Samstag den 6- Juli
1907
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Jun Ken unter der Asche,
Roman von M. P r o 8 n i tz (M. Nörenberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
(Fortsetzung.)
6. Kapitel.
Ter Kamnrerl/crr hatte schlecht geschlafen. Böse Träume hatten ihia fast die ganze Nacht gequält, und als er endlich gegen Morgen aufwachte, war es ihm unmöglich, wieder ernzu- schlafen. Stundenlang hatte er sich ruhelos in dem weichen, bequemen Bett umhergeworfen — der erfehnte Schlaf wollte nacht kommen. Statt seiner kamen die Gedanken, die ihlN noch einmal Bild für Bild des gestrigen Tages vor die Seele zauberten.
Wohlgefällig vergegenwärtigte sich Veltlingen dae Huld, welche der Herzog Tagmar bewiesen hatte. Wie sich' die Lindström darüber geärgert haben mochte! Er dehnte sich behaglich unter seiner seidenen Steppdecke. Es tvar ihin alleinal ein Hanptvergniigen, grade deren neidisches Gesicht zu beobachten, tvenn der Herzog sich Dagmar so eingehend widmete. ■ . „
Veltlingen lachte zufrieden vor sich hin. Aber mit einmal wurde er ganz erlist, denn wie der Blitz tauchte das spöttische Gesicht der Gräfin vor ihm auf, als sie sich so eingehend nach dem Datum von Dagmars und Uchdorfs Bekanntschaft erkundigte. Da waren die nagenden Zweifel doch wieder da
Was half es, daß die Vernunft seiner Eifersucht die Zärtlichkeit entgegenhielt, welche Dagmar ihm sonst nie in dein Maß geboten hatte? Seine selbstquälerischen Gedanken hatten auch dafür eine Ausrede. Just diese Küsse schienen ihm jetzt ein Beweis für die Richtigkeit des Verdachtes! zu sein, daß zwischen Uchdorf und Dagmar ein geheimes Einverständnis bestand, von Welchem er nichts wissen sollte durfte.
Hätte die Gräfin Lindstrom sehen könneii, ivie herrlich die Eifersucht tvnchs, die sie so geschickt in Veltlingens Herz zu säen wußte, sie würde ihre helle. Freude daran gehabt haben. Anders erging es natürlich dem Mmmerherrn, dessen Anf- regiing sich allmählich bis zur Unerträglichkeit steigerte. Malte ihm doch seine überreizte Phantasie derartige Bilder, daß er Midlich beschloß, Tag-War gradeheraus zu fragen. Den Acut der Wahrheit würde sie ja hoffentlich noch besitzen.
Nach diesem Entschluß wurde er ein wenig' ruhiger, obgleich feine Laune noch immer eine sehr schlechte war. Aergerlich klingelte er Franz. ' 1 .<
„Ich will aufstehen." ..... ,
„Sehr wohl, Herr Baton." ’ '
Eilig und geschickt richtete der das laue Bad her. Nä, gut bei Mütze schien der Herr heute nicht zu sein! Aber als er dann ton das Bett trat, um ihn vorher zu massieren, erschrak der Mann doch über dessen Ausseheil. Eigentümlich gelb war das Gesicht, das unter den Augen große dunkle Ringe zeigte.
Schweigend ließ Veltlingen sich massieren., Franz hatte schon mehrmals verstohlen nach der Uhr gesehen, die über dem großen Ankleidespiegel hing, hatte der Herr denn noch immer Nicht genug? Ihm tvar dies Kneten und Streichen längst über, denn es war
eine ziemlich anstrengende Sache. Neugierig sann er hin und her, was wohl die Ursache dieses schlechten Aussehens sein mochte. Oh, er würde das schon noch ausspintisieren! Denn das! tvar doch einfach die Pflicht eines guten Dieners, über, alles, tvas fentert Herrn anging, genau Bescheid zu' wissen. Obenein gab das auch für gelegentliche gar zu große Grobheiten eine leidliche schutzwehr ab.
Aber als dann das Anziehen losging, packte den, heute besonders hart Geplagten eine stille Wut. Tas war ja einsach nicht zum Aushalten! Nichts, aber auch rein gar nichts konnte! dem Kammerherrn recht gemacht werdeii, und das Rasieren und Frisieren dauerte diesmal doppelt solange wie sonst. Und dann mußte Franz noch seine ganze Kunstfertigkeit aufbieten, um ine Gesich.tszüge einigermaßen in die alte Form, die übliche Farbe
zu bringen. „ , ,. _
Mit einer gewissen Schadenfreude sah der Bursche, daß trotz aller angewandten Mittelchen die dunklen Ringe unter den Augen, eine eigentümliche Schlaffheit der Haut doch noch zu sehen war. Aergerlich machte Veltlingen die gleiche Entdeckung.
„Geht das nicht weg?" ,
„Nein, {Herr Baron," war die unterwürfige Anttvort. „Tann wurde man ivohl zu sehr die — Künst bemerken."
„Dann lass' es so." ! „ o
Mit heimlichem Lachen wandte Franz stch {ort, um dte Lackstiefel zu holen. Das war recht, tvenn er sich ordentlich ärgerte! Tas gönnte er ihm heute gründlich.
@r war so sehr in diese Gedanken vertieft, daß er gar Nicht merkte, tvie er dem Baron auf den rechten Fuß einen ausgei- schnittenen Lackschuh schob, während er ihm links einen Lackstiefel zugeknöpft hatte. .
Eine derartige Nachlässigkeit ging dem jähzornigen Kamiiler herrii denn doch über den Spaß. Mit einem empörten. „Tn Esel! Paß gefälligst auf, was du da machst!" schleuderte er den Schuh wütend vom Fuß, der flog in hohem Bogen mittetl ut den Kristallspiegel. Klirrend zersplitterte das schöne Glas.
Fönnlich erleichtert durch diesen Zornesausbruch lehiite Velt- lingeii sich in den Sessel zurück imd streckte, als sei nichts vorgefallen, dem Diener wieder den Fuß hin. Franz tat sehr erschrocken. „ . ,
„Oh wch, Herr Baron, wenn einem Bräutigam der Spieget springt..." Er hielt ängstlich inne. c
Ter Kammerherr, welcher infolge allerhand Spiikgeichicknen, die auf Schloß Veltlingen passiert sein sollten, mehr zum Aberglauben neigte als andere Leute, fühlte em leises Gruseln über feinen Rücken rinnen. Dennoch fragte er mit scheinbarer Ruhe.
„Nun, was ist denn los?"
Doch Franz durchschaute seinen Herrn viel zu gilt, um nicht zn merken, daß er innerlich beunruhigt war.
Wenn einem Bräutigam der Spiegel zerbricht, so soll das Aerg'er und große Unannehmlichkeit mit der Braut geben!" ant- wartete er zögernd. ,
Der Baron zuckte sichtlich zusammen. Das waren ia reizende Aussichten für die beabsichtigte Unterredung mit Dagmar. Zum erstenmal stieg der warnende Gedanke in ihm auf: „Ziehe den Bogen nicht zn straff. Eine so stolze Natur tvie die ihre vevi


