Ausgabe 
6.2.1907
 
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Hanna Gerhardt hatte mit Marga zusammen auf allge­meinen Wunsch die stets bevorzugte Stelle in der Blumenhalle zugesprochen erhalten. Für diese war eine Ecke des Saales in eine riesige Laube aus Blattpflanzen und blühenden Gewächsen ver­wandelt.

Aus dem tiefen, satten Grün des Hintergrundes heraus leuchteten die Gestalten der Neiden Freundinnen schlank, licht und rein, wie jene keuschen, römischen Vestalinnen, welche das heilige Feuer hüteten. Weicher, blendend weißer Seidenstoss fiel in schim­mernden Falten an ihnen hernieder, goldene Bänder hielten das lose Gewand in der Taille zusammen, umsäumten den Rand des­selben, den runden Ausschnitt, die weiten geschlitzten Aermel, welckw bei jeder Bewegung die mit Goldspangen geschmückten Arme frei ließen. Sie trugen beide die Haare gelöst, nur in Scheitel­höhe vou einem Brillantkamm gehalten.

Um Margas ernstes Gesicht flimmerte das krause, lichte Blondhaar wie ein Heiligenschein. Sie sah ganz anders aus wie früher. Aus dem frischen, blühenden, gesunden Mädchen war ein blasses, stilles Geschöpf geworden, das sich nur mühsam zur Heiterkeit und Unbefangenheit zwang.

Als Hauptmann von Poseck, der mit dem schönen Schmieder den Saal durchmusterte, sie erblickte, krampfte sein warmfühleudes Herz sich zusammen. Sein einstiges Mißtrauen gegen sie ver­schwand, wandelte sich in ein ungeheures, zärtliches Mitleid um, wie es der Mann oft für ein schwaches, hilfloses, unglückliches Weib empfindet und das in den meisten Fällen die Mutter einer echten, dauernden Liebe wird.

Er trat rasch auf sie zu und begrüßte sie mit unbefangener Herzlichkeit.

Ihre Finger zitterten leicht, als sie die gewünschten roten Rosen für ihn zusammenüand und sic ihin hinreichte. Er hielt ihre Hand mit dem Sträußchen einen Moment fest.

Warum sind Sie so fremd gegen mich, Baronesse Marga?" fragte er warm,wir waren doch so gute Freunde,"

Sie senkte die blonden Wimpern.

Fremd, Herr Hauptmann?" sagte sie schüchtern,das bin ich doch wirklich nicht, ich habe oft an Sie gedacht."

Tann, als ob ihre letzte Bemerkung sie reute, zog sie hastig ihre Hand zurück und wandte sich mit rosig glühenden Wangen einer alten Dame zu, die ein Veilchenstrüußchen verlangte. Als sie sich möglichst unbefangen wieder dem Offizier zuwandte, neigte er sich über den trennenden Tisch und bot ihr die Rosen.

Im ersten Moment wehrte sie ab und erneut überzog jähe Glut ihr schmales Gesicht. In ihm wallte eine heiße Zärtlichkeit auf. Wie er diese stolze, mädchenhafte Zurückhaltung an ihr liebte!

Nehmen Sie, bitte, die Rosen, Baronesse, zum Zeichen, daß Ihre Worte vorhin keine bloße Phrase waren. Sie machen mich sehr glücklich damit."

Seine Augen unterstützten die Bitte diese treuherzigen, braunen Augen sein ganzes Fühlen lag darin. Margas Pulse begannen fieberhaft zu hämmern.

Mit einem geflüsterten Dank nestelte sie die Rosen in ihren Gürtel. Ein warmer Blick lohnte ihr dann verneigte Poseck sich grüßend und mischte sich unter die drängende Menge.

tFortiekung folgt.)

Zur H» ychologie des WolKstiedes»

In der nächsten Zeit wird die Volksliedersammkung, deren Herausgabe der Kaiser angeordnet hat, nach jahrelanger Vorbe­reitung erscheinen. Als willkommener Beitrag zur Einführung in die Materie kommt soeben ein Buch aus dem Berlage von B. G. Teubner in Leipzig,Psychologie der Volksdichtung" von Otto Bockel, dessen interessanter Inhalt das ganze Gebiet des Bolks- erschöpfend umfaßt uind sein Wesen, seine Entstehung und Au^brertung untersucht. Böckel hat sich streng an das Volks- maßlge gehalten, trotzdem ja die Versuchung oft nahe gelegen haben Mag, auf das Gebiet der Kunstdichtung überzuspringen. Wre zener Volkvsanger der Tataren naiv meint:Bevor man erregt cst ist kem Wort da", so kann man wohl sagen, daß, da alle Dcchtung ursprünglich mit Gesang verbunden war, der Gesang m^,!^"E^bung der seelischen Erregung, dem Ueberschwang des Gefühls verdankt. Alles, was der Naturmensch an Freud und Le,d erfahrt, was ihn erschüttert oder erfreut, ihn reizt oder ab­schreckt, das entlockt ihm gesangartige Laute. Er handelt instinkt­mäßig, genau ebenso wie das Tier oder das Kind, die auf alle von außen kommenden Anregungen mit Lauten antworten. Diese unartikulierten Laute, die den unvermittelten und ungetrübten Ausdruck des Gefühls darstellen, nennen wirRufe"; in ihnen liegt der Kern dessen, was wir als Volksgesang, Volksdichtung

oder Volkslied bezeichnen. Daß die seelische Erregung die Mutter alles Gesanges ist, zeigt das Benehmen der Naturvölker, das heißt aller derjenigen Menschen, bei denen sich das Gefühl noch in frischer Unmittelbarkeit, nnbeeinslußt durch die Macht des Denkens,, beobachten läßt. So vollzieht sich unmittelbar unter der Einwirkung des Gefühls ein unbewußtes Singen und Dichten. Mi Diene kost" sagte eine italienische Volkssängerin, nach einer Wendung in ihrem Gesänge befragt. Dieses:Es kommt mir so ein" ist der treffende Ausdruck für das unbewußt im Halbtraum sich vollziehende Dichten.

Aus dem reichen Inhalt des fesselnden Buckes greifen wir hier das KapitelSpottlieder" heraus, dessen Frische und Ur­sprünglichkeit vielleicht am besten die Art kennzeichnet, in der Böckel seinen Stoff meistert. Spottlieder gehören zu den ur­sprünglichsten und ältesten dichterischen Erzeugnissen des Menschen- geistes. Vielfache Spuren altindischer Spottlieder sind schon in der Rigveda nachtveisbar. Diese Spottsucht lebt noch in Indien fort. Die Sänftenträger Südindiens empfinden ein besonderes Vergnügen dabei, dem europäischen Insassen ihrer Sänften Spott­lieder vorzusingen, die ihn und seine Eigenschaften tüchtig durch­hecheln. Die Germanen waren Freunde eines derben Spottes. Als die Teutonen am römischen Lager vorbeizogen, riefen sie den verschanzten Römern zu,ob es nichts an ihre Frauen ausznrichteu gäbe?" Das war echter Kriegerspott. Besonders ausgeprägt war die Spottlust bei den Westgermanen. Auch in der Politik mögen im frühen deutschen Mittelalter schon Spottlieder der Parteien ausgegangen sein, um mißliebige Gegner zu schädigen. So sollen aus die Wahl Rudolfs von Schwaben zum Gegenkünig Heinrichs IV. Spottlieder verfaßt sein. Auch sonst geschieht der­artiger Schimpfgesänge im Mittelalter Erwähnung; ba jedoch nichts erhalten ist, läßt sich über Inhalt und Form nichts bestimmtes mitteilen.

Viele Spottlieder hat die Reformation ins Leben gerufen. Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz bekämpften sich die Parteien mit Spottversen, die wie Speere herüber und hin­über flogen. Es war eben nicht nur eine geistig tief bewegte Zeit, sondern es war auch die Blütezeit des Gesanges. Deshalb ward alles, was die Gemüter bewegte, zum Liede. Tie hollän­dischen Patrioten, die den ursprünglichen NamenGueusen" jBettler) zu ihrem Ehrentitel erhoben, sangen ein Spottlied auf den Herzog von Alba nach der Weise des Liedes vom alten Hilde­brand. Als Napoleons Gewalt auf dem Zenith stand, wagte sich das Spottlied angesichts der scharfen Zensur der Franzosen kaum hervor. Die Vaterlandsfreunde verbissen knirschend ihren Zorn. Aber der ersehnte Tag kam. Als Napoleons Macht endlich zusammenbrach, da rang sich zuerst der Spott aus der Brust der unterdrückten Deutschen los, da wurde der Spott als Waffe gegen den Korsen mit Vorliebe gehandhabt; das einzige, was im Bolksgesange haftete, waren einige schwache Spottverse aus den Imperator, die noch heute gesungen werden.

An der Spitze der Berufsspötter marschierten von jeher die Kriegsleute. Ihrer rauhen Art entsprach es, sich mit dem Gegner auch im Spott zu messen. Als geistige Angriffswaffe hat das Spottlied von jeher Pflege unter den Soldaten gefunden. War es doch schon im deutschen Altertum Reckenart, den Gegner mii Spott zu ärgern und die eigene Wut zu erhöhen, bevor man ihm mit der Waffe zu Leibe ging. Die Landsknechte fochten nicht nur aus dem Schlachtfelde mit ihren Gegnern, den schweizerischen Reisläufern und sranzösischen Aoenturicrs ntandjen harten Strauß, sie teilten auch in Spottliedern Hiebe aus, die nicht unerwidert blieben. Und wie konnten diese wetterfesten Haudegen singen! Vornehmlich sangen sieweit und breit den Eidgenossen zu Leide", denn diese waren ihre Mitbewerber und fast immer ihre Gegner.

Das letzte echte volksmäßige Spottlied, das aus Soldaten­mund erscholl, war das Kutschkelicd vom Jahre 1870, in Ton und Fassung ein echter Sproß der alten, derben kriegerischen Spoitgesünge; wie diese, ungeschlacht in der Komik, wenig wähle­risch in der Satire, aber kurz und packend, das einfache Soldaten­gemüt ansprechend und belustigend. Kutschkes Spott ist uralter Soldatenspott. Man hat ihm die Ehre angetan, ihn in alle mög­lichen Sprachen zu übersetzen ganz unnötig, denn der Krieger­spott ist allen Völkern eigen, jedes Volk belustigt sich im Kriege aus Kostei» seiner Gegner.

Aus der Fülle der Spottlieder ragen einige ganz besonders bezeichnende heraus: Lieder auf Pfaffen und Schreiber, auf be­stimmte Gewerbe, und die Satiren auf menschliche Schwächen und Gebrechen. Spottlieder auf lüsterne oder sonstige nichts­nutzige Pfaffen sind bereits im Mittelalter vielfach gesungen wor­den und es wäre deshalb verkehrt, sie mit der religiösen Be­wegung in Verbindung bringen zu wollen. Ihr Zweck war der­selbe, der alle Spottlieder des Volkes schafft: es sollen hier