Ausgabe 
5.10.1907
 
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Sinne ausgefaßt, unser Bestreben. Denn was kommt in der Literatur anders zum Ausdruck, als jene Beziehungen? Die Literatur eines Volkes ist der Niederschlag seines geistigen Lebens, die Gesamtliteratur reflektiert das Bild der Welt. Philo­sophie und Literatur sind ein innig verbundenes Schwesternpaar. Was jene mit tiefem Ernst nach den Gesetzen des Denkens auf- deckt und nötigenfalls beweist, das spricht im Gewände der Dichtung, Gemüt und Geist ergreifend, zu uns. Das Ewigseiende, Etvigsichgleichbleibende, was Philosoph und Dichter suchen und ver­künden, das weht uns aus der Literatur entgegen und das wollten wir auf uns wirken lassen zum Heil und Nutzen unseres geistigen Lebens. Daß wir dabei den künstlerischen Gesichtspunkt nicht aus dem Auge ließe», versteht sich ganz von selbst; denn die Kunst bahnt den Weg zum Ideale, indem sie die Idee versinn­licht. Auf einem Gebiete aber zog uns jener ph-ilosophisch- sagende" Geist stark und mächtig an in den Sagen vom deutschen Götter- und Heldentum. Hier liegt Poesie verborgen, Kraft und Tiefe des Gemüts, denkender Geist und Sinn für das Hohe und Reine. Und die, welche diese Sagen schufen, von Welt-, Götter- und Menschengeschick, es waren Deutsche, die Wikinger des deutschen Altertums karmten und pflegten sie.

Ich hoffe, daß diese hier vorgetragenen Gedanken nicht allein die ineinigen sind, bezw. gewesen sind, sondern daß sie allen Genossen aus der Seele gesprochen sind. Leider war uns die Zeit zu kurz bemessen, um sie zur vollen Reife zn bringen; dies bleibt der Zukunft überlassen, an alle Genossen aber, denen es Ernst war mit ihrem Wikingertum, ergeht die Mahnung, da fortzufahren, wo sie aushören mußten, damit ein stärkerer, mit größerer Freiheit und Mitteln ausgestatteter Wikingerbund un­sere Ideen voin höchsten Ideal zu lebensfähigem Ausdruck bringt, damit der Wikingcrbund ein Bund fürs Leben werde. Dazu ver- helfeu die Götter!"

Mancher Humpen, gefüllt mit edlem. Rebenblut, wurde bei dieser nächtlichen Feier dem ewigen Andenken an den nun durch innere Notwendigkeit getrennten Jugend- und Freundschaftsbund geweiht. Wohl alle hatten dabei int Innersten das Bewußtsein, daß ein gleich inniges Zu­sammenleben in irgend einer, anderen Form nicht wieder zustande kommen werde.

Wie sich mehrere Wikinger später wieder zusammen­fanden, um den alten Bund alsliterarischen Ver­ein" an der Universität wieder aufleben zu lassen, aus dem sich später eine Re fo rmbursch ens ch aft entwickelte, gehört nicht mehr zur Geschichte des Gymna­siums, sondern zu der der Hochschule und ist längst in einem eigenen Werk geschildert worden, dem wir diese Schilderung zum großen Teil entnehmen. Zum Schlüsse wird ioohl jeder mit uns einstimmen, wenn wir sagen, daß derWikingerbund" dem Gießener Gymnasium nicht zur Unehre gereicht, war er doch nicht, wie die meisten Schüler­verbindungen, lediglich eine Küeipgesellschaft, sondern eine Bereinigung zu höheren, edleren Zielen, in der Arbeit und Streben gefordert und willig gegeben wurde. Der Geist, der in dem Bunde herrschte, spricht sich so recht in nach­stehendem, der Chronik desselben entnommenen Ge­dicht aus:

Ein hohes Ziel ist es, das zu erreichen

Mir uns bestreben, und ein schönes Ziel;

Und kostet es uns auch der Mühen viel, Wir werden nie und nimmer rückwärts weichen.

Und unser ernstes Streben soll's bezeugen, Daß !vir nicht treiben eitles Kinderspiel. Dann !vird auch uns'res Schiffes sich'rer Kiel Sich niemals der Gewalt des Sturmes beugen.

Won Goethe's Genius ein Funke nur

Mög' uns den Weg zum hohen Ziel erhellen, Und Schiller's hehrer Geist zeig' uns die Spur.

Doch sollte, fern noch unser'm Ziele, schon An Klippen unser Schiff einstmals zerschellen. Dann war das Streben selbst der schönste Lohn!"

Aenentage am Kanal La Manche.

Von Max Bayrhammer.

Original-Artikel derGieß. Familienblätter".

Wie romantisch ist doch das Leben eines Schau- Pielers!" Wie oft hört man diesen Ausspruch von fernstehenden. .Denn Auftreten jeden Abend, Proben fast

jeden Vormittag und nachmittags Unterricht erteilen ist ein Vergnügen eigener Art. Und dabet ist jetzt die Hühnerjagd

Sie sehen also, Herr Redakteur, daß wir Schauspieler momentan nicht zu beneiden sind. Gewiß macht uns unser Beruf Freude, und man erträgt viel im Dienste einer großen Sache, aber wenn man bei diesem herrlichen Wetter über den Schminkkasten hinweg nach irgend einer hübschen Ansichtskarte schielt, die in der Theatergarderobe zur Er­innerung an schöne Ferientage an der Wand hängt, so kann man das dem Schauspieler wahrhaftig nicht übel nehmen. . . Da hängt z. B. in meiner Garderobe eine An­sichtspostkarte von Knocke sur mer, die mir mein lieber Kollege Alois Wohlmuth, den Sie in Gießen unterdessen auch kennen gelernt haben, nach England sandte.

Knocke! Es war doch fein, wenn auch das Wetter uns ab und zu im Stich ließ!

, Als wir anfangs Juli der Bahn in Knocke entstiegen, meine Frau und ich, und in der offenen Tram nach den Hotels am Meer fuhren, da hatte ich unwillkürlich den Ge­danken: nun freue ich mich aber auf den Sylvester-Punsch! So kält war es! Aber amüsiert haben wir uns doch famos. Ich will Ihnen einmal das kleine Seenest, zwischen Heyst und der holländischen Grenze an der belgischen Littoral ge­legen, beschreiben, wenn Sie es noch nicht kennen solltest. Das heißt, zu der Beschreibung wähle ich einen der wenigen Tage mit schönem Wetter!

Lachender, wolkenloser Himmel blaut über der weiß­gelblichen Dünenlandschaft mit ihrem matten, spärlichen Grün. Die strahlende Sonne läßt in verwirrendem Silber- geftmkel ihre Reflexlichter auf den Wellen spielen. Die gischende Brandung der Flut spritzt an den schwarzen Qua­dern der Buhnensteine auf und weit, weit hinaus dehnt sich das blaue Meer in scheinbar majestätischer Ruhe. Die Segler der Lüfte", die flatternden weißen Möven schießen pfeilschnell herab in das Wasser und heben sich wieder und eilen gaukelnden Flugs landeinwärts über die Dünen und wieder zurück.

Ein Gefühl ahnender Ferne, bas die Phantasie über den sichtbaren Horizont hinaus beschäftigt, hebt einem unwill­kürlich die Brust. Es ist, als ob' uns eine unbestimmt« Sehnsucht immer weiter fortzöge, trach Ländern, die man noch nicht kennt. Diese Stimmung befällt mich in Wagners Holländer" und im leichteren Genre in derGeisha", lieser lieblichen Operette, die ich sämtlichen andern Operettest vorziehe.

Doch zurück zur Strandlandschaft: sie hält einen auch wieder fest in dem beseligenden Gefühl der Weite, der Helle. Es gibt ein klein-air-Glück, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf!

Und das Leben abends auf dem Digue. Alle Sprachest hört man durcheinander: viel Französisch, sehr viel Eng­lisch und am meisten Deutsch. Das rauschende Meer, über dem die weißlich-gelbe Mondsichel auftaucht, ist in ein härtesi Stahlblau gekleidet. Die kleinen Fischerhäuser, vor denen irgend ein wetterbrauner Seemann sein Pfeifchen raucht, leuchten in ihrem letzten Rot, ein Zittern, Raunen und Summen durchschwirrt die hohen Tünengräser, denen ah und zu ein wilder Lapin in ein Sandloch entschlüpft. Aber auf deut Digue geht es noch lebhaft zu: es ist die tägliche Abeudpromenade nach dem Souper. Blonde und schwarze Lockenköpse weiblichen Geschlechts, die von nied­lichen Holländerhäubchen umrahmt sind, kokettieren im Schutze des Abends. Flatternde weiße Kleidchen der Back­fische" und drollige Switer der Kinder (NB. Die Mädchen unter zehn Jahren toerben hier gewöhnlich in Bubenkleider gesteckt) geben den farbigen Kontrast zur dunklen Klei- bnng desgesetzten" Alters, soweit nidjt der weiße Strand­anzug der Herren oder eine Dame inhöheren Semestern" in Weiß eine Ausnahme machen. Ganz in der Ferne zeichnest sich die Silhouetten von Dampfern ab, die ihre Rauchwolken friedlich in den Abendhimmel kräuseln. Wie wir später erfahren, sind diese friedlich vvrbeiziehenden Fahrzeuge ja­panische Kriegsschiffe, die den Russeir im letzten Kriege abgenommen toorbcn sind und nun vom Flottenbesuch in Kiel in die Heimat zurückkehren. Jetzt blitzen die Leucht- türme auf und senden ihre beweglichett Strahlen nach allen Gegenden der Windrose und gleichzeitig beginnt das allabctidliche Klavierkonzert, das eine eingeborene Kstockeriu nach Art einer Drehorgel zum Spielen bringt für 10 Cen­time das Stück. Sie nimmt unglaublich schnelle, direkt