Ausgabe 
6.2.1907
 
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schlechte Vertreter einer guten und gerechten Sache gegeißelt und unmöglich gemacht werden. Diese Pfaffenfpottlieder galten des­halb nur einzelnen Persönlichkeiten und Auswüchsen. Das älteste Spottlied dieser Art, das erhalten ist, entstammt einem Liederbuch des 15. Jahrhunderts, das einst dem Wvlslein von Lochamer ge­hörte. Tast solche Spottgesänge keine antireligiöse Tendenz haben, das beweist die Tatsache, das; sie gerade in katholischen Län­dern am häufigsten zu finden sind, während protestantische Länder diese Art von Spottliedern seit Jahrhunderten kaum mehr kennen.

Die Schreiber waren als Männer des grünen Tisches an sich schon dem praktischen Volke unerwünscht; als Träger eines viel­schreibenden (römischen) Fremdrechtes mußten sie doppelt verhaßt sein. Dazu kam ihre Ueberhebung und Liederlichkeit. Manch windiger Fant von der Feder wie jener Heinrich Kunrad, den seine Geliebte im Korbe hängen ließ (sieheFeuersnot" von Wolzogen- Straußl forderte zum Spotte geradezu heraus. So klang's und sang's denn dem scheelangesehenen Fcdervolk bald zum Hohne. Spottverse aus die liederlichen Abenteuer derstolzen" Schreiber waren im Anfänge des 16. Jahrhunderts im Schwange, und noch 1669 sind sie beliebt und gern gesungen. Das herausfordernde Auftreten der Schreiber machte sie eben allgemein unbeliebt und lächerlich.

Das Leben und die Besonderheit der Gewerbe, die früher, rm Zeitalter der Kleinmeisterei, weit mehr als heute hervortrat, hat manchen Spottvcrs hervorgerufen. Die verschiedenen Berufe liebten es, sich meinauder zu reiben. Zwar ist im wesentlichen kein Gewerbe von Spott frei geblieben, doch hat sich die Spott­sucht hauptsächlich auf eine Anzahl Gewerbe beschränkt, die ohne­hin schon in der überlieferten Bolksauffasfung durch Sprichwörter oder sprichwörtliche Redensarten als minderwertig gekennzeichnet waren. Ob das mit Recht oder Unrecht geschah, sei dahingestellt. Wir müssen die Tatsache verzeichnen, daß die am meisten ver­spotteten Gewerbe die der Schneider, Müller und Weber sind. An sie schließt sich ja nach Nation und Volksauffassung noch eine Anzahl Gewerbe an, die aber glimpflicher davonkommen. Dem Spotte fast ganz entzogen sind die Berufe des Pfluges und des Schwertes, die beiden ursprünglichen und weltgeschichtlich bedeu­tenden Stände der Menschheit.

Für die Schneider hat das Volkslied meist heiteren Spott übrig. Daß man sie mit Meckern des Ziegenbocks ärgerte, ist ein alter Ulk, dessen schon eine Streitschrift des 17. Jahrhunderts gedenkt. Der Schnciderspott ist nicht auf Deutschland beschränkt, er geht weiter: Bretonen, Basken zum Beispiel kennen ihn eben­falls. Kommt der Schneider nttch glimpflich fort, so wird der Müller in der Volksdichtung fast mit Härte behandelt. Biele Volksliteraturen zeigen hier übereinstimmend die gleiche Schärfe und Verdammung. Der Spott auf die Weber ist schon im deut­schen Volkslied des 16. Jahrhunderts nachweisbar. Aber auch andere Gewerbe werden nicht verschont. Abraham a Santa Clara, der satirische Prediger des 17. Jahrhunderts, erwähnt Spottverse auf Fischer, Zimmerleute, Maurer, Soldaten, Kutscher und Fuhr­leute. Nach Art der Volksdichtung wird der Spott nicht direkt ausgesprochen, sondern einer dritten Person in den Mund gelegt. Weit verbreitet und viel variiert ist ein Spottlied auf verschiedene Gewerbe, wobei die abfällige Beurteilung derselben einem heirats­lustigen Mädchen in den Mund gelegt wird. An jedem Freier hat es etwas auszuschen. Auch der Landmann kommt nicht ganz ungerupft davon. Dem Bauer wirft das deutsche Volkslied seinen Geiz gegenüber seinen Arbeitern vor.

Schier unendlich ist die lange Reihe komischer Gestalten, die das Volkslied der Nationen zum Narrentanze antreten läßt, de» Meister Spott mit der Peitsche in der Hand anführt. Es gibt teilt Laster und keine menschliche Schwäche, die nicht in diesem Reigen ihre Vertreter hätte. Und über alle diese komischen Ge­stalten har sich der Bolksspott in unzähligen Liedern ergossen.

______ I. C. L.

Kunst.

D e k o r a t i v e K u u st". Zeitschrift r angewandte Kunst, herausgegcbeu von Hugo Bruckmaun. X. Jahrgang, Heft 4 und 6. Januar und Februar 1907. Bcrlagsanstalt F. Bruckmann A.-G., München.Eine Studie.überPeter Behrens und die Raumästhetik seiner Kunst" bildet den Inhalt des Januar- hestes, dem zur Erläuterungn zahlreiche Abbildungen von seinen in Dresden ausgestellten Arbeiten beigefügt sind. Diese Räum: werden hier zum ersten Male veröffentlicht und lassen erkennen, wie sehr Behrens Kunst immer mehr zu monumentaler Wirkung hindrängt. Eine willkommene Ergänzung bieter die Re­produktionen von Schülerarbciten der Düsseldorfer

Kunstgewerbeschule, He unter Behrens Leitung sich in wenige» Jahren zu einer Musteranstalt entwickelt hat. Welckw Bedeutung aber der kunstgewerblichen Erziehung, ja dem Kunst­gewerbe überhaupt beizumessen ist, darüber spricht Hermann Muthesius in seiner im Februarhest aogedruckten Eröffnungs­rede zu den Vorlesungen über modernes Kunstgewerbe an der Handelshochschule in Berlin. Was der Vorkämpfer auf kunst­gewerblichen Gebiete hier über die kulturelle Bedeutung, über den erzieherischen Einfluß des Kunstgewerbes sagt, verdient die Be­achtung aller, die an den Fragen unserer Zeit nicht teilnahmslos vorübergehm. Von aktuellem Interesse ist ebenfalls Ernst Schurs AussatzWeimar als Kunststadt", der über die vielbesprochenen Vorgänge i.rm Weimaraner Museum, die Rodin-Asfäre und den Rücktritt des Grasen Keßler Authentisches berichtet. Von denk reichen Bilderschmuck des Heftes nennen wir die Abbildungen des LandhausesHvitträsk", das sich die finnischen Architekten Gesellius, Lindgren und Saarinen in der Näh: von Helsingfors bauten, die von den Münchener Malern Robert Engels, Julius Diez und Alexander Salzmann geschaffenen Kunstverglasungcn für das Rathaus in Remscheid, Ernst Riegels kostbare Preisgefäße für das Herkomer-Rennen und das XV. Deutsche Bundesschießen, die neuen Münchener Brückenbauten mit ihren prächtigen Skulp­turen, moderne Stickereien und Gartenanlagen kurz ein Heft, das vom Neuen von der Reichhaltigkeit und Gediegenheit dieser Zeitschrift, aber auch von dem Siegeslauf der modernen Bestrebungen zeugt.

Gesundheitspflege.

liebetKörperkultur des Kindes" sprach unlängst in Berlin vor der VereinigungDie Kunst im Leben des Kindes" Dr. med. P. Järschkh. Der Vortragende leitete seine lehrreichen Ausführungen mit anatomischen Vetrackstunoeu über den Körper­bau des Menschen ein und wie- nach, daß die Kulturmittel, die unser Leben und die heutige Schule erfordern, unbebingt zu einer Verkrüppelung des menschlichen Körpers und feiner Haupt­bestandteile führen müssen. Durch vernünftige Schulung und Hebung müsse schon der Körper des Kindes in richtiger Weise gestärkt und in seiner natürlichen Schönheit erhalten und fort- gebildet werden. Bon höchster Bedeutung für die gesunde Ent­wicklung des Körpers sei die Muskelarbeit, denn sie erhöh: die Triebkraft des Herzens und fördere den Blutnmlauf. Auch die Atmung und die für sie notwendigen Organe seien von größtem Einfluß auf das Körperleben de» Menschen. Durch gymnastische Hebungen würden die Temperamente erzogen und die Aufmerk­samkeit, Geistesgegenwart und Selbstbeherrschung im Menschen gefördert. Wenn man aber diese Erfolge erzielen wolle, dürfe man sich keine Hemmungen durch störende Kleidung und andere Dinge auferlegen, weshalb es am praktischsten und der Gesund­heit am meisten förderlich sei, wenn derartige Hebungen in völlig nacktem Zustande und im Freien ausgeführt würden. Unter dem Antrieb von Licht und Luft würden die durch dir Mode und eine ungesunde Kultur erzeugten Schäden und Verkrüppelungen des menschlichen Körpers erst richtig entdeckt, und der damit behastete Mensch würde desto mehr angespornt, diese Mißstände zu beseitigen. So sei auch für die Entwicklung des Kindes die Nackt-Gymnastik die beste Methode, da sie sich der natürlichen Veranlagung am meisten nähere. Weiter müsse dann der Unter­richt der Kinder im Freien erfolgen, und so ergäben sich aus diesen Anfängen alle weiteren Vorteile iiibezug aus vernünftig? Nahrung und Kleidung. Die Erziehung zur Lebenskunst müsse das Prinzip der Kindercrziehung werden. Dadurch würde ein gesundes Geschlecht herangebüdet werden, dem auch nationales Denken und Empfinden eigen sein würde, und als helfen schönstes VorbUd uns das Volk der alten Griechen noch heute vorschweben tönne.

Magisches Dreieck

Nachdruck verboten.

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--derart einzutragen, daß die einander entime« chenden wagerechten und senkrechtkit diechm gleichlautend Folgendes bebrüten:

__1. Einen Wirtschailegegeitsiaud.

2. Aegypistche Gottheit.

--- 8. Berg in Ungarn.

4. Fürwort.

5, Emen Buchstaben

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummerr

Nobel, Uhr, Rebel, Nicht, Llukel, Regen, Mieder, Auge, Cify, llöube, Teller, Kopf, Auster, Rund, Nagd; Hunger maeht zahin.

Redaktion; Ernst Heß. Rotationsdruck und Vertag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Sieurdruckeret, SU Hange, Dtetze»