Ausgabe 
6.5.1907
 
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Anregungen zum Künstlerschaffen gefunden. Weshalb sollte eS allein der Bühne versagt fein? Wird diese doch durch ein solches Verbot gezwungen, aus trüben Quellen zu schöpfen!

Schon im Mittelalter schuf sich das Volk seine Mysterien-' spiele. Aber nur in Oberammergau hat sich der schöne Brauch der schauspielerischen Darstellung des Heiligsten und Ehrwürdigsten bis in die Gegenwart erhalten als ein uraltes Dankgelöbnis der Bauern an Gott für die Befreiung von schwerer Pest.

Selbst im freien Amerika wagte man lange nicht, Christus auf die Bühne zu bringen. Als Wallace aus seinem zur Zeit Christi spielenden RomanBen Hur" ein Drama machte, in dem sich die Heilung der aussätzigen Heldin durch den Herrn vor den Augen des Theaterpublikums abspielen sollte, da geriet, um alle ihm angedrohten Konflikte mit Behörden und Publikum zu vermeiden, ein findiger Theater­direktor auf den allein zum Erfolge führenden Ausweg, das inbrünstig um Heilung flehende Mädchen in strahlenden Glanz zu hüllen, um so das Erscheinen des Heilandes anzu­deuten. Der Erfolg dieses Belenchtungseffektes war außer ordentlich.

Vor einigen Jahren gelangte im Garrick-Theater zu Nemyork vor geladenem Publikum einNazareth, die Geschichte des Glaubens" betiteltes Werk zur Aufführung, in dem ebenfalls Christus erscheinen sollte. Aber die Regie richtete es so ein, daß allein aus den Gesten und Reden der auf der Bühne dicht gedrängten wilden Masse das Bild des schweigenden Dulders nur vor der Phantasie der Zuschauer erschien.

Im Frühsommer des Jahres 1895 vollzog sich dagegen im Stadttheater zu Bremen das bis dahin einzig in der Theatergeschichte dastehende Ereignis. Die Aufführungen der Rubinstein'schen Christus-Oper brachten das leibhaftige Auf­treten Christi in der würdigen Darstellung des Sängers Rai­mund v. zur Mühlen. Von Widerspruch oder gar Empörung machte sich damals in Bremen keine Spur bemerkbar und niemand hatte, soweit mir bekannt geworden ist (ich habe einer jener Aufführungen beigewohnt), auch nur im geringsten den Eindruck der Entweihung der Person des Heilandes.

Vor Jahresfrist, Ende April 1906, machte das Bremer Stadttheater zum zweiten Male den Versuch, die Christus- gestalt für die Bühne zu erobern. Wenn er mißlang, dann lag das weniger an der Kühnheit der Bremer, als an der Unzulänglichkeit des von dem Bremer Pastor BaarS geschaffenen Jesus-Dramas.

Des Niederländers Verhnlst DramaJesus der Naza­rener" gelangte 1904 in Antwerpen mit vollem Erfolg zur Aufführung und damit trat wohl zum dritten Male ein Christusdarsteller auf die Bühne.

Die Uraufführung der TragödieJesus", Text von Pastor Brakebusch in Braunschweig, Musik von Kapellmeister Erlcr, deren Aufführung bisher überall verboten worden war, hatte im Stadttheater in Plauen vor wenigen Tagen unbestrittenen starken Erfolg.

Karl Weisers, des Weimarer Hostheaterregisseurs, groß gedachte und auch groß angelegte, bühnentechnisch zweifellos höchst wirksame dramatische Jesus-Tetralogie (Verlag von Reclam) ist vom Verfasser selber nicht für das gewöhnliche Theater, sondern für ein noch zu begründendes Bayreuth des Schauspiels bestimmt. Unter glücklichen Umständen könnte dieses packende, wenn auch mehr theatralische als seelisch vertiefte Werk Furore machen.

Das neueste Jesusdrama entstand in Darmstadt. Dr. Daniel Greiner, einst Pfarrer in unserem Schotten, jetzt Mitglied der Darmstädter Künstler-Kolonie, ließ' unter dem TitelJesus" soeben einedramatische Dichtung mit 6 Steinzeichnungen und Buchschmuck vom Verfasser" bei H. Hohmann in Darmstadt erscheinen. Zweifellos eine Schöpfung «an respektablen dichterischen und ethischen Werten. So viel man auch im einzelnen wird aussetzen können, ja so sehr man sogar gegen den Plan, den Entwurf und die Ausführung Bedenken hegen mag.

Bei einem Christus-Drama, so sollte 'man meinen, sei

die erste Frage die: halte ich Christus für einen Gott oder für einen Menschen. Weiser baute seine Dichtung auf Jesu Menschlichkeit auf. Er erklärt alle Wunder aus natürliche Weise. Greiner aber ging, wie Baars, an dieser Frage vor­bei. Sein Christus vollbringt zwar die wunderbarsten Kranken­heilungen, nennt sich ost den Sohn Gottes und spricht davon, daß er seine Würde aus des Vaters Händen erhalten habe, aber er ist doch bis zuletzt im Unklaren über seine Mission. Er klagt darüber, daß er als Wunderdoktor recht ist,

als Spender irdischer Speise auch, als Brotherr, der aus Wenigem viel zu machen weiß, als Bro t m essi aS, der ihnen goldnen Segen bringt und stolze Judenmacht."

Da ivill Judas ihn zum Führer und König der Juden erklären. Denn auch bei Greiner ist, wie bei Weiser und Baars, Judas der politische Messiasträumer, der die Not seines Volkes einzig in der Fremdherrschaft sieht, der Jesus zum politischen Befreier machen will. (Schon Goethe be­gründete in seinem Ahasverplan Judas' Verrat mit dem guten Glauben, dem Zögernden die Aufrichtung des Messias- reiches abnötigen zu sollen, und Hebbel formulierte diesen Ge­danken mit der ganzen Schärfe seines starken Geistes.) Jesus aber antwortet:

Ich bin kein König dieser Welt!

Mein Reich ist anders, als ihrs träumt . . .

Geht! sucht euch einen andern!"

Trotzdem quält ihn noch in der Nacht von Gethsemane der Zweifel an seine Gottessohnschaft schiver, trotzdem spricht er noch hier von der Erfüllung der Judenhoffnung auf ein Reich als seinem Lebenswerke. Erst derNotschrei der ge­fangenen Geister aus der Tiefe" nach einem Manne, der vertrauend nur der eignen Kraft die Freiheit löst aus dunkler Hast

der ohne Gott durch Nacht und Not durch Kampf und Tod mit Urgewalt durchdringt zu Gott macht ihn zum Erlöser, sodaß er ausrufen kann:

Nun ist mein Werk vollbracht u n e n d l i eh tiefer, reiner, als je ich gedacht!

Jesus aber ist derMessias des geträumten Reichs". Den, so erfahren wir, erwartet das Volk freilich nicht. Und doch ist sein Ruf nach dem Messias laut. Hier aber vermißt man alle Motivierung, jegliches Bild dessen, was Frenssen dieverzauberte Zeit" nennt. Greiner gewährt in seiner Dichtung wohl den schriftgelehrten Pharisäern und ihrer theologischen Wortheiligkeit einen breiten Raum, macht aber nicht die grenzenlose soziale und geistige Not des Volkes Israel und der ganzen damaligen römischen Welt lebendig. In dieser Verwirrung aller menschlich reinen und wahren Moral- begriffe, in der das von Aberglauben und Angst gepeinigte Volk führerlos einhertappt, wie in einer dichten seelischen Finster­nis, in der inbrünstigen Sehnsucht der Völker nach dem Morgenrot der menschlichen Liebe und der persönlichen geistigen Freiheit liegt die verborgene Gedankcnströmung, die Jesus emportrug und seine BefreiungStat möglich machte. Man vermißt also ganz und gar neben psychologischen Gründen die soziologischen Prämissen der Persönlichkeit Christi, die in einem Jesus-Drama doch wie in einem mikrokosmischen Spiegel aufgcfangen werden sollten. Das tut Oskar Wilde in seinerSalome" mit grausiger Kunst; etwas davon spürt man auch in SudermannsJohannes" und in Heyses Maria von Maglala"; auch Weiser hat der Juden Nöte erschütternd zu schildern verstanden. Greiner gibt, wie Baars, nichts davon, statt dessen vielmehr eine Fülle von geistvollen und erbaulichen, in unzweifelhaft meist auserlesen schöne Form gekleideten Paraphrasen über unvergängliche Bibel- worte.

Mit dem Abschluß des Judasproblems im Garten von Gethsemane schließt Greiner, wie Baars, merkwürdiger Weise auch seine Jesusdichtung ab. An ihr eigentliches Problem, den Erlösertod und ein symbolisches Auferstehen im Geist einer neuen.Weltanschauung, bis dahin wagt sich Greiner nicht vor. Wr macht sein Buch zu, als Jesus den Häschern