1907
WM
HHW
i
K
MW
I I
i ?Ä«
Der Jall Harnelt.
Novelle vvlt Neinhold Ort mann.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Sie nannte ifjin der Wahrheit gemäß den Grund ihrer plötzlichen Abreise von Springfield und sie fügte mit naiver Aufrichtigkeit hinzu, daß auch sie herzlich bedauert habe, ihm Nicht noch einmal für all seine Freundlichkeit und seine gute Kameradschaft danken zu können.
Danit aber, als sie das Aufleuchten in seilten Augen gr- wahrte, siel ihr's plötzlich ein, daß cs heute nicht mehr war wie damals iit den kanadischen Wäldern und „daß jener reizende kleine Sommerroman keine Fortsetzung erfahren dürfe. Und in derselben Sekunde fiel ihr die Lüge, mit der sie sich in dies Haus eingeführt hatte, zentnerschwer auf die Seele. Eine Befangenheit, deren sie vergebens Herrin zu werden suchte, war über sie gekommen, und wenn ihr nur in ihrer Verwirrung irgend ein plausibler Vorwand eingefallen wäre, würde sie gewiß ejlig die Flucht ergriffen haben.
Aber es kam ihr leider nicht der kleinste brauchbare Gedanke. Und als sich auch Morton Rayward angesichts ihrer unverkennbaren Verlegenheit aus seineil fröhlichen Erinnerungen in die weniger fröhliche Gegeilwart zurückfand, und mit kaum unterdrücktem Befremden fragte:
„Ist es beim wirklich wahr, daß Sic die Stellung einer Gesellschafterin bei meiner Tante annehmen möchten?" da wußte sie sich nicht. aitders zu helfen als damit, daß sie bei ihrer Lüge verharrte und durch ein stummes Kopfnicken bejahte.
Ihm aber bereitete diese Bestätigung ersichtlich das lebhafteste Vergnügen.
„Sic würden einen solchen Entschluß gewiß nicht zu bereuen haben", sagte er, „denn es gibt auf der ganzen weiten Welt teilten prächtigeren Menschen als meine arme Tante Elizabeth, 'h fühlt sich augenblicklich leider noch sehr angegriffen und schwach, und Dr. Chilton hat ihr eigentlich verboten, jemanden zu empfangen. Aber Ihr Brief und namentlich die warme Empfehlung des Rev. Vaughan haben einen so günstigen Eindruck auf sie gemacht, daß sie den Wunsch hat. Sic sogleich zu sprechen. Ich hege nicht den allergeringsten Zweifel, daß Sie gegenseitig das gleiche Gefallen aneinander finden werden."
Margaret hätte vor Berschämung in die Erde finken mögen. Aber um nichts in der Welt hätte sic cs über, sich gewonnen, zu gestehen, daß sie nur als Reporter, als eine Art von weiblichem Spion, hierher gekommen sei. Alles was sie über die Lippen brachte, war die zaghafte Bemerkung, ob es bei dein leidenden Zustande der Miß Gaructt nicht doch vielleicht besser sei, wenn sic ein anderes Mal wieder.käme. Aber Morton Rahward, der darin nur einen Ausdruck übergroßer Bescheidenheit sah, wollte davon nichts hören.
„Eine Unterhaltung mit Ihne» wird meiner Taute gewiß nichts schaden. — Entschuldigen Sie mich mit freundlichst auf ein paar Minuten, sv-amit ich ihr erzähle, daß Sie mir keine
Fremde mehr sind. Das wird die Verhandlungen sicherlich sehr wesentlich vereinfachen und abkürzen."
Was sollte die bedauerndwerte Miß Barrymore jetzt noch tun? — Sie ließ das blonde Köpfchen noch tiefer sinken und hinderte dien jungen Mann, der so voll Eifer war, ihr zu nützen, nicht länger, seine Absicht auszuführen. Diesmal brauchte sic nicht lange aus seine Rückkehr zu warten. Schon nach kaum fünf Minuten war er wieder da, um ihr strahlenden Antlitzes mitzu- teilcn, daß seine Tante sehr erfreut sein würde, sic zu sehen. Gedrückt und beklommen wie eine Sünderin überschritt Margaret die Schwelle der Tür, die er vor ihr geöffnet hatte, und sah sich in einem von mattem Dämmerlicht erfüllten Gemache Miß Elizabeth Garnett gegenüber.
Das ältliche Fräulein saß, von Kissen gestützt, in einem bcauenien Lehnstuhl, und trotz der unsicheren Beleuchtung, an die sich ihre Augen erst allmählich gewöhnen mußten, sah Margaret wie blaß und durchsichtig ,ihr feines schmales Antlitz, wie abgemagert, ihre schlanken, aristokratischen Hände waren. Aber selbst wenn sie von dem Leben dieser Frau und von ihrem hochherzigen Wirken nicht das mindeste gewußt hätte, würde sie sich schon nach bei» ersten Blick auf ihre Erscheinung innig zu ihr hingezogen gefühlt haben. Die lauterste Güte stand ihr so deutlich auf dem Gesicht geschrieben, und das kleine Lächeln, mit dem sic das junge Mädchen begrüßte, war von einer so herzgewinnenden Liebenswürdigkeit, daß sich Margaret mit ihrer Kriegslist ,»nd ihren heimlichen Kundschafterabsichten geradezu verab- fcheuenswürdig vorkam.
„Seien Sic mir willkommen, mein liebes Kind," sagte Miß Garnett mit einer schwachen, milden Stimme, „und nehmen Sie freundlichst hier an meiner Seite Platz. Es wird mir noch ein bißchen schwer, laut zu sprechen, aber ich hoffe, daß wir nns dennoch verständigen werden.. — Es erscheint Ihnen also wirklich nicht als ein zu großes Opfer, einer alten, kranken Person einen Teil Ihrer frischen Jugend zu opfern?"
Einem unwiderstehlichen Antrieb folgend und unfähig, eilt Wort herauszubringen, beugte sich Margaret auf die weiße, durchscheinende Hand der Kranken herab, um sie ehrerbietig zu küssen. Miß Garnett aber wehrte mit sanftem Vorwurf ihrer Absicht.
„Nicht doch, meine liebe Miß Barrymore! — Das sollen Sie nicht tun. Ich habe noch gar keine Gelegenheit gehabt/ mir irgend welche Verdienste um Sie zu erwerben. Ich möchte vor allen Dingen etwas Näheres über Sie hören — über Ihr bisheriges Leben und über Ihre Verhältnisse, damit wir uns recht gut kennen, ehe wir in vertrautere Beziehungen zueinander treten."
Morton Rayward nahm diese Worte seiner Taute für eine« Wink sich zurück zu ziehen, und er verließ wortlos das Zimmer, nicht ohne daß er zuvor noch einen sehr beredten, halb bittenden und halb ermutigenden Blick nns seinen anmutigen jungen .Kameraden aus den kanadischen Wäldern geworfen hatte.
In dem Augenblick aber, da sie sich mit Miß Gaructt allein sah, war Margarets Entschluß , gefaßt. Vor jedem, anderen Menschen hätte sic ihre. Lüge vielleicht aufrecht erhalten können, aber diesem alten Mädchen gegenüber, dessen ganzes Wesen die reinste,.


