Ausgabe 
6.4.1907
 
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Samstag den 6 April

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Aem Irrlicht nach.

Roman von A l c x a n d e r Römer.

Nachdruck verboten.

Fortsetzung.)

War sie häßlich? Häßlich nein aber nicht so hübsch,, so lieblich so bestrickend wie Sylvias Ihre grauen, verständigen Augen vermochten doch nicht so aufzublicken, in so wechselndem Ausdruck sich zu spiegeln, wie die Sylvias und sie sagte sich das ehrlich, Schleier wob sie sich nicht.

Einen Augenblick wurden ihre Züge fahl und scharf, eine tiefe Qual malte sich auf ihnen, dann sank sie in sich zusammen und verhüllte ihr Gesicht. Ein krampfhaftes Schluchzen er­schütterte ihren Körper. Gewaltsam raffte sie sich auf, sie wurde zur Törin, zur albernen, jämmerlichen Törin. Nein nein das sollte nicht sein. Fest wollte sie die Hand auf ihr Herz legen, keine Illusionen, keine phantastischen Träume mehr. Sie war ein reiches Mädchen und ihr Geld würde manchen Freier anlocken sie stützte das tränenüberströmte Haupt auf die Tischkante und verzog bett Mund bitter. Armes reiches Mädchen : dem, den ihr Herz gewählt hatte, galt ihr Reichtum nichts, er forderte Schönheit, die sie nicht besaß, und einen andern, gab es für sie nicht auf der Welt.

Langsam, schwerfällig erhob sie sich endlich und vollendete ihre Toilette, ihre scharfe, rücksichtslose Selbstkritik galt ihr gleich einer Tatsache, sie begrub heute morgen ihr süßes Hoffen.

Bei der Mittagstafel erschien die Kommerzienrätin. Ihre Migräne hatte nachgelassen, sie sah aber noch sehr bleich und leidend aus, und Erna verdoppelte ihre Fürsorge für sie. Es war ihr noch nicht ganz klar, ob die Mutter sich zu der An­kunft der. Schwester gefreut. Im ersten Augenblick hatte sich ja nur Schreck auf ihrem Gesicht gespiegelt, aber später war sie sehr zärtlich zu der Angekommenen gewesen und hatte die halbe Nacht mit ihr geredet. Und diese Schwester raubte ihr doch einst ihr Teuerstes, zeigte sich alle die Jahre hindurch lieblos und wenig anhänglich. Erna vermochte die eigene Mutter nicht zu verstehen. Ihr war es, als ob sie solchen Treubruch nie verziehen, nie vergessen hätte, wenigstens nie einer Zärtlichkeit gegen die Treulose wieder fähig gewesen wäre. Und während ihre Blicke auf Sylvia hafteten, welche in fröhlichster, ja ausge­lassenster Weise mit der fremven Tante plauderte, kam es ihr mehr denn je zum Bewußsiein, daß sie nicht ihre leibliche Schwester sei.

Der Mutter Augen ruhten jetzt auch auf Sylvia mit einem fast leidenschaftlich zärtlichen Ausdruck, beinahe als ob eine Furcht sie beschliche, daß sie ihr genommen werde» könne.

Ernas Lippert kräuselten sich bitter. Auch die Mutter liebte Sylvia mehr als die eigene Tochter. Seltsame, rätselhafte Erscheinung.

Der Kommerzienrat erschien wieder im gewohnten Geleise. Er sprach mit Roderich über Geschäfte, für welche dieser heute ausnahmsweise einiges Interesse zeigte. Roderich Ivar überhaupt in brillanter Stimmung, er neckte Sylvia, machte der Tante Komplimente und sah strahseud aus.

Frau Celeste zeigte sich von einer neuen Seite. Sie hatte wirklich Toilette gemacht, und zwar eine raffiniert elegante. Sie war immerhin itod) in sehr auffallendem Geschmack, kleidete sie aber und verlieh ihrer Erscheinung ein vornehmes Gepräge. Sie sprach in sanften, weichen Tönen, weit gehaltener und re­servierter als am Morgen und pflichtete in verbindlichster Form jedem Ausspruch des Herrn Schwagers bei.

Neber Sylvia glitt sie öfter mit einem sonderbaren elegischen Blick hin, verhielt sich sonst aber schweigsamer ihrem krausen Ge­plauder gegenüber.

Der Kommerzienrat behandelte die Schwägerin in einer ge­wissen kurzen, aber doch formvollen Art, und seine Gattin drückte ihr zuweilen verstohlen die Hand.

Erna fühlte sich dieser Lage der Dinge gegenüber unsicher und unbehaglich.

Die nächsten Tage brachten ihr die Aufklärung, daß Frau Zernial in Dresden blieb und hier in der Schillerstraße, in der Nähe der Walldorfschen Villa, eine kleine, bescheidene Wohnung mietete. Der Vater war merkwürdig verschlossen, die Mutter äußerte sich einmal klagend zu Erna über die Härte des ersteren; Celeste würde sich wohler gefühlt haben in ihrem Hause, hätte es so sehr gewünscht, dort bleiben zu dürfen, und Platz sei ja genug da. Aber Papa habe seine schroffen Ideen und darauf bestanden, daß sie ihr eigenes Logis habe.

Erna hatte ein Verständnis für des Vaters schroffe Ideen in diesem Fall, sprach es aber nicht aus. Die räumliche Trennung half ohnehin wenig genug. Zu allen Tagesstunden fand sich Tante Celeste ein und spielte die verschiedensten Rollen. Es war erstaunlich, wie vielseitig sie war.

Roderich war eigentlich von vornherein für sie bekehrt. Er erklärte sie für eingeniales Frauenzimmer", ihre exzentrischen. Loblieder nahm er ganz ernsthaft auf und hörte ihr oft ge­fesselt zu, wenn sieans ihres Lebens Roman" berichtete, womit sie ihm Stoff liefern wollte für sein nächstes Drama.

Denn mein Leben ist ein Drama", pflegte sie zu Ivieder- holen.

Auch Sylvia hing dann an ihrem Munde und lauschte wie cüt Kind, dem man Märchen und Schauergeschichten erzählt. Es war wie ein Bann, den. sie über die Menschen legte und dem die meisten verfielen. Nur der Kommerzienrat, Erna und Doktor Villatte widerstanden demselben und waren auch darin wieder eins. Der alte Walldorf nannte sie laut eine vollendete Komödiantin, für Erna blieb sie eine unheimliche und gefähr­liche Persönlichkeit und Villatte schüttelte den Kopf und gestand, daß ihm noch nie ein solches Exemplar der Menschengattimg aufgestoßen sei. Interessant als Studium, interessant in mancher Beziehung, er gehörte oft zn ihrem Zuhörerkreis, aber seine klaren Augen durchschauten sie ganz und gar.

Er sprach sich zu Erna zuweilen vertraulich über sie aus in seiner zarten, nie verletzenden Weise, und diese stillen, vertraulichen Ergießungen drohten sie oft aus ihrer künstlichen, mühsam erzwungenen Zurückhaltung zn reißen. Sie erkannte dann wieder, wie gleichartig sie empfanden und beobachteten, wie nahe s ie sich innerlich standen.