Ausgabe 
6.4.1907
 
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flöten.

(Fortsetzung folgt.)

Uiti) dann kam wieder das schneidende Weh, wenn sic ge­wirrte, wie ängstlich er Sylvia vor der Fremden zu hüten ver­suchte, wie der wachsende Einfluß derselben auf Sylvias be­wegliches Kindergemüt ihn: Sorgenfalten in die Stirne grub, ihn schwer verstimmte und oft ganze Abende schweigsam und nachdenklich machte.

Sylvia allein war sorglos und glücklich.

Roderich war ein paar Tage verreist gewesen. Er hatte Schritte für Unterbringung seiner Oper getan und sich großen Hoffnungen hingegeben, daß sie im Winter in M. anfgefuhrt werde. Aber einstweilen hatte sich diese Hoffnung noch nicht erfüllt. Er kehrte sehr verstimmt, sehr nervös zrtriick.

Man kannte diesen Ztrstand im Hause, und die Mutter, auch Sylvia pflegteii die zarteste Rücksicht darauf zu nehmen, oft zu Ernas stillem Verdruß, welche des verwöhnten Bruders Ge­baren bann albern nannte. . . f .

Heut abend saß er mit ein paar nahen Freunden tn fernem elegant eingerichteten Garyouzimmer. Ein wunderlicher Geschmack herrschte in demselben, schwere dunkelgrüne Veloursvorhänge schlossen das Geräusch der Außenwelt so viel als möglich ab, auch die nach dem Garten gelegene>r Fenster waren so wert ver- . hangen, daß selbst beim Tageslicht immer Helle Dämmerung im Gemache herrschte. Die Verzierung der Wandflächen verrret die verschiedensten Passionen. Eine kostbare Waffensammlrrng füllte die eine Ecke, Porträts von Operndiwas und schönen Ama­zonen aus dcnr Zirkus, auch einige Pferdebilder hingen an der andern Seite, daneben verwelkte Kränze mit riesigen Schleifen, Triumphtrophäeu glanzvoller Stunden, wo seinen Talenten die gebührende Anerkennung geworden, ein kunstvoller Aufbau, in dem jeder Kotillonorden mit vertreten war, um den monumentalen Schmuck zu bereichern, Briefe, Verse alles, was je zu ferner Verherrlichung gedient, hatte hier, genial geordnet, feinen Platz gefunden. ,

Roderichs Altar, wo er feinet eigenen Gottheit Opfer dar­bringt, nannte Erna die Ecke, Sylvia taufte sie die Ruhmes- nifche.

lieber seinem Pianino, das zu feinem Privatgebrauch in seinem Zimmer stand, thronten die Büsten Wagners und Liszts, und ein riesiger, kostbar geschnitzter Schreibtisch wies Hefte und Schriften, in malerischer Unordnung verstreut auf seiner breiten

Heute verharrte der junge Herr in liegender Stellung^ auf feiner bequemen Ottomane, über welcher die Porträts der schonen Künstlerinnen hingen. Zwei sehr ungleich aussehende Herren spiel­ten eine Partie Domino und unterhielten sich dabei im Flüster­ton. Der eine derselben war Wolfgang Kirsch, er hatte offenbar Mühe, seine langen Beine unterzubringen bei der Fülle von Tischen, Etageren und sonstigen Luxusgegenstäuden, welche hier jeden Winkel füllten, und seine mächtige Stimme zu dämpfen, um den gestrengen Olympier nicht in feinen Meditationen zu

Aus der Außsndzsit.*)

Erinnerungen eines alten Gießeners.

Nachdruck verboten.

IV.

Erfolgreicher wie der Heckerputsch war die Revolution im Gießener G Y m n a s i u m. Die Prima kündigte den Gehorsam, falls ihre Bedingungen nicht erfüllt würden. Ihr Edikt lautete:

1. Die Primaner werden mit Sie angeredet.

2. Die Primaner dürfen rauchen und ins Wirtshaus gehen. m

g. Die Primaner dürfen Mitglieder der Bürger weh« werden.

4. Die Primaner dürfen an den Volksversammlungen teilnehmen. t

5. Die Primaner dürfen bte Fenster nach dem Brand

Wi/ erwähnt, war ich zu Ostern wieder ins Gymnasium eingetreten, bescheideuerweise in die Tertia. Das tolle Jahr spukte natürlich auch in die Tertia hineitt, wir hatten an allem, was verging, mehr Interesse als' an der Schule. Dazu kam, daß unser Hauptlehrer Dr. Schaum, Aphrvs benannt, alt und beu- nahe taub oder doch sehr schwerhörig war. Das gab natürlich zu Unfug aller Art Veranlassung. Der Mann konnte eilten dauern, wenn er sah, daß irgend etwas los war, aber alle Anstreng­ungen des Gehörs versagten, um das Ungewöhnliche zu er-

*) Durch einen unliebsamen Schreibfehler im Manuskript ist bet Studentenauszug von 1846 auf den Gleiberg verlegt. Es muß natürlich Staufenberg heißen. m

Anmerkung beS Verfassers.

Mitteln. Allein die Jugend ist den Schwächen und Gebrechen ihrer Lehrer gegenüber grausam. Wir hatten eine alte Spieldose, die zwei Stücke spielte. Ich brachte sie eines Tages mit zur Schule, und mitten in der Stunde machte ich in der Tasche den Schieber aufUnd ob die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Sternenzelt", erklang es deutlich für gesunde Ohren. Na­türlich lachten die Tertianer. Der arme Aphrvs gab sich alle Mühe, zu erforschen, was» los war, doch vergeblich. Nachdem sich die Unruhe ein wenig gelegt hatte, erklang dann das zweite Stück. Obwohl alle wußten, daß ich der Missetäter war, hat inich keiner verraten. Es würde ihm wahrscheinlich auch übel bekommen sein. Was ich da geschafft hatte, war Nicht schon, ich riskierte auch eine gehörige Strafe. Mlem schließlich galt es doch ad oculos zu demonstrieren, daß em tauber Mensch nicht zum Klassenführer der Tertia paßt. H«r Dr. Schaum zog auch die Konsequenz und ließ sich am Ende des Schuljahres! ^Der Geist der Unbvtmäßigkeit begleitete uns durch die Tertia Die Primaner mit den Erfolgen ihres revolutionären AuftretenÄ waren natürlich unsere Helden. Wir bewunderten und beneideten sie, wenn sie in Reih und Glied der Bürgergarde marschierten und an deren Exerzitien teilnahmen.

Die Gießener Bärgerwehr hatte sich sehr rasch orgauuiert^ ohne Not, aber die Bürgerschaft verlangte danach. So wurde das Erscheinen des Gesetzes nicht abgewartet, das m Aussicht gestellt tvar, sondern mit großem Eifer aus das Edikt vom 6 März hin dieVolksbewaffnung", wie es dort chreß, hergestellt. Es bestand noch keine gesetzliche Pflicht und sie ist me )i^ Entstehung gelangt, aber die Beteiligung war sehr stark. Die Burger, aber namentlich auch die Studenten lieferten em starkes Kontingent, sodaß mehrere Kompagnien gebildet werden konnten. Um ihren^Mit­bürgern nicht an Patriotismus nachzustehen, traten auch 6-te Dunkelmänner" in dieB ü r g e r g a r d e (tote die Volks­wehr sich nannte) ein, wenigstens war mein Vater lange Zett Mitglied Die Unisornt bestand in einem grünen Kattun kittet, der durch einen Gürtel zusammengehalten wurde, ferner erner Mütze mit Kokarde. Die Wafse war eine ungezogene Flmte mtt Bajonett. Patronentasche und Balonett war am Gürtel öetefttgt

Die Bürgergarde Ivar m ihrer besten Zett etwa 800 bis 1000 Mann stark. Bei einer Einwohnerzahl von 8500 Seelen konnte diese Zahl nattirlich nur durch die Beteiligung der Stn- denten und Gymnasiasten erzielt werden. Zum Oberst der Bürgergarde wurde Professor Karl Vogt erwählt. Meist Vater war Sergeant, sein Hauptmann der dicke Barbier Roloff. Auf dem Trieb wurde exerziert, dort inspizierte auch der Oberst die Bürgergarde. Er kani natürlich nur selten zur Inspektion. Ihn hielteii die Pflichten als Mitglied der Natio­nalversammlung. Die Inspektion erfolgte Sonntags und wir Jungen waren auch dabei. , ,

Karl Vogt war damals schon etwas beleibt (nach 16 ^amen,i als ich ihn in Gießen gelegentlich der Naturforsch^versammlung wiedersah, war er sehr dick geworden), er war em schlechter Retter und es hielt ihm schwer, aufs Pferd zu kvmmeu. Ich war einmal gerade zugegen, als ihm auf bem ^rieb aufs Pferd geholfen wurde. Die Hülfe war etwas zu nachdrücklich, sodaß der Oberst, als er glücklich oben war, auf der, anderen Sette wieder herunter kam. Er trat übrigens nach einiger Zett zurück and es wurde au seiner Stelle der Büchsenmacher Groß­mann zum Obersten gewählt. Dieser war ebenso schmal, tote K. Vogt dick. Aber reiten konnte er auch Nicht!

Mein Bater als früherer Jäger schoß m ferner Kvmpagmck am besten und erhielt bei einem Preisschießen der Kompagnie dm ersten Preis, bestehend in einer sehr primitiven kurzen Tabakspfeife, Mit einem ebenso primitiv gemalten Kbps. xS<£) glaube, diese Trophäe hat meinem Vater wirtliche Freude gemacht, wenigstens hat er sie noch lauge, nachdem mau an die Burger- garde iiicht mehr dachte, neben fernem Schreibtisch an der Wand

Bian^hätte denken sollen, daß die Gießener Bürgerschaft, nachdem der Erbgroßherzog und Mitregent nach dem noch «st Sommer 1848 erfolgten Tode seines Vaters den Thron stmer Väter als Großherzog Ludwig III bestte^n, ihm volles Vertrauen und Liebe entgegengebracht hätte Denn ferne Regierunq verharrte auf dem von Gagern eingeschlageneu W.g. Dem tvar aber nicht so. Es' gärte in der Bürgerschaft rmd insbesondere dem jüngeren Leibe. Hand, m Hand mit rym ging ein Teil der Studentenschaft. Für die Verbindungen mtt gemäßigter Fortschrittsidee, wie die Frankonia, war kern Raum mehr. Das spezifisch Studentische trat m den Hintergrund. Dw .politische Diskussion herrschte vor. , Allgemeine Begeisterung ver­band die Parteien in der s chles w i g -holst ein tf ch e "Sache, sie ergriff auch uns Schüler. Ueberall .erklang das LiedSchleswig- Holstein meerumschlungen". Allgemeiner «jubcl brauste kmrch Lmid, als es hieß, die Dänen hätten zweii ihrer besten^Schiff- verloren: das Linienschiff Christian VIII. und.die Fregatte Gefwu. Das erstgenannte Schiff war iw Brand gefchofsen 'vorden imd in die Luft geflogen, die Gefton hatte sich ergehn Wir Krnd^ erhielten ein Spiel zu Weihnacht! 61)rtfh<nt VIII. touice Krötzen gusgebaut und dann von uns aus kleinen Kattonm rnu. durch starke Federn geschleuderten Bleiku^ln zus^Eschosfcm

Ebenso groß tote der Jubel war die Entrüstung, als es