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in der Absicht, seine Abreise Vorznbereiten. Art der Ecke, wo die Rue Byron in die große Avenue der Champs Elysöes eiumündet, trat ihm ein Knabe aus einer Nische entgegen, der hier augenscheinliche aus ihn gewartet hatte.
„Monsieur Walldorf?" Er hielt ihm einen Brief entgegen, der ihm Berns Schriftzüge zeigte. Mit Herzklopfen nahm er ihn aus der Hand des Knaben, der sich eilig entfernte. Es war also so, wie er schott vermutete, ihre Korrespondenz wurde überwacht, sie hatte den Brief der Post nicht anvertrauen wollen. Er trat in die enge, stille Straße zurück und entfaltete hier das Schreiben.
Es enthielt nur wenige Worte:
„Ich reise heute nacht ab" — er sah nach dem Datum, das war vorgestern nachmittag geschrieben — „nach Rom. Fragen Sie nicht nach den Gründen deö plötzlichen Entschlusses; es half nicht, daß wir uns noch wiederfahen, das Abschiednehmen hasse ich. Verbrennen Sie die Papiere, welche ich Ihnen übergab, sie sind.fetzt wertlos. Ich danke Ihnen für Ihre vielen Freundtt schastsbeweise, Sie leben mit in den Bildern dieser Tage, die nun versinke»; was sich aus dem Austausch denkender Geister zusammenfügt, bleibt als ein Unvergängliches. Halten wir uns daran. Vielleicht sehen wir uns in der ewigen Stadt."
Roderich zerknitterte das Blatt in seiner Hand — keine Ausklarung, kein Vertrauen. So gefährliche Dinge lassen sich freilich schlecht auf dem Papier mitteilen. Sie war zu äußerster Vorsicht gezwungen. „Verbrennen Sie die Papiere — sie sind wertlos." Nun, das war geschehen, und sie hatte natürlich keine Ahnung, in welch bedenklichem Moment das geschehen war. „TaS Abschiednehmen hasse ich." Ein Lächeln, das alte, selbstbewußte, das ihm seit gestern abend abhanden gekommen war, kräuselte wieder seine Lippen — von ihm war ihr der Abschied schwer geworden —; sie sprach es selber aus — sie war ein großartiges Weib, und er stand ihr sehr nahe. Tas Gefühl seiner eigenen großartigen Bedeutendheit sprach sich in seiner Haltung aus, als er jetzt seinen Weg fortsetzte. Die Hoffnung auf eilt Wiedersehen hatte sie doch nicht unterdrücken können. „Vielleicht sehen wir uns in der ewigen Stadt." Vielleicht — ja, vielleicht, schöne, stolze Vera — einstweilen sind wir noch Herr unserer Entschlüsse und wollen die kommenden Strömungen ab- toartett.
Am andern Morgen reifte er ab, auch ohne Paul Hendrichs, dem er nur eine kurze Abschiedszeile sandte, wiedergesehen zu haben. An Vera schrieb er an diesem Abend, wollte den Brief aber erst in Deutschland auf die Post geben, nach Rom postlagernd, wie sie es angegeben. Er teilte ihr mit, was vvr- gesallen, nur in etwas anderer Färbung, als es in Wirklichkeit stattgefundeu. Pauls erwähnte er gar nicht, Einzelheiten überging er — wie überhaupt das Schreiben in großartigem Lapidaü- stil abgefaßt wurde.
„Meine Geistesgegenwart hat Sie gerettet," hieß es, „und um Ihr Geheimnis weiß ich. Sie hätten auch hier wissen sollen, daß es bei mir in sicherster Hut war."
12. Kapitel.
Sylvia lebte mit der Mutter in Berlin in einer eleganten Pension, wo sie vortreffliche Verpflegung und Gesellschaft verschiedenster Sorte fanden. Eigene Häuslichkeit einzuriehten, erschien beiden sehr unbequem. Der schroffe Akt, der nun unwider- ruflieh vollzogen war, das rücksichtslose Loßreißen von der Heimat ihrer Kindheit, der jähe Bruch mit dem Verlobten war nicht ohne innere Kämpfe von Sylvias Seite geschehen. Frau Zernial dagegen war seit ihrer Kenntnis von der Erbschaft in einer gehobenen Stimmung geblieben, als wandle sie auf den Wolken. Nur zuweilen unterbrachen kurze Affektszenen, durch Kleinigkeiten veranlasst, diese angenehme Gemütsverfassung.
Sie hatte auch beim Planen dieser folgenschweren Entschlüsse von keinerlei Bedenken und Erwägungen etwas' hören wollen Das war Unsinn, wo es sich um die Selbsterhaltung handelte. Sylvia ging zugrunde neben dem nüchternen Gatten. Sie, die mit glänzenden Talenten Begnadete sollte sich in ein Fronjoch spannen, lebenslänglich — nein — nein — und tausendmal nein! Zernial, ihr göttlicher Zernial, war zur rechten Zeit gestorben, ic’n letzter Akt war noch die Erlösung seiner Tochter. Frau Cölestine verfiel wieder in den Ton der Verherrlichung des Gattm, die Lesarten darüber wechselten — jetzt war er geraden-, inegcs in dien Himmel gefahren, ein Büßer auch für ihre Sünden, cm Heiliger.
Sylvia, deren Gefühl für Recht und Unrecht noch nicht ganz verwirrt Ivar, hörte die pathetischen Ergüsse mit halbem Ohr inte- einer Ungeduld, der sie sich nicht erwehren konnte. In ihr lebte nnr ein Gedanke: sie wollte eine große Künstlerin werden
und Roderich zu ihren Füßen sehen. Roderich sollte noch um ihre Gunst werben, sollte es erkennen, daß sie — sie allein — seine Muse hätte sein können — aber er hatte die rechte Stunde Versäumt, sie war ihm entschwebt. Sie sah sich selbst auf hohem Piedestal, stolz, kalt, unnahbar. Die Qual, welche er sie hatte erdulden lassen, sollte er selbst erdulden.
Frau Cölestine nährte diese Träume. Sie wünschte freilich vorerst noch zu reisen, mit der schönen Tochter Triumphe zu feiern, das langweilige, ernste Studium, welches sie von dem Gipfel ihres lustigen Gebäudes trennte, fonntc noch hinausgeschoben werden. Aber in Sylvias Seele brannte ein verzehrendes Fieber,- sie hatte keine Ruhe zu tatenlosem Umherfchweifen, und so mußte sich schließlich Frau Zernial in der Tochter Verlangen fügen und sofort mit ihr nach Berlin gehen, um mit der Misbildung der Stimme zu beginnen.
Nur die Arbeit, ein rastloses Streben war imstande, Sylvias Gewissen zu betäuben, welches sie anklagte, welches sie undankbar, treulos und pflichtvergessen nannte. Die arme Mama Walldorf war erkrankt. Sie hatte sie geliebt, ihr jeden Wunsch erfüllt, und ihr brach dieses jähe, undankbare Scheiden das Herz.
Villatte und Erna hatten ihr keine Zeile der Erwiderung^ gesandt, sie verachteten sch und löschten sie ans ihrer Erinnerung. Ob Villatte schwer litt unter ihrer Untreue? Er hatte sie sehr geliebt, und es war ihr gelungen, ihn völlig zu täuschen. Wenn sie nur etwas über feinen Zustand erführe, so würde sie das ruhiger machen, dieses Schweigen quälte sie und brachte ihr schlaflose Nächte. Es beschäftigte ihre Gedanken, fortwährend.
Papa Walldorf hatte ihr ihre zurückgelassenen Effekten gesandt und dabei kurz und schneidend geschrieben:
„Fräulein Sylvia Zernial erhält hiebei das ihr Gehörende mit dem Bemerken, daß jede Zeile von ihr, an die Familist Walldorf gerichtet, ungelesen und unbeantwortet bleiben wird.- Alle geschäftlichen Angelegenheiten habe ich dem Herrn Rcchts- anwalt K. in Dresden übergeben, und ersuche ich Früulem Zernial, sich mit demselben in Verbindung zu setzen."
(Fortsetzung folgt.)
JesttSdramer».
Das Höchste reizt besonders den Sinn der Menschen ihren Gesialtungs-und Unternehmungsgeist, und so mehren sichdenn, und ganz besonders auffallend in den letzten Jahren, die Versuche, die Geschichte von JesuS von Nazareth in dramatisches Gewand zu kleiden, obwohl ihre Darstellung auf einer profanen Bühne dem allgemeinen Empfinden vorerst noch widerspricht.
Indes mit welchem Rechte? Sind Polizeiparagraphen, welche verbieten, die Person unseres erhabenen Neligious- stifters, ebenso wie auch Angehörige eines regierenden Fürstenhauses, nicht charakteristisch für das Mißtrauen eines Rechtsstaates in die Thron und Altar innewohnende, sich selbst erhaltende Kraft? Der wahren und echten Religion wie der echten, innerlichen Vaterlandsliebe kann ein solches Bemühen nur verderblich sein, wenn das literarische Erzeugnis isicht direkt ausgesprochen blasphemisch, antichristlich oder antimonarchisch ist. Die Religion ist nun einmal die seinsts und höchste Frucht aller geistigen und künstlerischen Kultur eines Volkes, wie die aus vertiefter historischer Erkenntnis erwachsene und in ihr begründete, recht innerlich begriffene und durchempsimdene Vaterlandsliebe und Monarchentreue feinste Blüte der Weltanschauung des Volkes ist. Eins hebt übrigens und fördert das andere. Deshalb ist mit allen Mitteln anzustreben, neben den bedeutenderen deutschen Fürstengestalten auch der neueren Zeit (Heinrich von Kleists imposante Gestalt des großen Kurfürsten in seinem „Prinzen von Homburg" und noch manche andere der älteren deutschen Geschichte angehörende Figur, wie z. B. „Der junge Fritz", ist ja auch bereits längst „freigegeben"), den unermeßlichen geistigen und ethischen Reichtum des Jesusstoffes unserem Volke auch für die Bühne zu gewinnen.
Das welterschütternde Schauspiel vom Leben und Leiden des Heilandes, das in den freilich einander vielfach wider sprechenden schlichten Erzählungen der Evangelien mit urwüchsiger Glaubenskraft niedergelegt ist, hat die künstlerisch» Phantasie von jeher eingenommen. Maler, Bildhauer und epische Dichter haben feit Jahrhunderten in ihm di» tiefstes


