Ausgabe 
6.2.1907
 
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Menschenleben, die tilgen.

Roman von H. Ehrhardt, Derlastcrin vonMittellose Mädchen"

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Herr von Eppen hatte ein sannischcs Lächeln um die Lippen, als er in den Lichtkreis der Tür trat er grüßte die rasch an ihm vorbei eilende Frau sehr kordial mit amüsiertem Augen­blinkern.

Nanu, ich habe gestört, wie's scheint, Herr Leutnant!" meinte er drinnen im Zimmer gut gelaunt.

Trcssenberg war sehr reserviert, ganz junger Leutnant. _

Durchaus nicht, Herr Rittmeister, es war etwas Geschäftliches, was Frau Kreß zu mir führte und das ist erledigt."

Er hätte nm keinen Preis verraten wollen, auf welche Weise er die Bekanntschaft der hübschen, leichtsinnigen Frau gemacht habe, denn er wußte, daß die Herren Rittmeister öfters ihren Offizieren daS Vorbereiten zur Kriegsakademie verboten, weil sie fürchteten, das Jnteresfe für den täglick-en Dienst könne da­bei erlahmen. Er mußte also still sein und es sich gefallen lassen, daß der Rittmeister lachend sagte:

Na, die Frau Kreß kennt inan ja. Aber nehmen Sie sich in Acht vor ihr, Trcssenberg, sie ist eine rabiate Person."

Der junge Offizier verneigte sich formell.

Besten Tank für die Warnung, Herr Rittmeister, aber ich habe mit der Frau absolut nichts zu schaffen, was mich zur Vorsicht mahnen könnte."

Na, schon gut."

Ter Rittmeister glaubte ihm natürlich kein Wort. So ein Duckmäufer! Aber er tat seinem jungen Offizier den Gefallen, das Thema abzubrechen und aus den Zweck seines Besuches, eine ihn persönlich berührende Angelegenheit zu kommen.

XV.

Hanna Gerhardt sah sich am Ziel ihrer Wünsche. Tressen­berg hatte bei dem Wiedersehen in Valldorf zum ersten Male seine freudige, leidenschaftliche Erregung nickst bemcistern können, er vermochte sic dsurch die kühle Ruhe nickst mehr zu täuschen. Uber sie waren nie auch nur einen Augenblick allein.

Tressenbcrg selbst war nicht im Schlosse, sondern in einem naheliegenden Dorje einquartiert und es war nicht einmal stlbst- vcrständlich, daß er sich täglich dort sehen ließ. Ihm war es eine Qual, sie unter den vielen leichtlebigen, verliebten Offizieren zu beobachten und er begriff den Landrat nicht, der ruhig allein in §t. saß, weil ihm der Manövertrubel nicht sympathisch war.

Allerdings hatte die junge Frau auch den bösesten Zungen gegenüber ihren guten Ruf zu schützen gewußt. Neben Adele Kronau saß noch eine schöne, alte Dame mit schlohweißem Haar und gütigcii Augen au der täglichen verspäteten Mittagstafel: Frau von Pojcck.

Hanna hatte so lange gebettelt und geschmeichelt, Ernst Kronau so liebenswürdig eingeladen, daß sie nicht anders ge­konnt, als Hanna den erbetenen mütterlichen Schutz zu gewähren. Sie fühlte sich mit ihrem feinen, nachsichtigen Verständnis für

die Jugend sehr wohl in dem übermütigen Kreise und die Offiziere sckstvärmlen geradezu für die Mutter ihres beliebten Kameradem

Besonders aber der Hausherr widmete sich ihr fast ausschließ­lich. Der Verkehr mit 6ient flotten Osfiziersvolk hatte feinen Reiz für ihn verloren, er war solid geworden.

Er wird alt, der gute Kronau!" sagten die jungen Herren seiner Bekanntschaft, ohne zu ahnen, welch jugendlich heißes Em­pfinden cs war, das ihn innerlich so gewandelt hatte.

Tresfenberg bemerkte diese Wandlung natürlich auch und be­urteilte sic richtig.

Der Rittmeister schien ihm bei näherer Bekanntschaft sehr sympathisch und er hätte nichts dagegen gehabt, ihn als Schwager zu begrüßen, wenn er nicht Hanna Gerhardts Onkel gewesen wäre.

Zwischen der vergötterten Frau und ihm noch eine verwandt­schaftliche Vertraulichkeit dann sank auch die letzte Schranke zwischen ihnen. Und davor fürchtete er sich grenzenlos.

Er wußte noch nicht die ganze Größe der Gefahr, vor der er stand. Aber er hatte doch ein gewiß erleichtertes Gefühl in der Brust, als er zu den letzten Gcsechtsübungcn, die sich nun schon ziemlich entfernt von Valldorf abspielten, anszog. Morgen und übermorgen waren die letzten großen Biwaks angcsagt, dann kam der Heimritt in die Garnison, der Herbsturlaub--eine

wochenlange Trennung, die ihm gleichsam als ein barmherzige- Verzögern irgend einer drohenden Katastrophe schien.

In der Nacht war ein Gewitter niedergegangen und hatte den fast unerträglichen Staub der letzten Tage gelöscht. Aber die Sonne stach entsetzlich. Die Offiziere, die Mannschaften alles strömte von Schweiß. Eine Menge Zuschauer hatte sich eingefunden. Neben mehreren herrschaftlichen Equipagen hielt auf einer kleinen Anhöhe auch eine Dame zu Pferde das mußte jedenfalls Hanna Gerhardt sein. Der Freiherr bezwang sich und ritt in der Ruhepause nicht hinüber, während die anderen Offi­ziere alle zu ihrer Begrüßung hinstürmten. Als sie zurück- kchrend an ihm vorbeigalopierren rief Graf Schcrrenlin ihm zu;

Frau Gerhardt läßt Ihnen sagen, Sic sollen heut noch mal zu Tisch kommen!"

Joachim nickte. Er mußte natürlich hin. Grund zur Absage gab es nicht. Da sein Quartier ganz in der Nähe lag, sein Bursche bereits seine Sachen zum Umziehen bereit gelegt hatte, so war er schon nach einer halben Stunde zu Pferde, Fahrgelegen­heit hatte er so schnell nicht, auf dem Wege nach Balldorf. Ist der Luft lag die druckende Schwüle eines nahenden Gewitters. Im Westen stieg cs dunkel auf und einzelne Vorläufer des Wolken­gebirges begannen schon die Sonne momentan zu verdüstern. Es donnerte fern und leise.

Der junge Offizier ritt in Nachdenken versunken, die Chaussee entlang und beachtete das hcraufziehendc Wetter nicht. Erst als er in den zu Balldorf gehörigen Wald einbog, merkte er, daß es beinah finster geworden. Der Himmel hatte sich rasch völlig umzogen und nun fuhr in die dumpfe atemlose Stille des Waldes der erste brausende Windstoß des nahenden Unwetters. Tressen­berg ließ fein Pferd galoppieren, denn er war noch eine gute halbe Stunde von dem Gutshaus Balldorf entfernt und gerade