessen und Me in dem herrlichen


