Ausgabe 
5.12.1907
 
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Er Totitint wir unser MihuachtSmanU zu den Indern, hat für I die outen von ihnen, die ihm ein Gedichtchen hübsch, anfsagen ! können, allerlei Schönes und Süsses, für bte Bosen redoch die | wohlverdiente Rute. Und da nun einmal alles Gute von oben kommt, so blicken auch die holländische!« Kinder erwartungsvoll nach dem Kaminloche, denn St. Nicolaas spedierte seine Süßig­keiten für die artigen Kinder durch den Schornstein. .

Ter Schornstein war schon zu den ältesten Zeiten m der kindlichen Einbildungskraft die direkteste Verbindung des Irdischen mit der überirdischen Welt. Durch den Schornstein vernahmen sie allerhand Stimmen und Geräusche, Prophezeiungen und War- nungeii Durch den Schornstein kamen die Poltergeister, um I Plagen ins Haus zu bringen; auch die Klabautmnannchm.u«d Konsorten wählten' diesen Weg, wenn sie nachts den Glucks- nnd Sonntagskindern einen Sack voll Geld vvrs Bett setzten. | Tiefes nicht mehr ungewöhnlichen Weges bedient sich auch I der heilige Nicolaas der Kinder Hollands. Mit bäriger oder I freudig erwartungsvoller Miene, je nach der Belastung ihres I Gewissens, knien sie vor dem Herde, em Bund Heu m der Hand, nach welchem Nicolaas zunächst seinen schwarzen Knecht Piet" durch den Schornstein schickt, damit sein Gaul zu fressen I f)<lt Tas Fest des Heiligen Nicolaas wird auch in anderen Ländern gefeiert; doch hat cs sich nirgends so zii rrnem allge­meinen Volks- und Freudenfeste ausgewachsen, wie in Holland; und in diesem Lande ist es wiederum die Hauptstadt Amsterdam, deren lebenslustige, mit urwüchsigem Humor begabte Bewohner in allen» was St. Nicolaas äugelst, den Ton angebeu Von die­sen« Amsterdamer Humor kann sich nur der eine Vorstellung machen, der Proben davon selbst mit erlebt hat. Mir fallt da eine allerliebste Episode ans der Zeit der Krönungsfeste em:

Als die Königin feierlich in ihre Hauptstadt eingezogen war, gingen am ersten Abeiid die Wogen der Begeisterung so hoch, daß die kleine Herrscherin die ganze erste Nacht hindurch die ersehnte Nachtruhe nicht fand. Am nächsten Morgen prangte an den Straßenecken in der Umgebung des königlichen Palastes in vielen Exemplaren die erste Proklamation der jungen Königin anihre lieben Amsterdamer". Und was die besagte? Die lieben Amsterdamer" möchten doch ein wenig früher schlafen i gehen undaufdemDam" nicht solchen gräßlichen Radau machen, I da die Königin nicht schlafen Kinne. Solch eine erste Prokin- | mation einer neuen Königin au ihre Hauptstädter ist , an sich schon ein gut Stück Humor. Aber es kam noch besser. Am folgenden Abend bot die Polizei ihren ganzen HumorWie? Humor?" das soll gewißErnst" heißen? ach nein, man ist dort in einem glücklichen Laude, und ich wiederhole es, die Polizei bot ihren ganzen Humor auf, 11m der jungen Souveränin zu ihrer Ruhe zu verhelfen. Tie Polizisten sind dort sehr beliebte Leute mrd sobald nun so eine singende und tanzende Rotte zumDam" hinkam, mischte sich ein Schutzmann unter sie« Er ward alsbald umringt und unter fortwährendemPst, pst!" tanzte cr seine Schar in eine der auf den Dam mündenden Straßen wieder hinein. So gelang cs tatsächlich, das Volk von dem Palais abzuziehen.----- Es ist spät nachts,

oder vielmehr sehr früh morgens. Amsterdam schläft, bte Köni­gin schläft. Doch nein, dort aus der Kalverstraat im Restau­rant von Laar wirb eben das Licht ausgedreh-t ftmunt noch einVerspäteter", ein sehr eleganter Herr. Aufmerksam liest er das weiße Plakat an der Ecke, blickt scheu zum Schlosse hinüber, lehnt sich an die Wand, zieht bedächtig erst den einen, dann den anderen Stiefel aus, hängt sie vorsichtig an den, SpazterstoS, nimmt diesenauf die Schulter", und so auf Strümpfen schleicht cr leise an dem Palais vorüber, den Posten und Poli­zisten, die latit herauslachen wollen, ein mahiiendesPst, pst znzischcud. .. , , , .

Solch urwüchsig harmloser Humor r,t es, der auch das Nicolaasfest beherrscht.

Der Abend des 5. Dezember, als der Vorabend des Nicolaas­tages, ist der sogenanntePakjes-Abeud", an den« man sich, wie an unserem Heiligabend, beschenkt. Und zwar schickt mau sich die Geschenke zu, selbst innerhalb der Familie also eine Art Jnlklapp-Spaß. Armen Kindern gilt dieser Abend als der ein­träglichste des Jahres. Zu Hunderten sind sie daun auf brr Straße, und wo sie nur eines Paketes ansichtig werden, fliegen sie auf den Träger zu:Pakjes dragen, Mijnheer?" und für jedes ernten sie doch zum mindesten ein Dubbeltie (10 Cents).

Fast in allen Liedern, die dem Nicolaas gesungen werden, läßt man ihn die erbetenen Schätze aus Spanien holen: ©int Nicolaas von Tolenting, Breug my mee wat lekkerding, Lekkerding van Spanje."

In Amsterdam erreichte um den Beginn des 16. Jahrhunderts der Nicolaas-Rummel eine solche Höhe, daß dem Fest-Heiligen in dev Oude Kvrk (Alten Kirche) ein Standbild aus purem Silber errichtet wurde. Doch schon nach fünfzig Jahren fanden die Väter der Stadt heraus, daß dieses Bild viel zu kostbar sei im Verhältnis zu per Ebbe, die zu selbiger Zeit in der Stadt­kasse herrschte, und nach vielem Hin^ und Herberaten zeichneten sie am 4. Oktober 1578 einen Beschluß, der den Kirchenvorsteher ermächtigte, den silbernen Heiligen zu versilbern. .

In die Familien kommt der Nicolaas heute natürlich, wie

unser WeilmackMuaun, zu Fuß, und in den Städten mit ihren modernen Oefeir wohl auch nicht mehr durch den Schornstein, sondern durch die Tür; ja, er ist sogar mit der Zivilisation so weit vertraut, daß er selbst eine Fahrt auf der Eiscm- oder Pferdebahn nicht verschmäht. Auf dem Sanb-e, da reitet er noch hier und da, kommt auch durch den Schornstein, luo die Aniage es gestattet; doch das nur iroch ganz vereinzelt.

Daß die Weihnacht in Holland durch das Nicolaasfest ver­drängt ward, muß man mm nicht etwa glauben. Auch das Weihnachtsfest wird dort in vielen, vielleicht sogar den meisten Familien aefeiert, wenn auch nur beim Kerzeuglanze eines Christ- baumcs und einem opulenten Weihuachtsschmaufe, ohne Geschenk.

(M IHM Wdenimch Karl Frenzels 80. Grdnttsrag.

(6. Dezember 1907.)

Das Alter hat zwei Gesichter, ein finsteres und ein lichtes, ein schlimmes, uub ein gutes." Zu den Rednern, die von Freud und Leid des Alters gekündet haben, zu der Schar weisheitsvoll geklärter Männer von Cicero bis auf Jakob Grimm, die sich Rechenschaft gaben von diesem tiefen Problem des Lebens, tritt nun auch Ernst v. Wilden­bruch in einem dichterisch getragenen Geburtstagsgruß an Karl Frenzel.Solch ein alter Acker, über den das Leben 80 Jahre die Pflugschar geführt hat, wie kann es eigentlich anders sein, als daß die Furchen, die ihm ge­rissen wurden, sich nach und nach zu Höhlungen ver­tiefen, abgründigen, zu Spalten, auf deren dunklem Grunde, wie in Gletscherspalten, der Haß lauert, Haß gegen die Jugend, das Leben, gegen alles, was mit zielstrebendem Fuße .darüber hinweggeht? . . - Wer sieht und fühlt die unbewußte Geringschätzung, mit der Jugend ans Alter blickt, wer hört und versteht das verhaltene Gähnen, mit dem Jugend den Erzählungen des Alters lauscht, und wundert sich, wenn das Alter die Geringschätzung der Jugend mit Ingrimm, ihr Gelangweiltsein mit Verachtung vergilt? wenn es die Jugend befeindet, verlästert und haßt?" Älber eine andere Ahnung kommt dem Dichter,daß das Leben des Menschen doch vielleicht etwas anderes sein möchte als nur die Schlacke am feurigen Leibe der Menschheit"; wenn nur die Seele des Gealtertennicht auf der Heide des Egoismus zur Weide gegangen sei, sondern sich genährt habe von den großen Dingen, die die dumpfe Sehnsucht aller und die Nahrung der erlesenen Geister sind", daun verwandelt sich der geringschätzige Ausdruck im Auge der Jugend in den warmen Blick der suchenden Liebe, da ist kein verhaltenes Gähnen mehr, wenn der Alte spricht, sondern andächtiges Lauschen; und wenn em neuer Jahresring sich um den alten Stamm schliesst, zu­sammen, da kommen sie alsdann die Jungen, Starken, die Lebendigen, undwir haben dich noch", rufen sie ihm zu,und wollen dich behalten, weil wir einen brauchen, der nicht im Tale drunten steht, wo die Parteien, wo wir stehen, "sondern darüber, auf überschauender Warte, die Kenntnisse und Erfahrungen unter ihm gebaut haben, der uns Rat erteilen kann von seiner Weisheit herab, Belehrung, Tadel und Preis. Und ein solcher, den wir brauchen, lieber Alter, der bist du!" Zwei schwere Verluste haben den alten Mann in den letzten Jahren getroffen: Frenzels Gattin, die mehr als vierzig Jahre eine gute Ehefrau ge­wesen Ivar, ist ihm im Tode vorausgegangen undttn- | Jahr 1905 hat Frenzel die Tätigkeit von sich gelegt, deren er Jahrzehntelang gewaltet, die ihn zu einem Führer wt Geistesleben Deutschlands gemacht hatte, die F euilletvn- Redaktion derNation al-Ztg". An^SchUlers hundertjährigem Geburtstage, am 10. November 1859, hatte Karl Frenzel, der soeben die mager besoldete Stelle eines Gymnasiallehrers mit der auch nicht glänzend dotierten Tätigkeit als Redakteur an GutzkowsUnterhaltungen am häuslichen Herd" vertauscht hatte, die Tochter des bitter- armen alten Jnvaliden-Hauptmannes Schmack kennen gelernt, der als Lehrer am Berliner Kadettenhaus wirkte.

Ein ideales Zusammenleben hat die beiden verbunden, in einer Ehe, in der sie nicht nach Geld und äußerest Ehren ausblickten, nicht nach Gnnstbezeugungen irgend eines Mächtigen sahndeten, sondern in der sie, zwei wahr-