Ausgabe 
5.12.1907
 
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todjt froh werden; kaum mehr wagte sie dem Blicke des'Gatten zn begegnen.

Noch schlimmer wurde es, als dann der Bursch wegen der Schlägerei in dein berüchtigten Tanzlokal zu einjähriger Straf­haft Verurteilt wurde. Ins Gefängnis wollte er nicht; daruin zwang er durch erneute Drohungen die Unglückliche wieder, ihren Einfluß beim Vater zn gebrauchen. Als dies sehlschlug, da mutzte sie anderweitig Rat schaffen, denn Franz hatte ihr erklärt, um keinen Preis ins Gefängnis gehen und eher durch einen Mittelsmann die verräterischen Briefe seinem Vater verkaufen lassen zu wollen.

Nun kam das allerärgste er zwang mich, nicht nur unaufrichtig gegen dich zn sein, ich muhte dich direkt betrügen," offenbarte sie schluchzend.Er kam auf den' Gedanken, sich ein Taschengeld zu nrachen, indem er eine Nachtdroschke fuhr. Da sollte und mutzte ich helfen. Er händigte mir ein Schlafpulver ein, das sollte ich den Kunden ins Futter mengen ... ich schämte mich so vor dir, Richard . . . Ach, könntest du mir nur glauben .... Aber ich wußte nicht ans noch eilt und die Todesangst lebte in mir, du könntest hinter all das gräßliche kommen und mich von dir jagen. . . Gewiß, ich habe schwer gefehlt, ich hätte es darauf ankommen und mich rückhaltlos dir anvertrauen sollen.... Ach, Richard, wie ungeheuer hart habe ich diesen' Mangel an Vertrauen büßen müssen!" schluchzte sie bitterlich auf.Du kannst es mir nicht nachfuhlen, was ich gelitten. . und ich weiß nicht, ob cS mehr geschah unter den Drohungen jenes Elenden oder unter deiner vertrauensvollen, ahnungslosen Güte.... Doch nun ist cs heraus!" stieß sie rauh hervor, ökun richte du. . . . Was ich dir sagte, das ist die lautere Wahrheit, nicht beschöut oder verkleinert. . . und wagt dein Sohn anders zu behaupten, so lügt er."

Ihr Mann stand über ihr mit ehernem, undurchdringlichem Gesicht. Er hatte die Verstummende beim Kinn gefaßt und zwang sic zum andern Mal, ihm in die Augen zu sehen. Dann atmete er tief und wie erlöst von schwerem Drucke auf.

Ich muß mich erst sammeln, um die ganze Schlechtigkeit be­greifen zu können," begann er unnatürlich ruhig.Das geht nicht auf dich, Marie Gott bewahre!" setzte er hurtig be­schwichtigend hinzu, als er sie wieder erblassen sah und in seinen Armen erzittern fühlte.Ich wollte, du hättest mehr Ver­trauen zu mir gehabt so viel Vertrauen, als ich zn dir habe, du hättest dir alsdann viel Leid erspart, Marie."

Ich mache cs ihm wett!" sagte er dann mit gefurchter Stirn.Ein für allemal rechne ich mit ihm ab. Ihm soll die Lust vergehen, mein Weib zu bedrängen!" Grimmig lachte er dabei._Er soll heute noch hinter Schloß und Riegel, sage mir nur seine Adresse. . . Ich denke, du weißt, wo er sich ver­steckt hält da will ich ihn ansräuchern, Ivie den Fuchs im Bau!"

Doch eine Adresse wußte die junge Frau nicht anzugeben. Zögernd ließ sie sich ihr Kleid von Hermine reichen und entnahm dessen Tasche eine zusammengeknitterte Postkarte. Diese hatte sie Mit der Morgenpost empfangen!. Wie der Fnhrherr die Karte in die Hand nahm und die mit steiler Hand geschriebene inhaltslose Anfrage las, ob der Unterzeichnete wieder das gewohnte Fuhr­werk erhalten könnte, erinnerte er sich plötzlich, derartige Karten mit ähnlichen Anfragen schon häufig in der Hand gehabt zu haben. Er hatte sich indessen nicht darum gekümmert, da seine Frau die Einteilung des Personenfuhrwerks allein besorgte, während er selbst mehr den Lastverkehr geregelt hatte. Wie Marie nun berichtete, hatte Franz immer eine solche Karte geschickt, wenn er in der darnuffolgeudeir Nacht wieder eine seiner heimlichen Droschkensuhren geplant gehabt. Znnr Zeichen, daß sie dem Nachtfutter für die Hunde das Schlafmittel bei- gemengt, hatte Marie alsdann immer ein Licht an ein genau Vorher bestimmtes Fenster scheu müssen.

Das tust du heute wieder und auch den Hunden mischst du das Futter!" entschied der Fuhrherr, während unheilver­kündend in seinen dunklen Augen aufleuchtete.Und Sie, Fräu­lein Hausemann," wendete er sich an die Besucherin,sagen Sie dem Herrn Vater einen schönen Gruß und auf heute Nacht möchte er mir ein paar handfeste Schutzleute ins Hans schicken, denn so wahr ich ein anständiger Kerl zu sein glaube, kommt der Bursch heute Nacht in den Hof, dann schläft er morgen in Plötzensee und daß er dorthin willig abmarschiert, dafür will ich schon sorgen!"

18. Kapitel.

Ja, das ist der Mann, den ich als Baron Meuken kennen gelernt habe," versetzte Andreas Witte unverzüglich, als man ihn m der Gefangenen-Abteiluug der Charitee an ein Bett führte, in welchem ein vom Tode gezeichneter, nur noch mühsam den

letzten Lebenshauch verröchelnder Mann regungslos ansgestrcckk lag.

Der Sterbende hatte die Augen geschlossen gehabt; als nun des Malers Stiinme laut wurde, erreichte deren Klang sein Ohr. Er schlug die Augen auf und als sein suchender Blick die gebietende Gestalt des jungen Teutschrussen traf, da ging der fahle Widerschein eines Erkennens durch seine wächsern anmutenden Züge.

Rat Hansemann begriff, daß die Augenblicke kostbar waren und genützt werden mußten!, sollte der Sterbende nicht ohne Geständ­nis von hinnen gehen. So ließ er sich zur Seite des Lagers nieder und suchte die Aufmerksamkeit des Mschcidenden rege zn machen.Kündt", begann er eindringlich,Sie wissen, daß Sie vor Gottes.Richterstnhl treten müssen. Sie haben viel zu bereuen und wieder gnt zu machet». Wollen Sie meine Fra­gen wahrheitsgetreu beantworten?"

Wider Erwartet» nickte der Verbrecher unmerklich. Wo ihn die Todesschatten umdüsterten, da schien' er den Cyniker, als den er sich Zeit seines Lebens heransgespielt, vergessen zn haben.

Kennen Sie diesen Herrn?"

Der Blick des Scheidenden huschte wieder über den jungen Maler; dann nickte er.Ja" röchelte er mit schwer verständ­licher Stimme,Witte".

Sie suchten ihn gestern abend auf. Was wollten Sie von ihm?"

Geld. . . nicht schuldig, nein . . . nur versteckt. ... er wußte nichts davon," berichtete Knudt auf die verschiedenen Zwischeufragen des Rats.

Sie räumen also ein, im Atelier eine große Geldsumme ohne Vovvissen Ihres Bekannten Witte versteckt zu haben?" Und als der Sterbende wieder nur nickte, fuhr Hansemann hastig fort:Wollen Sie mir sagen, woher dieses Geld stammt? Nicht wahr, es stauimt aus dem Verkauf der aus dem Selkenbachschcn Kassenschranke geraubten Juwelen?"

Kann sein. Ich weiß nicht" war alles, was Knudt erwiderte.

Geben Sie der Wahrheit die Ehre," mahnte der Rat. Ihnen kann kein Geständnis mehr schaden, doch Sie können andent nützen, schlimmen Schuldverdacht von deren Häuptern nehmen. Wollen Sie einräumen, Knudt, den Raub bei Selken- bach mit einen» gewisse»» Gustav Schuhmacher verabredet zu haben?"

Zu seinem Befremden schüttelte der Gefragte mit den» Kvpfc.Kenne ich nicht. Habe nur in Zeitung gelesen. Weiß nichts davon."

Das ist nicht möglich. Mann, seien Sie doch ein einziges Mal in Ihren» Leben wahrhaftig!" ereiferte sich Hansemann. Mollen Sie mir nicht sagen, woher Sie die Juwelen haben?"

Er mußte lange auf eine Antwort warten. Dann röchelte Kundt:Junger Mensch gebracht. Er fuhr Nachtdroschke. So mir erzählt. Fand Juwelen. Ich verkaufte und versteckte Geld bei Witte er wußte nicht

Doch vergeblich wartete der Rat aus weitere Auskunft. Sie blieb aus. Als er sich näher über den mit halb offenem Munde Liegenden beugte, erkannte cr bald, daß er von ihm keine Auskunft mehr erhalten konnte. Der Unselige war plötz­lich seinen hoffuungs'ws schweren Verletzungen erlegen.

(Fortsetzung folgt.)

St. N-Kolaus.

TerNikkelchcstag", wie er bei uns i n Hessen heißt, Nicolo, Niklas, Nikkel oder wie er sonst in den verschiedensten Ländern Heißt, loird morgen vielfach gefeiert. Eine besondere Physiognomie hat indes das St. Nicolaas-Fest, das in Holland am 6. Dezember allüberall begangei» wird.

Sinterklaas, te paard gezeten Laat aan alle kindren weten, Dat hy, als verleden jaar, Haitjes heeft en gardjes klaar.

St. Nicolaas sitzt also, wie dieser Spruch es besagt, hoch zu Rosse. Und zwar ist bs meist ein Schimmel, der mit denVorder- beinei» auf einem Schornstein, mit den Hinterbeinen auf dein Schornstein des Nachbarhauses stehend, abgebildet wird. Ferner besagt der Vers, daßSinterklaas" allen Kindern meldet, er habe, genau wie im vorigen Jahre, Herzen (natürlich Kuchen- Herzen) und Ruten für sie in Bereitschaft.

Dieser holländische Nicolaas gleicht unserem deutschen Weih­nachtsmann auf ein Haar. Weniger nasiirlich in seinem AeußerN (denn der Nicolaas, dessen Person und die damit verbundenen Legenden ja Allen bekannt sind, erscheint auch heute noch dort zu Lande meist in seinem Bischofskleide) als in seinem Handeln.