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nicht sehr angenehm berührt von der Aussicht, naß dort anzukommen. Er war erst eine kurze Strecke in dem Tempo geritten und eben an einem Querweg ang.'langt, als er sein Pferd plötzlich ungestüm zurückriß, daß das erschrockene Tier einen Moment kerzengerade auf den Hinterbeinen stand und es nur der Reitkunst Joachims gelang, es zu einer Biegung nach rechts zu veranlassen. Bon dort kam den dämmerigen Waldweg entlang Hanna Gerhardt, gefolgt von Franz, den sie als unentbehrlich nach Balldors mitgenommen hatte und der sie nuf ihren Ritten stets begleitete. Sie mochte sich wohl mit Bekannten ein wenig länger ausgehalten haben, daß sie erst jetzt auf oem Heimwege war. Und sie war eben>o wie er schutzlos der Unbill des Wetters preisgegeben!
Tas erste Gefühl, was der junge Offizier bei ihrem Anblick cmpfanö, war eine heiße Angst um dieses kostbare geliebte Leben, das er mit seinem eigenen bezahlt hatte und das vor dem kommenden Regen zu schlitzen er nicht einmal seinen Mantel zur Hand harte. Die junge Fran sah aber ganz und gar nicht geängstigt aus.
Schon von weitem rief sie mit ihrer hellen unbefangenen Stimme:
„Famos, daß ich Sie treffe, Baron. Sie müssen mir Gesellschaft leisten, wenn Sie nicht etwa vorziehen, pudelnah zu werden. In fünf Minuten sind wir unter Dach und Fach."
Ein erneuter Windstoß verwehte ihre letzten Worte und bauschte ihr weißes. Reitkleid wie eine Uchte Wolke auf. Er hatte schon kurz vor ihr sein Pferd gewandt und kam an ihre Seite.
„Natürlich ist es mir ein Vorzug, Sie begleiten zu dürfen, gnädigste Frau, selbst, wenn cs nicht unter ein schützendes Dach wäre."
Er sprach aus seiner Augst um sie heraus und daher hatte seine Stimme eine Wärme, die sie noch nie an ihm bemerkt.
Ein rascher heißer Blick flog durch den Spitzenschleier über seine Gestalt. Er saß brillant im Sattel mit der eleganten Sicherheit mnd Geschmeidigkeit des vollendeten Reiters. Auf seinem stolzen ernsten Gesicht lag verschonend der Abglanz der freudigen Erregung, welche sein Inneres erfüllte. Hanna war in dem Moment wirklich besinnungslos verliebt in ihn. So wie sie es nie für möglich gehalten. Das unerwartete Zusammentreffen mit dem begehrten Mann, der ihr so geschickt auszuweichen wußte, versetzte sie in einen wahren Rausch. Sie jauchzte laut in den Aufruhr der Elemente hinein und ein triumphierendes Zucken lief über ihr Gesicht, als jetzt dicht vor ihnen der geweihgekrönte Giebel eines einstöckigen Hauses auftauchte. Der Seitenflügel war wohl erst später angebaut worden, er zeigte hohe, dicht verhangene Fenster. In der Tür erschien knixend die rundliche Fürstersfrau, schon die Schlüssel zu den Jagdzimmcrn in der Hand.
In einem der großen Räume, welche der Rittmeister für sich und seine'Jagdgäste mit allem Komfort hatte einrichten lassen, saßen Hanna und ihr Begleiter sich bald darauf gegenüber. Durch das weitgeössnete Fenster strömte der würzige Atem des Waldes, klatschend fielen draußen die ersten schweren Tropfen nieder. Hanna hatte Hut w»d Handschuhe abgelegt und sich auf der mit tiesschwarzem Bär.usell bedeckten Chaiselongue niedergelassen. Die cmporgenommene Schleppe des Reitkleides eng nm die Knie gewickelt, zeigte sie ein schmales Füßchen im gelben Reitstiefel. Ihre schlanken weißen Hände bogen die kostbare Reitgerte hin und her. Dabei plauderte sie allerlei harmloses törichtes Zeug. Sie kritisierte die Gefechtsübungen und lachte über den dicken „Eppen".
„Er ist mit seinem fetten Gaul den einen Hügel förmlich heruntergekollert. Und der kleine Graf Scherrentin sei vom Pferde herab der ältlichen heiratslustigen Tochter eines Gutsbesitzers unsreiwillig in die Arme geflogen."
„Das hätte ein gelungenes Sujet für seinen Apparat gegeben."
Tressenberg hielt sich in ziemlicher Entfernung von ihr. Dies Tete-a-Tete mit der heiß begehrten Frau stellte ungeheure Ansorderungen an seine Selbstbeherrschung. An ihm zitterte alles vor zurückgedrängter Leidenschaft.
Nun fing sie an, ihn durch scheinbar harmlose Neckereien zu quälen. Ob er sehr viel Liebesbriefe aus St. bekäme, ob er schon wieder „was" habe und mit wem und ob er vielleicht irgend eine Dorfschönheit zum Selbstmord veranlassen würde. Er bemühte sich, auf ihre Neckereien einzugehen, aber sie fühlte doch heraus, daß sie ihn damit peinigte.
Als jetzt mit Blitz und Donner zugleich der Sturm eine Wassergarbe bis weit ins Zimmer schleuderte, ging er zum Fenster herüber und schloß es sorgfältig. Dann blieb er stehen und starrte düster in den Regen hinaus.
Die junge Frau musterte ihn kopfschüttelnd.
„Wissen Sie in meiner Gesellschaft wirklich nichts besseres zu
tun als einen verregneten Wald zu studieren?" fragte sie etwas gereizt.
Er wandte sich sofort um und kam nachlässig herüber. Dicht vor ihr lehnte er sich an einen hohen Sessel und sah aus ernsten Augen auf ihre weiße Gestalt nieder.
„Unsere Gefangenschaft wird nicht mehr lange dauern!" sagte er ruhig. „Der Sturm treibt das Gewitter rasch vorüber."
Ein spöttisches Auflachen antwortete ihm. Hanna schleuderte die Reitgerte von sich und hob den Kopf. Wie ein goldenes Schlängle:« ringelte es sich durch ihre grünen Augen.
„„Tor!" Halblaut, aber ganz deutlich kam's über ihre roten, lächelnden Lippen.
Tas Wort fuhr ihm durch die Glieder gleich einer lodernden Flamme. Eine Glutwelle färbte sein blasses Gesicht. Und neben der glühendsten Leidenschaft kam eine unbändige verzweifelte Wut in ihni auf gegen dieses junge verführerische Weib, das mit lächelnder Ruhe sein Herz zerfleischte.
, Seine ganze Beherrschung verließ ihn. Er kniete vor ihr nieder, umschlang sie, hob sie empor in seinen Armen, und drückte sie au sich.
„Joachim!" stammelte sie, ihr Gesicht an das seine pressend. Er stöhnte auf, wie zu Tode getroffen.
In einer Sekunde drängte sich in seiner Brust unsägliches Glück und rasender Schmerz über seine Schwachheit zusammen.
„Barmherziger Gott!" schrie er gequält, „laß mich doch sterhen mit dem Klang dieses Wortes im Ohr."
Sie umschlang ihn fester.
„Nicht sterben, Geliebter nein, leben und glücklich fein." Hanna dachte nicht mehr an die spöttische Abwehr, von der sie sich einst so viel Vergnügen erträumt — sie dachte nur an seine Küsse.
Und nun küßte er sie wild, glühend, wie ein Mensch, der die Brücken hinter sich abgebrochen hat und sein mahnendes Gewissen betäuben will durch berausckwnden Trank.
Hanna erzitterte. Mit verträumten Augen hing sie an seinem Gesicht. Und da war es ja auch, das alte zärtliche Leuchten in seinen goldbraunen Augen, nur tausendmal verstärkter, inlensiver.
In dem Moment war all ihre egoistische Kälte, ihre berechnende Vernunft verschwunden.
Sie war nur noch das Weib, das als einzigen Lebenszweck betrachtet, den Mann ihrer Liebe glücklich zu machen.
Zweiter Teil.
1.
Auf das bunte, welkende Herbstlaub war der erste Flocken- gruß des Winters gerieselt und Marga von Tressenüerg sah mit Grauen eine lange, öde, dunkle Zeit vor sich, in der Schloß Loßwitz auch äußerlich von Schnee und Eis umgeben sein würde, als Hanna Gerhardt ihr noch einmal die Hand zur Rettung bot. Sie schrieb, alles Vergangene ignorierend, einen liebenswürdigen Brief an die Freifrau und bat sie, ihr Marga zu senden, damit sie ihr bei den Vorbereitungen zu einem Wohltätigkeitsbasar und bei diesem selbst hülfreiche Hand leisten könnte.
Tie Freifrau war klug genug, einzusehen, daß Marga in dem landrätlichen Hause allein Gelegenheit haben konnte, sich auch ihren Wünschen gemäß zu verheiraten und so langte das junge Mädchen acht Tage vor dem Basar bei oer heiß geliebten Freundin an. Sie weinte bitterlich, als Hanna sie in die Arme schloß, aber diese ließ sich auf keine weiteren Erörterungen ein. Sie haßte Rührszenen. Sie brachte das Gespräch aus den bevorstehenden Basar, der all ihr Sinnen und Trachten momentan zu beherrschen schien. Er mußte glänzend werden.
Ter Landrat hatte die ganze innere Ausstattung des Sales im Ständehause auf seine Kosten genommen, sämtliche Verkäuferinnen aus den ersten Gesellschaftskreisen sollten kostümiert er- f deinen.
Endlich war der große Tag da.
Ter landrätliche Saal bot ein märchenhaft schönes Bild. Die Wände waren reich mit Tannengrün geschmückt. Ein zierlicher, bunt bemalter Kiosk nahm die Mitte des großen Raumes ein. Ueber seiner runden Kuppel schwebte der goldene Halbmond. Zwei junge, kokette Hauptmannsfrauen im Türkinnenkostüm machten dort bei Zigarren und Zigaretten glänzende Geschäfte. In einem schwarz-rot drapierten Zelt luden zwei Komtessen aus der Umgegend, die eine tiefbrünett im grellroten, die andere lichtblonde im schwarzen Satanellakostüm zum harmlosen Roulettespiel ein. Unaufhörlich rollte die kleine Kugel unter dem Lachen und Scherzen der Spielenden.
Auch am Büfett, hinter dem die Damen in altdeutscher Tracht hantierten, ging es sehr lebhaft zu. Die Offiziere waren meist soeben erst von ihrem Herbsturlaub zurückgekehrt, frisch, slolt und gutgelaunt—■ fie ließen sich den Spaß etwas kosten.


