Ausgabe 
6.5.1907
 
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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck Verbotes (Fortsetzung.)

Wie kaurett sie daraus, bei mir die Papiere zu vermuten?" lohnte er.

Ja wie bilrfcit sie so friedliche Bürger, wie wir sind, im Verdacht haben," lachte Paul spottend.Du bist wirklich ein sehr friedlicher Bürger, Roderich!"

Roderichs Herz klopfte wild. Er fühlte, daß er für diese Stunde Paul großen Dank schulde: waS wurde aus ihm, wenn man wirklich diese gefährliche Kontrebande bei ihm fand? Und dennoch ärgerte und stachelte ihn Pauls Art. Er behandelte ihn wie einen einfältigen Töven, betrachtete ihn Wohl auch als solchen, und Roderich war wütend über die Rolle, die er bei dieser Gelegenheit gespielt hatte.

Er konnte sich überhaupt noch nicht besinnen. Hatte Vera ihn, den Ahnungslosen, wissentlich in diese Gefahr gebracht? Waren die Papiere, welche niemand eingesehen, wirklich so gefähr­lichen Inhalts? Vera war sicher eilig, im Schreck geflohen, hatte ihn nicht mehr benachrichtigen können, hatte _ nicht die Möglichkeit erwogen, daß Man auch ihre Freunde mit in Ver­dacht ziehen könne; war sie denn eine Nihilistin? Ihn überlief ein Schauder. In seinem Drama, das noch in Turgenjews' Pult lag, schilderte er Nihilistinnen. sie waren völlig andere Wesen als Vera. Sein Kvpf wirbelte war er ein großer Narr, der das Leben noch nicht kannte, und kein Künstler, dem Intuition die Kenntnis der Wirklichkeit ersetzt?

Wußtest du um Veras Geheimnis?" fragte er uuvvr- Mittelt den ihm ruhig gegenübersitzenden Paul.

Ich?" Er lachte.Nun, du siehst es ja, wie weit ich darum gewußt habe. Eine so schöne, verführerische, kluge Frau ist schwer zu durchschauen, aber für den, der ruhig Blut hat, ist das Schwere doch oft möglich. Gute Nacht! Hoffentlich schläfst du ruhig in dem Stande deiner reinen Kinderunschuld,"

Gute Nacht, Paul, habe Dank."

Nun nicht Ursache Landsleute und gar Schulkame­raden lassen einander in solchen Patschen nicht im Stich."

Paul ging, Roderich blieb in verzweifelter Stimmung zurück. Es war wie ein Chaos in seinem Gehirn. Er trat an das Fenster, unten war ein kleines Gärtchen, flimmernd lag bleiches Mondlicht auf den kahlen Sträuchern. War er ein großer Narr? Er fühlte sich todmüde, sank taumelnd auf sein Lager und schlief fest und traumlos.

Als er am andern Morgen spät erwachte und nach seinem Frühstück klingelte, brachte ihm der Portier einen Brief, auf dem er Ernas Handschrift erkannte. Ernas Briefe waren stets ruhigen Inhalts, unter dem Nachzittern der gestrigen Erregung durchflog er hastig den Haufen der übrigen geschäftlichen und gleichgültigen Postsachen, ob nicht ein Lebenszeichen von Vera sich darunter fand. Der Diener, welcher das Frühstück servierte, auch der Portier hatten mürrische Mienen und seltsam beobachtende Blicke; Roderich sagte sich, daß seines Bleibens hier nicht mehr lange

sein werde, er war eine verdächtige Persönlichkeit geworden Es war ja unbegreiflich, daß Vera ihn ohne jede Nachricht ließ^ Aber vielleicht ja, wahrscheinlich wurde auch ihre Korrespondent überwacht. Das war es!

Jnmittelst erbrach er Ernas Brief. Schon bei den ersten! Zeilen gewahrte er, daß sie in Eile und Msregung geschrieben hatte, die BuchstMen sahen aus, als hätte ihre Hand gezittert £3 was war denn da geschehen?

Unerhörte, das ganze Haus und- alle Herzen darin erschütternd« Begebenheiten. Shlvia war mit ihrer Mutter entflohen ~ dmst nur so konnte man ihre plötzliche, niemand verratene Abreise nennen. Sie hatte eine Erbschaft von ihrem Vater, dem vest« schvllenen Zernial, angetreten und hatte ihrem Verlobten einest Scheidebrief geschrieben. Der Papa war außer sich, in einem! Zorn ohne Grenzen, die Mama erkrankt, und Villatte s der arme, unglückliche Villatte!

Roderich ließ das Blatt sinken und sah ganz verstört drein, Sein Kvpf war noch so wüst; Sylvia die kleine Sylvia: sie hatte es doch nicht gekonnt sie hatte ihre Fesseln z-eq- brvchen, er hatte die Verlobung damals auch nicht begreifest können. So war sie frei. und eine Erbschaft hatte sie gemacht wohin war sie denn gegangen mit der Mutter? M, da stand es nach Berlin!

Roderich stützte den schmerzenden Kvpf und versank in tiefes Sinnen. Es war ihm ein sehr angenehmer Gedanke, daß Shlvist sich von diesem Villatte befreit hatte damals die Szenjf erstand wieder vor seinem Geiste, als sie sich so stürmisch iu sein« Arme warf, so sicher erwartete, bei ihm denselben Pulsschlag zst finden. Er hatte sie geliebt damals seine Seele war nur von so vielen anderen swlzen Hoffnungen erfüllt gewesen. Jetzt was war denn wahr geworden von dem allem?

Vera sie war eine Nihilistin psui! ein häßliches Wort, mit dem man ganz andere Vorstellungen verband, als Veras. Erscheinung sie repräsentierte. War es eigentlich Liebe, was ihn an sie gefesselt? Nein; Sylvias süßes Bild gaukelte ist dieser Stunde vor seinen Sinnen, sie Ivar sein Geschöpf, eh hatte eine unbegrenzte Macht über sie, er konnte sie formest nach seinem Willen. Vera schlug ihn in mystische Baude. Nun -3 vielleicht war es gut, wenn er so gewaltsam von ihr gelöst wurde.!

Was stand da unten noch in Emas Brief?

Dürfen wir dich nicht bald erwarten? Deine Gegenwart täte uns allen gut, besonders dem Vater."

Ja, ihn hielt hier freilich nichts mein', und doch graut« ihm bei dem Gedanken zu Hause mochte ein angenehmer! Zustand herrschen. Sylvia fori, allgemeine Verstimmung. Wenn er zunächst nach Berlin ging und Sylvia aufsuchte der Ge­danke fing an, ihn zu locken; es überkam ihn plötzlich eine große Sehnsucht nckch Sylvia, sie war eilt süßes, entzückendes Kind. Gab es wirklich eilt solch allmächtiges Gefühl, das sich überall durchrang und den Sieg behielt, alle anderen Trieb« zurückdrängte? In sein Verhältnis zu Vera mischt« sich der Ehrgeiz, die Eitelkeit, ein unruhiges, eifersüchtiges Ringen, Stzlvist liebte er ohne Nebengedanken.

Er kleidete sich zum Austzehen an und herließ das H.alB